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Von der Lust des Älterwerdens

3. April 2016

Meine nächste Gastautorin zum Thema #älterwerden ist die von mir sehr geschätzte @meikelobo.

Älterwerden, das klang für mich immer nach mehr Erkenntnis, mehr Wissen, mehr Verstehen. Nach einem Gefäß, das voll ist und nicht so leer wie ich mich als 25-Jährige fühlte. Damals war ich wenig Mensch, in mir war wenig Identität. Rückblickend kommt es mir vor, als sei ich nur die Hülle eines Menschen gewesen, etwas, das aussieht wie eine Persönlichkeit, aber in Wirklichkeit nur mäßig erfolgreich gesellschaftliche Muster kopiert. Das Studium verlief wie ein Studium eben verlief, meine Partnerschaft war im Alltag glücklich, nach unserem Studium würden wir eine Fernbeziehung haben, weil die Doktorarbeit uns beide in andere Städte trieb, aber wenn wir danach noch zusammen sein würden, würden wir heiraten, irgendwie war das klar. Unser Leben würde im Wesentlichen von unserer Arbeit, wie ich war auch er Naturwissenschaftler, und unserem gemeinsamen Erleben vorherbestimmt werden. Ohne Zweifel.

Bis eine Stimme in mir zu sprechen begann, die mich erst nur leise flüsternd, später immer lauter fragte: „Wer bist Du?“ Immer wieder. „Wer bist Du?“ Im Laufe der Jahre stellte sie immer mehr Fragen und sie wurde immer fordernder in Bezug auf die Antworten. „Wer bist Du? Was magst Du? Was ist der Sinn Deiner Existenz? Warum bist Du wie Du bist?“ Die Fragen ließen sich nicht mehr so einfach fortschieben. Ich hatte auf einmal so viele Fragen an das Leben, dass kein Raum mehr war für Dinge-machen-weil-man-die-eben-so-macht. Kaum vier Monate nach meinem Umzug in eine andere Stadt und zwei Jahre, nachdem ich die innere Stimme zum ersten Mal gehört hatte, verließ ich den Mann, der meine erste große Liebe war, nach über vier Jahren, weil ich merkte, dass er mich bei dem Versuch, Antworten zu finden, zurückhalten würde. Er würde meinen Weg nicht mitgehen, an seiner Seite würde ich meine Neugier auf die Welt, auf mich und meine Sexualität nicht stillen können. Ich war 27.

Meine Empfindungen wurden danach extremer, meine Selbsterkenntnisse größer, meine Lernkurve steiler, meine Lust intensiver. Zwischen den Momenten, die ich mit Männern verbrachte, online und offline, wurde mein Leben eine stetige Selbstanalyse, alles, was ich fühlte, tat und erlebte, jeder Mann, den ich kennenlernte, jeder Liebeskummer, den ich durchlitt, der Verlauf, den mein Leben genommen hatte, alles hinterfragte und analysierte ich. Aus allem, was ich erlebte, wollte ich etwas lernen, eine Erkenntnis gewinnen, kein Schmerz und kein Fehler sollte umsonst gewesen sein. Ich war wild entschlossen, an allem zu wachsen und mich nie mit der naheliegendsten Sichtweise zufrieden zu geben. Altern, das fühlte sich für mich jetzt genau so an wie es sollte: wie ein steter Zugewinn an Klarheit. Immer öfter fand ich jetzt fragmentarische Antworten auf die Frage „Wer bist Du?“ und mir wurde klar, dass Sexualität einen Großteil davon ausmachte.

Um die vermeintlichen Makel meines Körpers hatte ich mir nie viele Gedanken gemacht – nicht zuletzt, weil ich gemerkt hatte, dass den Männern die Frage, ob sich die Frau beim Sex voll und ganz fallen lassen kann, weit wichtiger war als die Einhaltung von BMI, Körbchengrößen, Fettanteil, Anzahl der Schwangerschaftsstreifen und womit sonst schwache Menschen den Fickwert weiblichen Fleisches ausdrücken. Salopp ausgedrückt: Befreite Geilheit übertrumpfte körperliche Makel. Dass meine Haut schlaffer wurde, mein Körper sichtbar alterte, war also geschenkt, ein kurzes Stirnrunzeln, das ich schnell überwand. Auch die vereinzelten grauen Haare, die ich eher belustigt im Spiegel entdeckte, störten mich nicht wirklich.

