Weißt du noch?
Momentan sind im Hause Quadratmeter Babyfotos hochaktuell, so dass kürzlich auch das eigene Fotoalbum aus windelreichen Tagen aus dem Regal gezogen wurde. Baby auf der Decke, beim Wickeln, im Kinderwagen, an seinem ersten Geburtstag, am Telefon, mit Papas Skistiefeln, mitten in Penatencreme sitzend… vermutlich sehen die Alben unserer Generation alle ziemlich ähnlich aus.
Mein bester Freund, der sich mit mir gemeinsam die Bilder ansah, schwor Stein und Bein, dass er sich noch daran erinnern kann, wie sein Vater ihn im Kinderwagen fotografierte. Da sei er (nicht der Vater) wohl etwa ein Jahr alt gewesen.
Wer mich kennt, der weiß um mein entsetzlich schlechtes Erinnerungsvermögen. Das kann manchmal hilfreich sein, oft ist es lästig oder sogar etwas peinlich. Ich kann mich an erlittene Kränkungen nicht mehr erinnern. Ich kann nicht mehr so genau sagen, wieso ich mich damals sehr empört mit einer engen Freundin überworfen habe. Nur meine Emotionen sagen mir, dass es ein sehr gravierender Grund gewesen sein muss. Menschen, die noch nach 10 Jahren einen Dialog fast wortgetreu rezitieren können, verunsichern mich. Meine Mutter muss Geschichten nur mit “Du wirst doch wohl noch wissen, wie das damals war” beginnen, um mich zu frustrieren.
Das hatte zur Folge, dass ich mein mangelndes Erinnerungsvermögen mit den Erinnerungen anderer aufpolsterte. Dumm nur, wenn diese Erinnerungen konträr sind oder schlichtweg falsch, so dass man dann mehr Aufmerksamkeit erregt, als einem lieb sein kann. Hinzu kam, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, welche Erinnerung nun wirklich mir gehört und welche ich heimlich adoptiert hatte.
Ich habe das viele Jahre überspielt. Wer gibt schon gerne zu, dass er vom lieben Gott das sprichwörtliche Sieb als Gedächtnis mit auf den Lebensweg bekommen hat? Also habe ich nur unspezifisch gebrummt, wenn es um Vergangenes ging, vage genickt und gehofft, dass keiner was merkt. Mittlerweile ist mir das zu anstrengend geworden, und ich habe mich mit der fassungslosen Reaktion von Familie und Freunden arrangiert, die anfänglich nicht glauben wollten, dass ich mich tatsächlich nicht mehr oder nur noch sehr schemenhaft erinnern kann.
Ich bin jetzt immer die, die man gar nicht erst fragt, wie gewisse Dinge sich vor 5, 10 oder 20 Jahren zugetragen haben. Das ist sehr praktisch, weil ich die Einzige bin, die bei Familientreffen in Ruhe ihren Kuchen essen kann und deren Kaffee in der Tasse nie kalt wird. So kann ich auch viel besser den Frauen meiner Familie dabei zuhören, wie sie sich darüber streiten, wer denn 1974 in welchem Garten und in welchem Anorak wie viele Ostereier hinter welchem Strauch entdeckt hat.
Nicht geheuer ist mir das mit den Erinnerungen weiterhin, sowohl bei mir wie auch bei anderen. Ich finde Menschen suspekt, die sich an ihre erste Kindergartenfeier erinnern, an ihren 2. Kindergeburtstag, alle 4 Grundschuljahre en detail. Eine meiner wenigen Erinnerungen an meine Grundschulzeit sind eine Prügelszene mit dem doofen Torsten Schwarz aus der Parallelklasse, bei der ich mein Federmäppchen verlor, aber meine Ehre zurückgewann und eine Hausaufgabe über das Entstehen von Küken in Hühnereiern, die ich aufwändig illustrierte und für die ich eine Eins bekam.
Interessant finde ich auch die kollektive Erinnerung, die offenbar einen Dominoeffekt auslöst. Jemand erinnert sich an ein Detail aus seiner Kindheit, der nächste steuert seine Erinnerung bei, und auf einmal kommen Erinnerungslawinen gigantischen Ausmaßes in Gang.
