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Kein. Einziges. Verdammtes. Wort.

21. Mai 2012

Wenn es etwas gibt, das ich in ausreichender Menge und jederzeit zur Verfügung habe, dann sind es Worte. Große, kleine, liebe, verletzende, sarkastische, höfliche, humorvolle, tröstende, böse, unanständige, emotionale Worte.

Zu meinen Glanzzeiten habe ich mit Worten Menschen elektrisiert, erschlagen, umgarnt, überzeugt und entflammt. Ich hatte einen Job, in dem ich mit Worten viel Geld verdient habe. Worte sind wie Luftschlösser, sie unterliegen keiner statischen Begrenzung, und richtig gewählt nehmen sie das Gegenüber in den Arm und an die Hand und mit in eine andere Welt.

Ich war der Überzeugung, dass diese Fähigkeit wie Fahrradfahren ist, man verlernt sie nicht, treu wie der kleine Zinnsoldat steht sie auf Abruf zur Verfügung. Was für ein Trugschluss! Schon bei diesen Zeilen, in denen bislang nichts wirklich Substantielles steht, stottert der Wortmotor und säuft zwischendurch kläglich ab. Ich versuche es trotzdem:

In letzter Zeit ist viel von Demut die Rede, offenbar ist es gerade modern, demütig zu sein. Ich habe mit dem Begriff für mich immer wenig anfangen können. Für Demut war ich dauernd viel zu laut, zu schnell und zu selbstüberzeugt.

Mein Leben wurde durch die Geburt unserer beiden Meerjungfrauen vor etwa einem Jahr zwangsentschleunigt, und das ist das Beste, was mir passieren konnte. Prioritäten verschieben sich, das eigene Wertesystem verändert sich, und plötzlich sind nur noch sehr wenige Dinge im Leben wirklich von Bedeutung.

Mitten in diese Blase der hormonellen Mutterglückseligkeit passte es wunderbar, dass einer meiner Lieblingsmenschen ebenfalls Mutter wurde. Mütter wie wir müssen zusammenhalten, wir müssen uns gegen die uncoolen Mütter dieser Welt verbünden, den Kindern der anderen Handfürze und Gurkenfingerspiele beibringen, Fingernägel blau lackieren und unangepasstes Verhalten an den Tag legen. Mehr oder weniger ernsthafte Pläne wurden gemacht, in völliger Unkenntnis dessen, was in den kommenden Monaten geschehen würde.

Das Kind meiner Freundin wurde geboren, und schon nach kurzer Zeit stellten die Ärzte fest, dass dieser kleine Mensch krank war. Dieser kleine Mensch war so krank, dass unwiderruflich fest stand, dass er nicht lange leben würde. Die Nachricht erreichte mich per SMS. Ich war so fassungslos, dass ich tagelang geweint habe. Es gab ein Telefonat, bei dem mir bereits die Worte fehlten. Was sagt man in so einer Situation zu jemandem, der weit weg ist, den man in diesem Moment nicht sehen und spüren kann und der sich alle Mühe gibt, sein Notkorsett so eng zu schnüren, dass er nicht umfällt? Im Hintergrund quietschen die Meerjungfrauen, draußen scheint die Sonne, und der Telefonhörer wiegt plötzlich eine Tonne.

Die nächsten Wochen und Monate kann ich aus der Ferne nur erahnen. Ich schreibe, maile, smse, schicke ein Päckchen – nur anrufen, das traue ich mich nicht. Ich will nicht, dass sie im Hintergrund unsere gesunden Kinder hört. Mit jeder Woche, die vergeht, werde ich unsicherer. Sie weiss um meine Unsicherheit, ich habe ihr das gesagt und auch einmal geschrieben. Ich will nicht, dass sie mich für gleichgültig oder kommunikationsverkrüppelt hält. Sie meldet sich fast gar nicht, natürlich nicht, sie hat ganz andere Dinge im Kopf. Über Umwege erfahre ich hin und wieder etwas, manchmal reagiert sie auch auf eine meiner SMS.

Ich fühle mich wie der letzte Stoffel, unbeholfen und unfähig. Ständig muss ich an sie denken, ich rede über mein Stoffelgefühl mit meiner Familie und mit Freunden. Besser geht es mir danach nicht; irgendwie habe ich dauernd das Gefühl, dass ich es komplett versemmelt habe.

Vor zwei Wochen habe ich eine SMS bekommen. Die Traueranzeigen habe ich online in der Zeitung gelesen. Seitdem liegt hier die Beileidskarte. Und ich finde keine Worte, die ich passend finde, die nicht abgedroschen sind, die sich auch nur ansatzweise richtig anfühlen.

Kein. Einziges. Verdammtes. Wort.

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20 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 21. Mai 2012 20:48

    Dafür gibt es keine keine passenden Worte. Weil es nicht auf der Welt gibt das unpassender ist als das ein kleiner Mensch sterben muss bevor sein Leben überhaupt richtig begonnen hat.

