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Über Kriegskinder und Kriegskindeskinder

5. Februar 2015

“Wir sind ja nicht auf der Flucht!” Diesen Satz sagte kürzlich eine nette ältere Dame, die vor mir an der der Supermarktkasse stand. Und wie das mit einzelnen Sätzen manchmal so ist, setzen sie auf einmal ungeahnte Dinge in Gang. Ich weiß nicht, woher der Spruch eigentlich genau stammt und auch eine (zugegebenermaßen nicht besonders fundierte) Internetrecherche brachte mich nicht weiter. Ich persönlich assoziiere damit insbesondere bei älteren Menschen Flucht und Vertreibung – etwas, wovon Millionen Menschen im 2. Weltkrieg betroffen waren. Zitat Wikipedia: „Das Statistische Bundesamt ermittelte 1950 eine Gesamtzahl von etwa zwölf Millionen Vertriebenen in den beiden deutschen Staaten. Aufgrund der Differenz zwischen der Wohnbevölkerung der Vertreibungsgebiete Ende 1944 und den 1950 erfassten Vertriebenen ermittelte das Statistische Bundesamt 2,2 Millionen „ungeklärte Fälle“, die als „Vertreibungsverluste“ oft mit Todesopfern gleichgesetzt werden. Das Bundesarchiv berichtete 1974 von mindestens 600.000 bestätigten Toten in unmittelbarer Folge der Verbrechen im Zusammenhang mit der Vertreibung.“

Was mich seit längerer Zeit ganz generell beschäftigt, ist die Frage, welche Auswirkungen der 2. Weltkrieg nicht nur auf unsere Großeltern und Eltern hatte, sondern auch auf uns als Kinder. Ich persönlich habe Eltern, die in den 40iger Jahren geboren worden sind, mein Schwiegervater wurde 1936 geboren. Sie alle haben den Krieg miterlebt und auch seine umfangreichen Nachwirkungen.

Vermutlich ist es der Umstand, dass meine Geschwister und ich ein schwieriges, emotional sehr distanziertes Verhältnis zu unseren Eltern haben, der mich immer wieder und immer mehr geradezu zwanghaft dazu bewegt hat, mich mit den Gründen dafür auseinander zu setzen. Auch ist es so, dass der Umstand, eigene Kinder zu haben, viele Perspektiven verschiebt oder überhaupt erst die Fähigkeit hervorbringt, sich in Situationen hineinzuversetzen, die einem vorher vollkommen fremd gewesen sind.

Aus einem privaten Vieraugengespräch mit jemandem, dessen Eltern Mitte der Dreißigerjahre geboren wurden, entwickelte sich auf einmal eine Frage, die ich mir vorher so noch nie gestellt hatte und die mich nicht mehr los liess: Welchen Einfluss hat die Kindheit unserer Eltern eigentlich auf uns, die wir in den 60iger- und 70iger-Jahren geboren worden sind? Woher kommt es eigentlich, dass es in dieser Generation so viele Kinder gibt, die zu ihren Eltern ein distanziertes, ein schwieriges oder schlimmstenfalls gar kein Verhältnis mehr haben? Erst viel später habe ich festgestellt, dass es dazu ganze Bücher gibt, Vereine und Foren, die sich damit auseinandersetzen (Buchhinweise und Links folgten am Ende dieses Artikels).

Ich habe daraufhin einige Gespräche im Freundeskreis geführt, deren Fokus auf eben jenen Erlebnissen der Eltern während des Krieges lag. Und jeder einzelne meiner Gesprächspartner reagierte identisch: zunächst erstaunt und etwas unsicher, dann aber sehr schnell begreifend, wie wichtig dieser Aspekt auch für die Biographien unserer Generation und das Begreifen der Biographien unserer Eltern sein kann.

