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Mein innerer Klappentext

11. Juli 2012

Kürzlich schrieb ich an anderer Stelle, dass ich eigentlich ja nur blogge, um der Welt einen weiteren Menschen zu ersparen, der unbedingt ein eigenes Buch veröffentlichen möchte.

Bücher haben mich schon in ganz jungen Jahren begeistert. Als ich in die Schule kam, war ich bereits stolze Besitzerin eines eigenen Bücherregals, prall gefüllt mit vielen bereits gelesenen Büchern.

Daran änderte sich auch im Laufe der Jahre nichts. Ich vergas beim Lesen Schlaf, Essen und Verabredungen, strafte alle Schulfächer, in denen es um Zahlen und Formeln ging, zum großen Leidwesen meiner Eltern mit Missachtung und brauchte dauernd eine neue Batterie für meinen kleinen Radiowecker, weil man mit dem Nachtlicht unter der Bettdecke so schön heimlich lesen konnte.

Mit 11 war meine erste Kurzgeschichte dann fertig. Ich war sehr davon überzeugt, das Zeug zu einer großen Schriftstellerin zu haben und überreichte mein Werk stolz meinem damaligen Deutschlehrer. Der las die Geschichte auch artig, empfahl mir, Wortwiederholungen zu meiden und die Angelegenheit verlief im Sande.

Als Mensch, der noch offline aufgewachsen ist, hatte ich viel Zeit, um zu lesen und zu schreiben. Ich zeigte niemandem mehr meine Geschichten, nur die Verwandtschaft bekam hin und wieder ein Gedicht zu besonderen Anlässen präsentiert (das sich selbstverständlich reimte. Das gehört sich so für ein anständiges Gedicht.)

Während meines Studiums (das mit Kreativität nur sehr wenig zu tun hatte, wenn man mal davon absieht, dass die dehnbare Interpretation von Gesetzestexten auch einer gewissen Kreativität bedarf) versuchte ich mein Glück bei der Henri-Nannen-Schule. Im Nachhinein bin ich nicht böse drum, dass man mich dort nicht haben wollte. im Übrigen hätte ich mich mit den eingereichten Texten auch nicht haben wollen.

Ich schrieb weiter, ergriff einen Beruf, in dem eine gewisse rhetorische Gewandtheit nicht von Nachteil ist und war vollkommen der romantischen Vorstellung verfallen, eines Tages ein Buch zu schreiben. Ich sah schon den Klappentext vor mir:
“Frau Quadratmeter, geboren Neunzehnhundertgummibaum, ist verheiratet/alleinstehend und hat 0-3 Kinder/5 Katzen/eine Schafherde/eine Hundezucht. Die erfolgreiche Autorin lebt mit ihrer Familie/alleine/mit Freunden zurückgezogen auf einem ländlichen Anwesen/einer kleinen Ostseeinsel…undsoweiterundsofort.” Dazu gäbe es natürlich auch ein Foto von mir, in schwarzweiß, leicht seitlich, vielleicht der Bauerngarten im Hintergrund.

Die Jahre gingen ins Land, und zahllose Manuskripte, Notizbücher mit Inspirationen, Zettel und Servietten mit einzelnen Sätzen und Beobachtungen häuften sich in allen Ecken meiner Wohnung, in der Handtasche, auf dem Nachttisch. Und aus dem Buch wurde: nichts. Ich kam nie über eine bestimmte Seitenanzahl hinaus, verzettelte mich bei kleinteiligen Beschreibungen und scheiterte schon daran, dass die Helden meiner Geschichten vollkommen bescheuerte Namen hatten. Aber ich war davon überzeugt: ICH SCHREIBE EIN BUCH!

Irgendwann kam dann allerdings der Zeitpunkt für einige Erkenntnisse:

  1. Andere Menschen schreiben um Klassen besser als ich. Ihre Helden haben brauchbare Namen, legen ein nachvollziehbares und/oder spannendes Verhalten an den Tag und sind nicht bereits nach 40 Seiten tintenleer.
  2. Da draußen sind ganz viele andere Menschen mit der gleichen fixen Idee. Und vielleicht haben sie, genau wie ich, Freunde, die manchmal zu freundlich sind. Ein herzliches “Ja, du kannst schreiben, aber überlasse das mit den Büchern doch lieber denen, die das RICHTIG gut können.” oder ein “Ich mag dich, aber du nervst mich langsam mit diesen Hirnflusen.” zur rechten Zeit ist nicht zu verachten. Man muss es in dem Moment ja nicht zugeben. Aber das ist wieder ein anderes Thema.
  3. Ich schreibe wie ich rede: zu viel. In mir existiert offenbar ein Worte-Staudamm, der in unregelmäßigen Abständen seinen Geist aufgibt. Sehen Sie sich an, wie ellenlang dieser Text schon wieder ist. Ich kann einfach nicht kurz. Worte sind zu schön, um sie sparsam zu benutzen.
  4. Punkt 3 brachte mich dann zu Punkt 5.
  5. Twitter, lange von mir abgelehnt und für blödsinnig befunden, hat mir einiges beigebracht. Abgesehen von zwischenmenschlich spannenden Ereignissen, die ich erholsamerweise nur als Zuschauer verfolgt habe, stellte ich fest, dass es eine Kunst ist, sich kurz zu fassen. Dass es Menschen gibt, die in nur 140 Zeichen eine wunderbare Geschichte erzählen, für die ich 4 Seiten benötigt hätte. Dass es Menschen gibt, die relativ unbekannt sind,die aber zum Niederknien tolle Bücher schreiben. Dass es aber auch Menschen gibt, die dem gleichen Irrglauben wie ich verfallen sind und die ebenfalls seit vielen Jahren ihren inneren Klappentext schreiben. Oder noch schlimmer: sie haben jemanden gefunden, der sie veröffentlicht und beklommen stellt man bei der Lektüre fest, dass man sich fast ein bisschen fremdschämt.

