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Zeigt her eure Taschen!

12. April 2015

Tascheninhalt

 

Ich wollte eigentlich nicht mehr. Wirklich nicht. Aber da ich Traditionen mag und da am Ende des Tages jedes Mal sehr spannende Einsendungen dabei waren, findet auch in diesem Jahr und zum mittlerweile 5. Mal meine jährliche Blog-Mitmachaktion statt.

Dieses Mal ist es ganz einfach: ich möchte wissen, was ihr in euren Taschen habt. Hosentasche, Jackentasche, Handtasche, Arzttasche, Hundetasche, Einkaufstasche – sucht euch was aus. Mailt mir bis zum 30. Mai 2015 ein Foto an meterhochzwei[AT]googlemail.com, wenn gewünscht mit kurzer Erläuterung, Verlinkung zu eurem Blog, Twitteraccount oder was auch immer und ich stelle alle eingesandten Fotos Anfang Juni hier online.

Noch einige Hinweise:

1. Bittebitte schickt mir nach Ablauf nicht immer diese frustrierenden Mails, in denen ihr mir mitteilt, dass ihr ja so gerne mitgemacht hättet, aber der festen Überzeugung wart, dass es schon so viele Einsendungen gab, dass es sonst viel zu viel geworden wäre. Das geht so nun schon seit 4 Jahren und ist einfach totaler Quatsch!

2. Im letzten Jahr hatte ich das Glück, einen Sponsor zu finden, so dass ich einen Preis ausloben konnte. Vielleicht findet sich ja auch dieses Mal jemand, der einen Preis zur Verfügung stellen möchte? Dann werden nach Einsendeschluss alle Bilder zunächst anonymisiert und hier zur Abstimmung eingestellt.

3. Da mein Twitteraccount nicht mehr aktiv ist, hat mein Blog leider nicht mehr die sehr komfortable Reichweite wie bisher. Deshalb freue ich mich in diesem Jahr ganz besonders über Hinweise in Blogs, bei Twitter, Facebook oder wo auch immer.

In diesem Sinne viel Spaß,

Eure Frau Quadratmeter

 

P.S.: Ich habe übrigens keine Ahnung, wieso sich in meiner Jackentasche eine blaue Wäscheklammer befand.

Lasst sie einfach in Ruhe

8. April 2015

Mutter sein ist ja so ein bisschen wie Bundeskanzlerin sein. Oder Papst. Man hat irgendwie immer was zu sagen. Offensichtlich erwirbt man als Mutter mit der Geburt eines Kindes automatisch die Berechtigung, zu so ziemlich jedem Thema eine Meinung haben zu dürfen.

Die letzten Jahre meines Lebens waren prall gefüllt mit unaufgeforderten Meinungen, Ratschlägen, nicht abgesprochenen Interaktionen mit unseren Kindern und mehr oder minder schrägen Geschichten über die eigenen Kinder. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Gerne nutze ich also heute mal die Gelegenheit, ein eigenes Blog zu haben, um auch mal unaufgefordert einige Ratschläge loszuwerden. Und damit es glaubwürdiger rüberkommt, wechsle ich dafür ausnahmsweise und vorübergehend in den ironiefreien Modus:

Unsere Kinder waren in den ersten Lebensjahren unglaublich schüchtern. Abgesehen von der obligatorischen Fremdelphase, die alle Kleinkinder mehr oder weniger ausgeprägt durchlaufen, waren unsere Kinder auch bei Menschen schüchtern, die sie gut kannten, egal ob Kind oder Erwachsener. Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, irgendwo ziemlich unbeweglich zu sitzen oder zu stehen, weil sich unter meiner Jacke oder hinter meinen Beinen zwei Kinder versteckten. Keine Kinderwurst beim Metzger, kein Luftballon beim Kinderarzt, kein Bonbon bei der Nachbarin, kein Spielzeug in der Spielgruppe konnte unsere Töchter dazu bewegen, Kontakt aufzunehmen, sich von mir zu lösen oder auf Fragen zu antworten.

Wir haben das nicht verstanden. Mein Mann und ich sind beide sehr aufgeschlossene Menschen, die in so ziemlich jeder Situation leicht mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. Es war für uns vollkommen unbegreiflich, warum ausgerechnet wir zwei Kinder haben, die so anders sind als wir. Bei Zwillingen greift ja gerne das Argument, dass da viele Dinge ohnehin anders sind, sie haben ihr eigenes Tempo, sie sind auf Dritte nicht so angewiesen usw.

