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Fundstück

28. Januar 2015

Mitte des Winters

Das Jahr geht zornig aus. Und kleine Tage
Sind viel verstreut wie Hütten in den Winter.
Und Nächte ohne Leuchten, ohne Stunden,
Und grauer Morgen ungewisser Bilder.

Sommerzeit, Herbstzeit, alles geht vorüber,
Und brauner Tod hat jede Frucht ergriffen.
Und andre kalte Sterne sind im Dunkel,
Die wir zuvor nicht sahn vom Dach der Schiffe.

Weglos ist jedes Leben. Und verworren
Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,
Und wer da suchet, dass er Einen fände,
Der sieht ihn stumm und schüttelnd leere Hände.

Georg Heym (1887-1912)

Und sonst?

9. Januar 2015

Mir ist zum ersten Mal seit längerer Zeit nach einem persönlicheren Larifaritext hier im Blog, vermutlich ist das so ein Jahreswechselding, keine Ahnung. Dabei gibt es nichts Weltbewegendes zu vermelden.

Das Blog liegt unverändert viel zu sehr brach. Das liegt zum einen daran, dass mir oft die Zeit und Ausgeruhtheit im Kopf fehlt, um etwas zu schreiben. Zum anderen mag ich hier keine allzu persönlichen Dinge schreiben. Und eine dreihundertvierundneunzigste Sicht auf das aktuelle Zeitgeschehen braucht auch kein Mensch. Das Blog ist also ein bisschen wie ein quer sitzender, aber im Laufe der Jahre seltsamerweise irgendwie doch lieb gewonnener Pups. Der Name passt auch nicht mehr so recht, im Laufe der Jahre hat sich viel verändert. Vielleicht entpupst es sich ja alles noch und wird wieder so unbeschwert wie es begonnen hat, mal sehen.

Die Meerjungfrauen sind nun bald vier Jahre alt und versetzen mich jeden Tag aufs Neue in emotionale Wallungen. Ich bin so glücklich, dass ich diese beiden Menschen auf ihrem Weg begleiten darf und staune immer wieder über die Welt, die sie mir zeigen. Sie sind absolut bezaubernd und haben einen ganz wunderbaren Humor. Aktuell sitzen Elefanten, Giraffen und diverse Gestalten aus der Sesamstraße mit an unserem Esstisch, es gibt keine Tasche, in der ich keine Steine, Zweige, Blätter und sonstige lebenswichtige Schätze entdecke und die beiden malen die schönsten Apfelbäume der Welt. Ich habe in den letzten vier Jahren immer wieder den Satz gehört, es werde nicht einfacher, nur anders. Das gehört wohl zum unerschöpflichen Repertoire der superschlauen Mamas, die mich seit seit Jahren mit dummen und unzutreffenden Aussagen wie dieser nerven und um die ich unverändert große Bögen mache.

Meinen Job, den ich seinerzeit über dieses Blog gefunden habe, habe ich nun auch schon seit über einem Jahr. Abgesehen davon, dass ich nun in einer Branche tätig bin, mit der ich vorher keinerlei Berührungspunkte hatte, habe ich lernen müssen, dass ich kein sogenannter Entscheidungsträger mehr bin, dass meine Meinung zwar interessant, aber meistens nicht besonders relevant ist und dass auch dieser Teil des Universums funktioniert, obwohl ich nicht die Weltherrschaft inne habe. So manche Erkenntnis war für mich nicht einfach, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden und unverändert sehr dankbar für die großartige Gelegenheit, die mir geboten wurde. Und die Weltherrschaft kann ja durchaus noch ein bisschen warten.

Der Jahreswechsel war dieses Mal ziemlich anstrengend. Wie das mit Übernachtungsbesuch mit Kleinkind halt so ist, der überwiegend Hektik und Unruhe und Stress mitbringt. Es ist schon irgendwie erheiternd: früher hat man darum gekämpft, möglichst lange aufbleiben und ausgehen zu dürfen und heute ist man dankbar, wenn man irgendwann endlich ins Bett darf. Dieses Mal habe ich sogar einen einigermaßen sinnvollen Vorsatz gefasst, den ich bereits Ende des Monats in die Tat umsetzen werde: einen Erste-Hilfe-Kurs. Der letzte Kurs ist nun schon so lange her, dass ich vermutlich überhaupt nichts mehr könnte, wenn ich als Ersthelfer an einen Unfallort käme. Ich sehe also einem interessanten Wochenende mit vielen Führerscheinanwärtern entgegen. Vielleicht raffe ich mich ja zu einem Bericht hier im Blog auf.