Mein eigentherapeutischer Exkurs, den ich eingangs als launige Erklärung für dieses Blog getarnt habe, neigt sich nun dem Ende entgegen. Wer mich schon seit längerem liest, weiß: sie hat noch lange nicht alles gesagt, hat aber Erbarmen mit dem Teil der Leser, die bis hierher noch nicht aufgegeben haben.

Ich übe nach der Sommerpause weiterhin guten Inhalt in 140 Zeichen. Und wenn der Staudamm wieder Zicken macht, lesen wir uns hier, wenn Sie mögen.

In diesem Sinne,
Ihre Frau Quadratmeter

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16 Kommentare leave one →
  1. 11. Juli 2012 11:24

    Brrr.

    • quadratmeter Permalink*
      11. Juli 2012 11:27

      Was soll mir das jetzt sagen? :)

      • 11. Juli 2012 12:26

        Dass in deinem Text ganz viele eminent vernünftige Gründe stehen, aus denen ich es auch aufgeben sollte, und das ruft unangenehme kognitive Dissonanz hervor.

  2. 11. Juli 2012 13:51

    Danke :) ich erkenne mich wieder ;)

  3. 11. Juli 2012 15:30

    Und wenn man eines Tages aus all diesen Blogtexten, Anfängen und 40 Seiten ein Buch binden lässt, nur für sich selbst und für den Klapppentext, ist das mit Sicherheit auch mehr als lohnenswert. Ich lese gern, was Dein innerer Staudamm so los lässt. (Und ich liebe Deinen inneren Tintenfisch. Das Vieh verfolgt mich seitdem.)

  4. 11. Juli 2012 17:10

    Oha. Nun weiß ich ja, was auf mich zukommt.

    Das hält mich aber nicht davon ab, hier weiter mitzulesen (und auch beim Zwitschern).

  5. 11. Juli 2012 18:21

    Dein Schreibstil gefällt mir sehr. Auch Kurzgeschichten sind Literatur. Vielleicht ist es aber
    auch ganz banal und Du bist einfach zu zufrieden und glücklich mit Deinem Leben. Mitunter braucht es Lebenskrisen oder einschneidende Erfahrungen, die nicht unbedingt wünschenswert sind, um große Literatur hervorzubringen. Also sei froh!

    • quadratmeter Permalink*
      11. Juli 2012 19:02

      Ja, der Gedanke kam mir auch schon. Das wäre im Übrigen schon wieder fast ein eigener Blogbeitrag.. die Frage, inwieweit Schreiben ohne autobiogaphischen Einfluss überhaupt möglich ist – von Sachbüchern mal abgesehen.

  6. 11. Juli 2012 21:38

    Der Zeitpunkt wird kommen, dann stimmt alles, auch die Einstellung zum Buch.
    Was wären Autoren ohne viele Worte?

  7. 12. Juli 2012 08:44

    Reblogged this on Lit.Limbus und kommentierte:
    Mal was anderes zum Thema – hier will jemand KEIN Buch schreiben. Lesen und auf der Zunge zergehen lassen!

  8. 14. Juli 2012 04:22

    Das kommt mir sehr bekannt vor… Auf Twitter würde ich jetzt einfach ein Sternchen dran kleben statt eine nervige Reply zu schreiben – moment, kann ich hier ja auch. In diesem Sinne…

    • quadratmeter Permalink*
      16. Juli 2012 11:42

      Ich freue mich im Blog immer sehr über Kommentare.

  9. apostelchen Permalink
    16. Juli 2012 07:10

    Manchmal ist es doch besser “vernünftig”zu sein und Dinge eben nicht zu tun ;)

  10. apostelchen Permalink
    16. Juli 2012 14:44

    War da Ironje im Spiel?

    • quadratmeter Permalink*
      16. Juli 2012 14:49

      Falls sich die Frage auf die von mir zum Ausdruck gebrachte Freude über Kommentare bezieht: nein. Ich lese immer wieder tolle Texte in Blogs, sehe schöne Fotos, Menschen geben sich irrsinnige Mühe mit allen möglichen Dingen, viele tun das fast täglich – und wenn ich dann sehr, dass in den Blogs kaum Kommentare stehen, finde ich das immer sehr, sehr schade.

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