Mittlerweile haben wir zwei Kinder, die alles lautstark kommentierend durch diese Welt gehen, die höflich, aber bestimmt ihre Kinderwurst an der Theke erbitten, den Kinderarzt an den vergessenen Luftballon erinnern, mit anderen Kindern spielen, auf Fragen antworten und die ihre Schüchternheit mittlerweile fast komplett abgelegt haben. Die klassische Auftauphase dauert 5-15 Minuten, danach siegt die Neugierde.

Im Nachhinein bin ich mir recht sicher, dass diese etwas nervenaufreibende Zeit für alle Beteiligten entspannter verlaufen wäre, wenn sich alle – wir bisweilen eingeschlossen – an bestimmte, eigentlich leicht nachvollziehbare Regeln gehalten hätten:

  1. Lassen Sie ein schüchternes Kind einfach in Ruhe! Wer klein und schüchtern ist, möchte nicht dauernd angesprochen werden, sondern erst einmal ganz in Ruhe die Lage sondieren. Unaufgefordertes in den Arm nehmen und Küssen ist übrigens so ziemlich das Schlimmste, was man in so einer Situation tun kann, das gilt auch und insbesondere für Tanten, Omas und sonstige Kussmonster.
  2. Kinder sind sehr sensibel. Sie haben feine Antennen und merken ganz genau, dass ihr Verhalten registriert und kommentiert wird. Sie bemerken auch die vielsagenden Blicke, die vorzugsweise zwischen anderen Müttern ausgetauscht werden.
  3. Auch wenn es schwer fallen mag: bitte schieben Sie Ihr schüchternes Kind nicht mit einem wohlmeinenden „Nun geh doch mal mit Max spielen!“ nach vorne. Ich habe diesen Fehler gemacht und bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass das das Allerblödeste war, was ich in dieser Situation tun konnte. Zwei kleine Salzsäulen hinter meinen Beinen können nicht irren.
  4. Reagieren Sie gelassen auf Kommentare oder Sprüche anderer Menschen. Wenn Sie unentspannt reagieren, tut Ihr Kind das auch. Ihr Kind braucht aber keine Mama, die sich innerlich die Haare rauft, sondern eine Mama, die sich schützend davor stellt. Ja, Ihr Kind ist noch schüchtern. Aber das ist überhaupt nicht schlimm!
  5. Leben Sie Ihrem Kind ohne langatmige Erläuterungen vor, wie Kommunikation funktioniert. Irgendwann sagt auch Ihr Kind zum ersten Mal leise „Hallo“ oder winkt jemandem schüchtern zum Abschied. Wir haben viel mit dem Telefon „geübt“, wenn es um Begrüßungen und Verabschiedungen ging. Mittlerweile kann ich nur noch in Ruhe telefonieren, wenn die Kinder nicht da sind, weil sie meinen Gesprächspartnern unbedingt noch ganz wichtige Dinge erzählen müssen. Und im Auto sitzen die beiden Damen wie die Königin von England in ihren Kindersitzen und winken allen Menschen, die sie sehen, um dann empört zu kommentieren, wer nicht zurückgewunken hat.
  6. Suchen Sie sich aus, mit wem Sie sich verabreden. Weniger ist mehr. Es muss nicht der Spielkreis mit mehreren Kindern und ihren Müttern sein. Und Zuhause fühlen schüchterne Kinder sich sicherer als zu Besuch bei einem anderen Kind. Ich hatte das Glück, eine nette Mutter kennenzulernen, deren großer Sohn als Kleinkind ungeheuer schüchtern war. Wir haben uns regelmäßig verabredet, erst bei uns, dann bei ihr. Mittlerweile bleiben beide Kinder dort problemlos auch über eine längere Zeit, auch ohne mich.
  7. Nehmen Sie die Schüchternheit einfach als gegeben hin. Ihr Kind ist das tollste Kind der Welt – und das genau so wie es ist!
  8. Geben Sie Ihrem Kind Zeit. Wer klein ist, hat ohnehin ein anstrengendes Leben. In den ersten Lebensjahren gibt es unendlich viele Dinge, die erlernt, erkundet und perfektioniert werden wollen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und braucht liebevolle und geduldige Eltern, die es dabei unterstützen.
  9. Schüchternheit kann man übrigens auch positiv sehen: meine Mutter erzählt heute noch mit Grausen, dass ich mich als kleines Kind jedem wildfremden Mann mit einem strahlenden „Papaaaaa!“ an den Hals geworfen habe
  10. Und zum Schluss mein Lieblingsratschlag: hören Sie bitte auf zu googeln!

