Zum Inhalt springen

Gastbeitrag: Von Normalität und Extrawürsten

20. Juli 2012
tags:

Der heutige Gastbeitrag stammt von h4wkey3, mit dem ich mehrfach erfolglos versucht habe, die Tagesmaximalzahl an DMs bei Twitter zu erreichen und der sich durch schier endlose Geduld auszeichnet, wenn man ihn Löcher in den Bauch fragt. Daraus entstand dann recht schnell die Idee eines Gastbeitrages, und ich freue mich sehr, diesen Text nun hier veröffentlichen zu dürfen. Wie immer bei meinen Gastbeiträgen, bitte ich um zahlreiche Kommentare und empfehle allen Lesern, unbedingt auch das Blog von h4wkey3 zu besuchen.

Guten Tag, mein Name ist Hawkeye und ich bin Autist. Unter anderem. Darüber hinaus bin ich Blogger, twittere, bin Student und habe gelegentlich sogar ein Leben darüber hinaus.

Es gibt einige Standardreaktionen von Menschen, die diese Vorstellung zu hören bekommen. Diese reichen von Beileidsbekundungen, über Erklärungen, dass gestern Nacht eine Doku, direkt nach „Hitlers Babysitter“, auf irgendeinem Nachrichtensender lief und man Autisten ja so toll findet, bis hin zu diversen, mal mehr mal weniger unangenehmen Formen der Ungläubigkeit. Deshalb bin ich mit diesem Teil der Vorstellung meist sehr sparsam und spare ihn mir. Das ist auch gar nicht weiter schlimm, da ich zu den Autisten gehöre die meistens unauffällig sind. Meistens.

Doch bevor ich dazu mehr schreibe, vielleicht ein paar Worte, was Autismus eigentlich ist. (Keine Sorge, ich werde versuchen mich kurz fassen.)
Autismus ist ein Oberbegriff, für eine Reihe von Diagnosen, die alle gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, aber im Umfang ihrer Erkennbarkeit und auch ihrer Beeinträchtigung weit auseinander gehen. Daher spricht man auch vom autistischen Spektrum. Dieses Spektrum reicht von Menschen, die kaum in der Lage sind, mit ihrer Umwelt zu interagieren, bis hin zu Menschen, die so unauffällig sind, dass sie eventuell nie erfahren werden, wo ihre Besonderheiten herkommen.

Was die Gemeinsamkeiten angeht, sind das meist Probleme im Zwischenmenschlichen und Probleme mit der Reizverarbeitung. Im Sozialen fehlt Autisten gewissermaßen die Intuition, was den Umgang mit anderen angeht. Dinge wie Tonfall oder Mimik zu deuten, was bei den meisten Menschen ohne Nachdenken geschieht, müssen hier bewusst gelernt und auch angewendet werden, was anstrengend und auch nicht immer von Erfolg begleitet ist. Das Problem mit den Reizen hat seine Ursachen darin, dass die Filter, die bei den meisten Menschen all die „unwichtigen“ Informationen ausblenden und so verhindern, dass sie bewusst wahrgenommen werden, bei Autisten deutlich schlechter funktionieren als sie eigentlich sollten. Die Unterscheidung, was von dem Wahrgenommenen wichtig ist und was nicht ist ein aktiver Prozess, der einiges an Konzentration fordert.

Soviel zu den Grundlagen. Vielleicht noch ein kurzer Hinweis, dass das was ich hier schrieb, keine allgemeingültige Erklärung, sondern nur eine vereinfachte Kurzfassung ist. Die konkreten Ausprägungen davon sind sehr verschieden und ich will auch nicht ausschließen, dass die Erklärung hier von meiner eigenen Sichtweise beeinflusst wurde.

Zurück zum Ausgang: Meistens.
Wie wahrscheinlich schon vermutet, stehe ich eher am unauffälligeren Ende des Spektrums. Ich habe gelernt, die nonverbale Kommunikation meiner Mitmenschen zumindest soweit zu verstehen und auch anzuwenden, um nicht bei jeder ironischen Bemerkung wahnsinnig zu werden und auch die Umgebungsreize ertrage ich soweit, um durch den Tag zu kommen. Die Leute die in meinem Umfeld von meinem Autismus wissen, sind überschaubar und wissen es auch nur, weil ich es ihnen gesagt habe.

So praktisch dieses unauffällig sein auch ist, bringt es ein paar Probleme mit sich. Nämlich dann, wenn das mit dem unauffällig sein nicht mehr klappt, oder man Hilfen in Anspruch nehmen muss.
Es scheint, als haben viele Menschen ein Problem damit zu verstehen, dass wenn man „normal“ und problemfrei scheint, man das eben nicht automatisch sein muss. Wann immer man sich in eine solche Situation begibt, begibt man sich auch in die Gefahr, in eine Diskussion zu geraten, die geprägt ist durch das Wort „Extrawurst“ und Sätze wie „Andere müssen sich auch anstrengen“ oder „Nun steigern Sie sich mal nicht so da rein, Sie sind doch normal, jeder hat Probleme“. Das führt soweit, dass man selbst das Gefühl hat, man wollte irgendeine Extrawurst gebraten bekommen, anstatt sich einen Ausgleich für die Nachteile zu schaffen, die man hat. Bei jedem Nachteilsausgleich, um den ich bitte, habe ich vorher eine deutlich spürbare Hemmschwelle überwunden. Dieses Problem betrifft aber meistens eher Behörden, Ämter, früher Schulen und heute Hochschulen.

