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Über kranke Kinder und gedankenlose Eltern

20. April 2016

(Dieser Text wurde in einer sehr genervten Grundverfassung geschrieben.)

Im Kindergarten kursieren ja bekanntlich immer wieder die schönsten Dinge: Läuse, Magen-Darm, Erkältungen, Würmer oder ansteckende Bindehautentzündungen. Das Leben einer Kindergartenfamilie ist immer ein bisschen wie ein Glücksspiel, man weiß nie, wie gesund man durch das Jahr kommt. Das trainiert das Immunsystem, die Geduld von Eltern, Erziehern, Kollegen und Arbeitgebern und fällt unter die beliebte Ist halt so-Kategorie des Lebens.

Wir haben hier gerade erst sehr tapfer 3 Wochen lang eine furchtbar unerfreuliche Magen-Darm-Episode durchexerziert, die ich im Detail gar nicht näher ausführen möchte. Wir haben in der Zeit versucht, irgendwie den Spagat zwischen kranken Kindern und Jobs hinzubekommen und einer von uns ist danach dann erst mal eine Woche lang selber krank geworden. Das ist aus mehreren Gründen erwähnenswert:

Wir haben beide Chefs und Kollegen, die in solchen Situationen nachvollziehbarerweise nicht sonderlich begeistert sind, aber ihre Nichtbegeisterung freundlich für sich behalten. Im Umkehrschluss haben wir versucht, in dieser für alle sehr unangenehmen Lage im oft besungenen Home Office-Modus trotzdem die wichtigsten Dinge zu erledigen und irgendwie dennoch weiter zu arbeiten. Wie genervt Chefs in solchen Situationen wirklich sind und wie viel man selbst in solchen Situationen hinin interpretiert, wie sinnvoll und gut die trotz Krankheit geleistete Arbeit im Detail ist und wie gut die Vereinbarkeit von Job und Familie in der Praxis funktioniert, wäre einen eigenen Beitrag wert.

Wir haben unsere Kinder zu Hause gelassen, weil es anders nicht ging. Weil sie krank waren, weil sie ansteckend waren und weil wir gemeinsam mit dem Kinderarzt sicher gehen wollten, dass sie erst dann wieder das Haus verlassen, wenn sie wirklich gesund sind. Unsere Kinder sind mit 23 anderen Kindern in einer Gruppe für Berufstätige. Jeder, der Job und Familie unter einen Hut bringt, weiß, wie froh man um jeden Infekt ist, den Kinder nicht mit nach Hause bringen.

Offenbar ist das aber eine Denkweise, die sich keiner besonders großen Beliebtheit erfreut. Immer wieder erzählen Kinder sich untereinander oder den Kindergärtnerinnen, dass es ihnen in der Nacht davor oder am Wochenende gar nicht gut ging, dass sie Fieber, Durchfall, Erbrechen oder Bauchweh hatten und dass Mama oder Papa ihnen dann morgens Fiebersaft oder ein Zäpfchen verpasst haben, um sie in den Kindergarten zu bringen.

Ich habe großes Verständnis für den Druck, unter dem man in so einer Situation steht. Vielleicht ist die letzte Kind krank-Meldung gerade mal ein paar Tage oder Wochen her, im Büro ist viel zu tun, die Kollegen rollen mit den Augen, der Chef hat einen momentan ohnehin nicht besonders lieb, vor Wochen abgestimmte Termine müssen abgesagt oder verschoben werden. Trotzdem ist das in meinen Augen vollkommen indiskutabel.

Wenn mein Kind so krank ist, gehört es nicht stundenlang in eine laute, quirlige und fremde Umgebung. Dann braucht es Ruhe, jemanden, der guckt, das es genug trinkt, die richtigen Dinge isst, der dem Kind eine Wärmflasche macht, ihm über das Haar streicht oder auch mal mit Nachdruck darauf besteht, dass jetzt eine Pause notwendig ist. Das ist übrigens nicht Aufgabe der Kindergärtnerinnen (wie so viele andere Dinge auch, aber auch das ist ein anderes Thema). Ein krankes Kind gehört nicht in das Bett in der Puppenecke im Kindergarten, sondern nach Hause.

Wenn mein Kind so krank ist, ist es ziemlich wahrscheinlich dass es andere Kinder anstecken wird. Die Probleme, die ich vielleicht dadurch in meinem Job habe, bekommen dadurch viele andere Eltern also eventuell auch. Dann sind da nicht nur ein Chef und fünf Kollegen und zehn Kunden, sondern plötzlich entsteht eine zauberhaftes Schneeballsystem, das man eigentlich eher mit mehr oder weniger zweifelhaften Verkaufsmethoden für Kochtöpfe, Putzmittel und Versicherungen assoziiert.

Wenn mein Kind so krank ist, ist diese Verhaltensweise einfach nur unsolidarisch. Und dumm. Das Kind wird dann an dem einen Tag vielleicht 1-2 Stunden durchhalten, je nach Geduld und Situation in der Gruppe sogar bis zum Mittag. Aber spätestens am nächsten Tag geht es dann nicht mehr. Wozu dann also dieses gedankenlose Verhalten? Nochmal zur Klarstellung: ich rede hier nicht über Husten oder Schnupfen. Wenn da alle Kinder zu Hause blieben, wären 99% aller Kindergärten von Oktober bis März geschlossen.

Gallige Grüße von einer berufstätigen Mutter, die heute das Schildchen „Achtung: Rota-Virus!“ auf der Tafel der Kindergartengruppe ihrer Kinder vorfand.

 

Von der Lust des Älterwerdens

3. April 2016

Meine nächste Gastautorin zum Thema #älterwerden ist die von mir sehr geschätzte @meikelobo.

Älterwerden, das klang für mich immer nach mehr Erkenntnis, mehr Wissen, mehr Verstehen. Nach einem Gefäß, das voll ist und nicht so leer wie ich mich als 25-Jährige fühlte. Damals war ich wenig Mensch, in mir war wenig Identität. Rückblickend kommt es mir vor, als sei ich nur die Hülle eines Menschen gewesen, etwas, das aussieht wie eine Persönlichkeit, aber in Wirklichkeit nur mäßig erfolgreich gesellschaftliche Muster kopiert. Das Studium verlief wie ein Studium eben verlief, meine Partnerschaft war im Alltag glücklich, nach unserem Studium würden wir eine Fernbeziehung haben, weil die Doktorarbeit uns beide in andere Städte trieb, aber wenn wir danach noch zusammen sein würden, würden wir heiraten, irgendwie war das klar. Unser Leben würde im Wesentlichen von unserer Arbeit, wie ich war auch er Naturwissenschaftler, und unserem gemeinsamen Erleben vorherbestimmt werden. Ohne Zweifel.

Bis eine Stimme in mir zu sprechen begann, die mich erst nur leise flüsternd, später immer lauter fragte: „Wer bist Du?“ Immer wieder. „Wer bist Du?“ Im Laufe der Jahre stellte sie immer mehr Fragen und sie wurde immer fordernder in Bezug auf die Antworten. „Wer bist Du? Was magst Du? Was ist der Sinn Deiner Existenz? Warum bist Du wie Du bist?“ Die Fragen ließen sich nicht mehr so einfach fortschieben. Ich hatte auf einmal so viele Fragen an das Leben, dass kein Raum mehr war für Dinge-machen-weil-man-die-eben-so-macht. Kaum vier Monate nach meinem Umzug in eine andere Stadt und zwei Jahre, nachdem ich die innere Stimme zum ersten Mal gehört hatte, verließ ich den Mann, der meine erste große Liebe war, nach über vier Jahren, weil ich merkte, dass er mich bei dem Versuch, Antworten zu finden, zurückhalten würde. Er würde meinen Weg nicht mitgehen, an seiner Seite würde ich meine Neugier auf die Welt, auf mich und meine Sexualität nicht stillen können. Ich war 27.

Meine Empfindungen wurden danach extremer, meine Selbsterkenntnisse größer, meine Lernkurve steiler, meine Lust intensiver. Zwischen den Momenten, die ich mit Männern verbrachte, online und offline, wurde mein Leben eine stetige Selbstanalyse, alles, was ich fühlte, tat und erlebte, jeder Mann, den ich kennenlernte, jeder Liebeskummer, den ich durchlitt, der Verlauf, den mein Leben genommen hatte, alles hinterfragte und analysierte ich. Aus allem, was ich erlebte, wollte ich etwas lernen, eine Erkenntnis gewinnen, kein Schmerz und kein Fehler sollte umsonst gewesen sein. Ich war wild entschlossen, an allem zu wachsen und mich nie mit der naheliegendsten Sichtweise zufrieden zu geben. Altern, das fühlte sich für mich jetzt genau so an wie es sollte: wie ein steter Zugewinn an Klarheit. Immer öfter fand ich jetzt fragmentarische Antworten auf die Frage „Wer bist Du?“ und mir wurde klar, dass Sexualität einen Großteil davon ausmachte.

