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Mama, wie schmeckt der Himmel?

13. November 2015
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Dass man vorher nicht den Schimmer einer Ahnung hat, was das Elterndasein eigentlich wirklich bedeutet, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Das Thema ist so durchgenudelt, dass es keinen weiteren Blogbeitrag mehr verdient.

Nach mittlerweile fast 5 Jahren haben wir mit den beiden Meerjungfrauen schon so manche Situation erlebt, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten. Unübertroffen sind aber die Gespräche, die wir hin und wieder führen und die sich, je nach Thema, wochen- und monatelang hinziehen können.

Seit diesem Sommer geht es bei uns mit wechselnder Intensität ums Sterben. Auslöser war der Nachbar, dessen Hund überraschend starb. Dann kam noch die Oma eines Kindergartenkumpels dazu und ich geriet ohne jegliche Vorwarnung in Gespräche, die manchmal diffiziler sind als jedes Gipfeltreffen.

“Mama, wenn ich tot bin, komme ich dann in den Himmel?”
“Ja.”
“Fliegt man dann dahin?”
Ja.”
Kind, sehr empört: “Aber Mama! Wir haben doch gar keine Flügel!”

Meine Glaubwürdigkeit wird in Frage gestellt, während ich noch voll und ganz damit beschäftigt bin, meine innere Gänsehaut abzuschütteln. Die natürlich vollkommen idiotisch ist und ein Indiz dafür, wie sehr das Thema Tod mittlerweile tabuisiert wird. Ich habe aber keine Zeit, meinen Erwachsenengedanken nachzuhängen oder mir gar noch mal in Ruhe zu überlegen, was ich eigentlich sonst noch dazu sagen möchte, denn die Unterhaltung geht erbarmungslos weiter.

Wir überlegen gemeinsam, ob Hunde auch in den Himmel kommen, wo Omi und Opa sind, ob es da immer warm ist. Wie viele Menschen passen denn überhaupt auf eine Wolke? Und können wir Kissen und Decke und Teddy mitnehmen?  Wird man da oben nass, wenn es regnet? Kann man dann die Sterne anfassen? Sterben alle Menschen? Du auch? Wann denn? Morgen? Und wann kommt man denn zurück?

“Mama, weißt du, wir machen das so: wenn wir tot sind, nehmen wir uns an die Hand und fliegen gemeinsam in den Himmel!”

Ich bin mittlerweile emotional etwas strapaziert, schaffe aber noch ein einigermaßen brauchbar klingendes, zustimmendes Geräusch und suche in der Besteckschublade ausgiebig nach einer Gabel. Und dann sitzt da plötzlich ein sehr ernsthaft dreinblickendes Wesen auf meinem Schoß, das mir verzweifelt sagt, dass es nie, nie, nie tot sein möchte.

Auf solche Gespräche bereitet einen niemand vor. Man weiß nie, wann sie kommen, wie sie verlaufen und ich habe manchmal das Gefühl, mich bei solchen Dingen wie der letzte Idiot anzustellen. Immerhin: eine nicht repräsentative Umfrage unter befreundeten Eltern brachte zutage, dass es anderen wohl ähnlich ergeht. Wir schlagen uns alle mehr oder weniger tapfer, je nach Tagesverfassung. Oder um es mit einer Freundin zu sagen: ” Manchmal sehne ich mich fast danach, dass unsere Tochter mal wieder lautstark im Schwimmbad verkündet, dass ich heute keine Zeit hatte, mich zu rasieren.”

Mittlerweile hat sich das Thema schon etwas gesetzt: wir sind wir schon eine Stufe weiter und unsere Kinder beschäftigen sich mit den Ritualen rund um den Tod. Friedhöfe und alles was dazu gehört sind hochgradig interessant. Und manchmal besprechen sie die Dinge dann auch untereinander:

Kind 1: “Da ist ein Friedhof. Guck mal, die haben Kerzen und Blumen, das ist aber hübsch!”
Kind 2: “Und die haben auch einen Stein mit ihrem Namen drauf.”
Kind 1: “Und da ist man dann, wenn man mal tot ist.”
Kind 2: “Quatsch! Wenn du tot bist, fliegst du in den Himmel und da wirst du dann eingegraben.”