Einige Anmerkungen zum Thema Analogbotschaft

10. Februar 2015

Zum Thema Analogbotschaft und Christian A. Franke aka @turbozopf bzw. @arschhaarzopf ist in den letzten Tagen wieder reichlich geschrieben worden.

Das Thema nervt, glaube ich, mittlerweile so ziemlich jeden, der davon schon mal gehört hat. Wenn Sie nicht twittern und/oder keine Lust auf das ganze Theater haben (wofür ich großes Verständnis hätte), verlassen Sie diese Seite jetzt einfach am besten oder lesen Sie stattdessen doch mal meinen Text zum Thema Kriegskinder inklusive der dazugehörigen Kommentare.

Ich war eine der Autorinnen bei der Analogbotschaft und ich war auch eine der Unterzeichnerinnen des offenen Briefes an Christian, der inklusive seiner Antwort und unserer zweiten Nachfrage auf http://analogbotschaft.wordpress.com nachzulesen ist. Auf dem verlinkten Blog steht ziemlich detailliert, was da genau los war, insofern gibt es eigentlich keine Notwendigkeit, das hier noch einmal in epischer Breite zu wiederholen. Ich empfehle jedem Interessierten, die dort veröffentlichten Texte einfach mal in Ruhe nachzulesen.

Aber was ist denn nun mit den Abrechnungen für die Autoren, aus denen hervorgeht, wie viele Karten verkauft worden sind? Was ist denn mit den Überweisungen, die Christian sukzessive vornehmen wollte? Die Belegexemplare erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, wirklich von Belang sind sie nicht.

Ich warte immer noch darauf, dass sich ein Autor meldet, der von einem Geldeingang auf seinem Konto berichten kann. Und ich finde es 4,5 Monate nach dem offenen Brief vollkommen legitim, das weiter zu hinterfragen. So eine Angelegenheit mag sich im Laufe der Zeit thematisch abnutzen und nerven. Aber nervig daran finde ich nicht das Nachfragen an sich, sondern den Umstand, dass Christian seine gemachten Zusagen ja ganz offensichtlich immer noch nicht eingehalten hat.

Hier geht es übrigens nicht um Geldgeilheit. Meine Erlöse beispielsweise sollten komplett der DKMS zugute kommen. Viele andere Autoren hatten als Verwendungszweck karitative Organisationen angegeben. Die Liste konnte man auf der Internetseite der Analogbotschaft einsehen.

Dann gibt es noch den ziemlich beliebten Hinweis auf die verletzte Eitelkeit der Autoren. Hier kann ich nur ein müdes Schulterzucken einfügen. Es kann ja jeder die Motive eines anderen interpretieren wie er mag. Mich erinnert es etwas an die immer wiederkehrende Diskussion über die sogenannten Elite-Twitterer. Es führt zu nichts, agitiert aber immer wieder schön die Massen.

Vieles an dieser Angelegenheit finde ich nur noch ärgerlich und peinlich. Mich nerven die reflexhaften Wadenbisse einiger Follower von Christian genauso wie die teilweise vollkommen unsachlichen Nonmentions beider Seiten. Ich finde den Fake-Account albern, ebenso aber auch diverse angebliche Bedrohungsszenarien.

Meine ganz eigene Meinung habe ich übrigens zu den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die hinter den Kulissen laut geklagt und gewettert haben, dann aber nicht den Mumm hatten, ihre Meinung öffentlich kund zu tun.

Der insgesamt unsachliche Umgang mit dem Thema mag für einige der Beteiligten einen gewissen Unterhaltungswert haben, ändert aber nichts an den sachlich belegbaren und bereits im September dargelegten Fakten. Und er führt zu nichts.

Für mich war die gesamte Angelegenheit sehr lehrreich und ich habe einige Menschen hinter ihren Accounts auf eine Art und Weise kennengelernt, die ich so vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Ich spare mir den frommen Wunsch einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Die wird es weiterhin nicht geben.

Das Einzige, was mich jetzt noch einigermaßen überraschen könnte, wäre eine Überweisung von Christian.