In meiner Familie war es so, dass es von den Großeltern zum 2. Weltkrieg relativ wenig an konkreten Informationen gab. Wir Enkel sind allerdings auch erst sehr spät (zu spät) auf die Idee gekommen, das wirklich und ernsthaft zu hinterfragen. Meine Großmutter väterlicherseits sprach über dieses Thema nie. Ihr Mann, also mein Großvater, ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt. Sein Schicksal ist bis heute unbekannt, obwohl seine Kinder umfangreiche Nachforschungen angestellt haben. Die Familiensaga bietet zwei Varianten an: Er war als Brückenbauingenieur für die Nazis sehr interessant und vielseitig einsetzbar. Variante A): Er war ein Nazi und keiner darf es wissen. Variante B): Er weigerte sich zu kooperieren und wurde deswegen nach Russland geschickt, was er nicht überlebt hat.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren zwar etwas zugänglicher, wenn es um dieses Thema ging. Aber insgesamt ist auch hier wenig überliefert. Mein Großvater soll, als er eingezogen werden sollte, heimlich einen großen Tabakklumpen gegessen und das Fieberthermometer manipuliert haben, so dass er nicht an die Front musste. Die Familie lebte auf dem Land in einem kleinen Dorf. Es gab dort ein Gefangenenlager, zu dem mein Großvater sich nachts heimlich schlich, um den Männern etwas Brot zu bringen. Auf dem Dorfplatz war stets die Hakenkreuzfahne gehisst und alle Dorfbewohner mussten diese Stelle mit einem Hitlergruß passieren. Angeblich waren dieser Hitlergruß und die Möglichkeit, den Arbeitsdienst zu verweigern, für meine Großmutter der Grund, ein 2. Kind zu bekommen.

Die Kindheit meiner Eltern kennen wir Kinder nur als Fragmente. Unser Vater redet darüber überhaupt nicht gerne, unsere Mutter wiederholt immer und immer wieder die gleichen, wenigen Geschichten.
Unser Vater wurde in einer Großstadt geboren. Er hatte eine ältere Schwester und einen älteren Bruder, der aus nicht ganz geklärten Gründen als kleines Kind verstarb. Seine Mutter musste die verbleibenden Kinder alleine durchbringen, von der Familie ihres Mannes wurde sie nicht unterstützt, da man ihren Mann ihretwegen verstoßen hatte. Sie war nicht standesgemäß und hatte ihren Mann angeblich mit der ersten Schwangerschaft zur Ehe gezwungen. Das Elternhaus unseres Vaters wurde zerbombt und die Kinder haben mit der Mutter gemeinsam die Trümmer weggeräumt. Nach dem Krieg versuchte die Mutter, schnell eine Existenz zu gründen, was ihr wohl auch gelang. Da blieb wenig Zeit für andere Dinge. So wurde unser Vater überwiegend von seiner älteren Schwester erzogen. Die Mutter kam nur abends nach Hause, ohne ein Wort der Begrüßung ging sie sofort zum Kleiderschrank, um zu überprüfen, ob alles ordentlich weggeräumt worden war. Gab es Grund zur Beanstandung, riss sie kommentarlos alles aus den Schrankfächern und es gab erst einmal eine Tracht Prügel. Irgendwann kam unser Vater dann in ein Jungeninternat, in dem es furchtbar gewesen sein muss. Es gab Prügel, wenig zu essen, so dass die Kinder dort immer Hunger litten und es gibt bis heute bestimmte Lebensmittel, die er von Geruch, Geschmack oder Konsistenz her nicht ertragen kann. Sein Wunsch, beruflich etwas Zeichnerisches zu machen, wurde ihm verwehrt. Seine Mutter wollte, dass er bei ihr im Geschäft arbeitete, was er von klein auf auch tat, um dieses dann zu übernehmen (was er verweigerte). Als junger Mann zog er berufsbedingt viel um und hatte so mit Mitte 20 schon in mehreren Ländern gelebt.