Na dann ist ja alles geklärt.

In diesem Sinne,
Ihre Frau Quadratmeter

250 Gramm Empathie. Und packen Sie sie bitte als Geschenk ein!

17. August 2015
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Schon seit Wochen lese und höre ich so allerlei zum Flüchtlingsthema, sehe mir die Reaktionen und Kommentare an und in mir wächst ein zunehmendes Unbehagen, das ich gar nicht so recht in Worte fassen kann.

Ich habe den subjektiven Eindruck, dass sich nicht nur der übliche braune Bodensatz zunehmend ausbreiten darf, um orthographisch mehr oder weniger fragwürdig seinen Standpunkt mitsamt Handlungsempfehlungen kundzutun, die ich hier nicht wiedergeben mag. Das wird von intellektuell aufgeklärteren Menschen gerne als lächerlich abgetan, das muss man nicht ernst nehmen, die sind eh alle beschränkt und tumb. Und diskutieren kann man mit denen auch nicht. Und außerdem muss eine Demokratie sowas ja auch aushalten. Themenwechsel.

Und dann sind da noch „die Anderen“. Sie schlagen leisere Töne an und sind orthographisch deutlich versierter. Sie haben nichts gegen Flüchtlinge, aber. Sie können das ja alles nachvollziehen, irgendwie, aber. Sie sprechen von Überfremdung, fragen wie das alles nur enden soll, wer das alles bezahlen soll. Sie sind ein einziger Aber-Satz und zeichnen in vagen, aber düsteren Farben eine Zukunft, die ja so keiner wollen kann und in der wir offensichtlich alle halbnackt und hungernd an irgendwelchen Straßenecken kauern und uns gegenseitig anbetteln, weil nichts mehr da ist. „Wir wollten ja nach England, aber der Eurotunnel…“, raunen sie und nicken wissend. “Man  kann heutzutage nicht mehr einfach irgendwo hin fahren, wenn man Urlaub machen will. Wir gucken da schon sehr genau hin.” Aha.

Eine Sonderform sind dann die, die sich gegen die kritischen Stimmen wenden, die den braunen Mob deutlich verurteilen. Da lese ich Begriffe wie „Blockwartmentalität“, es werden DDR-Vergleiche bemüht, man weist darauf hin, dass eine Demokratie das aushalten müsse.

Immerhin: Hin und wieder findet sich mittendrin ein Strohhalm, der daran erinnert, dass es hier um Menschen geht. Frauen, Männer, Kinder, Familien oder das, was davon übrig ist. Menschen in Not.

Ich dachte bisher immer, dass alle Menschen mit einer gewissen Grundempathie ausgestattet sind, werksseitig sozusagen. Aber ganz offensichtlich habe ich mich gründlich getäuscht. Vielleicht bin ich aber auch vollkommen ahnungslos und es ist ein unheimlich tolles Vergnügen, auf einer überfüllten Nussschale durch die Gegend zu schippern und zu hoffen, dass man lebend auf der anderen Seite ankommt. Malediven hatten wir schon, DomRep ist schon lange out, USA ist Mainstream, Mallorca ist so überlaufen: lass uns doch mal eine Adventure Boat Tour buchen.

Viele von uns sitzen vor vollen Tellern in einer hellen, warmen Behausung, vielleicht gemütlich vor dem großen Flachbildfernseher mit WLAN-Anschluss, das Tablet oder Smartphone in Reichweite, im Zimmer nebenan steht das Bett im trockenen Zimmer, irgendwo befindet sich ein Badezimmer mit Wasseranschluß und verschließbarer Türe. In der Schublade liegen die Kopfschmerztabletten und wenn die nicht helfen, gehen wir einfach tags drauf zum Hausarzt. Oder fahren mit dem Auto hin. Oder dem Fahrrad. Nachdem wir aus unserem Kleiderschrank saubere und trockene Kleidung ausgesucht haben, die wir nach dem letzten Urlaub in der Waschmaschine gewaschen haben.