Über Kriegskinder und Kriegskindeskinder

5. Februar 2015

“Wir sind ja nicht auf der Flucht!” Diesen Satz sagte kürzlich eine nette ältere Dame, die vor mir an der der Supermarktkasse stand. Und wie das mit einzelnen Sätzen manchmal so ist, setzen sie auf einmal ungeahnte Dinge in Gang. Ich weiß nicht, woher der Spruch eigentlich genau stammt und auch eine (zugegebenermaßen nicht besonders fundierte) Internetrecherche brachte mich nicht weiter. Ich persönlich assoziiere damit insbesondere bei älteren Menschen Flucht und Vertreibung – etwas, wovon Millionen Menschen im 2. Weltkrieg betroffen waren. Zitat Wikipedia: „Das Statistische Bundesamt ermittelte 1950 eine Gesamtzahl von etwa zwölf Millionen Vertriebenen in den beiden deutschen Staaten. Aufgrund der Differenz zwischen der Wohnbevölkerung der Vertreibungsgebiete Ende 1944 und den 1950 erfassten Vertriebenen ermittelte das Statistische Bundesamt 2,2 Millionen „ungeklärte Fälle“, die als „Vertreibungsverluste“ oft mit Todesopfern gleichgesetzt werden. Das Bundesarchiv berichtete 1974 von mindestens 600.000 bestätigten Toten in unmittelbarer Folge der Verbrechen im Zusammenhang mit der Vertreibung.“

Was mich seit längerer Zeit ganz generell beschäftigt, ist die Frage, welche Auswirkungen der 2. Weltkrieg nicht nur auf unsere Großeltern und Eltern hatte, sondern auch auf uns als Kinder. Ich persönlich habe Eltern, die in den 40iger Jahren geboren worden sind, mein Schwiegervater wurde 1936 geboren. Sie alle haben den Krieg miterlebt und auch seine umfangreichen Nachwirkungen.

Vermutlich ist es der Umstand, dass meine Geschwister und ich ein schwieriges, emotional sehr distanziertes Verhältnis zu unseren Eltern haben, der mich immer wieder und immer mehr geradezu zwanghaft dazu bewegt hat, mich mit den Gründen dafür auseinander zu setzen. Auch ist es so, dass der Umstand, eigene Kinder zu haben, viele Perspektiven verschiebt oder überhaupt erst die Fähigkeit hervorbringt, sich in Situationen hineinzuversetzen, die einem vorher vollkommen fremd gewesen sind.

Aus einem privaten Vieraugengespräch mit jemandem, dessen Eltern Mitte der Dreißigerjahre geboren wurden, entwickelte sich auf einmal eine Frage, die ich mir vorher so noch nie gestellt hatte und die mich nicht mehr los liess: Welchen Einfluss hat die Kindheit unserer Eltern eigentlich auf uns, die wir in den 60iger- und 70iger-Jahren geboren worden sind? Woher kommt es eigentlich, dass es in dieser Generation so viele Kinder gibt, die zu ihren Eltern ein distanziertes, ein schwieriges oder schlimmstenfalls gar kein Verhältnis mehr haben? Erst viel später habe ich festgestellt, dass es dazu ganze Bücher gibt, Vereine und Foren, die sich damit auseinandersetzen (Buchhinweise und Links folgten am Ende dieses Artikels).

Ich habe daraufhin einige Gespräche im Freundeskreis geführt, deren Fokus auf eben jenen Erlebnissen der Eltern während des Krieges lag. Und jeder einzelne meiner Gesprächspartner reagierte identisch: zunächst erstaunt und etwas unsicher, dann aber sehr schnell begreifend, wie wichtig dieser Aspekt auch für die Biographien unserer Generation und das Begreifen der Biographien unserer Eltern sein kann.

