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Berufstätige Mütter, wie geht’s euch eigentlich so?

16. November 2016

Liebe berufstätige Mütter,

ich möchte gerne wissen, wie es euch so geht. Und deswegen möchte ich euch einladen, einen Fragebogen rund um das Thema Mutterdasein und Berufstätigkeit auszufüllen.

Die bisherige Resonanz zu dieser Idee war sehr positiv. Ich habe zu diesem Projekt aber nun schon so viele Nachrichten auf Twitter erhalten und beantwortet, dass ich an dieser Stelle noch mal ein paar Punkte zusammenfassen möchte:

Die Auswertung der Fragebögen erfolgt selbstverständlich anonymisiert. Ich möchte weder wissen, wie ihr heißt, noch interessieren mich eure Schuhgröße oder euer Nettoeinkommen.

Ich wurde heute von einer Mutter gefragt, ob ich das ganze Thema negativ beleuchten möchte. Dann wurde ich etwas später von einer anderen Mutter gefragt, ob ich das denn auch positiv darstelle, weil das sehr wichtig sei. Ich möchte gerne einfach die Antworten in brauchbarer Form für alle öffentlich zur Verfügung stellen, ohne diese selbst zu werten. Ich bin selbst sehr gespannt, was dabei alles herauskommen wird.

Ich mache das nicht beruflich, ich brauche das nicht für ein Studium oder eine Fortbildung, ich wurde von niemandem dazu beauftragt und ich bekomme auch kein Geld dafür. Ich mache das ganz privat, freiwillig und aus reinem Interesse. Wer sich also mit mir auf diese Reise begeben möchte, ist herzlich eingeladen, mir eine Mail mit dem Betreff „Umfrage“ an meterhochzwei[at]googlemail.com zu schicken. Einzige Bedingung: ihr wohnt und arbeitet in Deutschland, seid Mutter und berufstätig. Es spielt keine Rolle, ob ihr angestellt oder freiberuflich, in Teilzeit oder in Vollzeit arbeitet, alleinerziehend seid oder nicht.

Klingt doch eigentlich ganz überschaubar, oder?

Dieser Beitrag darf gerne geteilt werden. Bei Fragen schickt mir gerne einfach eine kurze Mail. Ich würde mich über möglichst viele Teilnehmerinnen freuen! Wenn alles klappt, bekommt ihr den Fragebogen schon an diesem Wochenende.

In diesem Sinne,

Ihre Frau Quadratmeter

Über Schuhe und Schnaps

28. Oktober 2016

Die Kinder brauchen Schuhe. Die aktuellen Schuhe sind kaputtgeklettert und -getobt und der große Zeh könnte einen halben Zentimeter mehr Platz gebrauchen. Außerdem hat sich an den Hausschuhen für den Kindergarten von Kind 1 vorne die Sohle gelöst und lässt sich auch nicht mehr kleben.

Schuhladen 1. Kind 1 kommentiert lautstark die Ladeneinrichtung. Kind 2 guckt kritisch in die Regale.

„Mama, wo sind die Blinkeschuhe?“

„Die haben keine Blinkeschuhe.“

„Du hast aber gesagt, dass ich Blinkeschuhe haben kann, wenn die Schuhe vernünftig sind.“

„Wenn sie welche haben.“

„Die haben keine.“

„Nein.“

Leicht angespanntes Schweigen. Kind 1 hat Anna und Elsa-Ballerinas entdeckt.

„Mama, die sind super für den Winter. Die will ich haben.“

„Das sind Sommerschuhe.“

„Aber ich laufe damit auch nicht durch Matsch.“

„In solchen Schuhen hättest du kalte Füße.“

„Dann nehme ich die Prinzessin Sofia-Stiefel.“

Ich verfluche stumm alles Merchandising dieser Welt und sehe Kind 1 dabei zu, wie es die Stiefel anprobiert. Dabei verteilt sie den Sand aus ihren alten Schuhen großflächig auf dem Boden und ich weiß, was ich beim Abholen im Kindergarten heute vergessen habe. Kind 2 verschränkt derweil die Arme und will nun gar nichts mehr.

„Die Stiefel drücken oben, die will ich nicht!“

Nächstes Schuhgeschäft. Die Kinderschuhabteilung befindet sich ganz am Ende des Ladens. Begeistert rennen die beiden zum dort installierten Fernseher. Kurz vorher bremst Kind 1 ab.

„Mama, guck mal, die haben auch Spielzeug.“

In kindgerechter Höhe hängt sehr bunte China-Importware und möchte unbedingt erworben werden. Wir diskutieren kurz darüber, wieso ich davon nichts kaufen möchte. Kind 1 schmollt, Kind 2 beschwert sich, dass vor dem Fernseher kein Platz mehr ist, um sich hinzusetzen. Im Nebengang streitet sich ein Vater mit seinem Kind über Gummistiefel. Mir ist warm.

Ich verschaffe mir einen Überblick über das Stiefel-Sortiment und suche mehrere mögliche Modelle aus. Kind 2 möchte weiterhin Blinkeschuhe, Kind 1 möchte was mit Glitzi und ich möchte nach Hause. Es ist mittlerweile 17:30h.

Kind 1 probiert vernünftig wirkende Glitzi-Stiefel und rennt damit begeistert durch den Laden. „Das sind Flitzeschuhe.“ Das ist auf der Meerjungfrauenskala eine satte 10.