Und dann ist sie auch bei mir wieder da, die Erinnerung. Dann sehe ich mich sonntags wieder Brötchen holen, das Yps-Heft mit der Plastikklapperschlange kaufen, bei meiner Oma am Küchenfenster stehen und die Rehe am Waldrand beobachten. Aber wieso ich mich damals so mit meiner Freundin zerstritten habe, ist mir immer noch nicht so ganz klar. Vielleicht rufe ich sie einfach mal an.


Ich kenne diese Gedankengänge. Ich vergesse schnell und hänge nicht an materiellen Erinnerungsstücken. Ganz anders als mein Freund, der jedes Mal einen mentalen Herzkasper bekommt, wenn ich das Geschirr von der Großtante in die Hand nehme. “Das ist noch von vor’m ersten Weltkrieg! Du musst gaaaaanz vorsichtig sein!!!!”
Einerseits bin ich froh, zum Vergessen zu neigen, aber manchmal ist es auch schade, bei den Erinnerungsorgien debil lächelnd daneben zu sitzen und zu denken “wo, zur Hölle, war ich da?” Und was ist mir von meiner Kindheit oder meiner Geschichte geblieben. Nichts ist älter als 5 Jahre. Weder die materiellen Habseligkeiten noch die Erinnerung.
Materiellen Erinnerungsstüke kann ich mittlerweile gut loslassen, soophie. Denn ich glaube, das was bleibt, das sind die Erlebnisse, die Erinnerungen. Und die Lebendigkeit, mit der tief versunkene Erinnerungen gelegentlich zu Tage treten, die ist mir ein Beweis, dass nichts verloren geht. Wo immer die Erinnerungen auch hinsinken mögen.
Das “Erinnerungen heben” kann man übrigens üben. Um zu sehen, dass alles erhalten bleibt ist diese Übung doch eine schöne Sache.
Eine Möglichkeit der Erinnerungsübung ist es, den Vortag in einer ruhigen Minute rückwärts revue passieren zu lassen. Nach wenigen tagen staunt man, wie leicht es gelingt und wie facettenreich die Erinnerungen abrufbar sind. Der Nebeneffekt dieser Rückschauübung ist, dass man sich sowohl seiner nächtlichen Träume als auch länger zurückliegender Geschehnisse erheblich besser erinnern kann.
Unsinning finde ich allerdings, wenn jemand den Erinnerungen mehr Aufmerksamkeit als dem hier und jetzt schenkt.
Ja ich erinner mich. Dieses kollektive Erinnern kann die Gruppe in regelrechte Rauschzustände versetzen.
Bei mir klappt das Erinnern auch allein. Ein aktueller Eindruck, ein Geruch reicht oft aus. Alles scheint durch Gedankenfäden miteinander verwoben. Hat man das erste Stück eines Gedankenfadens gegriffen, lassen sich tief versunkene Erinnerungen wiederbeleben. Das finde ich total faszinierend.
Ja, das kenne ich
Wobei mich aber mein früherer Psychiater beruhigt hat und meinte, dass das nichts ungewöhnliches sei. Für ältere Erinnerungen benötigt man oft einen Auslöser, “auf Knopfdruck” funktioniert das kam.
Und ich habe auch gehört, dass nachgewiesen sei, dass gerade frühe, und trotzdem gute Kindheitserinnerungen erst durch wiederholte Erzählungen entstanden sind, so dass man glaubt, sich wirkllich selbst noch erinnern zu können.
Oh. Bin also nicht die Einzige, der es so geht. Wie erleichternd. Was war noch mal die Frage?
Boah, ich dachte ja, ich bin die einzige, der es so geht. Alle meine Freunde, Bekannte und die Familie sowieso, scheinen weltumfassende Elefantendegdächtnisse zu besitzen… wie beruhigend. Was war noch mal die Frage?
All jenen, die sich ihrer Erinnerung derart sicher sind, als sei hätten sie ein HDD-Laufwerk im Gehirn sitzen, sei empfohlen, mal (sofern möglich) beispielsweise Einsicht in Vernehmungsprotokolle anlässlich eines Unfalls mit Fahrerflucht auf einer sehr belebten Straße zu nehmen, der zum Zeitpunkt der Vernehmung bestenfalls mehrere Tage her war.
