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Gastbeitrag: Das Mädchen mit den 3 Chromosomen

18. April 2011

Ich freue mich. Generell. Und sowieso. Aber heute ganz besonders. Denn heute habe ich das große Vergnügen, einen Gastbeitrag von Anja Gottschling auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen. Der Text wurde erstmalig am 05. April 2011 auf dem Jour Fitz in Köln vorgetragen. Anja twittert unter dem Namen 3x3ist6, hat eine eigene Seite, auf der sie sich und ihre Arbeiten vorstellt und ist mittlerweile zertifizierte Meerjungfrauendompteuse. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre und hoffe, dass dieser Geschichte noch viele weitere folgen werden.

Ich wurde als Mädchen mit 3 Chromosomen geboren. Zwei X- und einem Y-Chromosom. Äußerlich macht es sich nicht bemerkbar, außer vielleicht dem Bedürfnis, sich vorm Fernseher am Sack zu kratzen, nach Genuss eines Bieres mit Herzenslust aufzustoßen oder jeden Morgen gähnend vor der Toilette zu stehen, um enttäuscht festzustellen, dass einem die Optionen fehlen und man sich definitiv setzen MUSS.

Ansonsten bin ich ganz normal. Normal für ein Mädchen mit 3 Chromosomen.

Dass ich 3 Chromosomen habe, liegt daran, dass meine Eltern bei der Bestellung des ersten Kindes lediglich ‚Hauptsache gesund‘ ankreuzten. Das ist so, als würde man bei einer Pizza ‚Hauptsache Teig‘ ankreuzen. Teig ist wichtig, aber ob die Zutaten geschmacklich harmonieren, liegt dann am Lieferdienst.

Mein Lieferdienst war ein Storch.

Storch, das ist heute ein sehr veraltetes Verfahren, haben wir doch DPD, UPS oder Hermes den Götterboten, aber damals war es so üblich. Als der Storch mich zu meinen Eltern brachte, hielt sich die Freude erstmal in Grenzen. Ich war recht proper und der Storch etwas schwach. Er konnte nicht mehr so hoch fliegen wie er wollte und so nahmen wir jedes Hindernis mit, das höher als 5m war. Türme, Brücken, Bonsais… So wurde ich mit einem etwas deformierten Hinterkopf ausgeliefert, was meinen Vater überlegen ließ, die Bestellung zu stornieren. Mama freute sich doch so sehr auf ein süßes Baby.

Nun hatte man aber schon so lange gewartet, kilo-, ach was, zentnerweise Eis in sich hinein geschaufelt, das Kinderzimmer fertig eingerichtet und der Retourenschein schien mit der unverständlichen Bauanleitung der IKEA-Wickelkommode im Müll gelandet zu sein.

Ich durfte also bleiben.

Meine Eltern wollten mich jedoch erstmal nicht den Nachbarn präsentieren und holten sich ärztlichen Rat, wie man denn aus so einem Eierkopf-Baby etwas vorzeigbares hinbekommen würde. Sein Tipp war rundstreicheln. Jeden Tag zu den Mahlzeiten bekam ich also extra energische Streicheleinheiten.

Täglich wurden die Fortschritte gemessen, ob Conehead bald ein normales Leben führen und den Nachbarn vorgestellt werden könnte.

Als der Kopf auf der Birnenskala nur noch eine 2 von ursprünglich 10 brachte, war es soweit. Alle waren ganz entzückt, weil es ein Mädchen geworden ist und Mädchen rosa Kleidchen tragen, immer lieb sind, gerade am Tisch sitzen und mit Barbies spielen. Normale Mädchen.

Ich saß also in meinem Körbchen, wurde gefüttert, ließ mich von den Nachbarn verhätscheln und wartete darauf, dass endlich mein Bruder zur Welt kam, weil es mit den Alten etwas öde war.

Puh, das waren die längsten 22 Monate meines Lebens.

Doch dann war er endlich da. Jung, schön, perfekter Hinterkopf und alle liebten ihn. Er war mein! Ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen, er war so schön, so klein, so blöd, so neu auf der Welt und er roch so gut.