Ich kann es immer noch nicht so recht in Worte fassen, weil ich so wütend bin und mich so furchtbar schäme für das Verhalten und die Aussagen vieler Menschen da draußen. Wir können alle nichts für das Leben, in das wir geboren worden sind. Aber manchen stünde etwas Empathie wirklich verdammt gut zu Gesicht!

Zeigt her eure Taschen oder: Ja, es gibt mich noch!

27. Juli 2015

Ich könnte jetzt erst mal ein bisschen jammern über viel Arbeit, mehr oder weniger ungeplante Krankenhausaufenthalte diverser Familienmitglieder, eine nachhaltige Verstimmung in Kombination mit großer Lustlosigkeit aufgrund eines bisher eher mäßig verlaufenen Sommers, unaufschiebbare Termine. Da das aber eher uninteressant und mittlerweile alles erledigt ist, lasse ich es sein und veröffentliche einfach mit satter mehrwöchiger Verspätung endlich alle Einsendungen.

Meine Leser sind offensichtlich alle stets adrett gekämmt, ordentlich eingecremt, gut riechend, gelegentlich gedopt und kämen auch ohne Chuck Norris wunderbar zurecht, wenn sie mal unverhofft in eine brenzlige Situation geraten.

Herzlichen Dank an Prentu für die Gutscheine. Diese habe ich unter allen Teilnehmern ausgelost und die glücklichen Gewinner bekommen eine Mail von mir mit dem Gutscheincode. Vielen Dank auch an alle, die bei der Aktion mitgemacht haben!

 

Ein subjektiver Brief an Herrn Bsirske und streikende Kindergärtnerinnen

21. Mai 2015

Lieber Herr Bsirske, liebe streikende Kindergärtnerinnen,

ich schreibe diesen vollkommen subjektiven und einseitigen Brief im Namen meiner Schwester, die eine 2,5jährige Tochter hat und mit Mann und Kind in Hamburg wohnt.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief deswegen, weil ich – obwohl persönlich nicht betroffen – schon ab der Streikankündigung ziemlich gallig war. Weil ich ziemlich schnell und für mich eindeutig zu dem Schluss gekommen bin, dass dieser Streik auf dem Rücken derjenigen ausgetragen wird, die keine besonders große Lobby haben: kleine Kinder und berufstätige Mütter.

Aber zurück zu meiner Schwester. Sie arbeitet derzeit auf einer 75%-Stelle, mein Schwager arbeitet ganztags. Beide sind im Einzelhandel tätig und haben dementsprechende Arbeitszeiten. Ich mag und muss gar nicht näher ausführen, was es für Eltern bedeutet, montags bis samstags arbeiten zu müssen.

Beide haben keinerlei Familie vor Ort, die sie unterstützen könnte. Ich bin geographisch am dichtesten dran, etwa gute 200 Kilometer entfernt, kann aber selber auch nicht mal eben so meine Siebensachen packen und mich bei meiner Schwester und ihrer Familie einquartieren. Weitere Tanten und Großeltern wohnen noch weiter weg. Freunde vor Ort arbeiten ebenfalls und haben selbst Kinder, um deren Betreuung sie sich kümmern müssen. Mitnehmen können sie die Kleine auch nicht.

Mittlerweile hat meine Schwester  so viele Minusstunden angesammelt, dass sie auf ihren Urlaub zurückgreifen muss. Wenn der aufgebraucht ist, geht es weiter mit unbezahltem Urlaub. Die Wochenpläne müssen laufend mit den anderen Kolleginnen und Kollegen neu abgestimmt werden. Und wie ein Arbeitgeber so etwas findet, muss ich eigentlich auch nicht näher erläutern. In diesem Fall haben wir noch als pikante Zusatznuance eine Vorgesetzte, der es ein Fest ist, meiner Schwester Vorwürfe zu machen und sie massiv unter Druck zu setzen.