„Zeig mir mal die Schuhe, bitte.“

„Nee, Mama, du findest nur wieder was, was nicht richtig ist.“

„Lauf bitte noch mal damit.“

Die Schuhe verformen sich zu unförmigen Kaulquappen beim Abrollvorgang. Kind 2 hat sich mittlerweile überlegt, dass es genau die gleichen Schuhe haben will wie Kind 1 und schmollt. „Die Schuhe sitzen nicht gut, die kaufen wir nicht. Wir müssen weitersuchen.“ Nun schmollt auch Kind 1. Ich greife zum nächsten Paar Stiefel und drücke Kind 2 die Kaulquappenschuhe in die Hand. „Probier du die mal an.“ Das Ergebnis ist logischerweise das Gleiche, immerhin sind es Zwillinge, aber ich will ein paar Minuten Zeit schinden, um mit Kind 1 das nächste Paar anzuprobieren. Kind 2 rennt quer durch den Laden und ich erkläre Kind 1, wie puschelig das lilafarbene Fellfutter ist, das oben aus dem Schaft des Stiefels guckt. Skeptisch probiert Kind 1 die Stiefel an. Die Schuhe sitzen, sehen gut aus, machen einen qualitativ ordentlichen Eindruck und gefallen allen Beteiligten, oh Wunder! Kind 2 ist mittlerweile wieder bei uns angekommen.

„Mama, ich will die Stiefel auch haben. Zieh die mal aus!“

„Probier doch erst mal diese hier an.“

Kind 2 probiert ein anderes Paar an.

„Die sind doof, Mama, die sitzen eng.“

„Wo denn?“

„Da! Und da. Und da auch!“

Kind 2 macht unspezifische Handbewegungen. Ich lege den Plan, unterschiedliche Schuhe zu kaufen ad acta und gebe Kind 2 die Stiefel mit dem Puschelfellfutter von Kind 1. Kind 2 strahlt. Kind 1 beginnt bereits damit, das Hausschuhregal zu sondieren. Mittlerweile sind alle Schuhe der Kinder sandfrei. Der Boden leider nicht mehr.

Im Nebengang schreit ein Kind. Kind 1 probiert das erste Paar Hausschuhe an. „Die drücken.“ Das 2. Paar ist zu eng. Das 3. Paar drückt auch. Kind 2 diskutiert mit mir, wieso es nicht auch neue Hausschuhe bekommt. Neben uns sitzt ein Mann auf einem Schemel und wischt sich die Stirn. Die Mutter neben mir flüstert mir verschwörerisch ein „Überall das Gleiche!“ zu und wir schieben uns gegenseitig Schuhkartons der jeweiligen Größen zu. Kind 2 hat mittlerweile einen Platz vor dem Fernseher ergattert. Kind 1 probiert das 6. Paar Hausschuhe an. Sie passen. Kind 1 findet sie ok. Das ist auf der Meerjungfrauenskala eine 2. Maximal. Ich ignoriere weitere Proteste und packe die Hausschuhe zurück in den Karton.

Mittlerweile ist es 18:00 Uhr. Die Puschelfellstiefel sind kein 2. Mal in der gleichen Größe vorrätig. Eine Bestellung über die Filiale dauert vierzehn Tage, eine Bestellung über den Online Shop nur zwei. Die Kinder möchten wissen, ob wir noch Prinzessinnenstrümpfe kaufen. Kaufen wir nicht. An der Kasse soll ich Imprägnierspray, Schuhcreme und Einlegesohlen kaufen. Kaufe ich auch nicht. Kind 2 ist sauer, weil ihre Stiefel noch nicht da sind. Kind 1 möchte mit mir noch mal über die Hausschuhe sprechen. Ich stelle mich taubstumm.

Auf dem Weg zum Auto hüpft Kind 2 „wie ein Jojo“ von Gulli zu Gulli. Kind 1 überlegt, was die Kindergartenfreunde zu den Hausschuhen sagen werden. Ich hätte jetzt gerne einen Schnaps und bitte den Fuß-Gott darum, die Füße der Kinder bitte nicht zu schnell wachsen zu lassen.

Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!

19. Oktober 2016

Ich halte mich hier mit Kinderthemen ja einigermaßen zurück; es gibt massenweise Blogs, die sich an so ziemlich allen Themen rund um ihren Nachwuchs ausgiebig und regelmäßig abarbeiten.

Heute las ich dann allerdings eine Diskussion, die mich nach längerer Überlegung zu diesem Text veranlasste. Es ging um Kinder, die Zuhause nicht essen, was auf den Tisch kommt. Es schmeckt bei Mutti einfach nicht. Ich las von Sanktionen (kein Nachtisch, kein Süßkram) über „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ bis hin zu „Sie müssen aufessen. Wenn ihnen das nicht passt, gehen sie halt hungrig ins Bett! Keine Sperenzchen mehr!“ Ich weiß, das geschriebene Wort verleitet gerne zu Interpretationen, aber ich fand den Tonfall teilweise schon ziemlich beängstigend und diese Aussagen zumindest fragwürdig.

Ich frage mich, wie man eigentlich entspannt und mit Freude essen und dabei vielleicht auch mal was Neues probieren soll, wenn bei diesem Thema eine so kampfeslustige Grundstimmung am Tisch herrscht. Mal ganz davon abgesehen, dass das Essen mit 15-20 anderen Kindergartenkindern einfach viel mehr Spaß macht als Zuhause.

Beziehen solche Eltern ihre Kinder bei Einkauf und Zubereitung eigentlich nie mit ein? Wo ist das Problem, mehrere Zutaten zuzubereiten, so dass die Kinder sich a) selbst aussuchen können, was sie essen möchten und b) sich selbst etwas auf den Teller zu tun? Und wieso kann man das nicht so machen, dass immer eine Zutat dabei ist, die die Kinder bestimmt mögen? 