Einige meiner Stammleser wissen, dass ich auch einen Twitteraccount habe, den ich seit fast 5 Jahren mehr oder weniger intensiv mit Tweets bestückt habe. Twitter und ich hatten schon seit längerer Zeit eine On-Off-Beziehung, woran auch die gelegentlichen Twittertreffen, die ich sehr schätze, nichts geändert haben. Seit einigen Monaten ist unsere Beziehungskrise etwas ernsthafter, so dass ich zum Schluss nur noch blind meine Tweets verfasst und nichts mehr gelesen habe. Twitter und ich haben daher beschlossen, nun bis auf Weiteres getrennte Wege zu gehen. Ich werde meinen Account nicht löschen, aber er liegt nun brach und ich empfinde diese Entscheidung als sehr befreiend. Ich habe Twitter auch als Möglichkeit, meine Blogtexte zu streuen, sehr geschätzt, werde aber dort auch keine Tweets mit Hinweisen zu neuen Beiträgen absetzen. Das war jetzt eine ziemlich wortreiche Einladung, mein Blog zu abonnieren. Und wer weiss, vielleicht habe ich ja ohne Twitter auch wieder mehr Lust, hier häufiger zu schreiben?

Ob es auch in diesem Jahr eine Blogaktion geben wird, weiss ich noch nicht, tendiere momentan aber eher dazu, es sein zu lassen. Die letzten Aktionen waren sehr mühsam und hinter den Kulissen auch streckenweise recht undankbar. Ach, bevor ich es vergesse: meine Aversion gegen Stöckchen ist übrigens unverändert gross, also bitte nicht böse sein, wenn ich damit nicht beworfen werden möchte.

In diesem Sinne gebe ich zurück zum Funkhaus.

Wir lesen uns,
Ihre Frau Quadradmeter

Man nehme

31. Dezember 2014

Man nehme 12 Monate,
putze sie ganz sauber von Bitterkeit,
Geiz, Pedanterie und Angst,
und zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile,
so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.
Es wird ein jeder Tag einzeln angerichtet
aus einem Teil Arbeit
und zwei Teilen Frohsinn und Humor.

Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu,
einen Teelöffel Toleranz,
ein Körnchen Ironie und eine Prise Takt.
Dann wird das Ganze
sehr reichlich mit Liebe übergossen.

Das fertige Gericht schmücke man
mit einem Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten
und serviere es täglich mit Heiterkeit!

Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808), Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe

Alles im Griff

14. Oktober 2014
tags:

Manchmal sehe ich diese immer gewissenhaft dreinschauenden kleinen Mädchen im Grundschulalter, brünett, etwas blass, sehr ernsthaft, von zierlicher Statur. Dann spult mein Gehirn etwa 30 Jahre vor und ich sehe sie als Frauen in den Dreißigern, immer noch schmal und recht klein, immer noch blass, sie haben leichte Augenringe. Sie sitzen in ihrem Renault Kangoo oder in ihrem VW Caddy, um den Hals ein buntes Tuch geschlungen, still schauen sie drein, vermutlich sind sie gerade auf dem Weg in den Kindergarten oder kommen von der Turnstunde. Ihr Gesichtsausdruck ist eine Kombination aus übertriebener Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit. Sie wissen, wo sie im Leben stehen und worauf es ankommt. In der Küche hängt der Familienkalender, es riecht leicht nach Essen oder dem letzten Kuchen, die Familienkatze streunt gerade durch den Garten. Beim Einkauf wollte sie jemand in der Warteschlange an der Kasse in ein unverbindliches Gespräch verwickeln, was sie mit einem halben Lächeln und einem etwas unsteten Blick quittiert und dann haben totlaufen lassen. Spontane Menschen liegen ihnen nicht besonders, sie sind ihnen zu unkalkulierbar in ihren Handlungen. Sorgfältig packen sie die Einkäufe in ihre mitgebrachten Taschen, das Schwere immer nach unten, die Kräuter erst ganz zum Schluss. Sie haben die Dinge gekauft, die auf der Einkaufsliste standen. Sorgfältig stellen sie alles in den Kofferraum, um es zu Hause ordentlich in Schränken und Regalen zu verstauen. Abends, wenn die Kinder schlafen, was sie selbstverständlich problemlos und täglich zur gleichen Zeit tun, nähen sie noch ein bisschen und hören ihren Männern zu, wenn diese Pläne für den nächsten Urlaub machen oder die anstehende Renovierung des Wohnzimmers oder den Dachausbau. Sie wirken etwas kühl und spröde, sagen nicht viel, aber sie wissen, dass ihr Mann die Dinge in ihrem Sinne planen wird. Ihre Missbilligung ist unauffällig, aber sehr effizient. Nie würden sie ins Bett gehen, ohne sich die Zähne zu putzen. Abgetragene Kleidung und Schuhe werden sauber und gebündelt in Altkleidersäcke verpackt. Sie haben nie geraucht, Alkohol vertragen sie nicht besonders gut. Leise blicken sie auf die Menschen um sich herum und bilden sich eine unverrückbare Meinung. In ihrem Elternhaus hat es häufig nach Grünkohl gerochen. Oder nach frischer Wäsche. Der Gartenzaun wird einmal jährlich frisch gestrichen, die Bettwäsche ist immer gebügelt. Im nächsten Urlaub möchten sie wandern gehen. Sie haben alles im Griff.