Die Geschichte unserer Mutter ist eine andere. Sie wuchs mit ihrer älteren Schwester und mit beiden Elternteilen auf dem Land auf. Ihre Wiege stand nachts sehr häufig im Bombenschutzkeller und obwohl sie erst etwa ein halbes Jahr vor Kriegsende geboren wurde, kann sie den Horror dieser Nächte so genau in Worte fassen, dass wir vermuten, dass sie diese Ängste von ihrer Mutter oder anderen Familienmitgliedern „geerbt“ hat. Sie erzählt immer wieder, wie ihre Schwester sich zum Geburtstag eine Dose Kondensmilch wünschte, die sie dann auch ganz alleine trinken durfte, was einer heiligen Handlung gleich kam. Gehungert hat sie nicht, die Eltern hatten einen eigenen Gemüsegarten, Federvieh und einen Bock, der die Kinder immer ärgerte. Zusätzlich ging ihr Vater immer hamstern, war manchmal 2-3 Wochen am Stück unterwegs, mit der Bahn und seinem Fahrrad, das nur auf seinen nackten Felgen fuhr. Die Familie aus Amerika schickte einigermaßen regelmäßig Care-Pakete, von denen das halbe Dorf profitierte.
Auch meine Mutter wollte fort von Zuhause. Sie fühlte sich insbesondere von ihrer Mutter immer sehr geliebt, vermisste aber eine Orientierung durch ihre Eltern, so dass sie schließlich im Alter von 19 Jahren in die USA zu ihrer Tante ging. Damals war man aber erst mit 21 volljährig, so dass ihr Vater sie nur unter der Bedingung ziehen ließ, dass sie nach zwei Jahren wieder zurück nach Deutschland kommt. Sie hielt sich an diese väterliche Vorgabe, was das Verhältnis zwischen Tochter und Vater sehr belastete. Sie durfte, genau wie ihre Schwester, nicht selbst entscheiden, welchen Beruf sie ergreifen möchte und musste ihr gesamtes Lehrgeld abgeben, was zu zusätzlichen Spannungen führte. Bis heute erzählt unsere Mutter von ihrem alten Spielzeug, das ihr Vater einfach weggeworfen hat. Insbesondere die Kinderbibel und eine Puppe erwähnt sie immer wieder. Unsere Mutter empfand sich als so anders, dass sie irgendwann sogar glaubte, dass sie adoptiert worden sei. Ihre eigene Mutter bezeichnete sie irgendwann als ein Kind, das wie ein Außerirdischer einfach vom Himmel gefallen sei.

Dann entwickeln sich die beiden Schwestern sehr unterschiedlich, so dass sie sich zunehmend voneinander entfremden. Die eine heiratet früh, bekommt ein Kind, das keine Geschwister bekommen soll, weil sie die Schwangerschaft als so strapaziös und schrecklich empfunden hat. Sie bleibt in der Nähe ihrer Eltern, leidet unter ihrem etwas cholerischen Mann und wird Zeit ihres Lebens nicht arbeiten, sondern sich um Mann, Kind und Haushalt kümmern. Sie vergöttert ihren Vater, was zu Eifersüchteleien zwischen den Schwestern führt.
Die andere bleibt weiterhin „rebellisch“, streitet sich viel, vor allem mit dem Vater, versucht aus ihrem Berufsleben das beste zu machen und heiratet schließlich einen Mann, für den sie die Verlobung mit einem anderen gelöst hat. Gefragt, warum sie ihn geheiratet habe und nicht den anderen, antwortete sie einmal mit einem schlichten „Er war fleißig und strebsam.“. Im Laufe der Jahre entwickeln beide Frauen ihre Marotten und Krankheiten. Beide haben auf ganz unterschiedliche Art und Weise ein emotional vollkommen gestörtes Familienleben und beide verstehen überhaupt nicht, woher das kommt. Die Schuldfrage spielt generell in beiden Familien eine große Rolle.

Diese Familiengeschichten, die hier nur in Fragmenten erzählt werden sollen und können, fügen sich perfekt ineinander ein wie ein unheilvolles Muster, das von den nachfolgenden Generationen fortgeführt wird. Es gäbe noch Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Urgroßeltern, von denen ich berichten könnte. Es gibt in den einzelnen Generationen teilweise unheimliche Parallelen – sei es in der Lebensgeschichte generell oder bei Konflikten, Beziehungskonstellationen jeglicher Art. Es würde zum einen den Rahmen sprengen, das alles aufzuführen, zum anderen wäre es mir zugegebenermaßen auch zu persönlich. Weswegen ich auch die Antwort auf die naheliegende Frage verweigere, welche Auswirkungen das auf uns als Kinder dieser Mütter und Väter in den Familien hat.