Was vermittelt man eigentlich Kindern, wenn die Nahrungsaufnahme an Belohnung bzw. Strafe gekoppelt ist (kein Essen = kein Nachtisch/keine Süßigkeiten/hungrig ins Bett)? Müssen die Kinder dann so lange vor den Tellern sitzen bleiben, bis dass sie alles aufgegessen haben? Müssen kleine Kinder Mengen schon zuverlässig einschätzen können, ohne dass sie die Möglichkeit dazu haben, das durch Üben zu erlernen?

Es geht mir nicht darum, mit einem alles verklärenden Weichzeichnereffekt auf solche Eltern einzuschlagen und zu behaupten, dass das mit dem Essen immer einfach ist. Ist es nicht. Und ich bekenne mich auch gerne dazu, noch nie ein Brot in Tierform gebracht zu haben, weil das so süß aussieht und die Kinder das dann viel lieber essen. Und Wurst in Bärchenform gibt es hier auch nicht.

Aber ich wundere mich schon ein bisschen über das, was ich da heute stellenweise so las. Und ich habe mir vorgestellt, wie in diesen Familien die Stimmung wohl so ist, wenn die da alle zusammen am Tisch sitzen. Ob die Kinder womöglich bei Tisch auch noch Sprechverbot haben. Und ob das der Sache wohl so dienlich ist.

Ja, Kinder machen Sperenzchen. Das gehört zum Großwerden dazu. Kinder rauben Eltern damit bisweilen den letzten Nerv. Das ist nicht sehr nett von ihnen, aber sie tun das meiner Erfahrung nach nicht, weil sie sich morgens beim Aufstehen vorgenommen haben, ihre Eltern heute mal richtig schön zur Weißglut zu bringen. Kinder leben einfach in einem riesengroßen Testprogramm.

Vielleicht haben diese Eltern aber auch einfach vergessen, dass sie auch mal klein waren, man weiß es nicht. Ich erinnere mich noch heute mit Grauen an eine furchtbare Erbsensuppe, die ich essen musste – und das drei Stunden lang.

In diesem Sinne wünsche ich einen entspannten Abend,

Ihre Frau Quadratmeter

Donnerstag

29. September 2016

Wecker überhört. Aufgestanden und einen Kaffee gemacht. Für 5 Minuten noch mal hingelegt. Kind 1 schläft seesternförmig auf gefühlten 8 Quadratmetern Matratzengrundfläche, Kind 2 ist noch verschollen in den Tiefen des eigenen Kinderzimmers. Wieder aufgestanden. Kind 2 wacht auf und bekommt einen Wutanfall, weil es noch kuscheln will. Ins Bad geflüchtet. In der Küche diskutiert, wieso es kein Toastbrot gibt und wieso eine Handvoll Frühstücksflocken nicht in einem Liter Milch schwimmen müssen. Kind 1 regt sich auf und findet alle gemein. Zähne geputzt und halb angezogen, zwischendurch über den Inhalt der Brotdosen diskutiert. Kind 1 will Weintrauben, die wir nicht haben. Kind 2 möchte Toastbrot mit Nutella, was wir ebenfalls nicht haben. Beide Kinder finden es unzumutbar, in diesem Haushalt leben zu müssen. Kurz vor Abfahrt aus 4 Kinderturnschuhen den Sand vom Vortag entfernt. Kinder im Kindergarten abgeliefert. Mit gesenktem Blick und im Stechschritt das Gebäude verlassen, um nicht von Erziehern, Kindergartenleitung, Elternbeiräten oder Eltern angesprochen zu werden.

Autobahn. A2. Alles wie immer, aber immerhin heute eine bahnschrankenfreie Strecke. Ankunft im Büro. Themawechsel.

Feierabend. Verkehrsbedingte Ankunft vor dem Kindergarten 15 Minuten vor Schließung. Kind 1 und Kind 2 sehen aus wie zwei verwahrloste Wellensittiche in der Mauser. Ich treibe beide mit aufmunternden 2-Wort-Sätzen vor mir her zur Garderobe. Auf dem Weg zum Auto klettert Kind 2 auf den Fahrradständer vor dem Kindergarten, stolpert und fällt mit dem Gesicht auf die Gartenmauer. Ich trage das blutende und heulende Kind zum Auto, suche ein sauberes Taschentuch und fahre etwas zügiger nach Hause als sonst. Zuhause Gebissanalyse und erste Einschätzung der Situation. Alle Zähne sind noch drin, das Kind will ein Eis, die Lippe ist dick, das Zahnfleisch auch. Anruf bei der Logopädin, um den Termin abzusagen, zu dem wir jetzt hätten fahren müssen. Die Logopädin möchte gerne nur ganz schnell noch mit mir über die neue Verordnung des Arztes sprechen. Im Hintergrund weint Kind 2. Kind 1 schleppt nacheinander diverse Gegenstände in die Küche, um Kind 2 zu trösten. Unter anderem zur Auswahl: 1 Teddybär, 2 Kissen, diverse Puppen und eine Plastiktrompete. Telefonat mit dem Zahnarzt. Kind 2 isst mittlerweile ein Wassereis, Kind 1 möchte mir unbedingt etwas zeigen. Ich kündige beim Zahnarzt unser baldiges Eintreffen an und trete dabei auf die Plastiktrompete. Kind 1 findet mich gemein.

Kurz vor Abfahrt entferne ich aus 4 Kinderturnschuhen den Sand vom Vormittag. Ich habe 2 neue Nachrichten auf meiner Mailbox. Ich schnalle 2 Kinder an und laufe noch mal zurück ins Haus, um das Kühlpad zu holen. Ich gebe Kind 2 das Kühlpad. Dann laufe ich noch mal zurück ins Haus, um Kind 2 sein Lieblingsstofftier zu holen. Abfahrt.

