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Ich bin käuflich und das ist gut so

4. Februar 2014

Auch wenn es in diesem Text gleich ein bisschen um Twitter gehen wird, freue ich mich, wenn auch Leser ohne jegliche Twitter-Affinität nicht gleich schreiend weglaufen. Denn irgendwie geht es zwar um Twitter, aber eigentlich geht es mir um etwas vollkommen anderes.

(Nach diesem nicht besonders geschmeidigen Intro kann es jetzt nur besser werden. Seien Sie also bitte etwas tapfer!)

Anfang Januar hatte Christian die sehr schöne Idee, ausgesuchte Tweets und Zeichnungen auf Postkarten in die analoge Welt zu transportieren. Wer mein Blog kennt, erinnert sich vielleicht noch an meine Aktion “Rettet die Handschrift” aus dem Jahre 2011. Ich habe also ohnehin eine gewisse Affinität zu analoger Kommunikation, und mir gefiel diese Idee insgesamt so gut, dass ich spontan zusagte. Ich freue mich sehr, bei diesem feinen Projekt dabei zu sein.

Heute war es nun soweit: die Seite www.analogbotschaft.de ist online gegangen und bietet ab sofort allen Interessierten die Möglichkeit, Postkarten sortiert nach Thema oder Autor anzusehen, in den Warenkorb zu werfen, zu kaufen und dann an Kühlschränke zu pappen, zu verschenken, einzurahmen, dem Hund zu zeigen oder mit einem freundlichen, natürlich handschriftlichen Gruß in die Welt zu schicken.

Wer mein Blog kennt, weiß dass ich keine Werbung mache. Wer die Diskussion auf Twitter heute ein wenig mitverfolgt hat, konnte an der einen oder anderen Stelle auch lesen, dass es ja bei dieser Sache mal wieder nur um Geld gehe. Und da 140 Zeichen manchmal deutlich zu kurz sind, muss ich Sie und mich nun hier mit diesem Text quälen, um Ihnen ein deutliches BULLSHIT an den Kopf zu werfen. Ich spende den Erlös aus meine Postkartenverkäufen komplett an die DKMS, bei der ich nicht nur schon seit über 20 Jahren registriert bin, sondern die ich bereits seit längerer Zeit mit der Aktion “GENau du!” unterstütze. Die DKMS hat von mir bereits eine Mail mit allen Daten bekommen, der Verlag die Bankdaten und das Stichwort für eine genaue und korrekte Zuordnung der Gelder.

Denen, die bis hierher ausgehalten haben (Glückwunsch dazu!), lege ich nun gleich mehrere Dinge ans Herz:

1. Sehen Sie sich analogbotschaft.de an. Aber beschweren Sie sich bitte hinterher nicht bei mir, wenn Ihr Portemonnaie sich danach plötzlich etwas leichter anfühlt.
2. Sehen Sie sich bitte alle Autoren und Zeichner an, Sie sind allesamt großartig. Und es werden immer mehr.
3. Meine Postkarten finden Sie dort unter @meterhochzwei bzw. HIER.
4. Erzählen Sie es weiter.

Allen Stänkerern und Spaßbremsen empfehle ich, einfach mal etwas Sinnvolles zu tun. Zum Beispiel eine Registrierung bei der DKMS.

In diesem Sinne,
Ihre Frau Quadratmeter

Heimat

16. Januar 2014

Was ist eigentlich Heimat? Und ist es für alle das Gleiche?

Vor längerer Zeit bin ich in ein anderes Bundesland gezogen, von einer großen Stadt in ein kleines Dorf. Es war nicht mein erster Umzug, genau genommen war es der 30., aber es war ein Umzug, mit dem ich mich schwer getan und mit dem ich lange gehadert habe. Wie es aber nun häufig so ist: es nutzt ja alles nichts und so relativierte sich das alles im Laufe der Zeit mehr und mehr, so dass ich mich hier mittlerweile wohl und Zuhause fühle.