Fast unmerklich veränderte sich jedoch auch meine Libido, ungefähr ab meinem 34. Lebensjahr. Ich war immer noch Single. Der Hunger ließ ein wenig nach, eine gewisse Müdigkeit, Zeit mit Männern zu verbringen, stellte sich ein. Am Ende lief es ja doch immer nach einem ähnlichen Schema ab, das mir zudem wie eine immer geschmacklosere Sättigungsbeilage für meinen sexuellen Hunger erschien. Plötzlich kam mir das alles nicht mehr so drängend vor, ich verbrachte immer weniger Zeit mit der Befriedigung meiner Bedürfnisse. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass ein Teil dessen, was ich gerade erst als meine Persönlichkeit entdeckt hatte, sich nun anschickte, in Rente zu gehen. Umso mehr als ich kurz danach den Mann kennengelernt hatte, den ich mir immer gewünscht hatte.

Ich hatte immer noch einen, nun ja, gesunden Appetit, aber im Vergleich zu vorher war das Nachlassen spürbar. Wieder musste ich mich neu kennenlernen, und da sich zu allem Überfluss mein Zyklus zu verändern begann, war das nicht ganz einfach. Hatte er früher die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, lebte er zunehmend nach der Devise „Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen“. Dass der weibliche Körper schon lange vor den Wechseljahren damit anfängt, launisch und unberechenbar zu werden, hatte mir nie jemand gesagt. Mein zuvor absolut berechenbarer Körper wurde mir fremd, ich wusste seine Zeichen nicht mehr zu deuten, er bereitete mir plötzlich unangenehme Überraschungen. Das Vorbereitetsein auf diese Überraschungen nahm immer größeren Raum ein, statt ein paar planbaren Tagen im Monat musste ich mich schließlich fast 2 Wochen lang mit der Eventualität, dem Vorspiel und Nachspiel meiner Periode herumschlagen.

In diesem Jahr werde ich 42 und wenn man mich fragte, wie viel von meiner Jugend ich wiederhaben möchte, die Liste wäre trotz allem kurz. All die Verwirrung und Planlosigkeit, die ganze Welt so konfus, die Liebe auch, so viel Unbekanntes an einem selber, von dem man nicht weiß: was ist das, was macht das, darf das da sein, ist das okay, muss ich mich dafür schämen? Wer möchte so etwas ernsthaft wiederhaben, nur für einen straffen Hintern? Ich nicht.

Ich will das nicht beschönigen: Es tat weh, das Altern meiner Sexualität so gnadenlos mitzubekommen und mit ihm die nachlassende Fruchtbarkeit meines Körpers. Aber an meinem bedingungslosen Willen, an meinen Herausforderungen zu wachsen, hat sich nichts geändert. Viele Male stand ich vor dem Spiegel, betrachtete meine veränderten Körperkonturen, die das Alter und 12 nagelneue Kilo, die ich mit mir herumschleppte, seitdem ich nicht mehr rauchte, hinterlassen hatten. Und mit jedem Mal wurde mir der Wert meiner bisherigen Reise, die mit der Frage „Wer bist Du?“ begonnen hatte, bewusster, denn ich zog große Kraft daraus, die Frage beantworten zu können.

Ich weiß heute, wer ich bin und wer nicht, ich bereue nichts in meinem Leben, ich weiß, dass alles irgendwie gut und richtig war, jeder Schmerz und jede Freude, weil alles zu diesem einen Abend geführt hat, an dem ich schöne Musik höre – nebenan der Mann, den ich liebe, und zwei schnarchende Katzen – und mit einem leichten Anflug von nebelfeuchter Melancholie mein bisheriges Leben Revue passieren lasse.

Es ist ein guter Abend, denn ich bin ein glücklicher Mensch.

3 Kommentare leave one →
  1. 3. April 2016 17:19

    Immer wieder schön zu lesen, wenn Menschen zufrieden sind mit ihrem Älterwerden. Geht mir ja auch nicht anders, und ich freue mich mit jedem von Euch, von uns.

    (Allerdings befürchte ich, dass es nur wenige Berichte Unzufriedener geben wird; denn wer schreibt schon gerne über das, was sie/ihn bedrückt?)

  2. ©lz permalink
    3. April 2016 16:30

    ein mit vollem und leidenschaftlichem herzen geschriebener edit / bejahend und aufrecht und lebendig in der ansicht und im text / bis zum letzten punkt / toll.

Trackbacks

  1. #älterwerden | Quadratmeter

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