Ankunft beim Zahnarzt. Kind 1 möchte auf der Seite von Kind 2 aus dem Auto steigen. Kind 2 möchte das nicht, schmeißt die Autotür zu und klemmt dabei den linken Fuß von Kind 1 ein. Kind 1 schreit. Ich tröste Kind 1 und gebe Kind 2 ein frisches Taschentuch. In der Praxis sind wir dankenswerterweise sofort dran und Kind 2 klettert widerwillig auf den Behandlungsstuhl. Ich verspreche beiden Kindern ein Eis. Der freundliche Zahnarzt gibt vorläufige Entwarnung und wir besprechen das weitere Vorgehen, weil es sich um einen Wegeunfall handelt. Kind 1 und Kind 2 plündern im Vorzimmer die Kleinigkeitenkiste und möchten jetzt sofort ihr Eis.

Auf dem Weg zur Eisdiele gehen wir kurz zum Optiker, weil ich per SMS die Nachricht erhalten habe, dass die Brillen der Kinder fertig sind. Die Kinder haben keine Lust. Wir gehen trotzdem zum Optiker. Kind 1 und Kind 2 bekommen ihre Brillen und wir gehen zur Eisdiele. Kind 2 möchte nur das essen, was Kind 1 isst. Kind 1 kann sich nicht entscheiden. Kind 2 ist genervt. Bei der Eisdiele angekommen versteht der Eisverkäufer die Bestellung falsch und ich bekomme daraufhin ein Eis, das ich gar nicht haben möchte. Kind 1 und Kind 2 essen ein beunruhigend himmelblau aussehendes Eis. Kind 1 lässt sein Eis fallen. Auf seine Schuhe. Wir gehen zurück zum Auto. Abfahrt.

Auf dem Weg nach Hause beschwert Kind 2 sich darüber, dass seine Brille rutscht. Ich gucke in den Rückspiegel und sehe etwas, das von der Form her nur noch bedingt an eine Brille erinnert. Kind 1 merkt an, dass es sowas ja nie tun würde. Kind 2 und ich sind aus unterschiedlichen Gründen jetzt ziemlich schlecht gelaunt.

Zuhause erkläre ich Kind 2, warum es seine Brille nicht verbiegen darf und widerstehe dem Impuls, das Gestell selbst zurechtzubiegen. Der Mann schickt eine Nachricht, in der er wissen möchte, was wir heute Abend essen. Er hätte ja ein anderes Gestell gekauft, dann wäre das nicht passiert. Ich scrolle durch eine Liste aller verfügbaren, schlecht gelaunt aussehenden Emoticons und trenne Kind 1 und Kind 2, die sich gegenseitig Dinge auf den Kopf hauen. Der Mann teilt mit, dass er gleich Zuhause ist. Kind 1 sperrt Kind 2 aus seinem Kinderzimmer aus. Es entbrennt ein Kampf um die Kinderzimmertür, der damit endet, dass Kind 2 wie am Spieß schreit, weil sein großer Zeh unter der Tür feststeckt. Kind 1 ist entsetzt und weint. Ich befreie Kind 2 und begutachte den Zeh. Ich packe ein Kühlpad auf den Zeh und warte auf den Mann. Kind 1 und Kind 2 versöhnen sich ausgiebig. Als der Mann nach Hause kommt, packe ich Kind 2 und die vollkommen verbogene Brille ein und fahre mit beiden zum Optiker.

Der Optiker kann die Brille wundersamerweise wieder komplett herrichten. Kind 2 ist sehr beeindruckt. Ich auch. Kind 2 fragt, ob wir noch in den Spielzeugladen gehen können. Ich lehne ab. Angespanntes Schweigen. Es ist mittlerweile 18:10h und der Mann und Kind 1 schicken mir eine Fast Food-Bestellliste. Bestellung und Rückfahrt verlaufen ohne Zwischenfälle.

Schlafenszeit.

„Mama, mein Ohr juckt.“

„Mama, mir ist kalt.“

„Mama, ich kann nicht schlafen.“

„Papa, ich habe da einen Mückenstich. Und da auch. Und da!“

„Mama, ich habe Hunger.“

„Papa, deckst du mich bitte noch mal zu?“

„Mama, wenn ich groß bin, fliege ich mit einer Rakete zu den Planeten und du wartest Zuhause auf mich und machst schon mal Mittagessen.“

„Mama, was ist morgen für ein Tag?“

„Papa, was machen wir am Wochenende?“

Stille.

Ich bin irgendwie müde.

Über kranke Kinder und gedankenlose Eltern

20. April 2016

(Dieser Text wurde in einer sehr genervten Grundverfassung geschrieben.)

Im Kindergarten kursieren ja bekanntlich immer wieder die schönsten Dinge: Läuse, Magen-Darm, Erkältungen, Würmer oder ansteckende Bindehautentzündungen. Das Leben einer Kindergartenfamilie ist immer ein bisschen wie ein Glücksspiel, man weiß nie, wie gesund man durch das Jahr kommt. Das trainiert das Immunsystem, die Geduld von Eltern, Erziehern, Kollegen und Arbeitgebern und fällt unter die beliebte Ist halt so-Kategorie des Lebens.