Um die vermeintlichen Makel meines Körpers hatte ich mir nie viele Gedanken gemacht – nicht zuletzt, weil ich gemerkt hatte, dass den Männern die Frage, ob sich die Frau beim Sex voll und ganz fallen lassen kann, weit wichtiger war als die Einhaltung von BMI, Körbchengrößen, Fettanteil, Anzahl der Schwangerschaftsstreifen und womit sonst schwache Menschen den Fickwert weiblichen Fleisches ausdrücken. Salopp ausgedrückt: Befreite Geilheit übertrumpfte körperliche Makel. Dass meine Haut schlaffer wurde, mein Körper sichtbar alterte, war also geschenkt, ein kurzes Stirnrunzeln, das ich schnell überwand. Auch die vereinzelten grauen Haare, die ich eher belustigt im Spiegel entdeckte, störten mich nicht wirklich.

Fast unmerklich veränderte sich jedoch auch meine Libido, ungefähr ab meinem 34. Lebensjahr. Ich war immer noch Single. Der Hunger ließ ein wenig nach, eine gewisse Müdigkeit, Zeit mit Männern zu verbringen, stellte sich ein. Am Ende lief es ja doch immer nach einem ähnlichen Schema ab, das mir zudem wie eine immer geschmacklosere Sättigungsbeilage für meinen sexuellen Hunger erschien. Plötzlich kam mir das alles nicht mehr so drängend vor, ich verbrachte immer weniger Zeit mit der Befriedigung meiner Bedürfnisse. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass ein Teil dessen, was ich gerade erst als meine Persönlichkeit entdeckt hatte, sich nun anschickte, in Rente zu gehen. Umso mehr als ich kurz danach den Mann kennengelernt hatte, den ich mir immer gewünscht hatte.

Ich hatte immer noch einen, nun ja, gesunden Appetit, aber im Vergleich zu vorher war das Nachlassen spürbar. Wieder musste ich mich neu kennenlernen, und da sich zu allem Überfluss mein Zyklus zu verändern begann, war das nicht ganz einfach. Hatte er früher die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, lebte er zunehmend nach der Devise „Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen“. Dass der weibliche Körper schon lange vor den Wechseljahren damit anfängt, launisch und unberechenbar zu werden, hatte mir nie jemand gesagt. Mein zuvor absolut berechenbarer Körper wurde mir fremd, ich wusste seine Zeichen nicht mehr zu deuten, er bereitete mir plötzlich unangenehme Überraschungen. Das Vorbereitetsein auf diese Überraschungen nahm immer größeren Raum ein, statt ein paar planbaren Tagen im Monat musste ich mich schließlich fast 2 Wochen lang mit der Eventualität, dem Vorspiel und Nachspiel meiner Periode herumschlagen.

In diesem Jahr werde ich 42 und wenn man mich fragte, wie viel von meiner Jugend ich wiederhaben möchte, die Liste wäre trotz allem kurz. All die Verwirrung und Planlosigkeit, die ganze Welt so konfus, die Liebe auch, so viel Unbekanntes an einem selber, von dem man nicht weiß: was ist das, was macht das, darf das da sein, ist das okay, muss ich mich dafür schämen? Wer möchte so etwas ernsthaft wiederhaben, nur für einen straffen Hintern? Ich nicht.

Ich will das nicht beschönigen: Es tat weh, das Altern meiner Sexualität so gnadenlos mitzubekommen und mit ihm die nachlassende Fruchtbarkeit meines Körpers. Aber an meinem bedingungslosen Willen, an meinen Herausforderungen zu wachsen, hat sich nichts geändert. Viele Male stand ich vor dem Spiegel, betrachtete meine veränderten Körperkonturen, die das Alter und 12 nagelneue Kilo, die ich mit mir herumschleppte, seitdem ich nicht mehr rauchte, hinterlassen hatten. Und mit jedem Mal wurde mir der Wert meiner bisherigen Reise, die mit der Frage „Wer bist Du?“ begonnen hatte, bewusster, denn ich zog große Kraft daraus, die Frage beantworten zu können.

Ich weiß heute, wer ich bin und wer nicht, ich bereue nichts in meinem Leben, ich weiß, dass alles irgendwie gut und richtig war, jeder Schmerz und jede Freude, weil alles zu diesem einen Abend geführt hat, an dem ich schöne Musik höre – nebenan der Mann, den ich liebe, und zwei schnarchende Katzen – und mit einem leichten Anflug von nebelfeuchter Melancholie mein bisheriges Leben Revue passieren lasse.

Es ist ein guter Abend, denn ich bin ein glücklicher Mensch.

Über Briketts, Lebertran und Quittenspeck

31. März 2016

Der erste Gastbeitrag zum Thema #älterwerden kommt vom @MannvomBalkon, den ich sehr mag und schätze, so dass ich mich sehr gefreut habe, als er zugesagt hat, einen Text zum Thema zu schreiben.