Und meine kleine Nichte? Die geht zumindest stundenweise in eine Notbetreuung, mit ihr fremden Kindern, die von ihr unbekannten Erwachsenen betreut werden. Das hat zur Folge, dass dieses kleine Mädchen, das eigentlich sehr aufgeschlossen und absolut nicht schüchtern ist, jeden Morgen Rotz und Wasser heult, weil sie wieder nicht in ihren Kindergarten und in ihre Gruppe gehen darf. Sie isst neuerdings nur noch schlecht, schläft nachts nur noch bei Mama und Papa im Bett, die beginnende Windelfreiheit hat sich komplett erledigt, sie weint sehr viel und ist momentan ein ziemlich unglücklicher, kleiner Mensch. Wer selber Kinder hat, weiß, wie wichtig in diesem Alter Rituale, geregelte Tagesabläufe und feste Bezugspersonen sind.

Bei bisherigen Gesprächen zu diesem Thema habe ich vor allen Dingen eines gelernt: es ist offenbar nicht angemessen, diesen Streik nicht gut zu finden. Schließlich geht es um etwas Gutes, etwas Wichtiges.

Gestern kam übrigens die Meldung über den Ticker, dass Verdi zur unbegrenzten Fortsetzung des bundesweiten Kita-Streiks aufgerufen hat.

Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen, als kleine Anekdote. Fröhliches Streiken noch!

Ihre Frau Quadratmeter

Ran an die Taschen: es gibt was zu gewinnen!

19. Mai 2015

prentu-logo

Der Countdown zu meiner diesjährigen Blogaktion Zeigt her eure Taschen! läuft, am 30. Mai ist Einsendeschluss.

Ich freue mich sehr, dass sich auch in diesem Jahr ein netter Sponsor bei mir gemeldet hat. Der Foto-Onlineservice Prentu hat mir freundlicherweise drei tolle Gutscheine über 50 EUR, 30 EUR und 20 EUR zur Verfügung gestellt, die unter allen Teilnehmern bei dieser Aktion verlost werden. Bei der Einlösung habt ihr dann die Qual der Wahl, denn Prentu bietet nicht nur die klassischen Produkte wie Abzüge, Fotobücher und Leinwände an, sondern so ziemlich alles an, was sich mit Fotos bedrucken lässt, vom Bierdeckel über die Fliese bis hin zu Flip Flops, Uhren, Taschen oder Schürzen.

Ich freue mich bis 30. Mai 2015 über viele weitere Einsendungen an meterhochzwei [at]googlemail.com. Und wie immer darf dieser Beitrag gerne ausgiebig auf allen möglichen Kanälen weiter geteilt werden, da ich unverändert twitterlos bin.

Zeigt her eure Taschen!

12. April 2015

Tascheninhalt

 

Ich wollte eigentlich nicht mehr. Wirklich nicht. Aber da ich Traditionen mag und da am Ende des Tages jedes Mal sehr spannende Einsendungen dabei waren, findet auch in diesem Jahr und zum mittlerweile 5. Mal meine jährliche Blog-Mitmachaktion statt.

Dieses Mal ist es ganz einfach: ich möchte wissen, was ihr in euren Taschen habt. Hosentasche, Jackentasche, Handtasche, Arzttasche, Hundetasche, Einkaufstasche – sucht euch was aus. Mailt mir bis zum 30. Mai 2015 ein Foto an meterhochzwei[AT]googlemail.com, wenn gewünscht mit kurzer Erläuterung, Verlinkung zu eurem Blog, Twitteraccount oder was auch immer und ich stelle alle eingesandten Fotos Anfang Juni hier online.

Noch einige Hinweise:

1. Bittebitte schickt mir nach Ablauf nicht immer diese frustrierenden Mails, in denen ihr mir mitteilt, dass ihr ja so gerne mitgemacht hättet, aber der festen Überzeugung wart, dass es schon so viele Einsendungen gab, dass es sonst viel zu viel geworden wäre. Das geht so nun schon seit 4 Jahren und ist einfach totaler Quatsch!