Wir haben hier gerade erst sehr tapfer 3 Wochen lang eine furchtbar unerfreuliche Magen-Darm-Episode durchexerziert, die ich im Detail gar nicht näher ausführen möchte. Wir haben in der Zeit versucht, irgendwie den Spagat zwischen kranken Kindern und Jobs hinzubekommen und einer von uns ist danach dann erst mal eine Woche lang selber krank geworden. Das ist aus mehreren Gründen erwähnenswert:

Wir haben beide Chefs und Kollegen, die in solchen Situationen nachvollziehbarerweise nicht sonderlich begeistert sind, aber ihre Nichtbegeisterung freundlich für sich behalten. Im Umkehrschluss haben wir versucht, in dieser für alle sehr unangenehmen Lage im oft besungenen Home Office-Modus trotzdem die wichtigsten Dinge zu erledigen und irgendwie dennoch weiter zu arbeiten. Wie genervt Chefs in solchen Situationen wirklich sind und wie viel man selbst in solchen Situationen hinin interpretiert, wie sinnvoll und gut die trotz Krankheit geleistete Arbeit im Detail ist und wie gut die Vereinbarkeit von Job und Familie in der Praxis funktioniert, wäre einen eigenen Beitrag wert.

Wir haben unsere Kinder zu Hause gelassen, weil es anders nicht ging. Weil sie krank waren, weil sie ansteckend waren und weil wir gemeinsam mit dem Kinderarzt sicher gehen wollten, dass sie erst dann wieder das Haus verlassen, wenn sie wirklich gesund sind. Unsere Kinder sind mit 23 anderen Kindern in einer Gruppe für Berufstätige. Jeder, der Job und Familie unter einen Hut bringt, weiß, wie froh man um jeden Infekt ist, den Kinder nicht mit nach Hause bringen.

Offenbar ist das aber eine Denkweise, die sich keiner besonders großen Beliebtheit erfreut. Immer wieder erzählen Kinder sich untereinander oder den Kindergärtnerinnen, dass es ihnen in der Nacht davor oder am Wochenende gar nicht gut ging, dass sie Fieber, Durchfall, Erbrechen oder Bauchweh hatten und dass Mama oder Papa ihnen dann morgens Fiebersaft oder ein Zäpfchen verpasst haben, um sie in den Kindergarten zu bringen.

Ich habe großes Verständnis für den Druck, unter dem man in so einer Situation steht. Vielleicht ist die letzte Kind krank-Meldung gerade mal ein paar Tage oder Wochen her, im Büro ist viel zu tun, die Kollegen rollen mit den Augen, der Chef hat einen momentan ohnehin nicht besonders lieb, vor Wochen abgestimmte Termine müssen abgesagt oder verschoben werden. Trotzdem ist das in meinen Augen vollkommen indiskutabel.

Wenn mein Kind so krank ist, gehört es nicht stundenlang in eine laute, quirlige und fremde Umgebung. Dann braucht es Ruhe, jemanden, der guckt, das es genug trinkt, die richtigen Dinge isst, der dem Kind eine Wärmflasche macht, ihm über das Haar streicht oder auch mal mit Nachdruck darauf besteht, dass jetzt eine Pause notwendig ist. Das ist übrigens nicht Aufgabe der Kindergärtnerinnen (wie so viele andere Dinge auch, aber auch das ist ein anderes Thema). Ein krankes Kind gehört nicht in das Bett in der Puppenecke im Kindergarten, sondern nach Hause.

Wenn mein Kind so krank ist, ist es ziemlich wahrscheinlich dass es andere Kinder anstecken wird. Die Probleme, die ich vielleicht dadurch in meinem Job habe, bekommen dadurch viele andere Eltern also eventuell auch. Dann sind da nicht nur ein Chef und fünf Kollegen und zehn Kunden, sondern plötzlich entsteht eine zauberhaftes Schneeballsystem, das man eigentlich eher mit mehr oder weniger zweifelhaften Verkaufsmethoden für Kochtöpfe, Putzmittel und Versicherungen assoziiert.

Wenn mein Kind so krank ist, ist diese Verhaltensweise einfach nur unsolidarisch. Und dumm. Das Kind wird dann an dem einen Tag vielleicht 1-2 Stunden durchhalten, je nach Geduld und Situation in der Gruppe sogar bis zum Mittag. Aber spätestens am nächsten Tag geht es dann nicht mehr. Wozu dann also dieses gedankenlose Verhalten? Nochmal zur Klarstellung: ich rede hier nicht über Husten oder Schnupfen. Wenn da alle Kinder zu Hause blieben, wären 99% aller Kindergärten von Oktober bis März geschlossen.

Gallige Grüße von einer berufstätigen Mutter, die heute das Schildchen „Achtung: Rota-Virus!“ auf der Tafel der Kindergartengruppe ihrer Kinder vorfand.

 

Von der Lust des Älterwerdens

3. April 2016

Meine nächste Gastautorin zum Thema #älterwerden ist die von mir sehr geschätzte @meikelobo.

Älterwerden, das klang für mich immer nach mehr Erkenntnis, mehr Wissen, mehr Verstehen. Nach einem Gefäß, das voll ist und nicht so leer wie ich mich als 25-Jährige fühlte. Damals war ich wenig Mensch, in mir war wenig Identität. Rückblickend kommt es mir vor, als sei ich nur die Hülle eines Menschen gewesen, etwas, das aussieht wie eine Persönlichkeit, aber in Wirklichkeit nur mäßig erfolgreich gesellschaftliche Muster kopiert. Das Studium verlief wie ein Studium eben verlief, meine Partnerschaft war im Alltag glücklich, nach unserem Studium würden wir eine Fernbeziehung haben, weil die Doktorarbeit uns beide in andere Städte trieb, aber wenn wir danach noch zusammen sein würden, würden wir heiraten, irgendwie war das klar. Unser Leben würde im Wesentlichen von unserer Arbeit, wie ich war auch er Naturwissenschaftler, und unserem gemeinsamen Erleben vorherbestimmt werden. Ohne Zweifel.