„Mal umdrehen, bitte“, sagt die Hautärztin. Ich stehe halbnackt in einem Ambulanzzimmer der Uniklinik Magdeburg. Die Ärztin nimmt das Dermatoskop vom Schreibtisch. Fast wischt sie dabei ein Blatt Papier herunter, auf das zwei männliche Figuren gedruckt sind. Eine in Vorderansicht, die andere zeigt den Rücken. Die erste Figur ist bereits mit Punkten, Kreisen und Pfeilen markiert. Die Zeichen sagen: Das hier ist ein Problem. Oder: Das hier könnte demnächst ein Problem werden.

„Was Sie da auf den Schultern haben, das ist eigentlich nichts“, murmelt die Ärztin. „Die Flecken hier, das ist bloß eine seborrhoische Keratose“. Ich blicke fragend über meine rechte Schulter. „Das sind Alterswarzen!“, sagt die Ärztin laut. War da ein spöttischer Unterton?

Ich bin fast fünfzig. Das Haar noch dicht, aber grau. Unter den Klassenkameraden von damals gibt es die ersten Toten. Ich bin nicht mehr schnell. Ich bin nicht mehr leicht. Ich habe einen Sohn, den ich mal mit einem Arm tragen konnte und der nun mich ohne größere Anstrengung zu tragen vermag. Ich glaube noch genau zu wissen, was ich vor 35 Jahren getan habe, aber bei der Erinnerung an den Sommer vor zehn Jahren klaffen Lücken. Wenn ich auf die Welt blicke, bin ich zunehmend verärgert, dass sie sich bewegt.

Älterwerden – oder, weniger kokett formuliert, Altern – bedeutet für mich offenbar, dass ich neue Wörter lernen muss. Dermatoskop. Seborrhoische Keratose. Hypercholesterinämie. Meniskus. Gleitsichtbrille. Ich sehe mit Befremden, dass ich in einen Wortschatz hineinwachse, mit dem ich Teil einer dieser merkwürdigen Tischrunden Älterer werden könnte, in denen man sich damit überbietet, was denn jetzt schon wieder weh tut oder nicht mehr funktioniert.

Je mehr neue Wörter ich aber zu lernen habe, desto mehr alte Wörter scheinen übrig zu bleiben. Es sind rührend vereinsamte Wörter, irgendwann aus der Sprache herausgefallen. Wörter, deren Gebrauch bei immer mehr Menschen, die ich treffe, zu Belustigung führt. Begriffe, die den Gegenstand, den sie beschreiben, verloren haben, ihn aber zumindest für alle, mit denen ich aufgewachsen bin, noch jederzeit aufleuchten lassen können wie ein Dia auf einer Leinwand. Genau, „Dia“ ist selbst eines dieser Wörter, ein Überbleibsel aus dem analogen Zeitalter. Schreckensbesetzt für jeden, der je einen zweistündigen „Diavortrag“ eines aus dem Urlaub zurückgekehrten Hobby-Fotografen erdulden musste.

Das ist nämlich das Eigentümliche an diesen Wörtern: Hinter ihnen versteckt sich ein Mini-Universum von Sinneseindrücken und Emotionen, das plötzlich aufgespannt wird, sobald jemand den Begriff verwendet. Die alten Wörter werden zum Portschlüssel, mit dessen Hilfe man in die Geschichte reist. Und zum Code, mit dem sich Menschen meines Alters einander zu erkennen geben. Man kann das sehr schön testen, wenn man eines dieser Wörter in einem beliebigen Zusammenhang etwa auf Twitter verwendet und nachschaut, wer dann den Tweet mit Stern oder Herz markiert.

Wer nutzt schon noch ernsthaft den Begriff „Brikett“, mit dem sich vor einigen Jahren wenigstens noch klumpige elektronische Geräte oder Grace-Jones-Frisuren vergleichen ließen? Briketts, das waren jene Barren aus gepresster Braunkohle, einige mit dem aufgeprägten Markennamen „Rekord“, von denen man für die Erdgeschoss-Wohnung der Großeltern zwei Mal täglich einen Eimer aus dem Keller holen musste. Jener Keller, dessen Wände mit rußigen Spinnweben verhängt waren und in dem Regale mit „Weckgläsern“ standen, ebenfalls mit einer Schicht aus Kohlenstaub bedeckt. Weckgläser. Noch so ein Wort. Der Vorrat an „Eingemachtem“, an verblassten Sauerkirschen, knochenharten Birnenspalten, matschigen Erdbeeren. Niemand, der noch bei Verstand ist, würde heute Erdbeeren aus der Konserve essen. Aber das Wort „Weckglas“ weckt wieder auf, wie das Zeug damals schmeckte. Und weiter gehen die Gedanken. In der Oberschule gab es für jeden Teilnehmer an der Blutspende-Aktion ebenfalls ein Glas in Zuckerwasser eingekochter Erdbeeren – eine Ware, die so nicht im Handel war. Ich musste mein Glas beiseite stellen, um eine Mitschülerin namens Katrin aufzufangen, die nach der Blutentnahme plötzlich bewusstlos zusammensackte. Jede Körperspannung fehlte ihr, ich konnte sie nicht halten, nur verhindern, dass sie mit dem Kopf auf dem Steinboden vor dem Frauenruheraum aufschlug. Die Assoziationen rollen, nur weil ein einziges Wort gebraucht wurde.