Alltäglicher sind die Momente, in denen das „normal“ wirken nicht mehr klappt. Ab einem gewissen Stresspegel und Arbeitspegel ist meine Konzentration so beansprucht damit aus all dem Zeuchs um mich rum noch das Essentielle herauszufiltern, dass ich, bevor ich Zeit hatte zu überlegen, ob ich mit dieser Antwort jemandem ungewollt vor den Kopf stoße oder beleidige, schon antworte. Das geht nicht immer gut. Genau so kann es sein, dass ich in leichte Stereotypen abrutsche ohne es zu merken. Das können unauffällige Dinge wie das auf und abwippen mit dem Bein sein, oder auch gemeinhin als nerviger empfundene Dinge, wie Kugelschreiberklacken sein.

Darauf kann man verschieden reagieren. Entweder man sagt nichts, das ist aber nur zu empfehlen, wenn es einen wirklich nicht stört. Sonst kommt irgendwann der Punkt, da sagt man doch was und das ist meistens nicht mehr nett. Oder man sagt direkt, dass einen das Kugelschreiberklicken grade nervt und bittet den anderen es einfach zu lassen. Meiner Erfahrung nach entpuppt sich letztes als der entspanntere Weg für alle Parteien. Das klappt übrigens auch, wenn man grade keinen Autisten vorrätig hat. Die meisten Menschen nehmen einfach nicht wahr, dass das was sie grade tun, die anderen stört.

Ich habe das Glück eines verhältnismäßig entspannten Freundeskreises, genau wie ich Kommilitonen gefunden habe, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann. Beide wissen nichts von meinem Autismus, nicht aus Angst vor Vorurteilen und Reaktionen, sondern weil es nicht notwendig ist, dass sie es wissen, weil sie die Probleme, die ich habe zwar wahrnehmen, aber sie eben nicht abtun als „du musst dir nur etwas Mühe geben“ sondern erst einmal so hinnehmen, aber darüber hinaus auch einfach sagen, wenn sie ein Problem mit mir haben. So viel Glück haben nicht alle. Das Verschweigen von Autismus, aus Angst vor Ausgrenzung, wie ich es nur bei einigen Menschen in meinem Bekanntenkreis machen muss ist bei vielen leider die Regel.

Ich denke, viele der Probleme wären kleiner, wenn sich die Erkenntnis durchsetzen würde, dass Menschen Probleme haben können, die man ihnen nicht ansieht und dass es eben nicht immer nur „nicht wollen“ ist. Nochmal so viele Probleme würden wahrscheinlich verschwinden, wenn man offener miteinander umgehen könnte, oder einfach mal nachfragt, wie etwas gemeint war, statt sich direkt beleidigt zu fühlen. Davon würden Nicht-Autisten wohl genauso profitieren.

About these ads
6 Kommentare leave one →
  1. 20. Juli 2012 20:43

    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich habe den Blog gleich mal in meinen Reader übernommen, denn ich bin an diesem Thema sehr interessiert. Schließlich ist Sohn1 auch betroffen – und auch ein “eher leichter Fall”. Da interessiert es mich besonders, wie andere Asperger-Autisten, die “nicht so schwer” betroffen sind, ihr Leben wahrnehmen und meistern.

  2. 20. Juli 2012 23:26

    Danke für diesen Einblick, der mich zum nachdenken angeregt hat. Ich selbst leide an Depressionen, es scheint (vereinfacht gesagt) umgekehrte Ähnlichkeiten zu geben, während ein Autist mit den Gefühlen (bzw. deren Ausprägungen) anderer Schwierigkeiten hat, habe ich Probleme mit meinen eigenen Gefühlen, im Gegenzug eine große Empathie gegenüber den Gefühlen anderer. Was die Hölle sein kann, wenn ich mich (ohne es zu wollen) in eine schlimme Situation eines anderen hineindenke und geheim mitleide.

  3. 21. Juli 2012 06:31

    Ein sehr schöner Beitrag. Abgesehen von dem immer wieder interessanten Einblick in andere (Gefühls-)Welten fand ich auch den letzten Absatz sehr gut. Mehr (richtige) Kommunikation würde niemandem schaden. Wir nehmen bei so vielen Dingen einfach an, dass der Andere sie weiß, obwohl wir sie nur gedacht haben. Ein tolles Beispiel finde ich da immer die Geschichte mit dem Hammer aus der Anleitung zum Unglücklichsein. Ein tolles Buch (sehr ironisch/sarkastisch geschrieben).
    Das Problem mit der “Extrawurst” kenne ich. Stand über mich sogar in der Abizeitung. Meine lieben Mitschülerinnen hatten wenig Verständnis dafür, dass ich eine genetische Fehlstellung der Patellae habe und somit häufig meine Zeit im Krankenhaus und in Reha verbringen durfte. Von manchen Menschen kann man einfach kein Verständnis erwarten.

  4. 21. Juli 2012 20:26

    Danke für den tollen Eintrag euch beiden – für Idee, Raumgewähren und Ausführen. Ich interessiere mich sehr für alles, was mit dem Thema zu tun hat und das Bereicherndste sind immer noch Blogbeiträge. Hier bekomme ich einen subjektiven Blick auf die Dinge, den man in Fachliteratur vermisst. Und ich weiß, was es einen kostet, einen solchen Blick ins Innen zu gewähren. Danke dafür <3

  5. 22. Juli 2012 19:40

    Danke für diesen Artikel, es erlaubt einen kleinen Einblick in Dinge, die man sonst so nie kennen lernen würde.

Trackbacks

  1. Link: Von Normalität und Extrawürsten auf Realitaetsfilter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 7.281 Followern an

%d Bloggern gefällt das: