Stillstand
Stillstehen, atemlos und ohne Regung, fasziniert vom Augenblick. Still, im Stand, nicht weglaufen, einfach nur ruhig sein und abwarten – sehen, was geschieht. Aushalten, standhaft bleiben, egal was passiert. Das große Pendel, jemand hat es angehalten und die Uhr mit einem schwarzen Tuch verdeckt. Auch alle Spiegel wurden verhüllt. Still tanzen Staubpartikel durch einen Sonnenstrahl, irgendwo seufzt eine Holzdiele und es riecht nach Frühlingsblumen.
Gleich wird es klingeln, dann werden sie alle kleiderraschelnd das Zimmer betreten mit umherhuschenden Augen und nervös nestelnden Fingern, die wie Spinnentiere ziellos über Sessellehnen wandern. Alles wird wispern und raunen, die Fenster warten und halten Ausschau nach dem Besuch.
Draußen geht alles weiter. Das ist absurd, kann nicht sein. Innehalten müssen sie doch, alle miteinander, geräuschlos einfrieren, auf der Stelle. Sie müssen doch merken, dass einer fehlt. Vielleicht, wenn man ganz ruhig ist und ganz genau hinhört, ist er doch noch da, hat sich nur versteckt, in eine geheime Ecke gekauert sitzt er da und ist lautlos vergnügt, weil niemand ihn findet. Nicht weg, nur ganz woanders, wie ein verlegter Gegenstand, immer da und selbstverständlich und dann auf einmal fort. Funktionsuntüchtig entschwunden, sich allem entziehend, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.
Atemloses Warten. Vielleicht, wenn man die Luft anhält, früher ging das doch auch. Man schloss dabei die Augen und bestaunte die Muster, die entstanden, verwirbelten und sich neu zusammenfügten. Ganz still liegend, das war wichtig, man durfte sich nicht bewegen, nur sehr leise und sehr sorgfältig atmen, bis sich irgendwann etwas löst und immer höher davonschwebt.
Vielleicht geht alles vorüber, wenn man sich nicht rührt. So wie in der Schule früher. Bewegungslos auf die Tischplatte starren, um nicht aufgerufen zu werden, steif und wie ein Ast im Winter, der den Wind fürchtet. Und wenn man die Augen schliesst, dann ist alles nicht wahr, es passiert nicht oder passiert ganz woanders. Und eigentlich steht man hier nur versehentlich, falsche Veranstaltung, bitte entschuldigen Sie die Störung, mein Beileid, nein danke, ich finde selbst den Weg hinaus.
Und vor der Tür (natürlich scheint die Sonne und der Himmel ist wolkenlos blau) ein Jauchzen, ein kurzes Innehalten und man läuft davon durch alte Gassen, vorbei an Hauseingängen und Hinterhöfen mit einem Stock und einem Metallreifen, das Kopfsteinpflaster singt dazu und du bist glücklich.
(Dieser Text entstand nach einem Gespräch mit dem von mir sehr geschätzten Sebastian van Roehlek, der mir vom assoziativen Schreiben berichtete und mich damit so nachhaltig inspiriert hat, dass ich hier nun das erste Resultat gebloggt habe.)


Der Text ist wunderbar.
Wow. Ich hab keine Ahnung, um welche Situation es sich handeln könnte, aber ein Bild im Kopf.
beeindruckend.
ein sehr schöner text ist das!!!!!
1. Wann erscheint Dein erstes Buch?
2. Ich hab auch sofort eine Idee zu der Situation, die hier beschrieben wird.
Feuerschwester, wie sooft: ganz, ganz großes (Gedanken-)Kino.
Ich ziehe mein Krönchen und umarme dich fest,
deine Sonnenfrau.
Man hat irgendwie die Angst, es könnte dir was Schlimmes passiert sein. Es klingt so sehr real.
Jedenfalls ist es unglaublich gut geschrieben. Hut ab!
Keine echte Ahnung, was assoziatives Schreiben ist (nein, ich werde weder Google bemühen noch mir etwas zusammenreimen)…
aber
WOW!!
Gut, wenn es nicht wichtig ist oder von irgendeiner Bedeutung, da kann man ja mal helfen, wenn auch ungern:
“ein Ast im Winter, der den Wind fürchtet. “– nö, tut der nicht. Fürchten tun sich Kleintiere unter dem Ast, deren Lebensraum widernatürlichvon 1€ Jobbern zwangsgepflügt wird. Scharfe Assoziation? Sag ich ja.
Geht ab, um an “Hauseingängen und Hinterhöfen” in Tateineinheit entlang zu hüpfen, berauscht vom …..
Klingt gut und man konnte heute über Twitter sehr viel verfolgen. Euch alles Gute!!
Die Inspiration mündete in einem wirklich großartigen Text. Hat mich sehr berührt. Danke!
Och, sind die beiden süß ^^