Ich schaue manchmal auf unsere eigenen Kinder und versuche mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn sie in dieser Zeit aufgewachsen oder geboren worden wären. Was wir als Eltern getan hätten, wo unsere Prioritäten gewesen wären – wofür wir überhaupt die Kraft und die Ressourcen gehabt hätten, um unsere Kinder zu erziehen und auf ihrem Weg in diese Welt zu begleiten.

Ich werde mich mit diesem Thema weiter beschäftigen. Wegen unserer eigenen Familiengeschichten. Weil ich es so faszinierend und so wichtig finde, mir diese generationsübergreifenden Zusammenhänge zu erschließen und Dinge zu begreifen, die für mich vorher rätselhaft und unverständlich waren. Es ist eine Art der Aufarbeitung, die nach meinem Empfinden bei sehr vielen Menschen noch ziemlich am Anfang steht und die unserer Generation und der unserer Eltern vermutlich sehr gut tun würde. Irgendwann sind sie nicht mehr da, die um 1930-1945 geborenen Menschen. Und irgendwann können wir diese Dinge nicht mehr hinterfragen, klären und uns mit ihnen aussöhnen, wo es erforderlich ist.

Ich habe gezögert, diesen Text zu veröffentlichen. Er ist das Persönlichste, was in all den Jahren auf meinem Blog erschienen ist. Aber das Thema beschäftigt mich und mich würde auch sehr interessieren, ob ich die Einzige bin, die sich damit beschäftigt. Ob es noch andere Geschichten gibt. Vielleicht ist auch der eine oder andere Leser dabei, der dazu etwas erzählen möchte. Ich bin gespannt.

Wer sich mit dem Thema weiter auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich als ersten Einstieg:

Sabine Bode – Die vergessene Generation, Kriegskinder brechen ihr Schweigen
Sabine Bode – Kriegsenkel, Erben der vergessenen Generation
Anne-Ev Ustorf – Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs
http://www.kriegskinder-verein.de
http://www.uni-forst.gwdg.de/~wkurth/psh/k_home.htm
http://www.forumkriegsenkel.de

Fundstück

28. Januar 2015

Mitte des Winters

Das Jahr geht zornig aus. Und kleine Tage
Sind viel verstreut wie Hütten in den Winter.
Und Nächte ohne Leuchten, ohne Stunden,
Und grauer Morgen ungewisser Bilder.

Sommerzeit, Herbstzeit, alles geht vorüber,
Und brauner Tod hat jede Frucht ergriffen.
Und andre kalte Sterne sind im Dunkel,
Die wir zuvor nicht sahn vom Dach der Schiffe.

Weglos ist jedes Leben. Und verworren
Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,
Und wer da suchet, dass er Einen fände,
Der sieht ihn stumm und schüttelnd leere Hände.

Georg Heym (1887-1912)

Und sonst?

9. Januar 2015

Mir ist zum ersten Mal seit längerer Zeit nach einem persönlicheren Larifaritext hier im Blog, vermutlich ist das so ein Jahreswechselding, keine Ahnung. Dabei gibt es nichts Weltbewegendes zu vermelden.

Das Blog liegt unverändert viel zu sehr brach. Das liegt zum einen daran, dass mir oft die Zeit und Ausgeruhtheit im Kopf fehlt, um etwas zu schreiben. Zum anderen mag ich hier keine allzu persönlichen Dinge schreiben. Und eine dreihundertvierundneunzigste Sicht auf das aktuelle Zeitgeschehen braucht auch kein Mensch. Das Blog ist also ein bisschen wie ein quer sitzender, aber im Laufe der Jahre seltsamerweise irgendwie doch lieb gewonnener Pups. Der Name passt auch nicht mehr so recht, im Laufe der Jahre hat sich viel verändert. Vielleicht entpupst es sich ja alles noch und wird wieder so unbeschwert wie es begonnen hat, mal sehen.

