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Twitter, Ello & Co. – eine Bestandsaufnahme

12. Februar 2016

Die Anzahl der Apps für die verschiedenen Social Media-Plattformen steigt und steigt. Und mit ihnen steigt das Gefühl, dass alles immer mehr zerfasert.

Irgendwie ärgert es mich ja schon, dass ich diesem ganzen Thema so viel Aufmerksamkeit widme. Aber da ich das Internet privat und auch beruflich intensiv nutze und da ich mich auch dort gerne mit anderen Menschen austausche, ist es etwas, das mich nachhaltig beschäftigt.

Auslöser war wieder einmal eine große Welle der Empörung auf Twitter. Thema dieses Mal: die Aufweichung der chronologischen Timeline. Viele Twitterer fanden das vollkommen indiskutabel und da war sie dann: die vermeintliche Sternstunde für Ello. Plötzlich registrierten sich jede Menge Menschen bei Ello und es dauerte keine 2 Stunden, bis dass die üblichen Mechanismen in Gang kamen: jeder erzählte jeden, was er warum, wann, wie und wo zu tun hat.

Auf Ello, bis zu diesem Zeitpunkt offenbar eine Oase der seligen Vergessenheit, reagierten die Eingeborenen überwiegend verhalten. Das laute Twittervolk mit seinen 140 Zeichen flutete plötzlich die Plattform und passte so gar nicht zu den anspruchsvollen Fotos, den interessanten Grafiken und den langen Texten. Der Fairness halber sei angemerkt, dass es auch einzelne Stimmen gab, die sich über den Zuwachs freuten.

Auf Twitter vermischte sich die anhaltende Empörung über Twitter mit freundlich-skeptischen Tweets über Ello. Alles wie immer. So viel zur aktuellen Gemengelage. Mittlerweile haben sich alle Kinder weitestgehend beruhigt und beobachten sich gegenseitig auf den jeweiligen Spielgeräten. Hin und wieder wagen Einzelne oder kleine Gruppen einen kleinen Ausfall. Man kennt sich seit vielen Jahren und weiß im Idealfall, dass man sich gegenseitig nicht immer allzu ernst nehmen sollte.

Um es vorweg zu nehmen: ich mag Ello. Es ist dort (bisher) aufgeräumter und friedlicher als bei Twitter. Ello ist spartanisch in seinen Funktionen. Interessant finde ich, dass die Menschen sich dort anders geben als bei Twitter. Weniger Bissigkeit, weniger Ironie, plötzlich schreiben alle lange, persönlichere Texte und man freut sich halt so vor sich hin. Ich lasse den letztgenannten Aspekt mal einfach so stehen; er wäre einen eigenen Text wert.

Für mich ist Ello kein Ersatz für Twitter und ich halte es auch für falsch, diese beiden Plattformen gleichzusetzen. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Konzepte, die wenig miteinander gemein haben. Twitter ist schnell, aufgrund der Zeichenbegrenzung sehr pointiert, dafür aber auch gerne mal missverständlich. Diese Geschwindigkeit bringt einen raueren Umgangston mit sich und manchmal auch eine mangelnde Reflexion. Ello ist ein breiter Strom mit langsamer Fließgeschwindigkeit. Ich kann mir dort in Ruhe die Landschaft ansehen und auch mal eine längere Pause einlegen. Auch ich habe dort einige längere Texte gepostet und fand es dort angenehm entspannt. Es ist dort einfach kuscheliger. Und trotzdem ist mir Twitter lieber. Vielleicht weil ich dort vor 6 Jahren begonnen habe und meistens auch hinter die 140 Zeichen sehen kann. Twitter entspricht mir eher: schnell, manchmal etwas zu hektisch, manchmal schräg, sehr spontan und gelegentlich auch unsachlich.

Vor einigen Tagen fragte auf Ello jemand, ob ein Blog nun eigentlich old-school sei. Und an dieser Frage blieb ich dann hängen. Spontan fand ich es reizvoll, mein ohnehin recht brachliegendes Blog ganz aufzugeben, um dann auf Ello weiterzuschreiben. Aber ich habe mich nun dagegen entschieden.

Es gibt Menschen, die ich sehr gerne lese. Aber es stört mich, wenn ich bei diesen Menschen erst mal gucken muss, was sie gerade twittern, auf Ello veröffentlichen, bei Facebook schreiben, bei Instagram zeigen oder auf ihrem Blog posten. Peach ist erfreulicherweise offensichtlich tot, Tumbler für mich personenbezogen nicht relevant, bei Medium habe ich nur meinen Namen sichern wollen und auf Xing verläuft sich hin und wieder auch noch jemand. Ein eigenes Thema, das den ohnehin schon überspannten Rahmen dieses viel zu langen Textes endgültig sprengen würde, sind übrigens noch die diversen Messenger.