2. Im letzten Jahr hatte ich das Glück, einen Sponsor zu finden, so dass ich einen Preis ausloben konnte. Vielleicht findet sich ja auch dieses Mal jemand, der einen Preis zur Verfügung stellen möchte? Dann werden nach Einsendeschluss alle Bilder zunächst anonymisiert und hier zur Abstimmung eingestellt.

3. Da mein Twitteraccount nicht mehr aktiv ist, hat mein Blog leider nicht mehr die sehr komfortable Reichweite wie bisher. Deshalb freue ich mich in diesem Jahr ganz besonders über Hinweise in Blogs, bei Twitter, Facebook oder wo auch immer.

In diesem Sinne viel Spaß,

Eure Frau Quadratmeter

 

P.S.: Ich habe übrigens keine Ahnung, wieso sich in meiner Jackentasche eine blaue Wäscheklammer befand.

Lasst sie einfach in Ruhe

8. April 2015

Mutter sein ist ja so ein bisschen wie Bundeskanzlerin sein. Oder Papst. Man hat irgendwie immer was zu sagen. Offensichtlich erwirbt man als Mutter mit der Geburt eines Kindes automatisch die Berechtigung, zu so ziemlich jedem Thema eine Meinung haben zu dürfen.

Die letzten Jahre meines Lebens waren prall gefüllt mit unaufgeforderten Meinungen, Ratschlägen, nicht abgesprochenen Interaktionen mit unseren Kindern und mehr oder minder schrägen Geschichten über die eigenen Kinder. Und es sieht nicht so aus, als ob sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern wird. Gerne nutze ich also heute mal die Gelegenheit, ein eigenes Blog zu haben, um auch mal unaufgefordert einige Ratschläge loszuwerden. Und damit es glaubwürdiger rüberkommt, wechsle ich dafür ausnahmsweise und vorübergehend in den ironiefreien Modus:

Unsere Kinder waren in den ersten Lebensjahren unglaublich schüchtern. Abgesehen von der obligatorischen Fremdelphase, die alle Kleinkinder mehr oder weniger ausgeprägt durchlaufen, waren unsere Kinder auch bei Menschen schüchtern, die sie gut kannten, egal ob Kind oder Erwachsener. Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, irgendwo ziemlich unbeweglich zu sitzen oder zu stehen, weil sich unter meiner Jacke oder hinter meinen Beinen zwei Kinder versteckten. Keine Kinderwurst beim Metzger, kein Luftballon beim Kinderarzt, kein Bonbon bei der Nachbarin, kein Spielzeug in der Spielgruppe konnte unsere Töchter dazu bewegen, Kontakt aufzunehmen, sich von mir zu lösen oder auf Fragen zu antworten.

Wir haben das nicht verstanden. Mein Mann und ich sind beide sehr aufgeschlossene Menschen, die in so ziemlich jeder Situation leicht mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. Es war für uns vollkommen unbegreiflich, warum ausgerechnet wir zwei Kinder haben, die so anders sind als wir. Bei Zwillingen greift ja gerne das Argument, dass da viele Dinge ohnehin anders sind, sie haben ihr eigenes Tempo, sie sind auf Dritte nicht so angewiesen usw.

Mittlerweile haben wir zwei Kinder, die alles lautstark kommentierend durch diese Welt gehen, die höflich, aber bestimmt ihre Kinderwurst an der Theke erbitten, den Kinderarzt an den vergessenen Luftballon erinnern, mit anderen Kindern spielen, auf Fragen antworten und die ihre Schüchternheit mittlerweile fast komplett abgelegt haben. Die klassische Auftauphase dauert 5-15 Minuten, danach siegt die Neugierde.