Bis eine Stimme in mir zu sprechen begann, die mich erst nur leise flüsternd, später immer lauter fragte: „Wer bist Du?“ Immer wieder. „Wer bist Du?“ Im Laufe der Jahre stellte sie immer mehr Fragen und sie wurde immer fordernder in Bezug auf die Antworten. „Wer bist Du? Was magst Du? Was ist der Sinn Deiner Existenz? Warum bist Du wie Du bist?“ Die Fragen ließen sich nicht mehr so einfach fortschieben. Ich hatte auf einmal so viele Fragen an das Leben, dass kein Raum mehr war für Dinge-machen-weil-man-die-eben-so-macht. Kaum vier Monate nach meinem Umzug in eine andere Stadt und zwei Jahre, nachdem ich die innere Stimme zum ersten Mal gehört hatte, verließ ich den Mann, der meine erste große Liebe war, nach über vier Jahren, weil ich merkte, dass er mich bei dem Versuch, Antworten zu finden, zurückhalten würde. Er würde meinen Weg nicht mitgehen, an seiner Seite würde ich meine Neugier auf die Welt, auf mich und meine Sexualität nicht stillen können. Ich war 27.

Meine Empfindungen wurden danach extremer, meine Selbsterkenntnisse größer, meine Lernkurve steiler, meine Lust intensiver. Zwischen den Momenten, die ich mit Männern verbrachte, online und offline, wurde mein Leben eine stetige Selbstanalyse, alles, was ich fühlte, tat und erlebte, jeder Mann, den ich kennenlernte, jeder Liebeskummer, den ich durchlitt, der Verlauf, den mein Leben genommen hatte, alles hinterfragte und analysierte ich. Aus allem, was ich erlebte, wollte ich etwas lernen, eine Erkenntnis gewinnen, kein Schmerz und kein Fehler sollte umsonst gewesen sein. Ich war wild entschlossen, an allem zu wachsen und mich nie mit der naheliegendsten Sichtweise zufrieden zu geben. Altern, das fühlte sich für mich jetzt genau so an wie es sollte: wie ein steter Zugewinn an Klarheit. Immer öfter fand ich jetzt fragmentarische Antworten auf die Frage „Wer bist Du?“ und mir wurde klar, dass Sexualität einen Großteil davon ausmachte.

Um die vermeintlichen Makel meines Körpers hatte ich mir nie viele Gedanken gemacht – nicht zuletzt, weil ich gemerkt hatte, dass den Männern die Frage, ob sich die Frau beim Sex voll und ganz fallen lassen kann, weit wichtiger war als die Einhaltung von BMI, Körbchengrößen, Fettanteil, Anzahl der Schwangerschaftsstreifen und womit sonst schwache Menschen den Fickwert weiblichen Fleisches ausdrücken. Salopp ausgedrückt: Befreite Geilheit übertrumpfte körperliche Makel. Dass meine Haut schlaffer wurde, mein Körper sichtbar alterte, war also geschenkt, ein kurzes Stirnrunzeln, das ich schnell überwand. Auch die vereinzelten grauen Haare, die ich eher belustigt im Spiegel entdeckte, störten mich nicht wirklich.

Fast unmerklich veränderte sich jedoch auch meine Libido, ungefähr ab meinem 34. Lebensjahr. Ich war immer noch Single. Der Hunger ließ ein wenig nach, eine gewisse Müdigkeit, Zeit mit Männern zu verbringen, stellte sich ein. Am Ende lief es ja doch immer nach einem ähnlichen Schema ab, das mir zudem wie eine immer geschmacklosere Sättigungsbeilage für meinen sexuellen Hunger erschien. Plötzlich kam mir das alles nicht mehr so drängend vor, ich verbrachte immer weniger Zeit mit der Befriedigung meiner Bedürfnisse. Ich brauchte eine Weile, um mir einzugestehen, dass ein Teil dessen, was ich gerade erst als meine Persönlichkeit entdeckt hatte, sich nun anschickte, in Rente zu gehen. Umso mehr als ich kurz danach den Mann kennengelernt hatte, den ich mir immer gewünscht hatte.

Ich hatte immer noch einen, nun ja, gesunden Appetit, aber im Vergleich zu vorher war das Nachlassen spürbar. Wieder musste ich mich neu kennenlernen, und da sich zu allem Überfluss mein Zyklus zu verändern begann, war das nicht ganz einfach. Hatte er früher die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, lebte er zunehmend nach der Devise „Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen“. Dass der weibliche Körper schon lange vor den Wechseljahren damit anfängt, launisch und unberechenbar zu werden, hatte mir nie jemand gesagt. Mein zuvor absolut berechenbarer Körper wurde mir fremd, ich wusste seine Zeichen nicht mehr zu deuten, er bereitete mir plötzlich unangenehme Überraschungen. Das Vorbereitetsein auf diese Überraschungen nahm immer größeren Raum ein, statt ein paar planbaren Tagen im Monat musste ich mich schließlich fast 2 Wochen lang mit der Eventualität, dem Vorspiel und Nachspiel meiner Periode herumschlagen.

In diesem Jahr werde ich 42 und wenn man mich fragte, wie viel von meiner Jugend ich wiederhaben möchte, die Liste wäre trotz allem kurz. All die Verwirrung und Planlosigkeit, die ganze Welt so konfus, die Liebe auch, so viel Unbekanntes an einem selber, von dem man nicht weiß: was ist das, was macht das, darf das da sein, ist das okay, muss ich mich dafür schämen? Wer möchte so etwas ernsthaft wiederhaben, nur für einen straffen Hintern? Ich nicht.