Ich habe zu all dem keine Lust und eigentlich auch keine Zeit. Wenn ich dann aber doch mal eine virtuelle Rundreise antrete, stelle ich entweder fest, dass die Inhalte tatsächlich vollkommen unterschiedlich sind oder aber dass Texte und Bilder doppelt gepostet werden. Und dann fällt mir plötzlich auf, dass ich gerade dabei bin, genau das Gleiche zu tun. Und dass das vollkommen bescheuert ist.

Mir ist schon klar, dass die verschiedenen Plattformen unterschiedliche Ansätze verfolgen und dass daher (im Idealfall) die Inhalte variieren, in der Praxis sieht das allerdings doch häufig anders aus. Da ich aber ganz sicher niemandem vorschreiben kann und will, was er zu tun und zu lassen hat, werde ich weiterhin passiver Nutzer viel zu vieler Plattformen sein.

Ich werde für mich allerdings wieder zu dem zurückkehren, was für mich seit Jahren gut funktioniert hat: Twitter und mein Blog.

In diesem Sinne,

Ihre Frau Quadratmeter

9 Kommentare leave one →
  1. 31. März 2016 14:10

    Vor zwei Jahren habe ich die verschiedenen Social-Media-Apps gelöscht, mich von den meisten Konten abgemeldet und gemerkt, dass mir danach was fehlt. Aber es fehlte mich tatsächlich nicht diese Flut an Kanälen, sondern das Schreiben.

    Blog-Renaissance. Für mich auch. Und es fühlt sich seit einem knappen Jahr ganz gut an, völlig entspannt wieder zu schreiben – ohne Zeichenbegrenzung, ohne Themensperre, ohne wirklich erkannt zu werden, ohne die alte Haut.

    Wenn Du jetzt auch wieder mehr blogst, muss ich mir endlich wieder mal einen Feed-Reader anschaffen. Eine gute Gelegenheit…

  2. Torsten permalink
    3. März 2016 20:49

    als stiller Leser deines Blogs per RSS freut es mich, wieder häufiger Beiträge von dir lesen zu können (ja, ich lese manche Beiträge erst sehr viel später)

  3. 14. Februar 2016 11:44

    Ich war bisher irgendwie zu „engstirnig“ mir überhaupt mal Ello anzuschauen. Ich hab mich schon ewig vor Twitter geweigert, aber irgendwie kam man ja dann doch nicht drumherum.
    Persönlich glaube ich nicht, dass ich Ello oder NOCH MEHR Messenger brauche..
    Habe jetzt schon das Gefühl viel zu viel Zeit damit zu verbringen…
    Aber deinen Blog les ich nachwievor gerne.. so ganz leise und unscheinbar im Hintergrund.

  4. 12. Februar 2016 10:49

    Kann ich beinahe genau so unterschreiben, klasse und pointiert.

  5. 12. Februar 2016 10:45

    Schockschwerenot, den letzten Satz hatte ich ganz überlesen.
    Das finde ich sehr, sehr schade. Nicht dass ich Dich bei Twitter nicht auch gerne lese, aber gerade den Umstand, dass Du bei Eollo auch andere Facetten von Dir gezeigt hast, fand ich sehr schön.

    • quadratmeter permalink*
      12. Februar 2016 10:54

      Meike, dieses ganze Ello-Twitter-Ding führt lediglich dazu, dass mein Blog vermutlich endlich wieder eine kleine Renaissance erlebt.

  6. 12. Februar 2016 10:41

    Wie schön! – Dann passiert vielleicht in meinem Feed-Reader mal wieder öfter ‚was?

  7. 12. Februar 2016 10:14

    Ich sehe Ello auch eher als Ergänzung denn als Ersatz für Twitter. Ich kann und will nicht ausschließen, dass ich nicht doch irgendwann mal ein Posting auf beiden Plattformen bringe, aber im Moment empfinde ich es wie Du: Ello lockt eine ganz andere Art der Mitteilung aus mir raus. Daraus aber etwas Dogmatisches abzuleiten oder gar anderen vorzuschreiben, dass sie Ello genauso nutzen wie ich, käme mir nicht in den Sinn.

    Die Bedienbarkeit von Ello ist v.a. im Browser leider noch sehr, sehr ausbaufähig, weshalb sich der Spaß, sich dort aufzuhalten, am Rechner bei mir noch recht überschaubar ist, die iOS-App finde ich unkomplizierter im Handling. Auch dieses Reposten, das bei mir anfangs dazu führte, dass meine Timeline überwiegend aus Leuten bestand, denen ich nicht folgte und/oder die ich auch nicht lesen wollte, finde ich noch sehr unglücklich gelöst, aber wenn ich mir anschaue, wie sehr sich Ello seit dem Start vor einem Jahr schon weiterentwickelt hat, bin ich da guter Dinge.

    Und ich freue mich, dass ich durch Ello persönliche Dinge von Menschen erfahren habe, die ich sehr mag. Wer weiß, ob es ohne unsere Völkerwanderung dazu gekommen wäre.

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