In meiner Familie war es so, dass es von den Großeltern zum 2. Weltkrieg relativ wenig an konkreten Informationen gab. Wir Enkel sind allerdings auch erst sehr spät (zu spät) auf die Idee gekommen, das wirklich und ernsthaft zu hinterfragen. Meine Großmutter väterlicherseits sprach über dieses Thema nie. Ihr Mann, also mein Großvater, ist aus dem Krieg nie zurückgekehrt. Sein Schicksal ist bis heute unbekannt, obwohl seine Kinder umfangreiche Nachforschungen angestellt haben. Die Familiensaga bietet zwei Varianten an: Er war als Brückenbauingenieur für die Nazis sehr interessant und vielseitig einsetzbar. Variante A): Er war ein Nazi und keiner darf es wissen. Variante B): Er weigerte sich zu kooperieren und wurde deswegen nach Russland geschickt, was er nicht überlebt hat.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren zwar etwas zugänglicher, wenn es um dieses Thema ging. Aber insgesamt ist auch hier wenig überliefert. Mein Großvater soll, als er eingezogen werden sollte, heimlich einen großen Tabakklumpen gegessen und das Fieberthermometer manipuliert haben, so dass er nicht an die Front musste. Die Familie lebte auf dem Land in einem kleinen Dorf. Es gab dort ein Gefangenenlager, zu dem mein Großvater sich nachts heimlich schlich, um den Männern etwas Brot zu bringen. Auf dem Dorfplatz war stets die Hakenkreuzfahne gehisst und alle Dorfbewohner mussten diese Stelle mit einem Hitlergruß passieren. Angeblich waren dieser Hitlergruß und die Möglichkeit, den Arbeitsdienst zu verweigern, für meine Großmutter der Grund, ein 2. Kind zu bekommen.

Die Kindheit meiner Eltern kennen wir Kinder nur als Fragmente. Unser Vater redet darüber überhaupt nicht gerne, unsere Mutter wiederholt immer und immer wieder die gleichen, wenigen Geschichten.
Unser Vater wurde in einer Großstadt geboren. Er hatte eine ältere Schwester und einen älteren Bruder, der aus nicht ganz geklärten Gründen als kleines Kind verstarb. Seine Mutter musste die verbleibenden Kinder alleine durchbringen, von der Familie ihres Mannes wurde sie nicht unterstützt, da man ihren Mann ihretwegen verstoßen hatte. Sie war nicht standesgemäß und hatte ihren Mann angeblich mit der ersten Schwangerschaft zur Ehe gezwungen. Das Elternhaus unseres Vaters wurde zerbombt und die Kinder haben mit der Mutter gemeinsam die Trümmer weggeräumt. Nach dem Krieg versuchte die Mutter, schnell eine Existenz zu gründen, was ihr wohl auch gelang. Da blieb wenig Zeit für andere Dinge. So wurde unser Vater überwiegend von seiner älteren Schwester erzogen. Die Mutter kam nur abends nach Hause, ohne ein Wort der Begrüßung ging sie sofort zum Kleiderschrank, um zu überprüfen, ob alles ordentlich weggeräumt worden war. Gab es Grund zur Beanstandung, riss sie kommentarlos alles aus den Schrankfächern und es gab erst einmal eine Tracht Prügel. Irgendwann kam unser Vater dann in ein Jungeninternat, in dem es furchtbar gewesen sein muss. Es gab Prügel, wenig zu essen, so dass die Kinder dort immer Hunger litten und es gibt bis heute bestimmte Lebensmittel, die er von Geruch, Geschmack oder Konsistenz her nicht ertragen kann. Sein Wunsch, beruflich etwas Zeichnerisches zu machen, wurde ihm verwehrt. Seine Mutter wollte, dass er bei ihr im Geschäft arbeitete, was er von klein auf auch tat, um dieses dann zu übernehmen (was er verweigerte). Als junger Mann zog er berufsbedingt viel um und hatte so mit Mitte 20 schon in mehreren Ländern gelebt.