Art und Farbe des Fahrzeugs, Alter, Geschlecht, Haarfarbe, Kleidung und besondere Merkmale des Fahrers, nichts davon wird eindeutig sein. Von 20 Befragten werden wohl mindestens 2 behaupten, dass die Frau im Wikinger-Outfit einen Schnurrbart trug und einer ist der felsenfesten Überzeugung, dass es kein Auto sondern ein UFO war …
Merke: Der Wahrheitsgehalt von Erinnerungen steigt nicht proportional zur Bestimmtheit der Behauptung, es wäre genau so gewesen. Angeblich kann man sich ja eh an nichts erinneren, was vor dem 3. Lebensjahr passierte, weil Hirn noch zu matschebrei …
Was sich Menschen merken, scheint doch sehr unterschiedlich zu sein. Ich habe z.B. ein ganz schwaches Gedächtnis für Gesichter, was im Umgang mit Menschen sehr peinlich werden kann, habe aber heute noch Telefonnummern im Kopf, die es lange nicht mehr gibt oder könnte jederzeit Erinnerungen an bestimmte Kindheitsgerüche rememberieren. Überdies kann rasches Vergessen durchaus auch eine Gnade sein. Zahnärzte und Gaststätten leben davon …
Das mit dem Freundinanrufen scheint mir aber eine gute Idee zu sein, selbst wenn sich doch rasch die Erinnerung an den Grund des Zerwürfnisses wieder einstellen sollte.
es gibt so Erinnerungen, da weiß ich schlichtweg nicht, erinnere ich mich tatsächlich oder erinnere ich mich nur an die Erzählungen anderer über mich. Und irgendwann mache ich dann ihre Erinnerungen zu meinen.
Es gibt auch ein paar Erinnerungen, von denen ich sicher bin, dass sie stimmen, aber aus diversen Gründen weiß ich, dass es so definitiv nicht zugetragen hat. Aber ich könnte trotzdem schwören, dass meine Erinnerung stimmt.
Ist also sowieso tricky, das mit dem Erinnern.
Manches Zusammentreffen erstaunt mich schon: hab gestern hier gelesen, und mein Text heute dreht sich auch um Erinnerungen.
Ich glaube wir erfinden uns jeden Tag ein wenig neu und unsere Erinnerungen gleich dazu. Auch bei Gruppen ist das so. In einem Freundeskreis kursierten Erzählungen von Begebenheiten in denen ich eine Rolle spielte, so weist du noch wie der Uwe damals dem.. Jeder erinnerte sich und ganz besonders ich natürlich. Nur der doofe Lebenslauf behauptet steif und fest, ich hätte während der ganzen Zeit in einer anderen Stadt gewohnt.
Ich habe noch heute das dringende Gefühl, diese Erinnerungen an nie Erlebtes seien absolut echt.
“Menschen, die noch nach 10 Jahren einen Dialog fast wortgetreu rezitieren können, verunsichern mich.”
Mich auch. Gerade solche, die dann ganze Gespräche bloggen. Ein Ding der Unmöglichkeit für ein Stück Mensch wie mich.
Ganz toll ist es auch, auf Erinnerungsstücke zu treffen und sich dann urplötzlich an Dinge zu erinnern, die so tief im Gedankensumpf versickert waren, dass sie noch nach dem Ausbuddeln modrig duften.
Das können Tagebucheinträge sein, kreative Erzeugnisse oder auch, wie von Dir erwähnt, reflektierendes Brainstorming.