    Und: was du beschreibst ist völlig menschlich. Es ist schwer mit jemandem, der einem am Herzen liegt und der so schwer vom Schicksal gebeutelt wird, umzugehen. Denn auch hier gibt es kein “passenden” Weg.

    Es ist so furchtbar. traurig. was deiner Freundin und ihrer Familie widerfahren ist. Und auch mir fehlen die Worte.

  2. 21. Mai 2012 20:49

    Versteh ich. Viel zu gut. leider.
    Eine Situation, in der mir auch immer wieder die Worte fehlen und ich mich ganz schrecklich handlungsunfähig fühle.
    Du findest bestimmt noch Worte, und eigentlich ist es egal, ob sie sich richtig anfühlen oder abgedroschen klingen. Es werden trotzdem die richtigen sein. Denn sie zeigen nur eines – das du da bist und an sie denkst und mit ihr fühlst. Ganz egal, wie die Worten heißen.

  3. salirride Permalink
    21. Mai 2012 21:17

    Aus der Erfahrung des Alters und meines Berufes wegen, kann ich Dir versichern, dass Du recht hast, wenn Du meinst, es gäbe keine passenden Worte in einer derartigen Situation.
    Aus den gleichen Gründen kann ich Dir ebenso versichern, dass alle Worte, die einem so hohl und leer vorkommen und so falsch sie einem scheinen, besser sind als gar keine.
    Allein der Versuch trostspendende Worte zu geben, erfüllt eben diesen Zweck…

  4. 21. Mai 2012 21:19

    Wie Du schon schreibst, sie hat andere Sachen im Kopf. // Gebt Euch etwas Zeit und dann nimm vorsichtig Kontakt auf. So würde ich es haben wollen.

  5. 21. Mai 2012 21:21

    Reblogged this on Salirride's SpottBlog and commented:
    Worte, die gesagt, vermögen mehr Trost zu spenden als Worte, die verschwiegen wurden…

  6. Guinan Permalink
    21. Mai 2012 22:25

    Die Worte sind nicht so wichtig, wirklich trösten kann da vorerst eh nichts. Du wirst es schaffen, dass deine Gefühle bei ihr ankommen.

  7. 22. Mai 2012 01:54

    es gibt leider Momente, in denen Sprachlosigkeit durchaus ihre Berechtigung hat…nehmt Euch Zeit, ihr werdet schon den richtigen Zeitpunkt finden! Alles Gute, und wenn es soweit ist, viel Kraft, neuen Mut und Hoffnung für Deine Freundin

  8. 22. Mai 2012 05:21

    Manchmal gibt es keine Worte, egal wie gut man vorher mit Ihnen vielleicht umgehen konnte. Lass dir Zeit und vielleicht findest du die Worte wieder.

  9. 22. Mai 2012 07:09

    .

  10. Renate Richter Permalink
    22. Mai 2012 08:07

    “Ich glaube nicht, daß mit dem Tod alles aus ist. Dieser wunderbare menschliche Körper, dieses so unendlich komplizierte System, unsere Seele, unsere Phantasie, unserer Gedanken – alles nur für ein einmaliges kurzes Erdenleben? Nein, das glaube ich nicht. Kein Schöpfer wäre so verschwenderisch. Wir verlassen die Erde. Aber wir kommen wieder.” Heinz Rühmann

    Vielleicht hilft es, genau das zu tun, was man sich in der Situation von der Freundin wünscht und darauf zu vertrauen, dass alles, was in Liebe geschieht, richtig ist.
    Von Herzen alles Gute
    RR

  11. 22. Mai 2012 10:36

    Kleiner Tipp, ehrlich das Äußern was man denkt. Du solltest diesen Blogpost ausdrucken und deiner Freundin geben bzw. ihr die Dinge genauso sagen, wie du sie hier geschrieben hast. Offenheit ist meiner persönlichen Erfahrung nach, immer das beste Pflaster und klingt vorallem nicht abgedroschen.Im Gegenteil, Ehrlich sein, ist individuell und wird der Situation immer gerecht.

  12. 22. Mai 2012 11:55

    Geht mir ganz genauso. Egal, in welcher Situation der Trauer – mir fehlen da praktisch immer die Worte. Und diese Situation stelle ich mir noch besonders erschwert vor…

    Deswegen kann ich leider dazu gar nichts raten. Außer vielleicht – Zeit lassen. Euch beiden.

  13. 22. Mai 2012 12:02

    Es gibt nichts Schlimmeres, als das Leiden und Sterben eines kleinen Kindes. Dies macht wohl die meisten von uns sprachlos, wortlos. Und ich denke, dass es deiner Freundin zur Zeit ebenso geht. Ich bin sicher, dass ihr mit der Zeit wieder zueinander finden werdet – mit den richtigen Worten…

  14. 22. Mai 2012 14:51

    Druck ihr diese Seite aus! Du hast doch die Worte!