Ich will das nicht beschönigen: Es tat weh, das Altern meiner Sexualität so gnadenlos mitzubekommen und mit ihm die nachlassende Fruchtbarkeit meines Körpers. Aber an meinem bedingungslosen Willen, an meinen Herausforderungen zu wachsen, hat sich nichts geändert. Viele Male stand ich vor dem Spiegel, betrachtete meine veränderten Körperkonturen, die das Alter und 12 nagelneue Kilo, die ich mit mir herumschleppte, seitdem ich nicht mehr rauchte, hinterlassen hatten. Und mit jedem Mal wurde mir der Wert meiner bisherigen Reise, die mit der Frage „Wer bist Du?“ begonnen hatte, bewusster, denn ich zog große Kraft daraus, die Frage beantworten zu können.

Ich weiß heute, wer ich bin und wer nicht, ich bereue nichts in meinem Leben, ich weiß, dass alles irgendwie gut und richtig war, jeder Schmerz und jede Freude, weil alles zu diesem einen Abend geführt hat, an dem ich schöne Musik höre – nebenan der Mann, den ich liebe, und zwei schnarchende Katzen – und mit einem leichten Anflug von nebelfeuchter Melancholie mein bisheriges Leben Revue passieren lasse.

Es ist ein guter Abend, denn ich bin ein glücklicher Mensch.

Über Briketts, Lebertran und Quittenspeck

31. März 2016

Der erste Gastbeitrag zum Thema #älterwerden kommt vom @MannvomBalkon, den ich sehr mag und schätze, so dass ich mich sehr gefreut habe, als er zugesagt hat, einen Text zum Thema zu schreiben.

„Mal umdrehen, bitte“, sagt die Hautärztin. Ich stehe halbnackt in einem Ambulanzzimmer der Uniklinik Magdeburg. Die Ärztin nimmt das Dermatoskop vom Schreibtisch. Fast wischt sie dabei ein Blatt Papier herunter, auf das zwei männliche Figuren gedruckt sind. Eine in Vorderansicht, die andere zeigt den Rücken. Die erste Figur ist bereits mit Punkten, Kreisen und Pfeilen markiert. Die Zeichen sagen: Das hier ist ein Problem. Oder: Das hier könnte demnächst ein Problem werden.

„Was Sie da auf den Schultern haben, das ist eigentlich nichts“, murmelt die Ärztin. „Die Flecken hier, das ist bloß eine seborrhoische Keratose“. Ich blicke fragend über meine rechte Schulter. „Das sind Alterswarzen!“, sagt die Ärztin laut. War da ein spöttischer Unterton?

Ich bin fast fünfzig. Das Haar noch dicht, aber grau. Unter den Klassenkameraden von damals gibt es die ersten Toten. Ich bin nicht mehr schnell. Ich bin nicht mehr leicht. Ich habe einen Sohn, den ich mal mit einem Arm tragen konnte und der nun mich ohne größere Anstrengung zu tragen vermag. Ich glaube noch genau zu wissen, was ich vor 35 Jahren getan habe, aber bei der Erinnerung an den Sommer vor zehn Jahren klaffen Lücken. Wenn ich auf die Welt blicke, bin ich zunehmend verärgert, dass sie sich bewegt.

Älterwerden – oder, weniger kokett formuliert, Altern – bedeutet für mich offenbar, dass ich neue Wörter lernen muss. Dermatoskop. Seborrhoische Keratose. Hypercholesterinämie. Meniskus. Gleitsichtbrille. Ich sehe mit Befremden, dass ich in einen Wortschatz hineinwachse, mit dem ich Teil einer dieser merkwürdigen Tischrunden Älterer werden könnte, in denen man sich damit überbietet, was denn jetzt schon wieder weh tut oder nicht mehr funktioniert.

Je mehr neue Wörter ich aber zu lernen habe, desto mehr alte Wörter scheinen übrig zu bleiben. Es sind rührend vereinsamte Wörter, irgendwann aus der Sprache herausgefallen. Wörter, deren Gebrauch bei immer mehr Menschen, die ich treffe, zu Belustigung führt. Begriffe, die den Gegenstand, den sie beschreiben, verloren haben, ihn aber zumindest für alle, mit denen ich aufgewachsen bin, noch jederzeit aufleuchten lassen können wie ein Dia auf einer Leinwand. Genau, „Dia“ ist selbst eines dieser Wörter, ein Überbleibsel aus dem analogen Zeitalter. Schreckensbesetzt für jeden, der je einen zweistündigen „Diavortrag“ eines aus dem Urlaub zurückgekehrten Hobby-Fotografen erdulden musste.

Das ist nämlich das Eigentümliche an diesen Wörtern: Hinter ihnen versteckt sich ein Mini-Universum von Sinneseindrücken und Emotionen, das plötzlich aufgespannt wird, sobald jemand den Begriff verwendet. Die alten Wörter werden zum Portschlüssel, mit dessen Hilfe man in die Geschichte reist. Und zum Code, mit dem sich Menschen meines Alters einander zu erkennen geben. Man kann das sehr schön testen, wenn man eines dieser Wörter in einem beliebigen Zusammenhang etwa auf Twitter verwendet und nachschaut, wer dann den Tweet mit Stern oder Herz markiert.