13 Briefe an das Ende der Welt – die Gewinner

14. September 2014

Bei meiner diesjährigem Blogaktion “Briefe an das Ende der Welt” standen insgesamt 13 Texte zur Abstimmung, die mittlerweile abgelaufen ist. Somit kann ich heute drei glückliche Gewinner verkünden und auflösen, wer hinter den einzelnen Einsendungen steckt.

Zunächst eine Fanfare für die drei Gewinner:

Platz 1 geht mit 29,5% an @sonderbayer (siehe auch HIER) und sein ziemlich locker sitzendes Maschinengewehr.
Platz 2 geht mit 22,8% an @GLudger und seinen ebenso pragmatischen wie eindringlichen Brief aus der Todeszelle.
Platz 3 geht mit 19% der Stimmen an @ueberschaubar bzw. Muriel Silberstreif und seinen wunderbar schrulligen Brief an die Firma REWE.

Eine weitere Fanfare geht an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht zu schüchtern, zu beschäftigt, zu planlos oder zu schusselig waren, mir ihre Texte zuzusenden. Hier noch einmal eine Übersicht mit Links zu allen eingesandten Texten und zu den jeweiligen Autorinnen/Autoren in der Reihenfolge der Einsendungen, sofern sie mir über sich etwas verraten haben:

Eins@ueberschaubar bzw. Muriel Silberstreif
Zwei@rouvidog
Drei – der Autor hat mir leider nichts über sich verraten
Vier – noch ein geheimnisvoller Teilnehmer
Fünf@GLudger
Sechs@FDienstag
Sieben@fred_forward
AchtMartin Beyer
Neun@quitzi
Zehn@sonderbayer (siehe auch HIER)
Elf@freibertvogel (siehe auch HIER)
Zwölf @h4wkey3 (siehe auch HIER)
Dreizehn@Amaot (siehe auch HIER)

Ich habe nach so vielen Links erst einmal quadratische Augen, empfehle euch aber unbedingt, die einzelnen Blogs und Profile einmal anzuschauen; da sind einige sehr spannende Sachen dabei.

Bleibt mir also noch zum Schluss das Dankeschön an alle Teilnehmerinnen und und Teilnehmer, an alle Leserinnen und Leser, die fleißig abgestimmt haben und an www.reprodukt.com für das freundliche Sponsoring.

Vielleicht gibt es in 2015 noch einmal eine Blogaktion, mal sehen.

13 Briefe an das Ende der Welt – die Abstimmung

6. September 2014

Ich habe heute gleich mehrere erfreuliche Nachrichten für euch:

Die Welt ist nicht untergegangen. (Zugegeben, über die Erfreulichkeit könnte man sich streiten, aber lassen wir das.) Da die Welt nicht untergegangen ist, kann ich euch nun hier und heute gleich dreizehn sehr unterschiedliche Beiträge zu meiner aktuellen Blogaktion “Briefe an das Ende der Welt” präsentieren. (Dass es genau dreizehn Beiträge geworden sind, ist ein nettes Detail, das meinen inneren Monk ziemlich begeistert hat.)