Als ich nun kürzlich aus unerfreulichen Gründen für etwa eine Woche zurück in die alte Heimat musste, genügte der erste Satz im so gut vertrauten Dialekt und schon war es so, als ob ich nie fortgegangen wäre. Dabei befand ich mich noch gute 100 Kilometer von meinem ehemaligen Zuhause entfernt. Wie Trophäen sammelte mein Innenleben sorgfältig alles wieder ein, was ich längst vergessen geglaubt hatte: die alten Radiosender mit den alten Moderatoren, prägnante Punkte in der Landschaft, Autobahnschilder, an denen ich unzählige Male vorbeigefahren bin. Das Gehirn kennt jedes Kennzeichen, egal ob alt oder neu. Die Nase behauptet, dass es nur hier so riecht wie es riecht und nirgendwo sonst auf der Welt. Die Augen sagen, das Licht ist hier ganz anders als dort, wo ich gerade her komme.

Die Menschen schauen auf die Unterlagen, die ich dabei habe, sehen mich an und sagen “Sie sind aber doch von hier, oder?!”, “Das habe ich sofort gemerkt.” und das Ego plustert sich fröhlich auf seiner Sitzstange auf und gurrt mir leise ein ziemlich verliebtes “Hach, sie haben es gemerkt!” ins Ohr.

Ich könnte nun noch ein Stückchen weiterfahren, durch altbekannte Viertel, vorbei an der alten Wohnung und am ehemaligen Büro. Aber ich tue es nicht, denn ich weiß noch vom letzten Mal, dass diese Dinge in mir lediglich ein Gefühl der Fremdheit auslösen. Zuletzt stand ich im Dezember in unserer alten Straße und fühlte mich wie ein Schüler, der vor einem bedeutenden Kunstwerk steht und auf Kommando Ehrfurcht empfinden soll. Der ehemalige Lieblingssupermarkt war einfach nur voll und laut und schmutzig. Das Büro wirkte viel weniger strahlend als in meinen Erinnerungen.

Was also ist Heimat?

Ist Heimat da, wo die Lieblingsmenschen sind? Oder da, wo man aufgewachsen ist? Ich glaube, Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl, mal stärker und mal schwächer, im steten Wandel und immer ein Stück unberechenbar. Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle. Und deshalb ist Heimat vermutlich immer mal woanders.

Die Zentrale der inneren Heimat ist aber tatsächlich mein Zuhause. Wenn ich die Tür aufschließe und nach längerer Abwesenheit den Eigengeruch unserer Wohnung rieche, über diverse Spielzeuge und den Hund stolpere, wenn ich die Menschen sehe, küsse und umarme, die mir alles bedeuten und für die ich alles tun würde – dann weiß ich, dass ich meine ganz persönliche Heimat eigentlich jederzeit in meiner Hosentasche als Schlüssel mit mir herumtrage.

Zum Jahreswechsel

31. Dezember 2013

Spruch in der Silvesternacht

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
um so verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

(Erich Kästner)

GENau du – weiter geht’s!

1. November 2013

Bald ist Weihnachten und ich finde ja immer, man kann gar nicht früh genug damit beginnen, besinnlich zu werden, die innere Kerze anzuzünden, über sein Leben nachzudenken und wahlweise Besserung zu geloben oder sich schon mal ein paar schicke neue Vorsätze für das kommende Jahr auszudenken. Da bin ich natürlich gerne behilflich.

Schon im Februar hatte ich die diesjährige Mitmachaktion in meinem Blog gestartet. Es geht in diesem Jahr darum, etwas Sinnvolles zu tun, das auch noch ziemlich unaufwändig ist und unter Umständen ein Menschenleben retten kann: es geht um eine Registrierung bei der DKMS.

Von Natur aus mit einer gewissen Grundfaulheit ausgestattet, verweise ich wegen der Details der Einfachheit halber auf meinen ersten Blogbeitrag zum Thema, in dem alle Wesentliche erklärt wird.

Für die ganz Ungeduldigen, die eh schon wissen, worum es geht und die eigentlich nur noch nicht die Zeit hatten, geht es HIER zur Registrierung. Bitte nutzt nur diesen Link, da eure Registrierung sonst nicht meiner Blog-Aktion zugeordnet werden kann.

Auch wenn dieser Text launig geschrieben ist: seid keine Frösche und beschäftigt euch bitte ernsthaft mit dem Thema. Es ist eine wichtige Sache, für den Spendenden im Normalfall mit sehr wenig Aufwand und Risiko verbunden – und es kann für irgendwen auf diesem Planeten lebensrettend sein.