Die Meerjungfrauen sind nun bald vier Jahre alt und versetzen mich jeden Tag aufs Neue in emotionale Wallungen. Ich bin so glücklich, dass ich diese beiden Menschen auf ihrem Weg begleiten darf und staune immer wieder über die Welt, die sie mir zeigen. Sie sind absolut bezaubernd und haben einen ganz wunderbaren Humor. Aktuell sitzen Elefanten, Giraffen und diverse Gestalten aus der Sesamstraße mit an unserem Esstisch, es gibt keine Tasche, in der ich keine Steine, Zweige, Blätter und sonstige lebenswichtige Schätze entdecke und die beiden malen die schönsten Apfelbäume der Welt. Ich habe in den letzten vier Jahren immer wieder den Satz gehört, es werde nicht einfacher, nur anders. Das gehört wohl zum unerschöpflichen Repertoire der superschlauen Mamas, die mich seit seit Jahren mit dummen und unzutreffenden Aussagen wie dieser nerven und um die ich unverändert große Bögen mache.

Meinen Job, den ich seinerzeit über dieses Blog gefunden habe, habe ich nun auch schon seit über einem Jahr. Abgesehen davon, dass ich nun in einer Branche tätig bin, mit der ich vorher keinerlei Berührungspunkte hatte, habe ich lernen müssen, dass ich kein sogenannter Entscheidungsträger mehr bin, dass meine Meinung zwar interessant, aber meistens nicht besonders relevant ist und dass auch dieser Teil des Universums funktioniert, obwohl ich nicht die Weltherrschaft inne habe. So manche Erkenntnis war für mich nicht einfach, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden und unverändert sehr dankbar für die großartige Gelegenheit, die mir geboten wurde. Und die Weltherrschaft kann ja durchaus noch ein bisschen warten.

Der Jahreswechsel war dieses Mal ziemlich anstrengend. Wie das mit Übernachtungsbesuch mit Kleinkind halt so ist, der überwiegend Hektik und Unruhe und Stress mitbringt. Es ist schon irgendwie erheiternd: früher hat man darum gekämpft, möglichst lange aufbleiben und ausgehen zu dürfen und heute ist man dankbar, wenn man irgendwann endlich ins Bett darf. Dieses Mal habe ich sogar einen einigermaßen sinnvollen Vorsatz gefasst, den ich bereits Ende des Monats in die Tat umsetzen werde: einen Erste-Hilfe-Kurs. Der letzte Kurs ist nun schon so lange her, dass ich vermutlich überhaupt nichts mehr könnte, wenn ich als Ersthelfer an einen Unfallort käme. Ich sehe also einem interessanten Wochenende mit vielen Führerscheinanwärtern entgegen. Vielleicht raffe ich mich ja zu einem Bericht hier im Blog auf.

Einige meiner Stammleser wissen, dass ich auch einen Twitteraccount habe, den ich seit fast 5 Jahren mehr oder weniger intensiv mit Tweets bestückt habe. Twitter und ich hatten schon seit längerer Zeit eine On-Off-Beziehung, woran auch die gelegentlichen Twittertreffen, die ich sehr schätze, nichts geändert haben. Seit einigen Monaten ist unsere Beziehungskrise etwas ernsthafter, so dass ich zum Schluss nur noch blind meine Tweets verfasst und nichts mehr gelesen habe. Twitter und ich haben daher beschlossen, nun bis auf Weiteres getrennte Wege zu gehen. Ich werde meinen Account nicht löschen, aber er liegt nun brach und ich empfinde diese Entscheidung als sehr befreiend. Ich habe Twitter auch als Möglichkeit, meine Blogtexte zu streuen, sehr geschätzt, werde aber dort auch keine Tweets mit Hinweisen zu neuen Beiträgen absetzen. Das war jetzt eine ziemlich wortreiche Einladung, mein Blog zu abonnieren. Und wer weiss, vielleicht habe ich ja ohne Twitter auch wieder mehr Lust, hier häufiger zu schreiben?