Oder kann noch jemand etwas mit dem Begriff „Lebertran“ anfangen? Mutet heute jemand ernsthaft diesen Presssaft aus Fischinnereien sich selbst oder seinem Kind zu, um dessen Knochenbildung zu stärken? Im Vorschulalter war Lebertran so ziemlich das Widerlichste, was ich mir vorstellen konnte. Selbst der Hustensaft aus Buchenteer nahm sich dagegen wie eine verführerische Delikatesse aus. Ich bekam den Tran wohl vom Orthopäden verordnet, der damit auf eine mir nicht schlüssige Weise die Therapie meiner allzu flach geratenen Füße unterstützen wollte.

Gegenentwurf zum Lebertran war dann allerdings der Multi-Vitaminsaft „Travidyn“, im Kindergarten jeden Tag nach dem Mittagessen gereicht, ein dickflüssiges, zuckriges Zeug, das aus der Literflasche auf einen Löffel gegossen wurde, den die Erzieherin dann reihum allen Kindern der Gruppe in den Mund steckte. Eine Auffassung von Hygiene, die heutige Propeller-Eltern zu heftigem Flattern bringen würde. Tatsächlich hatte ich als ungefähr Fünfjähriger den Geburtstagswunsch nach einer eigenen Flasche Travidyn, nur für mich, genauso, wie ich mir eine Dose Ananas wünschte, die ich ganz allein essen konnte, ohne sie mit jemandem teilen zu müssen.

Die Gedankenkette, die bei „Lebertran“ beginnt, führt mich also über „Travidyn“ zurück in den Kindergarten am Weißen See, zu den Papp-Liegen für den Mittagsschlaf, zur nach Tabak riechenden Hand der Kindergärtnerin auf meiner Stirn, die mich beruhigen sollte, vor der ich mich aber so ekelte, dass ich mich angestrengt schlafend stellte. Am Nachmittag stach sich Steffen A. an einer Distel und Frank D. war immer der einzige, der beim Indianerspielen der Cowboy sein wollte. Ines K. wurde von einer Hornisse in die Stirn gestochen, und weil ich mir noch nicht allein die Schuhe zubinden konnte und deswegen im Flur sitzen bleiben musste, half mir Sabrina R. mit den Schnürsenkeln, damit ich ins Freie durfte.

Dickmilch, Hausbrand, Speisekammer, Handwagen, Hackklotz, Milchsuppe, Bohnerwachs, Plätteisen, Fahnenhalter, Rollfilm, Nachtspeicherofen, Telegramm, Dachantenne, Trockenschleuder, Teppichstange, Kohlenzange, Quittenspeck.

„Das da an ihrer Hüfte, das ist ein pendulierendes Fibrom“, erklärt die Hautärztin. Sie würde das entfernen lassen. Und dieses eine Muttermal am Innenfuß ebenso. Das andere neben dem Bauchnabel müsste man im Auge behalten. Bis zur nächsten Früherkennungs-Untersuchung in zwei Jahren. Ich ziehe mir das Hemd über die Haut, aus der ich nicht heraus kann, und verabschiede mich. Im Gedächtnis ein paar neue Begriffe, von denen ich in der nächsten Stunde einige wieder vergessen werde, wenn ich sie nicht auf Google nachschlage.

Älterwerden heißt für mich also, neben den zahlreicher werdenden körperlichen Misslichkeiten: Ich fremde mich mit Wörtern an. Die neuen betrachte ich mit scheelem Blick, die alten mit einem Kopfschütteln, weil sie mir sagen, dass alles, wofür sie stehen, immer länger her ist.
Am Ende werde ich an irgendeinem Fenster sitzen, als wunderlicher Greis. Die neuen Wörter wird man mir auf einen Zettel schreiben müssen. Die alten beherrsche ich noch, aber ich bin dann ganz allein mit diesen sperrigen Klunkern aus dem Sprachschatz, die man anderen ständig erklären muss. Kaum jemand mehr da, der damit etwas verbindet, jemand, mit dem man sich mit diesen Wörtern unterhalten könnte. Dann gehören sie nur noch mir.