Registriert euch, teilt diese Aktion bitte auf eurem Blog, auf Twitter, auf Facebook oder ganz altmodisch auch offline. Ich fände es unglaublich toll, wenn ich hier bis Jahresende eine dreistellige Spenderzahl verkünden könnte.

Rosi

28. Oktober 2013
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Rosi wohnt schon so lange hier im Dorf, dass niemand weiß, ob sie hier geboren wurde oder irgendwann mal zugezogen ist. Rosi könnte alles zwischen 55 und 103 Jahre alt sein, auch das weiß niemand so genau. Jeden Tag läuft sie eine ganz bestimmte Route durch das Dorf, von der sie nie abweicht. Als im Sommer die Hauptstraße wegen Bauarbeiten gesperrt werden musste, stand Rosi fassungslos vor der Absperrung. Wie ein Aufziehauto, das vor einem Hindernis steht, musste sie jeden Tag aufs Neue behutsam in eine andere Richtung umgeleitet werden. “Was machen die da?” “Da ist eine Baustelle, du musst heute über den Birkenweg laufen.” “Das können die doch nicht machen.” Das waren vier sehr anstrengende Wochen für Rosi.

Rosi trägt 365 Tage im Jahr einen von der Sonne verblichenen, ehemals schwarzen Filzhut mit Häkelblume an der Seite. Sie schiebt einen Rollator vor sich her, der unverwüstlich alle Pfützen, Laubhaufen, Eis und Schnee über sich ergehen lässt. Ihre Handtasche hat sie mit einem Fahrradschloss am Rahmen des Rollators befestigt. Niemand hat je gesehen, was Rosi in dieser Tasche hat, aber bei Gesprächen hält sie die Henkel immer so fest, dass ihre Fingerknöchel weiss hervortreten.

Rosi grüßt. Immer. Jeden. Und laut. Egal, ob Briefträger, fahrende Autos oder die Linde vor der katholischen Kirche – Rosi schmettert ein lautstarkes “Moin!” in die Luft, winkt ausladend und schiebt dann weiter. Menschen, die sie nicht kennt, fragt sie gerne nach ihrem Namen und ihrem Alter. Die Antwort quittiert sie mit einem vielsagenden Hmhmm und mustert ihren Gesprächspartner ausgiebig. Dieses Prozedere wiederholt sie etwa 2 Jahre lang, dann wird man in die “Moin”-Riege aufgenommen und nur noch freundlich von ihr bewunken.

Seit drei Wochen ist Rosi verschwunden. An der Supermarktkasse munkelt man, dass sie krank ist. Sie ist gestürzt, sehr erkältet oder hatte einen Schlaganfall. Vielleicht ist es aber auch eine Gürtelrose. Sie hatte ja mal einen schweren Autounfall. Und die Kinder kümmern sich ja auch nicht so richtig. Oder hat sie gar keine? Und was war da damals eigentlich mit diesem Schausteller, der einen Sommer lang in einem Bauwagen neben dem Maisfeld wohnte?

Rosi wäre das Gerede überhaupt nicht recht. Grimmig guckend würde sie mit einer ausladenden Handbewegung die ganzen geflüsterten Sätze wie eine Bande lästiger Fliegen in alle Winde verscheuchen.

Hoffentlich ist sie bald wieder da.

Du fehlst

11. Oktober 2013
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Seit so vielen Jahren bist du nun nicht mehr da, und ich muss so oft an dich denken. Manchmal bilde ich mir ein, dass du am Tisch sitzt und mich beobachtest, mir zuhörst, den Kindern beim Spielen zusiehst und dann lachst wie nur du lachen konntest, mit zurückgeworfenem Kopf und aus vollem Hals, lange, laut und herzlich. Manchmal fahren wir auch gemeinsam Auto, vor allem die langen Strecken bei gleichmäßiger Geschwindigkeit, das Radio ist ausgeschaltet, die Bäume fließen links und rechts an uns vorbei, und wir schweigen einvernehmlich vor uns hin.