Im Nachhinein bin ich mir recht sicher, dass diese etwas nervenaufreibende Zeit für alle Beteiligten entspannter verlaufen wäre, wenn sich alle – wir bisweilen eingeschlossen – an bestimmte, eigentlich leicht nachvollziehbare Regeln gehalten hätten:

  1. Lassen Sie ein schüchternes Kind einfach in Ruhe! Wer klein und schüchtern ist, möchte nicht dauernd angesprochen werden, sondern erst einmal ganz in Ruhe die Lage sondieren. Unaufgefordertes in den Arm nehmen und Küssen ist übrigens so ziemlich das Schlimmste, was man in so einer Situation tun kann, das gilt auch und insbesondere für Tanten, Omas und sonstige Kussmonster.
  2. Kinder sind sehr sensibel. Sie haben feine Antennen und merken ganz genau, dass ihr Verhalten registriert und kommentiert wird. Sie bemerken auch die vielsagenden Blicke, die vorzugsweise zwischen anderen Müttern ausgetauscht werden.
  3. Auch wenn es schwer fallen mag: bitte schieben Sie Ihr schüchternes Kind nicht mit einem wohlmeinenden „Nun geh doch mal mit Max spielen!“ nach vorne. Ich habe diesen Fehler gemacht und bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass das das Allerblödeste war, was ich in dieser Situation tun konnte. Zwei kleine Salzsäulen hinter meinen Beinen können nicht irren.
  4. Reagieren Sie gelassen auf Kommentare oder Sprüche anderer Menschen. Wenn Sie unentspannt reagieren, tut Ihr Kind das auch. Ihr Kind braucht aber keine Mama, die sich innerlich die Haare rauft, sondern eine Mama, die sich schützend davor stellt. Ja, Ihr Kind ist noch schüchtern. Aber das ist überhaupt nicht schlimm!
  5. Leben Sie Ihrem Kind ohne langatmige Erläuterungen vor, wie Kommunikation funktioniert. Irgendwann sagt auch Ihr Kind zum ersten Mal leise „Hallo“ oder winkt jemandem schüchtern zum Abschied. Wir haben viel mit dem Telefon „geübt“, wenn es um Begrüßungen und Verabschiedungen ging. Mittlerweile kann ich nur noch in Ruhe telefonieren, wenn die Kinder nicht da sind, weil sie meinen Gesprächspartnern unbedingt noch ganz wichtige Dinge erzählen müssen. Und im Auto sitzen die beiden Damen wie die Königin von England in ihren Kindersitzen und winken allen Menschen, die sie sehen, um dann empört zu kommentieren, wer nicht zurückgewunken hat.
  6. Suchen Sie sich aus, mit wem Sie sich verabreden. Weniger ist mehr. Es muss nicht der Spielkreis mit mehreren Kindern und ihren Müttern sein. Und Zuhause fühlen schüchterne Kinder sich sicherer als zu Besuch bei einem anderen Kind. Ich hatte das Glück, eine nette Mutter kennenzulernen, deren großer Sohn als Kleinkind ungeheuer schüchtern war. Wir haben uns regelmäßig verabredet, erst bei uns, dann bei ihr. Mittlerweile bleiben beide Kinder dort problemlos auch über eine längere Zeit, auch ohne mich.
  7. Nehmen Sie die Schüchternheit einfach als gegeben hin. Ihr Kind ist das tollste Kind der Welt – und das genau so wie es ist!
  8. Geben Sie Ihrem Kind Zeit. Wer klein ist, hat ohnehin ein anstrengendes Leben. In den ersten Lebensjahren gibt es unendlich viele Dinge, die erlernt, erkundet und perfektioniert werden wollen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und braucht liebevolle und geduldige Eltern, die es dabei unterstützen.
  9. Schüchternheit kann man übrigens auch positiv sehen: meine Mutter erzählt heute noch mit Grausen, dass ich mich als kleines Kind jedem wildfremden Mann mit einem strahlenden „Papaaaaa!“ an den Hals geworfen habe
  10. Und zum Schluss mein Lieblingsratschlag: hören Sie bitte auf zu googeln!
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