#älterwerden

29. März 2016

Meine diesjährige Blogaktion wird in diesem Jahr etwas anders als sonst. Ich habe darauf verzichtet, mir den zehntausendsten Schreibmalfotozeichenirgendwaswettbewerb auszudenken und mich stattdessen dazu entschieden, ein paar Menschen dazu einzuladen, sich mit dem Thema Älterwerden auseinanderzusetzen.

Dieses Thema beschäftigt mich schon seit längerer Zeit und interessanterweise ist es offensichtlich so, dass es nicht nur mir so geht. In persönlichen Gesprächen ist die Reaktion oft sehr ähnlich: entweder wird das Thema direkt komplett abgewehrt oder zunächst ins Lächerliche gezogen. Wenn man dann aber weiter dran bleibt, stellt man sehr schnell fest, dass die Gedanken, Vorstellungen und Ängste oft sehr ähnlich gelagert sind.

Wir alle werden älter und ich habe das Gefühl, dass dieser Umstand für viele Menschen ein Tabuthema ist oder zumindest etwas, das man gerne verdrängt. Das ist eigentlich erstaunlich (oder eben auch nicht), weil die zunehmende Vergreisung unserer Gesellschaft ein relevantes Thema ist, mit dem wir alle uns werden auseinandersetzen müssen. Ich möchte gerne wissen, was dieses Thema mit euch macht, welche Aspekte euch besonders beschäftigen, ängstigen oder worauf ihr euch freut.

Im Idealfall entsteht durch die Texte und die hoffentlich zahlreichen Kommentare dazu eine Art Kompendium für alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen möchten.

Ich werde hier in diesem Beitrag alle Texte zum Thema verlinken und freue mich über Hinweise zu Texten, die vielleicht noch an anderen Stellen entstehen werden. Den Anfang mache ich direkt selbst mit meinem Text Über die Unsinnigkeit des Haderns.

Weitere Beiträge:

Über Briketts, Lebertran und Quittenspeck vom @MannvomBalkon

Das Leben ist schön von @brunoremix

#älterwerden von @wortmix

Von der Lust des Älterwerdens von @meikelobo

Alt und krank – taugt Ü50 noch? von Tina

Alt? Das sind doch immer nur die anderen… von Jaelle Katz

Das Alter – unendliche Weiten von @krangewage

#Älterwerden – Das Altern der Eltern von @Die_Mutti

Von jungen Hüpfern und alten Säcken von Nicolai Levin

Almost Fourty – ein Hoch auf die Zukunft von Kai van Heldth

Weise oder giftig ist die Frage von AgatheXX

#älterwerden von @alexmatzkeit

Bald drängele ich auch an der Kasse von @Mama_arbeitet

Altern: wie kann ich gut altern, wenn ich nicht alt werden möchte von Tollabea

alt. von @dorothy_jane

Club der alten Säcke von @VolkerK_

Alt wie ein Baum von Karen

Die alte Frau von @Teufelsküche

Ü70 – na und..!? von wvs

Wachsen, reifen, entwickeln – #älterwerden von @theRosenblatts

Gezeiten der Veränderung von @aufden2tenblick

Von der Schönheit von Lakritze

In diesem Sinne,

Ihre Frau Quadratmeter

Über die Unsinnigkeit des Haderns

29. März 2016

Dieser Text gehört zu meiner diesjährigen Blogaktion #älterwerden. Ich habe mehrere Autorinnen und Autoren dazu eingeladen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Weitere Informationen dazu findet ihr HIER.

Ich zähle zu den Menschen, die eher selten mit sich und der Welt hadern. Mein Glas ist meistens halb voll und nicht halb leer, ich bin glücklich und gesund, kann mich immer wieder für Neues begeistern und habe in meinem Leben vieles von dem erreicht, was ich mir einmal vorgenommen hatte. Wenn es mal schwieriger wird, habe ich den unerschütterlichen Optimismus einer Wüstenpflanze.

Für diese ganzen Umstände bin ich dankbar und mache sie mir auch immer mal wieder bewusst -schon allein wegen des kleinen Aberglaubens, der tief in mir wohnt, dass mir oder meinen Lieben etwas Böses widerfahren könnte, nur weil ich mein Glück nicht zu schätzen wusste.

Vielleicht ist es genau dieses Lebensgefühl, dass mich irgendwann so mit dem Älterwerden hat hadern lassen. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das genau begann. Es war ein schleichender Prozess, den ich zunächst verdrängte, weil mir die damit zusammenhängenden Gedanken so ungewohnt düster und schwer vorkamen, dass ich sie nicht registrieren wollte.

Mit 20 war ich der Meinung, dass die ganze Welt mir gehört. Mit 30 war ich der Ansicht, dass ich jetzt erst so richtig weiß, wie der Hase eigentlich läuft. Mit 40 war ich sehr zufrieden, dass ich nicht mehr 30 bin und dass mir auch diese runde Zahl so gar keinen Eindruck macht.