Die Geschichte unserer Mutter ist eine andere. Sie wuchs mit ihrer älteren Schwester und mit beiden Elternteilen auf dem Land auf. Ihre Wiege stand nachts sehr häufig im Bombenschutzkeller und obwohl sie erst etwa ein halbes Jahr vor Kriegsende geboren wurde, kann sie den Horror dieser Nächte so genau in Worte fassen, dass wir vermuten, dass sie diese Ängste von ihrer Mutter oder anderen Familienmitgliedern „geerbt“ hat. Sie erzählt immer wieder, wie ihre Schwester sich zum Geburtstag eine Dose Kondensmilch wünschte, die sie dann auch ganz alleine trinken durfte, was einer heiligen Handlung gleich kam. Gehungert hat sie nicht, die Eltern hatten einen eigenen Gemüsegarten, Federvieh und einen Bock, der die Kinder immer ärgerte. Zusätzlich ging ihr Vater immer hamstern, war manchmal 2-3 Wochen am Stück unterwegs, mit der Bahn und seinem Fahrrad, das nur auf seinen nackten Felgen fuhr. Die Familie aus Amerika schickte einigermaßen regelmäßig Care-Pakete, von denen das halbe Dorf profitierte.
Auch meine Mutter wollte fort von Zuhause. Sie fühlte sich insbesondere von ihrer Mutter immer sehr geliebt, vermisste aber eine Orientierung durch ihre Eltern, so dass sie schließlich im Alter von 19 Jahren in die USA zu ihrer Tante ging. Damals war man aber erst mit 21 volljährig, so dass ihr Vater sie nur unter der Bedingung ziehen ließ, dass sie nach zwei Jahren wieder zurück nach Deutschland kommt. Sie hielt sich an diese väterliche Vorgabe, was das Verhältnis zwischen Tochter und Vater sehr belastete. Sie durfte, genau wie ihre Schwester, nicht selbst entscheiden, welchen Beruf sie ergreifen möchte und musste ihr gesamtes Lehrgeld abgeben, was zu zusätzlichen Spannungen führte. Bis heute erzählt unsere Mutter von ihrem alten Spielzeug, das ihr Vater einfach weggeworfen hat. Insbesondere die Kinderbibel und eine Puppe erwähnt sie immer wieder. Unsere Mutter empfand sich als so anders, dass sie irgendwann sogar glaubte, dass sie adoptiert worden sei. Ihre eigene Mutter bezeichnete sie irgendwann als ein Kind, das wie ein Außerirdischer einfach vom Himmel gefallen sei.

Dann entwickeln sich die beiden Schwestern sehr unterschiedlich, so dass sie sich zunehmend voneinander entfremden. Die eine heiratet früh, bekommt ein Kind, das keine Geschwister bekommen soll, weil sie die Schwangerschaft als so strapaziös und schrecklich empfunden hat. Sie bleibt in der Nähe ihrer Eltern, leidet unter ihrem etwas cholerischen Mann und wird Zeit ihres Lebens nicht arbeiten, sondern sich um Mann, Kind und Haushalt kümmern. Sie vergöttert ihren Vater, was zu Eifersüchteleien zwischen den Schwestern führt.
Die andere bleibt weiterhin „rebellisch“, streitet sich viel, vor allem mit dem Vater, versucht aus ihrem Berufsleben das beste zu machen und heiratet schließlich einen Mann, für den sie die Verlobung mit einem anderen gelöst hat. Gefragt, warum sie ihn geheiratet habe und nicht den anderen, antwortete sie einmal mit einem schlichten „Er war fleißig und strebsam.“. Im Laufe der Jahre entwickeln beide Frauen ihre Marotten und Krankheiten. Beide haben auf ganz unterschiedliche Art und Weise ein emotional vollkommen gestörtes Familienleben und beide verstehen überhaupt nicht, woher das kommt. Die Schuldfrage spielt generell in beiden Familien eine große Rolle.

Diese Familiengeschichten, die hier nur in Fragmenten erzählt werden sollen und können, fügen sich perfekt ineinander ein wie ein unheilvolles Muster, das von den nachfolgenden Generationen fortgeführt wird. Es gäbe noch Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Urgroßeltern, von denen ich berichten könnte. Es gibt in den einzelnen Generationen teilweise unheimliche Parallelen – sei es in der Lebensgeschichte generell oder bei Konflikten, Beziehungskonstellationen jeglicher Art. Es würde zum einen den Rahmen sprengen, das alles aufzuführen, zum anderen wäre es mir zugegebenermaßen auch zu persönlich. Weswegen ich auch die Antwort auf die naheliegende Frage verweigere, welche Auswirkungen das auf uns als Kinder dieser Mütter und Väter in den Familien hat.

Ich schaue manchmal auf unsere eigenen Kinder und versuche mir vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn sie in dieser Zeit aufgewachsen oder geboren worden wären. Was wir als Eltern getan hätten, wo unsere Prioritäten gewesen wären – wofür wir überhaupt die Kraft und die Ressourcen gehabt hätten, um unsere Kinder zu erziehen und auf ihrem Weg in diese Welt zu begleiten.