Die Nuss
Dann gehts mir so wie dir. Ich habe ein Buch, welches ich sehr gerne lese. Dort sind aktuelle Geschehnisse assoziativ mit Erlebnissen aus der Kindheit geknüpft. Wie sehr bewundere ich diesen Protagonisten für sein Erinnerungsvermögen! Natürlich ist der Charakter nur fiktiv, aber es scheint auch im realen Leben genug Leute zu geben, die sich an Momente bis in alle Einzelheiten erinnern. Und ich vergesse alles: Geburtstage, Sachen die mich sehr gefreut haben, Sachen die mich sehr verärgert haben. Nur schemenhaft flackert hier und da mal ein Moment auf, wenn ich an meine Kindergartenzeit, an meine Grundschulzeit zurück denke: Ein großer Behälter, in dem ich im Sand nach Lehmklumpen suche, wie ich auf einem hohen Gerüst sitze, wie ich Joghurtbecher auf dem Tisch verschiebe, wie ich mir das Knie aufschlage, wie ich auf einem Zaun balanciere. Im “Kollektiv” kommen dann zwar immer mehr Erinnerungen hinzu und ich kann oft sagen “ach ja stimmt!” weil es mir dann plötzlich ebenfalls wieder einfällt, obwohl ich alleine nie darauf gekommen wäre – oft genug bleibt es aber auch nur bei einem “Ja…hm, kann sein.” Zusätzlich bin ich mir, ebenso wie du, manchmal nicht sicher, was MEINE Erinnerung ist oder die anderer, weil die Bilder die mir “erscheinen” oft aus einer außen stehenden Perspektive sind.
Es ärgert mich, es frustriert mich. Ich würde mich gerne an so viel mehr erinnern.
Vielleicht deshalb meine Vorliebe für Fotografie? Vielleicht deshalb Aufbewahren von alten Schulsachen, auch von Fächern, die ich längst nicht mehr habe und sogar hasse? Vielleicht deshalb der Drang alles mögliche und sinnlose zu notieren?
Nur um mich später zu erinnern, nichts zu vergessen, was mich einmal beschäftigt hat.
Der Point.
Tröstlich zu wissen, dass ich nicht alleine mit dem Problem dastehe. Ich habe ein wirklich wahnsinnig schlechts Gedächtnis, ich habe schon Probleme ein Gespräch von vor zwei Tagen auch nur halbwegs wieder geben zu können. Menschen mit einem deratigen Elefantenwissen verunsichern mich immer wieder, in mir kommt dann die Frage hoch: WIE zur Hölle machen die das?! Vieles aus meinem bisherigen Leben besteht aus schemenhaften Erinnerungen, einzelne Stränge die ich betrachte, als hätte sie jemand anderes und nicht ich erlebt. Nur wenn ich ganz tief suche kommen klare(rer) Erinnerungen hoch, solche bei denen ich mich wirklich noch erinnere und nicht warscheinlich einfach die von jemand anderem angenommen habe.
Es ist nervig. Frustrierend. Im Familien- & Freundeskreis kommt es bei ständig vor dass ich nach Dingen frage, die ich erst vor wenigen Tagen erfragt habe, mich aber partou nicht erinnern kann. Manchmal verlasse ich einen Raum und weiß schon nicht mehr, was ich vor hatte. Aber wie du schreibst gibt es auch Vorteile: Man hat bei (Familien-)Feiern seine Ruhe. Und schlechte Erinnerungen vergisst man dann auch schneller.
Als ich gerade diesen Trailer zu „Ohne Limit“ sah, musste ich an deinen Beitrag denken. Dann doch lieber weiter vergesslich bleiben
Hach, das könnte ich einfach so unterschreiben, den Text guttenbergen und in meinem Blog veröffentlichen. Meine Erinnerung an die Grundschule? Ich hab mal einem Jungen ein Büschel Haare ausgerissen, weil er das “Deckel-hoch-Wasser-kocht” Spiel zu sehr ausgereizt hat. Und meiner Lehrerin, die sich leider umgebracht hat, geholfen, Sterne an die Fenster zu kleben, weshalb ich Stunden zu spät nach Hause kam und es richtig ärger gab. Ansonsten? Unterrichtsinhalte? Habe ich etwas anderes getan, außer aus dem Fenster zu schauen und zu träumen? Habe ich jemals Hausaufgaben gemacht? Ich hatte einen grünen Kunstledertornister. Das weiß ich aber auch nur, weil es Fotos davon gibt.
Ebenfalls kann ich mich nie an die Details von Streitigkeiten erinnern. Wozu auch. Kommt Zeit, kommt Vergessen. Ich muss mir so viele Dinge merken, da müssen halt manche Dinge raus.
Das Einzige, was ich wohl nie vergessen werde, sind die Telefonnummern, die ich in meiner Kindheit, mit Wählscheibe, wählte.