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Neulich bei der SCHUFA

7. Juni 2012

(Anlass dieses Textes: Einer heutigen Pressemeldung zufolge plant die SCHUFA, zukünftig Daten aus Facebook, Xing, Twitter und anderen Netzwerken zur Bewertung der Bürger heranzuziehen.)

“Moin, Harald. Was liegt heute an?”
“Moin, Klaus. Wir sind mit den Internetrecherchen etwas im Rückstand. Lass uns mal mit Annette Unbedarft anfangen. Deren Bank will wissen, ob sie für einen Kredit gut ist oder ob sie sich da ein faules Ei einhandeln.”

Angeregtes Klackern von zwei Tastaturen erfüllt das Büro. Es riecht nach Kaffee. Auf der Fensterbank macht ein Kaktus ein betrübtes Gesicht; der Zimmerspringbrunnen gluckert vor sich hin.

“Guck dir mal das Facebook-Profil an, was für ein bescheuertes Foto!”
“Hübsch geht anders. Die Gute ist ausserdem ganz schön fett. Da ziehen wir direkt mal ein paar Scorepunkte wegen erhöhter Letalitätsgefahr ab. Hast du Hobbys gefunden?”
“Das Übliche. Katzen, Acrylmalerei, Serviettentechnik. Aber hier, guck mal, da ist ein Foto ihres Elternhauses. Schicke Villa im nobelsten Teil von Köln!”
“Sie hat laut Facebook keine Geschwister, und die Eltern sehen auf dem Foto schon ziemlich hinüber aus. Also baldige Alleinerbin.”
“Ich addiere dann mal wieder ein paar Punkte und sehe mir ihr Xing-Profil an.”

Kurze Pause. Harald atmet zischend aus.

“Scheiße!”
“Was?!”
“Die Alte war bei Schlecker. Das ergibt einen ganz, ganz miesen Arbeitgeberkoeffizienten!”
“Der Chef reißt uns den Kopf ab, wenn wir wieder zu einem schlechten Ergebnis kommen. Die Presse lauert doch schon wieder auf den nächsten Eklat. Such’ weiter!”
“Mhmmmmmm. Davor war sie bei der Arcandor-Gruppe, auch nicht viel besser.”

Der Kaktus versucht, sich über die Fensterbank Richtung Bürotür zu schieben. Im Flur kichern zwei Kolleginnen.

“Ich habe ihren Twitter-Account gefunden.”
“Sie twittert mit ihrem Klarnamen?”
“Nein, aber die eMailadresse, die sie bei der Registrierung angeben hat, ist identisch mit der, die sie in ihrem OTTO-Kundenprofil hat.”
“Was twittert sie denn so?”
“Warte, ich scroll’ mal durch. Einhörner, Lolcats, irgendwas über Mett, sie mag offenbar keine Montage… Aber viel interessanter, sie hat in ihrem Profil ihr Blog verlinkt.”
“Wo ist denn das Handbuch? Ich kann mir einfach nie merken, was Lolcats sind.”
“Egal. Lies mal das Blog eben quer.”
“Kochrezepte, ein schlecht geschriebener Text über den transparenten Bürger, jede Menge Fotos.”
“Und in den Kommentaren?”

Der Kaktus bekommt Besuch von einer Stubenfliege und bricht höflicherweise seinen Ausbruchsversuch ab.

“Hier ist ein interessanter Kommentar: ‘Cooler Text, ich lese dein Blog echt gerne. Aber lass dich doch auch mal wieder bei uns im Sternstundenchat blicken.’ Ok, Sekunde… Der Verfasser hat da den gleichen Nicknamen, gleiches Bild… Ich scanne mal eben seine Freundesliste. Da ist sie, das Bild hat sie auch auf Facebook. Sie nennt sich Sexyhexy69.”
“Sofort Punktabzug wegen unsoliden Lebenswandels!”
“Bist du da nicht etwas zu streng?”
“Harald! Sie zockt ausserdem World Of Warcraft in einer sehr erfolgreichen Raidgilde! Kannst du mir mal erklären, wann diese Frau auch noch arbeiten gehen soll?”
“Ach, na ja, aber sie hört nette Musik. Im iTunes-Store hat sie sich die Best Of-Alben von ABBA und Michael Jackson gekauft. Laut Amazon-Wunschliste liest sie vernünftige Bücher. Und ihre eBay-Transaktionen sind auch alle einwandfrei.”
“Sie hört Unheilig! Das geht gar nicht, tut mir leid.”
“Können wir nicht ausnahmsweise mal…”
“Muss ich erst den Vorgesetzten bei dir raushängen lassen?! Nein!”
“Du hast ja recht, Klaus. Ich mache dann mal die Auskunft für die Bank fertig.”