Ich werde mich mit diesem Thema weiter beschäftigen. Wegen unserer eigenen Familiengeschichten. Weil ich es so faszinierend und so wichtig finde, mir diese generationsübergreifenden Zusammenhänge zu erschließen und Dinge zu begreifen, die für mich vorher rätselhaft und unverständlich waren. Es ist eine Art der Aufarbeitung, die nach meinem Empfinden bei sehr vielen Menschen noch ziemlich am Anfang steht und die unserer Generation und der unserer Eltern vermutlich sehr gut tun würde. Irgendwann sind sie nicht mehr da, die um 1930-1945 geborenen Menschen. Und irgendwann können wir diese Dinge nicht mehr hinterfragen, klären und uns mit ihnen aussöhnen, wo es erforderlich ist.

Ich habe gezögert, diesen Text zu veröffentlichen. Er ist das Persönlichste, was in all den Jahren auf meinem Blog erschienen ist. Aber das Thema beschäftigt mich und mich würde auch sehr interessieren, ob ich die Einzige bin, die sich damit beschäftigt. Ob es noch andere Geschichten gibt. Vielleicht ist auch der eine oder andere Leser dabei, der dazu etwas erzählen möchte. Ich bin gespannt.

Wer sich mit dem Thema weiter auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich als ersten Einstieg:

Sabine Bode – Die vergessene Generation, Kriegskinder brechen ihr Schweigen
Sabine Bode – Kriegsenkel, Erben der vergessenen Generation
Anne-Ev Ustorf – Wir Kinder der Kriegskinder: Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs
http://www.kriegskinder-verein.de
http://www.uni-forst.gwdg.de/~wkurth/psh/k_home.htm
http://www.forumkriegsenkel.de

Fundstück

28. Januar 2015

Mitte des Winters

Das Jahr geht zornig aus. Und kleine Tage
Sind viel verstreut wie Hütten in den Winter.
Und Nächte ohne Leuchten, ohne Stunden,
Und grauer Morgen ungewisser Bilder.

Sommerzeit, Herbstzeit, alles geht vorüber,
Und brauner Tod hat jede Frucht ergriffen.
Und andre kalte Sterne sind im Dunkel,
Die wir zuvor nicht sahn vom Dach der Schiffe.

Weglos ist jedes Leben. Und verworren
Ein jeder Pfad. Und keiner weiß das Ende,
Und wer da suchet, dass er Einen fände,
Der sieht ihn stumm und schüttelnd leere Hände.

Georg Heym (1887-1912)

Und sonst?

9. Januar 2015

Mir ist zum ersten Mal seit längerer Zeit nach einem persönlicheren Larifaritext hier im Blog, vermutlich ist das so ein Jahreswechselding, keine Ahnung. Dabei gibt es nichts Weltbewegendes zu vermelden.

Das Blog liegt unverändert viel zu sehr brach. Das liegt zum einen daran, dass mir oft die Zeit und Ausgeruhtheit im Kopf fehlt, um etwas zu schreiben. Zum anderen mag ich hier keine allzu persönlichen Dinge schreiben. Und eine dreihundertvierundneunzigste Sicht auf das aktuelle Zeitgeschehen braucht auch kein Mensch. Das Blog ist also ein bisschen wie ein quer sitzender, aber im Laufe der Jahre seltsamerweise irgendwie doch lieb gewonnener Pups. Der Name passt auch nicht mehr so recht, im Laufe der Jahre hat sich viel verändert. Vielleicht entpupst es sich ja alles noch und wird wieder so unbeschwert wie es begonnen hat, mal sehen.

Die Meerjungfrauen sind nun bald vier Jahre alt und versetzen mich jeden Tag aufs Neue in emotionale Wallungen. Ich bin so glücklich, dass ich diese beiden Menschen auf ihrem Weg begleiten darf und staune immer wieder über die Welt, die sie mir zeigen. Sie sind absolut bezaubernd und haben einen ganz wunderbaren Humor. Aktuell sitzen Elefanten, Giraffen und diverse Gestalten aus der Sesamstraße mit an unserem Esstisch, es gibt keine Tasche, in der ich keine Steine, Zweige, Blätter und sonstige lebenswichtige Schätze entdecke und die beiden malen die schönsten Apfelbäume der Welt. Ich habe in den letzten vier Jahren immer wieder den Satz gehört, es werde nicht einfacher, nur anders. Das gehört wohl zum unerschöpflichen Repertoire der superschlauen Mamas, die mich seit seit Jahren mit dummen und unzutreffenden Aussagen wie dieser nerven und um die ich unverändert große Bögen mache.