ER WAR MIR – wie der Rheinländer grammatikalisch korrekt zu sagen pflegt.

Irgendwann, als meine Eltern ihn frei ließen, wohnten wir in einem Zimmer und hatten ein doppelstockbettiges Boot. Es war herrlich, schließlich musste er als Jüngster im unteren Abteil schlafen und ich war der Kapitän! Aber mit meinem zusätzlichen Y-Chromosom war ich ja schließlich auch mehr als qualifiziert.

Wir durchsegelten die Weltmeere, überfielen Piraten, strandeten auf einsamen Inseln und erlebten Abenteuerliches. Ich glaube, sowohl LOST als auch „Fluch der Karibik“ wurden nach unserem Vorbild gedreht.

Wir hatten aber auch Freunde. Alles Jungs. Das war etwas ärgerlich, da ich durch meinen erhöhten X-Chromosom-Anteil und diese auffallend mädchenhaften rosa Kleidchen, in die mich meine Eltern stopften, immer die Mutter beim Vater-Mutter-Kind Spiel sein musste.

Im Nachhinein finde ich es allerdings nicht mehr so schlimm, denn immerhin war ich so nicht das Kind! Das 7jährige Kind eines 5-Jährigen zu sein ist bestimmt kein Spaß. Ich war also die Mutter… Mutter und Bestimmerin. Bestimmerin zu sein liegt nicht so sehr in meinem Naturell, aber ich musste. Es war ja für die Familie. Wir, Vater 8, Mutter 7 und die Kinder 5 und 5, nicht verzwillingt oder sonstwie verwandt, brauchten ja jemanden, der aus Kompost und den wunderschönen Zierpflanzen, dem ganzen Stolz unserer Eltern, Essen kocht.

Ich bestimmte also, dass es Spaghetti Bolognese gab. Spaghetti Bolognese aus Gras und den wunderschönen roten Rosen. Wir aßen aus fiktiven Tellern mit fiktiven Gabeln, hatten fiktive Gläschen aus denen wir, die Eltern, fiktives Bier tranken und die Kleinen eine Vanillemilch. Es war köstlich!

So familienlebten wir täglich fröhlich vor uns hin, bis etwas total Unsinniges im Fernsehen kam und der Vater und ich uns scheiden lassen mussten. Sohn 2 nahm er mit.

Am nächsten Tag waren wir dann wieder verheiratet. Wir sahen das nicht so eng, brauchten weder Pfarrer noch Scheidungsanwälte, ein einfaches „spielen wir VaterMutterKind?“ genügte, um wieder eine glückliche Ehe zu führen.

Eines Tages ereignete es sich, dass ich meinem Mann das Bestimmer-Zepter übergab, um einen Familienausflug zu planen. Wir wanderten fröhlich 250m in die weite Welt hinaus, um Kastanien zu sammeln.

Als alle Kastanien vom Boden gesammelt waren und wir uns nach ganz unfiktiver Verköstigung ausgewundert hatten, warum denn Rehe so etwas ekliges wie Kastanien überhaupt essen, stieg mein ‚Mann’ in den Baum, um weitere Kastanien aus den Ästen zu schütteln. Er rüttelte und schüttelte was das Zeug hielt und die Mannes-Kraft eines 8- Jährigen so zuließ.

Nach all der Anstrengung musste er pullern.

Die Kastanie war dicht beblättert, so vernahmen wir zuerst nur das Geräusch und ein leises Kichern. Alle waren hellauf begeistert, auf was für tolle Ideen der Vater so kam und da Eltern Vorbild sind, stiegen unsere 5-jährigen Nichtzwillinge ebenfalls hinauf, um von hoch oben die Wiese zu wässern.

Nun war Mutter dran, deren zusätzliches Y-Chromosom sie daran hinderte an Etikette in rosa Kleidchen zu denken und die ihren Männern in nichts nachstehen wollte.

Es wäre auch alles gut gegangen, denn der Winkel um an den Rüschen-Söckchen vorbei zu zielen war exakt berechnet, kämen nicht genau in diesem Moment Nachbarn vorbei.