Ihr habt nun also nicht nur dreizehn schöne Vorlagen für den Fall, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht und ihr unbedingt noch einen Brief schreiben wollt, sondern auch reichlich Lesestoff. Und da ich von reprodukt.com freundlicherweise drei Bücher zur Verfügung gestellt bekommen habe, kann ich hiermit sogar einen Gewinn ausloben und stelle deshalb alle eingesandten Beiträge anonymisiert zur Abstimmung. Die Abstimmung endet am 13. September 2014. Die drei Menschen mit den meisten Stimmen erhalten jeweils ein Buch mit einer handgeschriebenen Postkarte von mir. Nach beendeter Abstimmung gibt es hier auf dem Blog eine Auflösung, wer die Autoren der jeweiligen Texte sind.

Hier geht es zu den einzelnen Einsendungen (Ja ja, ich weiß, das hätte man optisch sicher etwas gefälliger hinbekommen, aber so muss es reichen):

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Und hier könnt ihr bis zum 13.09.2014 um 23:59 Uhr abstimmen:

Ähm ja

5. September 2014

Es gibt Dinge, die sich mir auch nach dreieinhalb Jahren noch nicht erschlossen haben. Wie zum Beispiel der Umstand, dass man als Mutter von Zwillingen gerne unaufgefordert mit Beileidsbekundungen oder dummen Sprüchen bedacht wird. Wir haben im Laufe der Jahre so unendlich viele idiotische Kommentare zu hören bekommen, dass ich damit ein ganzes Buch füllen könnte. Insbesondere im Kinderwagenalter war es für mich streckenweise schwierig, unbehelligt einzukaufen oder spazieren zu gehen. Eine Frau verfolgte mich in einem großen Elektromarkt durch mehrere Abteilungen, eine andere fuhr mir sogar mit dem Auto hinterher. Seitdem weiß ich, was ich bis dahin immer nur vermutet hatte: 98% aller Menschen sind Idioten. Und die restlichen 2% haben einfach nur Pech.

“Sind das Zwillinge?”
“Nein, das eine ist ein Bernhardiner und das andere ein Kasten Bier.”

“Sind das Zwillinge? Ich würde mich ja erschießen.”
“Verständlich, bei Ihrem Aussehen.”

“Wie sind die denn geboren worden?”
“Ich habe an meinem Bauch einen Reißverschluss. Sie nicht?!”

“Zwillinge, da haben Sie Ihren Mann ja um einmal Sex betrogen.”
(Dazu ist nicht einmal mir eine schlagfertige Antwort eingefallen)

Unvergessen auch der ältere Herr, der mich ganz unvermittelt mitten in einem Supermarkt fragte, ob ich die Kinder stille. “Meine Mutter hat mich ja so lange gestillt, bis dass ich sie in die Brust gebissen habe.” Albernes Altherrengekicher. “Das hat Ihre Mutter sich damals sicher auch nicht träumen lassen, oder?” “Was?” “Dass Sie wildfremden Frauen in einer Obst- und Gemüseabteilung von ihren Brustwarzen erzählen.”

Unsere Kinder sind eineiige Zwillinge. Außer uns gibt es nur sehr wenige Menschen, die die beiden zuverlässig voneinander unterscheiden können. Für uns war deshalb von Anfang an klar, dass wir sie unterschiedlich anziehen. (Das hat nun den sehr putzigen Effekt, dass Menschen unsere Kinder sehen und fragen, wie weit sie altersmäßig auseinander sind.) Zum einen ist es schwierig genug, seine eigene Identität zu entdecken, wenn das Gegenüber nicht nur gleich aussieht, sondern auch noch identisch angezogen ist. Zum anderen haben wir uns von Anfang an gegen jegliche Art von Doppelpackmentalität gewehrt. Damit liegen wir nicht unbedingt im Trend, wenn man sich in Zwillingsforen oder im echten Leben mal ansieht, wie Zwillinge gekleidet werden. Zitat einer Zwillingsmutter: “Ich finde das süß, wenn sie gleich angezogen sind. Solange sie sich nicht wehren können, mache ich das so lange es geht.”

Mein liebster Spruch zu unseren Kindern kam allerdings noch während der Schwangerschaft von einer Kollegin: “Das kommt davon, dass du immer von allem eine Kopie haben möchtest.”

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