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Erste Notizen aus der Provinz oder: Die Entdeckung der Langsamkeit

19. August 2011

Vier Wochen ist der Umzug nun her. Gestern hat die Spedition die leeren Kartons abgeholt, und so langsam kehrt der Alltag ein. Zeit für eine erste Zwischenbilanz:

Grün ist es. Alles und ständig und überall. Sogar die Luft riecht grün. Ich kann ja kaum einen Tomatenstrauch von einem Apfelbaum unterscheiden und habe daher keine Ahnung, was sich alles in unserem Garten befindet. Ich gieße und warte erst mal ab, was dann da alles wächst und was es dann so macht.

Ruhig ist es. Kein Kneipenlärm, keine Löschfahrzeuge, Hubschrauber oder laute Nachbarn. Mittwochs kommt die Müllabfuhr, freitags wirft das Dorf kollektiv seine Rasenmäher an, sogar die Hunde sind hier akustisch sehr gesittet. Da fallen die beiden Meerjungfrauen, die mittlerweile sehr laut werden können, noch mehr auf als ohnehin.

Es fühlt sich bisher alles an wie eine Kombination aus Kindheit und Urlaubsort, nur die See fehlt. Alles ist voller Spatzen, genau wie damals bei meiner Oma im Hinterhof. Man kann unzähligen Pferden heimlich Karotten zustecken. Der Dorf-Supermarkt ist klein, aber extrem gut sortiert. Man kann dort auch so erstaunliche Dinge wie Hanfseile, Schnorchel und kleine Plastikgitarren erwerben.

Jeder grüßt jeden. Ausnahmslos und in jeder Lebenslage, notfalls auch schraubend unter einem Auto liegend. Und der Bürgermeister nennt seine Frau und seine Töchter Mausi 1-4, allerdings komme ich manchmal noch etwas durcheinander, wer welche Nummer zugeteilt bekommen hat.

Ich könnte jetzt großstädtische Attitüden aus der Tasche ziehen und mich über mangelnden 3G-Empfang, oberirdische Stromleitungen, modisch fragwürdig gekleidete Menschen und eine bisweilen mehr als behäbige Mentalität auslassen. Aber irgendwie habe ich dazu im Moment gar keine Lust.

Denn es ist wirklich nett hier. Ich habe in 4 Wochen mehr Nachbarn getroffen, die uns bei diversen Dingen geholfen haben, als in 10 Jahren Großstadt. Das Licht und die Luft hier sind immer noch bestaunenswert klar, die Welt ist voller Schmetterlinge und alles geht seinen ruhigen, entspannten Gang.

Und wenn auf dem Mittellandkanal das Traumschiff kreuzen würde, wäre im Zweifelsfall auch noch der Landarzt an Deck, der nur mal kurz die Kollegen der Schwarzwaldklinik besuchen wollte.

15 Kommentare leave one →
  1. 8. September 2011 19:03

    Ach, schön! Beschreibt meinen Wunsch, wie ich zukünftig leben möchte. Zumindest mental arbeite ich daran.

  2. 30. August 2011 21:45

    Mit kleinen Kindern gibt es nichts Schöneres, als auf dem Land zu leben. Wenn sie größer werden, kann die dauernde Umherkutscherei (Sport, Freude aus anderen Dörfern, unvorhergesehen früherer Schulschluss, Schwimmbad etc.) etwas nervig werden. Und manchmal musste ich mir von der Großen, wenn ich sie spätabends aus der Stadt abholen sollte, weil wieder kein Bus mehr fuhr sagen lassen, dass SIE schließlich nie auf dieses Kaff ziehen wollte. Mittlerweile kann sie aber selbst fahren, und der Kleine ist noch nicht alt genug für nächtliche Ausflüge, weshalb es momentan wieder entspannter läuft.
    Ich wollte zwar manchmal wieder in die Stadt ziehen, weil jeder Kinobesuch, jedes klitzekleine Konzert oder Auswärtsessen mit Fahren verbunden ist, während ich in der Stadt einfach in die Straßenbahn steigen und auch noch straffrei einen Wein trinken kann. Aber wenn mich am Abend die Fledermäuse haarscharf verfehlen, der dezente Duft des Nachbarpferdes in die Nase steigt, ich einfach dem Grün beim grüner werden zuschauen kann, will ich doch wieder bleiben.
    Ich wünsche Euch Vieren alles Gute beim Abenteuer Landleben!
    P.S. Spinnen schrecken mich inzwischen nicht mehr. Aber Heuschrecken immer noch.

  3. 22. August 2011 15:47

    Mögest du es weiter genießen können! Ich bin auch auf´s Land hinaus, und kann es jeden Tag mehr toll finden.

  4. 19. August 2011 23:34

    Das hört scih alles gut an🙂 Macht direkt Lust aufs Landleben, jedenfalls mal für ne Weile.
    Gruß aus Wales

  5. 19. August 2011 20:05

    Landleben kann sehr schön sein … für länger habe ich es noch nicht versucht. Ich wünsche Ruhe und Frieden, auch für die Lütten. Wenn die flügge werden, haben sie jede Menge Spaß.🙂 ach und … sehr schön euch wohlauf zu wissen.

  6. 19. August 2011 15:09

    Oh, gar nicht mehr so weit weg von uns. (Unser elterliches Verkuppelungs-Ansinnen könnte Früchte tragen…😉 )

    Das klingt ganz wunderbar und sehr entspannt, lebt Euch weiterhin gut ein und genießt!

  7. gruebeley permalink
    19. August 2011 10:58

    Da sind also die Spatzen hin😉 Bei uns hier am Jadebusen (tiefste Provinz) sehe ich kaum welche. Deine Schilderung gefällt mir, könnte auch bei uns sein. Ich liebe es mittlerweile, so weit auf dem Land zu leben.

  8. 19. August 2011 10:00

    Ach, der Mittellandkanal geht bei euch auch lang? Dann kann ich dir ja ’ne Flaschenpost reinwerfen.🙂
    Schön, das es sich so positiv anlässt! *brotundsalz*

  9. 19. August 2011 09:47

    Die Frau Quadratmeter bloggt endlich wieder! Und es ist ein Genuß, Deine Schilderung zu lesen.

    Mittellandkanal: Minden, Hannover, Wolfsburg, Magdeburg?

    • quadratmeter permalink*
      19. August 2011 10:07

      Wir sind hier ganz in der Nähe von Hannover. Niedersachsen brauchte mal dringend eine Prise Chaos😉

      • 19. August 2011 10:47

        Peine, was?
        Dann sind wir ja jetzt im glechen Bundesland. Yeeeha!

  10. 19. August 2011 08:21

    Brot und Salz rüberreich – so war das doch oder?😀
    Komplett weg von Köln oder nur in der Nähe?

  11. 19. August 2011 08:09

    Wie schön, mal wieder was von dir zu lesen!! Freut mich sehr, das ihr 4 euch sogut eingelebt habt…weiter machen🙂

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