Älterwerden hat ja den sehr positiven Effekt, dass man viele Dinge schon einmal gesehen und gehört oder erlebt hat, die Erfahrung hat einen schon so manches gelehrt und in vielen Situationen hat man eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie eine Sache ausgehen wird. Das hat mich nicht davon abgehalten, dennoch einige unsinnige Dinge zu tun, bei denen ich vorher hätte wissen können, dass sie eigentlich vollkommen blödsinnig sind. Ich habe sie trotzdem getan – und würde die meisten von ihnen wieder tun.

Weniger erfreulich ist der physische Aspekt. Ich werde nie den Tag vergessen, als ich wegen starker Schmerzen im Fußgelenk zum Arzt ging, der dann eine altersbedingte Arthrose im Sprunggelenk diagnostizierte. Oder die Frage meiner Optikerin nach altersbedingten, hormonellen Veränderungen, die meine abnehmende Sehkraft hätten erklären können. Ich bin nun offensichtlich in einem Alter, in dem ich mir öfter mal anhören muss, dass gewisse Dinge degenerativ bedingt sind. Spaß macht das nicht, vor allen Dingen dann nicht, wenn das gefühlte Alter so gar nicht zum Alter laut Geburtsurkunde passen will.

Glücklicherweise guckt mir im Spiegel immer noch das Gesicht entgegen, das mich schon vor 20 Jahren angesehen hat. Ich habe nie meine Stirnhaut nach oben und die der Schläfen zur Seite gezogen, um mal zu sehen, ob ich dann irgendwie besser aussehe. Ich sehe ein paar Falten und hin und wieder mal ein graues Haar, die berühmten Weihnachtspfunde wieder loszuwerden war früher irgendwie einfacher, aber ansonsten ist da nichts, was mich wirklich stören würde. Im Zweifelsfall gibt es auch hierfür wieder irgendeine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass man sich im Spiegel ganz anders sieht als man eigentlich ist. Sei`s drum, für mich passt es so.

Um so gravierender war für mich die an sich nicht erstaunliche Erkenntnis, dass ich mit einigermaßen vernünftigem Lebenswandel und einigem Glück maximal noch einmal die gleiche Lebensspanne vor mir habe, bevor ich sterbe. Das mag jetzt profan und vielleicht auch etwas albern klingen und mein jüngeres Ich hätte wohl auch nur müde eine Augenbraue hochgezogen, um sich dann einem anderen, spannenderen Thema zu widmen.

Mich aber hat das vorübergehend vollkommen aus der Bahn geworfen. Das war für mich so schwer zu fassen und gleichzeitig auch so intim und überfordernd, dass ich darüber lange mit niemandem gesprochen habe. Auch hier und jetzt fällt es mir schwer, dieses Gefühl der Ohnmacht und des Entsetzens in Worte zu fassen, dass mich in diesen Momenten überkam. Auf einmal war ich wieder 10 Jahre alt und saß nachts heulend in meinem Kinderbett, weil ich plötzlich begriff, dass meine Eltern immer älter werden und dann eines Tages sterben müssen. Mich hat das Thema zeitweise so beherrscht, dass ich täglich daran denken musste, nachts nicht schlafen konnte und an schlimmen Tagen heimlich heulend in irgendeiner Ecke saß, damit niemand etwas bemerkte.

Da waren zum einen die irrationalen Ängste, die vermutlich alle Eltern kennen. Die Sorte Ängste, die einen nachts ereilen, wenn der Rest der Familie friedlich schläft und eigentlich alles, warm, weich und behaglich um einen herum ist. Werde ich immer gesund genug sein, um für meine Kinder da zu sein, solange sie mich brauchen? Was, wenn ich auf der Strecke plötzlich eine schlimme Krankheit bekomme, die mich extrem beeinträchtigt oder die gar lebensbedrohlich ist?

Zum anderen fragt man sich, wie man altern wird. In unseren Familien werden die Menschen steinalt und sterben dann irgendwann hochbetagt. Was aber, wenn man irgendwann nicht mehr laufen kann? Was, wenn man dement wird? Wer öffnet mir irgendwann das neue Marmeladenglas und trägt mir den Wasserkasten nach oben? Werde ich im Supermarkt stehen und fremde Menschen um Hilfe bitten müssen, weil ich mich nicht mehr bücken kann? Wird mein Kopf irgendwann langsamer werden, so dass ich Zusammenhänge langsamer oder gar nicht mehr erfasse? Wird mir selbst das überhaupt auffallen? Werden unsere Kinder uns irgendwann pflegen müssen? Wie werden unsere eigenen Eltern weiter altern?