„Wie liebenswert diese kleinen Lausbuben, sie pinkeln von der Kastanie!“

„Wie furchtbar, wie unerzogen, das Mädchen pinkelt von der Kastanie!!!“

Wochenlang mussten sich meine Eltern nun anhören, wie missraten ich sei und zustimmend nicken, während sie sich beim Umdrehen schon wieder fröhliche Blicke zuwarfen und stolz darauf waren, dass ihr Mädchen die anatomische Benachteiligung beim ‚imStehenpinkeln‘ durch mathematisches Geschick ausglich und dank exakter Winkelberechnung weder Rüschen-Söckchen noch Schühchen traf.

So lebten wir vor uns hin. Meine Eltern wahrten ihr Gesicht, indem sie Bestürzung vorgaben, wenn sie jemand auf ihr ungezogenes Gör ansprach und ich konnte dennoch die Bedürfnisse, die mein Y-Chromosom vorgab, stillen.

Bis zum Frühjahr 1993… da brauchte ich göttliche Hilfe.

Jeden Abend lag ich im Bett und betete. „Lieber Gott, bitte schenk mir noch keine Brüste. Es wird bald Sommer und ich kann dann nicht oben ohne rumlaufen!“ Gott erhörte mich, ich war den Sommer über flach wie ein Brett.

Gott erhörte mich etwas zu lange.

Auch ein Jahr später war da… nix. Langsam machte sich eine leichte Panik breit. Ich rutschte auf Knien, revidierte was ich im Sommer zuvor in die Luft sprach und flehte ihn an.

Gott hatte ein Einsehen. 3-Chromosomen-Girl bekam Brüste!

Ich ließ mir die Haare wachsen und kaschierte die genetische Anomalie gekonnt. Anfänglich zwar noch mit einem Wattezusatz im BH, aber es wirkte täuschend echt, wie mein Y-Chromosom mir bestätigte. Meine Mutter ließ sich zwar nicht so täuschen, aber das war uns egal.

Ich lernte damit umzugehen, weniger die Nachbarn zu verschrecken und öfter das rosa- Kleidchen-Mädchen zu geben, auch wenn dieses Verhalten eher in Docs und Army-Jacke stattfand.

Ich begann mich für Jungs zu interessieren und wenn mich einer nicht wollte, dann schlug ich eben direkt zu, statt später bei Herzschmerzsongs zu heulen.

Ich fand Freundinnen, mit denen ich mich beim gegenseitigen Fingernägel lackieren langweilen konnte und reihte mich brav mit ihnen in die Warteschlange vorm Frauenklo ein, auch wenn ich eigentlich ein Recht auf den schnellen Weg übers Männerklo hatte.

Mit 3 Chromosomen zu leben bedeutet manchmal Verzicht, aber wenn man damit umzugehen lernt, lebt es sich wirklich hervorragend. Das möchte ich auch irgendwann einmal weitergeben, denn ich bin mir sicher, ich werde mal ein guter Vater.

10 Kommentare leave one →
  1. 19. August 2011 08:32

    Absolut fesselnd wollte nicht aufhören zu lesen! Sehr schön!

  2. 10. Mai 2011 09:41

    3 Chromosomen hervorragende sache

  3. 30. April 2011 13:13

    Genial geschrieben, ein Genuß, da zu lesen! Hihi…😉

  4. 20. April 2011 07:49

    Ick fühl mir amüsiert…

  5. 20. April 2011 05:07

    thihihihi. Sehr schön. Danke für den Spass am Morgen!

  6. 19. April 2011 16:48

    😀 ich weiß sonst garnicht was ich sagen soll außer😀

  7. 18. April 2011 22:55

    Ui. (Sehr unterhaltsam und kurzweilig. Danke! Die Verfilmung läuft wann auf arte?)

  8. 18. April 2011 19:44

    Kinder, watt war datt schön!!

  9. 18. April 2011 19:25

    Das ist so toll, schade dass ich eine halbe Stunde zu spät da war. Ich hoffe das kann ich irgendwann noch auf Video sehen😉

Trackbacks

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