    Oder etwas malen? Etwas Materielles schicken, z.B. eine Feder oder eine gepresste Blume? Ein Gedicht finden, dass deine Gefühle trifft?

    Lass sie zumindest wissen, dass du weißt und an sie denkst.

    Ich weiß, wie es dir geht… Ich finde auch nie die Worte…

  15. seitvertreib Permalink
    22. Mai 2012 20:49

    Also du hast genau die richtigen Worte gefunden, um zu beschreiben, wie es wohl den meisten Menschen beim Umgang mit Trauernden geht.
    Mir ist das auch schon passiert, von beiden Seiten aus. Wenn es dich tröstet: ich finde, du musst dir auf keinen Fall Vorwürfe machen, wenn dir im Moment die Worte fehlen. Du hast mit deiner Freundin ziemlich schnell am Anfang gesprochen. Sie weiß, dass du mit ihr fühlst und dass sie sich jederzeit an dich wenden kann, egal ob morgen oder erst in einem halben Jahr. Und dass du immer für sie da bist, wenn sie es will. Und dieses Wissen um deine Freundschaft ist ihr bestimmt wichtiger als jede Beileidskarte.

  16. 22. Mai 2012 21:54

    Ich kenne Deine Situation – allerdings von der anderen Seite. Und ich kann Dir sagen, dass es für jemanden, der gerade sein Kind verloren hat, am schlimmsten ist, wenn gar kein Kontakt da ist oder das Thema auf Teufel komm raus vermieden wird. Dann fühlt man sich fast aussätzig, weil man andere beschämt.

    Ja, es ist unsagbar schlimm. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist so schlimm, dass keine Worte der Welt die Empfindungen ausdrücken können. Und doch möchte man eigentlich darüber reden, gefragt werden “Wie geht es Dir” und dann das Gefühl haben, dass die Antwort auch interessiert. Dann kommen die Worte von ganz allein.

    Die einzigen Worte, die Du jetzt für die Karte wählen kannst, sind “Scheiße. Ich weiß nicht was ich sagen soll.” Das ist ehrlich und ein Anfang. Und dann ruf sie an, wenn Deine beiden gerade nicht da sind.

  17. quadratmeter Permalink*
    23. Mai 2012 10:57

    Danke an alle für die zahlreichen Kommentare, Mails, DMs und SMS, die mich nach Veröffentlichung erreicht haben. Es ist mir sehr schwer gefallen, einen so persönlichen Text zu veröffentlichen, aber eure Reaktionen haben mir gezeigt, dass das genau das Richtige war.

    Viele haben mir gesagt, ich solle den Blogbeitrag ausdrucken und an meine Freundin schicken. Das werde ich nicht tun. Denn im Vordergrund steht für meine Freundin nicht mein persönliches Hadern mit Worten, sondern die Trauer um ihr verlorenes Kind. Es geht um sie und ihren Verlust, nicht um meine Wortlosigkeit.

    Aber hier liegt mittlerweile ein Brief, den ich ihr geschrieben habe und den ich ihr schicken werde, weil ich nun doch Worte gefunden habe.

    Danke, ihr seid einfach toll!

  18. 9. Juni 2012 18:59

    Eine kleine, aber wichtige Themenabweichung von mir:
    Bei aller Tragik solch eines Ereignisses: Noch erschütternder ist für mich als Gesundheitstrainer, dass solches Leid sich wohl noch oft wiederholen wird. Denn die Menschen stehen immer noch unter dieser grottenfalschen Schulmedizin- Hypnose.
    Jedes Kind weiß, dass alles eine Ursache hat, – meist sogar eine vermeidbare. Bloß bei der Gesundheit wurde uns die Narrenkappe über die Augen gezogen. Da meinen wir, dass Krankheiten oder Tode schicksalhaft sind oder zufällig von Viren oder anderen pösen Erregern verursacht werden. – Was für ein Unsinn!
    Dass Kinder, parallel zu unserer Wohlstandsentwicklung, in immer früheren Lebensphasen erkranken ist statistischer Fakt. Dass das durch unsere Ignoranz so weitergehen wird, eine einfache und traurige Milchmädchen- Rechnung …

    • quadratmeter Permalink*
      9. Juni 2012 19:22

      Vielleicht bin ich gerade einfach zu müde, aber mir ist nicht ganz klar, was “grottenfalsche Schulmedizin- Hypnose” damit zu tun hat. Da Sie die Hintergründe nicht kennen und diese hier auch a) nichts zur Sache tun und b) zu persönlich sind, finde ich Ihre Aussagen zwar interessant, aber an dieser Stelle nicht passend.

      Vielleicht packen Sie Ihre Gedanken aber mal in einen eigenen Blogbeitrag?

  19. 10. Juni 2012 20:17

    Einfach machen, meine Liebe, einfach machen. Dein einst sehr fröhlicher Butterkeks

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