Irgendwann habe ich unabhängig voneinander mit zwei mir sehr lieben Menschen über das Thema gesprochen, beide ungefähr in meinem Alter. Und ich war sehr erstaunt und erleichtert, dass beide sofort wussten, was ich meine, wie es mir geht und wie sich das anfühlt, weil sie ebenfalls so eine Phase durchlaufen hatten. Einer der beiden hatte sogar recherchiert, dass es auch hierzu Studien gibt. Ich empfand diese Gespräche als ungeheuer tröstlich und tue es noch. Wir haben viele Stunden über das Älterwerden und über den Tod als letzte Konsequenz gesprochen und seitdem hat dieser Aspekt für mich überwiegend seinen Schrecken verloren. Es ist eine unverändert unerfreuliche Tatsache, aber ich kann damit mittlerweile ganz gut umgehen.

Ich habe sehr viele Dinge nicht oder nur ansatzweise angesprochen: die Angst vor Krankheit, Hilflosigkeit oder Einsamkeit. Die Frage, wie Perspektiven sich verschoben haben und ganz sicher auch in Zukunft noch verschieben werden. Man könnte über Sinn und Unsinn des medizinisch Machbaren reden. Über Gefühle und Beziehungen: zum Partner, zu den Kindern, zur Familie und zu Freunden. Über Ziele, die man sich setzt und Träume, die man sich erfüllen möchte. Über verpasste einmalige Gelegenheiten und die Frage, was gewesen wäre, wenn. Über den Wert von Erinnerungen, ihre Verlässlichkeit und die Frage, wie Erinnerungen sich im Laufe der Jahrzehnte verändern. Man könnte diese Liste noch ewig fortsetzen.

Aber ich lasse das so stehen. Zum einen werden hier in den nächsten Tagen noch andere Menschen zu Wort kommen, die ihren eigenen, das Thema bereichernden Blick auf die Dinge haben. Zum anderen habe ich das unbestimmte Gefühl, dass da draußen viele Menschen sind, denen es ähnlich geht und denen diese Zeilen vielleicht helfen, das Hadern sein zu lassen. Ich bin davon überzeugt, dass das Älterwerden ein Thema ist, das wir bisher viel zu sehr zur Seite geschoben haben. Das ist nicht besonders klug. Und das hat ein so wichtiges Thema eigentlich auch überhaupt nicht verdient.

Und nun hadern Sie nicht so, das macht nur Falten!

In diesem Sinne,

Ihre Frau Quadratmeter

Der Zwerg 

5. März 2016

Eines Tages im November lief er zu seiner Mutter und bat sie um einen Zwerg, ganz klein sollte er sein, selbst genäht und blau mit grüner Mütze. Seine Mutter wollte nicht so recht, er sei doch eigentlich schon zu groß, fast schon ein Schulkind. Was das denn solle. Und überhaupt, sie könne nicht besonders gut nähen. Er aber blieb beharrlich, hing an ihrem Arm und bat und schmeichelte und bettelte so lange, bis dass sie ihm mit einer seltsamen Mischung aus Verlegenheit, Verärgerung und Liebe versprach, seinen Zwerg zu nähen.
Als er abends dann in seinem Bett im angrenzenden Zimmerchen lag und schlief, suchte sie Nadel, Garn und kleine Stoffreste und nähte den Zwerg. Er war blau, hatte eine grüne Mütze und sein Gesicht war aus einem Filzrest, auf den sie Augen, Nase und Mund stickte. Als sie ihn zusammengenäht, ausgestopft und die letzten Stiche vernäht hatte, stand er reichlich schief und unbeholfen auf der Tischplatte und alles Zupfen und Drücken half nichts, er wollte nicht in eine angemessene Form geraten. Etwas ratlos sah sie den Zwerg an, dann erhellte sich ihr Gesicht und sie durchsuchte die alte Zigarrenkiste in der Anrichte, fand dort ein kleines Glöckchen und nähte es dem Zwerg an die Spitze seiner Zipfelmütze. Dann ging sie leise in das kleine Zimmer und legte ihm den Zwerg auf sein Kopfkissen.

Von jenem Tag an gehörte das leise Klingeln des Glöckchens zu ihren Nächten und man weiß nicht, wen von beiden das Geräusch mehr beruhigte.

Wort zum Montag

29. Februar 2016

Der Beitrag ist schon ein paar Tage alt, das ändert aber nichts an seiner Aktualität.

Ich hatte den Link heute früh schon getwittert, aber ich weiß ja, dass kein Mensch an einem Montagmorgen Zeit für 6:22 Minuten hat. Daher poste ich ihn  einfach noch einmal hier:

https://amp.twimg.com/v/f539b85d-9490-4677-a305-5faf3b489a1f

 

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