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Du hast dich überhaupt nicht verändert

3. Februar 2012

Es gibt Sätze, die einen einigermaßen ratlos machen, vielleicht weil sie zuviel Spielraum für eigene Interpretationsmöglichkeiten bieten. “Du hast dich überhaupt nicht verändert!” ist ein Satz, der an mir klebt wie das schamlos am Absatz flatternde Stück Toilettenpapier nach dem Verlassen der Raststättentoilette.

Was soll man von so einem Satz halten? Geäußert beim 10jährigen Abiturtreffen – alle anderen Treffen habe ich tunlichst ignoriert – ist der Satz ein Kompliment. Lieber für immer 19 sein, als so wirken zu müssen wie der überwiegende Rest der Jahrgangsstufe, der dickbäuchig und selbstgefällig am Tresen steht, vor sich das Bier, das Smartphone und die Autoschlüssel. Da trolle ich mich lieber in die Ecke, wo die ehemalige Raucherclique steht, mit der man immer schon gerne gemeinsam irgendwo im Weg herum stand, um abgeklärt und voller Esprit schlecht über andere Leute zu sprechen, sich Strategien für die Weltherrschaft zu überlegen und das nächste Wochenende zu verplanen.

“Du hast dich überhaupt nicht verändert!” findet auch die Verwandtschaft, die man länger nicht gesehen hat. Das ist ebenso frustrierend wie unglaubwürdig. Ich trage keine abgeschabten Latzhosen mehr, meine Knie sind nicht mehr blutig geschlagen, sondern nur noch blaufleckig, ich esse schon seit vielen Jahren unfallfrei und es gibt keine schulischen Schrecklichkeiten, über die man sich noch ereifern könnte – und nun fehlt eigentlich nur noch Mama, die in großer Runde berichtet, dass ich erst mit 2 Jahren laufen konnte und zu dem Zeitpunkt immer noch nicht trocken war. Und reden wollte ich auch nicht. Allerdings hat Mama im Laufe der Jahre sehr nachgelassen, vermutlich liegt das daran, dass ich zu selten mit ihr unterwegs bin, so dass ihr das geeignete Publikum (Kassiererinnen, Verkaufspersonal, Arzthelferinnen, Nachbarn) etwas ausgegangen ist. Aber ich schweife schon wieder ab.

“Du hast dich überhaupt nicht verändert!” finden die ehemaligen Kollegen, als ich im Büro eine Ehrenrunde drehe, und ich bilde mir einen etwas enttäuschten Unterton ein. Offenbar geht man davon aus, dass das Mutterdasein einen dritten Arm und zahlreiche Tentakel auf dem Rücken wachsen lässt, das Gehirn um mindestens 35% schrumpft und beim Reden immer ein Speichelfaden aus dem rechten Mundwinkel hängt. Ich erwäge kurz, diesen Satz zu hinterfragen, ziehe es dann aber vor, mental leicht speichelnd ins Nebenbüro zu wechseln.

“Du hast dich überhaupt nicht verändert!” sagt jemand, den ich viele, viele Jahre nicht gesehen habe und dessen Meinung mir einmal viel bedeutet hat. Das wäre dann jetzt wohl der geeignete Moment, um die frisch geschliffene Axt zu verwenden, auf deren Griff ein “Ich war zum Tatzeitpunkt emotional aufgewühlt” eingraviert steht, zu verwenden. Im Muliple-Choice-Verfahren flackern vor mir die möglichen Einwände über den Bildschirm. Aber ich bin doch jetzt viel cooler/hübscher/erfolgreicher/scharfzüngiger/unabhängiger… Suchen Sie sich was aus, ergänzen Sie nach Belieben, kreuzen Sie irgendwas an. Stattdessen entscheide ich mich für ein knappes “Du aber auch nicht.” und frage mich, was ich an diesem Menschen eigentlich mal so phänomenal fand.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch einige Pauschalsätze aufbügeln gehen.

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6 Kommentare leave one →
  1. 3. Februar 2012 12:00

    Ich kenne Dich nur als “Du”. Bleib so, gefälligst. *augepieks*

    Und sollte ich jemals Speichelfädchen in Deinem Gesicht entdecken, spucke ich auf mein Taschentuch und rubbel sie weg. Damit das nie wieder passiert. :mrgreen:

  2. 12. Februar 2012 16:33

    Alternativ verbliebe ein Leben lang das verwandtschaftlich überzeugte: “Du bist aber gewachsen/groß geworden …” :-)

  3. 19. April 2012 08:33

    Liebe Frau Quadratmeter, wahrscheinlich waren Sie schon immer cool und hübsch und unabhängig und erfolgreich (soweit man das in gewissen Alters- und Lebensstufen möglich ist), nur dass sie das eben selbst nicht gesehen haben, Ihre Lebenszuschauer aber schon. Somit ist “du hast dich überhaupt nich verändert” ein Kompliment.

  4. 9. Mai 2012 11:47

    Ich würde es auch als wohlwollende Höflichkeitsfloskel einstufen,
    denn was käme normalerweise wahrheitsgemäß zustande, wenn
    man Menschen lange Zeit nicht gesehen hat?
    Doch eher, “Man, bist du aber alt, fett, grau, faltig, spießig, eingefahren, oder sonstwas geworden.”
    Außer bei Kindern und Jugendlichen würde man eine positive Veränderung sehen (groß, hübsch etc…)

  5. Isolde permalink
    4. Oktober 2012 08:19

    Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: “Sie haben sich gar nicht verändert.”
    “Oh!” sagte Herr K. und erbleichte.
    – Bertolt Brecht, Das Wiedersehen

    Über einen Twitterbeitrag, der auf FB die Runde macht, bin ich schließlich auf Ihren Blog gestoßen. Ein schöner Text, gefällt mir sehr.

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