Der Kaktus und die Stubenfliege haben mittlerweile beschlossen, bei Einbruch der Dämmerung gemeinsam die Flucht anzutreten.

“Sag mal, Harald, wolltest du dir nicht dieses irre Motorrad kaufen, das du mir letztens gezeigt hast?”
“Ach, ich weiß nicht…”
“Müsstest wohl einen Kredit aufnehmen, hm?”
“Mein Arzt sagt, Fahrradfahren sei viel gesünder.”

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21 Kommentare leave one →
  1. joh permalink
    7. Juni 2012 09:19

    hätte gern mehr über den Kaktus erfahren. Mag der Lolcats?
    btw guter Text!

  2. 7. Juni 2012 09:26

    Super Text. Danke für den Lacher am Morgen (mit einem weinenden Auge).

  3. 7. Juni 2012 09:46

    Danke für den Text – herrlich ;)

  4. 7. Juni 2012 10:18

    Einblicke in einen Auskunftei-Büroalltag unter besonderer Berücksichtigung des Fluchtverhaltens eines Fensterbank-Kaktus. Großartig! Vielen Dank!

  5. Michael Rath permalink
    7. Juni 2012 10:27

    Der Text ist klasse, hab ihn auf unserer Homepage verlinkt piraten-sek.de

  6. 7. Juni 2012 12:31

    Hat mir sehr gut gefallen dein Beitrag und weil ich ihn so unterhaltsam fand mal direkt ein Trackback von mir. (zehndaumen.de)

  7. 7. Juni 2012 18:05

    Guter Text und “Unheilig” geht wirklich gar nicht.

  8. 7. Juni 2012 18:25

    Sehr gut! ;-)

  9. 7. Juni 2012 18:35

    lachend unter dem Tisch liegt *Made my day!! :D

  10. 7. Juni 2012 20:11

    Klasse! :-)

  11. 7. Juni 2012 23:14

    Die Schufa will also Facebook-Daten verwenden? Wie dumm ist das denn? Dann gibt doch jeder als Beruf “Millionär” an.

  12. 8. Juni 2012 00:07

    und was is nu mit m Kaktus?

  13. Bananeee permalink
    8. Juni 2012 05:53

    Und wo ist das Problem??

  14. 8. Juni 2012 06:46

    Toller Text
    Aber was bitte sind “Lolcats”?

  15. schattenzwerg permalink
    8. Juni 2012 07:28

    sehr schön geschrieben :)
    irgendwie wirkt der kaktus sozial kompetent

  16. 8. Juni 2012 07:55

    Was Lolcats sind weiß ich auch nicht und dem Kaktus mit seiner Fliegenfreundin wünsche ich auch noch eine erfolgreiche Flucht :o)
    Das Thema ist eigentlich erschütternd wie selbstverständlich diese “Ratingagentur für Privatleute” an die Öffentlichkeit geht mit der Idee, in den Profilen der Menschen auf sozialen Netzwerken rumzuschnüffeln um die Kreditwürdigkeit festzustellen. Das zeigt eigentlich wie es mit unseren Daten wirklich steht.
    Man kann wirklich nur jedem raten mit seinen privaten Enthüllungen auf FB und Co. vorsichtig zu sein. Gerade junge Menschen auf künftiger Jobsuche kann das Bild vom Vollrausch auf der letzten Party, karriere- und bonitätsschädigend sein.
    (Achtung! SCHUFA, Verfassungsschutz, CIA, Krankenkassen und der Chef lesen mit!) ^^

    Klasse Text übrigens!

  17. 15. Juni 2012 21:41

    Gefällt mir!

Trackbacks

  1. Schufa outet sich als Datensammler. Was ist daran neu? | zehndaumen
  2. 23 Kalenderwoche

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