Ob es auch in diesem Jahr eine Blogaktion geben wird, weiss ich noch nicht, tendiere momentan aber eher dazu, es sein zu lassen. Die letzten Aktionen waren sehr mühsam und hinter den Kulissen auch streckenweise recht undankbar. Ach, bevor ich es vergesse: meine Aversion gegen Stöckchen ist übrigens unverändert gross, also bitte nicht böse sein, wenn ich damit nicht beworfen werden möchte.

In diesem Sinne gebe ich zurück zum Funkhaus.

Wir lesen uns,
Ihre Frau Quadradmeter

Man nehme

31. Dezember 2014

Man nehme 12 Monate,
putze sie ganz sauber von Bitterkeit,
Geiz, Pedanterie und Angst,
und zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile,
so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.
Es wird ein jeder Tag einzeln angerichtet
aus einem Teil Arbeit
und zwei Teilen Frohsinn und Humor.

Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu,
einen Teelöffel Toleranz,
ein Körnchen Ironie und eine Prise Takt.
Dann wird das Ganze
sehr reichlich mit Liebe übergossen.

Das fertige Gericht schmücke man
mit einem Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten
und serviere es täglich mit Heiterkeit!

Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808), Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe

Alles im Griff

14. Oktober 2014
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Manchmal sehe ich diese immer gewissenhaft dreinschauenden kleinen Mädchen im Grundschulalter, brünett, etwas blass, sehr ernsthaft, von zierlicher Statur. Dann spult mein Gehirn etwa 30 Jahre vor und ich sehe sie als Frauen in den Dreißigern, immer noch schmal und recht klein, immer noch blass, sie haben leichte Augenringe. Sie sitzen in ihrem Renault Kangoo oder in ihrem VW Caddy, um den Hals ein buntes Tuch geschlungen, still schauen sie drein, vermutlich sind sie gerade auf dem Weg in den Kindergarten oder kommen von der Turnstunde. Ihr Gesichtsausdruck ist eine Kombination aus übertriebener Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit. Sie wissen, wo sie im Leben stehen und worauf es ankommt. In der Küche hängt der Familienkalender, es riecht leicht nach Essen oder dem letzten Kuchen, die Familienkatze streunt gerade durch den Garten. Beim Einkauf wollte sie jemand in der Warteschlange an der Kasse in ein unverbindliches Gespräch verwickeln, was sie mit einem halben Lächeln und einem etwas unsteten Blick quittiert und dann haben totlaufen lassen. Spontane Menschen liegen ihnen nicht besonders, sie sind ihnen zu unkalkulierbar in ihren Handlungen. Sorgfältig packen sie die Einkäufe in ihre mitgebrachten Taschen, das Schwere immer nach unten, die Kräuter erst ganz zum Schluss. Sie haben die Dinge gekauft, die auf der Einkaufsliste standen. Sorgfältig stellen sie alles in den Kofferraum, um es zu Hause ordentlich in Schränken und Regalen zu verstauen. Abends, wenn die Kinder schlafen, was sie selbstverständlich problemlos und täglich zur gleichen Zeit tun, nähen sie noch ein bisschen und hören ihren Männern zu, wenn diese Pläne für den nächsten Urlaub machen oder die anstehende Renovierung des Wohnzimmers oder den Dachausbau. Sie wirken etwas kühl und spröde, sagen nicht viel, aber sie wissen, dass ihr Mann die Dinge in ihrem Sinne planen wird. Ihre Missbilligung ist unauffällig, aber sehr effizient. Nie würden sie ins Bett gehen, ohne sich die Zähne zu putzen. Abgetragene Kleidung und Schuhe werden sauber und gebündelt in Altkleidersäcke verpackt. Sie haben nie geraucht, Alkohol vertragen sie nicht besonders gut. Leise blicken sie auf die Menschen um sich herum und bilden sich eine unverrückbare Meinung. In ihrem Elternhaus hat es häufig nach Grünkohl gerochen. Oder nach frischer Wäsche. Der Gartenzaun wird einmal jährlich frisch gestrichen, die Bettwäsche ist immer gebügelt. Im nächsten Urlaub möchten sie wandern gehen. Sie haben alles im Griff.