Du und ich, das war immer etwas ganz Besonderes. Es bedurfte keiner Worte, insofern ist dieser Text eigentlich vollkommen überflüssig. Du warst meine Ersatzmutter, mein Licht in der Dunkelheit und mein Hafen, den ich immer wieder angesteuert habe, egal wo ich gerade war. Wenn ich die Augen schließe, kann ich dich riechen, deine Umarmung und deine weiche Haut spüren, ich sehe deine schlohweißen Haare, die du zum Schluss nicht mehr färben wolltest, deine überdimensionalen Nachthemden. Ich höre die Spatzen im Hinterhof, deren Lärm sich mit dem Läuten der Kirchenglocken vermischt. Ich schmecke dein Apfelkompott und deinen Käsekuchen, ich höre dich morgens um 7 mit dem Küchenradio um die Wette singen. Ich sehe, wie du bei unangenehmen Dingen die Lippen zusammenpresst und leicht theatralisch die Hände in die Luft wirfst. Wie du fluchtartig hinter Schranktüren oder unter Tischen verschwinden konntest, sobald eine Kamera auf dich gerichtet wurde. Ich höre deine Stimme, wenn du ein trotziges “Ach, blas’ mich doch auf den Kopf!” herausschmetterst.

Niemand hat mich so trösten können wie du. Ich erinnere mich, wie ich nachts heimlich zu dir ins Bett geschlichen kam, wenn ich nicht schlafen konnte oder schlecht geträumt hatte. Wie du mich verteidigt hast, egal gegen wen und egal, ob es gerechtfertigt war oder nicht. Bei dir durfte ich immer so lang aufbleiben wie ich wollte, und wir beide haben gemeinsam abends auf dem Sofa gesessen, du hattest Schnittchen gemacht, es gab Süßigkeiten, für dich ein Glas Wein und für mich Sprudelwasser mit Himbeersaft. Und so saßen wir auf dem Sofa und sahen zuammen Dalli Dalli, Zum blauen Bock, Der große Preis, Was bin ich?, Aktenzeichen XY.. ungelöst. Ich erinnere mich an deine Küche, mit Blick in den Wald. Oft standen wir am Fenster und haben die Rehe beobachtet.

Du hast immer geschwitzt, aber es wäre für dich nie in Frage gekommen, das Haus ohne Strumpfhose zu verlassen. Hosen hast du Zeit deines Lebens nie getragen. Du liebtest das Meer, konntest aber nicht schwimmen. Du konntest stundenlang alte Familiengeschichten erzählen und wusstest als Einzige immer alle Namen und alle Jahreszahlen. Mit 80 hast du mir verraten, wie das damals mit Opa war, er und du im Stroh, unverheiratet.

Irgendwann wurdest du sehr krank. Unter den unzähligen Bildern, die ich im Kopf habe, sind auch die von dir im Krankenbett dabei, so weiß wie die Laken und ganz still, die leise zuschlagenden Türen, die Pflegerinnen und Ärzte. Am Schluss konnten wir nicht mehr miteinander reden. Aber ich weiss, dass du trotzdem anwesend warst. Wir haben einfach wieder gemeinsam geschwiegen.

Du fehlst mir. Die Lücke schmerzt immer noch, und nichts ist verblasst. An manchen Tagen weine ich um dich so, als ob alles erst gestern passiert ist. Ich werde dich auf ewig in meinem Herzen tragen und die Erinnerungen an dich an meine Kinder weitergeben, so dass ein Stück von dir immer weiterleben wird.

Du fehlst mir sehr.

Danke!

9. Oktober 2013
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Manchmal passieren Dinge einfach. Und das ganz unerwartet. Nachdem ich mich hier darüber ausgelassen hatte, wie frustrierend und schwierig ein beruflicher Neuanfang nach der Elternzeit sein kann, war die Resonanz unglaublich. Auf Twitter wurde der Text umfangreich retweetet, ich bekam dort wie hier viele aufmunternde Kommentare, in PNs und Mails wurde mir Hilfe angeboten von “Ich kann mich mal umhören, was suchst du denn?” über “Soll ich mal über deine Bewerbungsunterlagen gucken?” bis hin zu “Ruf doch mal XY an, vielleicht hat der eine Idee.”

Und dann erreichte mich eine Mail, in der sich jemand sehr freundlich nach Details erkundigte. Und was soll ich sagen, der Absender dieser Mail ist seit gestern mein neuer Arbeitgeber. Am Montag geht es los und ich freue mich sehr auf alles, was kommt.

Danke an alle, die diesen Text kommentiert und verbreitet haben, die so zahlreich mit Hilfe und Zuspruch zur Stelle waren. Ihr seid die besten Leser und Follower der Welt!

Manchmal ist dieses Internet einfach ganz schön toll.

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