Meinen Job, den ich seinerzeit über dieses Blog gefunden habe, habe ich nun auch schon seit über einem Jahr. Abgesehen davon, dass ich nun in einer Branche tätig bin, mit der ich vorher keinerlei Berührungspunkte hatte, habe ich lernen müssen, dass ich kein sogenannter Entscheidungsträger mehr bin, dass meine Meinung zwar interessant, aber meistens nicht besonders relevant ist und dass auch dieser Teil des Universums funktioniert, obwohl ich nicht die Weltherrschaft inne habe. So manche Erkenntnis war für mich nicht einfach, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden und unverändert sehr dankbar für die großartige Gelegenheit, die mir geboten wurde. Und die Weltherrschaft kann ja durchaus noch ein bisschen warten.

Der Jahreswechsel war dieses Mal ziemlich anstrengend. Wie das mit Übernachtungsbesuch mit Kleinkind halt so ist, der überwiegend Hektik und Unruhe und Stress mitbringt. Es ist schon irgendwie erheiternd: früher hat man darum gekämpft, möglichst lange aufbleiben und ausgehen zu dürfen und heute ist man dankbar, wenn man irgendwann endlich ins Bett darf. Dieses Mal habe ich sogar einen einigermaßen sinnvollen Vorsatz gefasst, den ich bereits Ende des Monats in die Tat umsetzen werde: einen Erste-Hilfe-Kurs. Der letzte Kurs ist nun schon so lange her, dass ich vermutlich überhaupt nichts mehr könnte, wenn ich als Ersthelfer an einen Unfallort käme. Ich sehe also einem interessanten Wochenende mit vielen Führerscheinanwärtern entgegen. Vielleicht raffe ich mich ja zu einem Bericht hier im Blog auf.

Einige meiner Stammleser wissen, dass ich auch einen Twitteraccount habe, den ich seit fast 5 Jahren mehr oder weniger intensiv mit Tweets bestückt habe. Twitter und ich hatten schon seit längerer Zeit eine On-Off-Beziehung, woran auch die gelegentlichen Twittertreffen, die ich sehr schätze, nichts geändert haben. Seit einigen Monaten ist unsere Beziehungskrise etwas ernsthafter, so dass ich zum Schluss nur noch blind meine Tweets verfasst und nichts mehr gelesen habe. Twitter und ich haben daher beschlossen, nun bis auf Weiteres getrennte Wege zu gehen. Ich werde meinen Account nicht löschen, aber er liegt nun brach und ich empfinde diese Entscheidung als sehr befreiend. Ich habe Twitter auch als Möglichkeit, meine Blogtexte zu streuen, sehr geschätzt, werde aber dort auch keine Tweets mit Hinweisen zu neuen Beiträgen absetzen. Das war jetzt eine ziemlich wortreiche Einladung, mein Blog zu abonnieren. Und wer weiss, vielleicht habe ich ja ohne Twitter auch wieder mehr Lust, hier häufiger zu schreiben?

Ob es auch in diesem Jahr eine Blogaktion geben wird, weiss ich noch nicht, tendiere momentan aber eher dazu, es sein zu lassen. Die letzten Aktionen waren sehr mühsam und hinter den Kulissen auch streckenweise recht undankbar. Ach, bevor ich es vergesse: meine Aversion gegen Stöckchen ist übrigens unverändert gross, also bitte nicht böse sein, wenn ich damit nicht beworfen werden möchte.

In diesem Sinne gebe ich zurück zum Funkhaus.

Wir lesen uns,
Ihre Frau Quadradmeter

Man nehme

31. Dezember 2014

Man nehme 12 Monate,
putze sie ganz sauber von Bitterkeit,
Geiz, Pedanterie und Angst,
und zerlege jeden Monat in 30 oder 31 Teile,
so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.
Es wird ein jeder Tag einzeln angerichtet
aus einem Teil Arbeit
und zwei Teilen Frohsinn und Humor.

Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu,
einen Teelöffel Toleranz,
ein Körnchen Ironie und eine Prise Takt.
Dann wird das Ganze
sehr reichlich mit Liebe übergossen.

Das fertige Gericht schmücke man
mit einem Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten
und serviere es täglich mit Heiterkeit!

Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808), Mutter v. Johann Wolfgang von Goethe

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