13 Briefe an das Ende der Welt – die Gewinner

14. September 2014

Bei meiner diesjährigem Blogaktion “Briefe an das Ende der Welt” standen insgesamt 13 Texte zur Abstimmung, die mittlerweile abgelaufen ist. Somit kann ich heute drei glückliche Gewinner verkünden und auflösen, wer hinter den einzelnen Einsendungen steckt.

Zunächst eine Fanfare für die drei Gewinner:

Platz 1 geht mit 29,5% an @sonderbayer (siehe auch HIER) und sein ziemlich locker sitzendes Maschinengewehr.
Platz 2 geht mit 22,8% an @GLudger und seinen ebenso pragmatischen wie eindringlichen Brief aus der Todeszelle.
Platz 3 geht mit 19% der Stimmen an @ueberschaubar bzw. Muriel Silberstreif und seinen wunderbar schrulligen Brief an die Firma REWE.

Eine weitere Fanfare geht an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht zu schüchtern, zu beschäftigt, zu planlos oder zu schusselig waren, mir ihre Texte zuzusenden. Hier noch einmal eine Übersicht mit Links zu allen eingesandten Texten und zu den jeweiligen Autorinnen/Autoren in der Reihenfolge der Einsendungen, sofern sie mir über sich etwas verraten haben:

Eins@ueberschaubar bzw. Muriel Silberstreif
Zwei@rouvidog
Drei – der Autor hat mir leider nichts über sich verraten
Vier – noch ein geheimnisvoller Teilnehmer
Fünf@GLudger
Sechs@FDienstag
Sieben@fred_forward
AchtMartin Beyer
Neun@quitzi
Zehn@sonderbayer (siehe auch HIER)
Elf@freibertvogel (siehe auch HIER)
Zwölf @h4wkey3 (siehe auch HIER)
Dreizehn@Amaot (siehe auch HIER)

Ich habe nach so vielen Links erst einmal quadratische Augen, empfehle euch aber unbedingt, die einzelnen Blogs und Profile einmal anzuschauen; da sind einige sehr spannende Sachen dabei.

Bleibt mir also noch zum Schluss das Dankeschön an alle Teilnehmerinnen und und Teilnehmer, an alle Leserinnen und Leser, die fleißig abgestimmt haben und an www.reprodukt.com für das freundliche Sponsoring.

Vielleicht gibt es in 2015 noch einmal eine Blogaktion, mal sehen.

13 Briefe an das Ende der Welt – die Abstimmung

6. September 2014

Ich habe heute gleich mehrere erfreuliche Nachrichten für euch:

Die Welt ist nicht untergegangen. (Zugegeben, über die Erfreulichkeit könnte man sich streiten, aber lassen wir das.) Da die Welt nicht untergegangen ist, kann ich euch nun hier und heute gleich dreizehn sehr unterschiedliche Beiträge zu meiner aktuellen Blogaktion “Briefe an das Ende der Welt” präsentieren. (Dass es genau dreizehn Beiträge geworden sind, ist ein nettes Detail, das meinen inneren Monk ziemlich begeistert hat.)

Ihr habt nun also nicht nur dreizehn schöne Vorlagen für den Fall, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorsteht und ihr unbedingt noch einen Brief schreiben wollt, sondern auch reichlich Lesestoff. Und da ich von reprodukt.com freundlicherweise drei Bücher zur Verfügung gestellt bekommen habe, kann ich hiermit sogar einen Gewinn ausloben und stelle deshalb alle eingesandten Beiträge anonymisiert zur Abstimmung. Die Abstimmung endet am 13. September 2014. Die drei Menschen mit den meisten Stimmen erhalten jeweils ein Buch mit einer handgeschriebenen Postkarte von mir. Nach beendeter Abstimmung gibt es hier auf dem Blog eine Auflösung, wer die Autoren der jeweiligen Texte sind.

Hier geht es zu den einzelnen Einsendungen (Ja ja, ich weiß, das hätte man optisch sicher etwas gefälliger hinbekommen, aber so muss es reichen):

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Und hier könnt ihr bis zum 13.09.2014 um 23:59 Uhr abstimmen:

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