Wer nutzt schon noch ernsthaft den Begriff „Brikett“, mit dem sich vor einigen Jahren wenigstens noch klumpige elektronische Geräte oder Grace-Jones-Frisuren vergleichen ließen? Briketts, das waren jene Barren aus gepresster Braunkohle, einige mit dem aufgeprägten Markennamen „Rekord“, von denen man für die Erdgeschoss-Wohnung der Großeltern zwei Mal täglich einen Eimer aus dem Keller holen musste. Jener Keller, dessen Wände mit rußigen Spinnweben verhängt waren und in dem Regale mit „Weckgläsern“ standen, ebenfalls mit einer Schicht aus Kohlenstaub bedeckt. Weckgläser. Noch so ein Wort. Der Vorrat an „Eingemachtem“, an verblassten Sauerkirschen, knochenharten Birnenspalten, matschigen Erdbeeren. Niemand, der noch bei Verstand ist, würde heute Erdbeeren aus der Konserve essen. Aber das Wort „Weckglas“ weckt wieder auf, wie das Zeug damals schmeckte. Und weiter gehen die Gedanken. In der Oberschule gab es für jeden Teilnehmer an der Blutspende-Aktion ebenfalls ein Glas in Zuckerwasser eingekochter Erdbeeren – eine Ware, die so nicht im Handel war. Ich musste mein Glas beiseite stellen, um eine Mitschülerin namens Katrin aufzufangen, die nach der Blutentnahme plötzlich bewusstlos zusammensackte. Jede Körperspannung fehlte ihr, ich konnte sie nicht halten, nur verhindern, dass sie mit dem Kopf auf dem Steinboden vor dem Frauenruheraum aufschlug. Die Assoziationen rollen, nur weil ein einziges Wort gebraucht wurde.

Oder kann noch jemand etwas mit dem Begriff „Lebertran“ anfangen? Mutet heute jemand ernsthaft diesen Presssaft aus Fischinnereien sich selbst oder seinem Kind zu, um dessen Knochenbildung zu stärken? Im Vorschulalter war Lebertran so ziemlich das Widerlichste, was ich mir vorstellen konnte. Selbst der Hustensaft aus Buchenteer nahm sich dagegen wie eine verführerische Delikatesse aus. Ich bekam den Tran wohl vom Orthopäden verordnet, der damit auf eine mir nicht schlüssige Weise die Therapie meiner allzu flach geratenen Füße unterstützen wollte.

Gegenentwurf zum Lebertran war dann allerdings der Multi-Vitaminsaft „Travidyn“, im Kindergarten jeden Tag nach dem Mittagessen gereicht, ein dickflüssiges, zuckriges Zeug, das aus der Literflasche auf einen Löffel gegossen wurde, den die Erzieherin dann reihum allen Kindern der Gruppe in den Mund steckte. Eine Auffassung von Hygiene, die heutige Propeller-Eltern zu heftigem Flattern bringen würde. Tatsächlich hatte ich als ungefähr Fünfjähriger den Geburtstagswunsch nach einer eigenen Flasche Travidyn, nur für mich, genauso, wie ich mir eine Dose Ananas wünschte, die ich ganz allein essen konnte, ohne sie mit jemandem teilen zu müssen.

Die Gedankenkette, die bei „Lebertran“ beginnt, führt mich also über „Travidyn“ zurück in den Kindergarten am Weißen See, zu den Papp-Liegen für den Mittagsschlaf, zur nach Tabak riechenden Hand der Kindergärtnerin auf meiner Stirn, die mich beruhigen sollte, vor der ich mich aber so ekelte, dass ich mich angestrengt schlafend stellte. Am Nachmittag stach sich Steffen A. an einer Distel und Frank D. war immer der einzige, der beim Indianerspielen der Cowboy sein wollte. Ines K. wurde von einer Hornisse in die Stirn gestochen, und weil ich mir noch nicht allein die Schuhe zubinden konnte und deswegen im Flur sitzen bleiben musste, half mir Sabrina R. mit den Schnürsenkeln, damit ich ins Freie durfte.

Dickmilch, Hausbrand, Speisekammer, Handwagen, Hackklotz, Milchsuppe, Bohnerwachs, Plätteisen, Fahnenhalter, Rollfilm, Nachtspeicherofen, Telegramm, Dachantenne, Trockenschleuder, Teppichstange, Kohlenzange, Quittenspeck.

„Das da an ihrer Hüfte, das ist ein pendulierendes Fibrom“, erklärt die Hautärztin. Sie würde das entfernen lassen. Und dieses eine Muttermal am Innenfuß ebenso. Das andere neben dem Bauchnabel müsste man im Auge behalten. Bis zur nächsten Früherkennungs-Untersuchung in zwei Jahren. Ich ziehe mir das Hemd über die Haut, aus der ich nicht heraus kann, und verabschiede mich. Im Gedächtnis ein paar neue Begriffe, von denen ich in der nächsten Stunde einige wieder vergessen werde, wenn ich sie nicht auf Google nachschlage.

Älterwerden heißt für mich also, neben den zahlreicher werdenden körperlichen Misslichkeiten: Ich fremde mich mit Wörtern an. Die neuen betrachte ich mit scheelem Blick, die alten mit einem Kopfschütteln, weil sie mir sagen, dass alles, wofür sie stehen, immer länger her ist.
Am Ende werde ich an irgendeinem Fenster sitzen, als wunderlicher Greis. Die neuen Wörter wird man mir auf einen Zettel schreiben müssen. Die alten beherrsche ich noch, aber ich bin dann ganz allein mit diesen sperrigen Klunkern aus dem Sprachschatz, die man anderen ständig erklären muss. Kaum jemand mehr da, der damit etwas verbindet, jemand, mit dem man sich mit diesen Wörtern unterhalten könnte. Dann gehören sie nur noch mir.

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