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Früher

22. Januar 2011

Ich behaupte von mir ja oft und gerne, dass mich die Schwangerschaftshormone gnädigerweise verschont haben und dass ich – abgesehen von marginalen Veränderungen der Physiognomie – weitestgehend noch der Mensch bin, der ich vorher war.

Was sich in den letzten Monaten aber verändert hat, ist die Sichtweise auf Vieles, insbesondere was Familiendinge anbelangt. Auf einmal eröffnen sich neue Perspektiven, die mich vorher schlichtweg nicht interessiert haben und für die ich auch gar keine Zeit hatte. Ich ertappe mich dabei, Vergangenes neu zu interpretieren und Dinge zu verstehen, die mich vorher einfach nur maßlos geärgert haben. Ich hinterfrage Verhaltensweisen, bewerte sie anders. Und immer wieder spielt die Vergangenheit eine große Rolle.

Von da ist es nur ein kleiner Schritt bis zu den Erinnerungen, die wir alle in uns tragen, seien es die eigenen oder die, die uns von Eltern, Großeltern, Geschwistern und anderen Familienmitgliedern erzählt werden. Das Erzählen findet immer wieder statt, es ist ein Ritual an unzähligen Kaffeetafeln, unter Weihnachtsbäumen, in Krankenhäusern, Pflegeheimen, am Telefon.

Und jede Generation hat ihren ganz eigenen Tenor, mit allgemeinen und ganz persönlichen Erinnerungen.

Babywiegen, die in Luftschutzkellern standen. Geburten, die beim Großangriff auf Frankfurt stattfanden. Die Dose Dosenmilch, die es zum Geburtstag gab. Der Mann, der Tabak schluckte und das Fieberthermometer manipulierte, um ein Magengeschwür vorzutäuschen und nicht an die Front zu müssen. Der große Birnbaum im Garten und Hans, der zahme Ziegenbock. Verschollene Familienmitglieder, Spätheimkehrer, jahrzehntelang verschwiegene uneheliche Kinder, nicht gesellschaftsfähige Affären, der erste Fernseher.

Waldi, der Stoffdeckel, das Maskottchen der Olympiade 1972, die Ölkrise und leere Autobahnen, Fernsehabende mit “Dalli, Dalli”, “Auf los geht’s los” und “Klimbim”, rote Strumpfhosen und Nicki-Pullover, Ernie und Bert, Sunkist, Bonanza-Räder. Die Nachbarn, die Wiebke und Annika antiautoritär erzogen. Alexander mit seinem Kettcar, der bei Wutanfällen immer einen knallroten Kopf bekam, Liebesperlen.

Die Atari-Spielkonsole mit Pitfall, Pac-Man und River Raid, Armbänder aus Lutschbonbons, Kaugummi-Automaten, Eiskonfekt. Die Katastrophe von Tschernobyl, AIDS, stundenlange Sitzungen vor dem Kassettenrekorder, um den Lieblingssong ohne Moderatorenstimme aufzunehmen. Barschel, Reagan, Thatcher. Die erste Mikrowelle. Eltern, die sich plötzlich scheiden ließen. Der Walkman. RTL und MTV. Die erste Beerdigung.

Benjamin Blümchen und die Teletubbies, Tamagotchis, 5stellige Postleitzahlen. Die deutsche Wiedervereinigung. Der erste Kuss, die erste gemeinsame Wohnung, der erste große Liebeskummer. Der grüne Punkt, der Golfkrieg als großes Fernsehereignis mit verwackelten Nachtaufnahmen und blitzerleuchteten Horizonten. Dolly, das Clon-Schaf, eine tote Prinzessin der Herzen, nächtliche Club-Besuche und ungenießbares Mensa-Essen.

Keine Aufzählung kann jemals vollständig sein, und jeder gewichtet seine Erinnerungen ganz anders. Es gehört zu den Unzulänglichkeiten der Kommunikation, dass man dieses ganz besondere Gefühl, diese Stimmung, den Geruch, die Farben, Geräusche, die Haptik, diesen einen Augenblick nie so wird beschreiben können, dass ein Anderer 1:1 genau das Gleiche empfindet wie man selbst. Erinnerungen sind der Klebstoff, der Fragmente unseres Lebens zusammenfügt und das große Bild ergibt. Manchmal sind sie trügerisch, bisweilen sogar fiktiv oder aus Erzählungen anderer annektiert und sich zu eigen gemacht worden.

Man sollte nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern nach vorne schauen. Aber es wäre dumm und achtlos, die Vergangenheit nicht mit in sein Leben einzubeziehen. Und es wäre schade, sie nicht zu teilen, um das kollektive Zeitgedächtnis damit zu füttern.

(Viele, die mir auf Twitter folgen, haben vielleicht mein #frueher-Mem mitbekommen, dessen Entstehung nun hier erklärt worden ist und das für mich völlig unerwarteterweise eine überwältigende Resonanz hatte. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Twitterern bedanken, die mitgemacht und ihre Erinnerungen mit der jeweiligen Timeline geteilt haben. Die Anzahl eurer Beiträge würde mittlerweile ein ganzes Buch füllen. Alle anderen, die hier lesen, können diesen Twitter-Hinweis getrost ignorieren.)

7 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 22. Januar 2011 17:30

    zum Thema früher:

  2. 22. Januar 2011 18:27

    Mich macht das gerade irgendwie sentimental, aber ein schönes..keines, obwohl nicht immer alles richtig gelaufen ist. Den Blick zurück darf und sollte man immer mal wagen..aber wie du schon sagst..nach vorne schaun.

  3. 22. Januar 2011 21:59

    Wir haben anscheinend ‘ne ganze Menge ähnlicher Erinnerungen und auch die Familiengeschichten sind mir nicht so weit weg…
    Bei der #frueher-Sache auf Twitter hab ich zwar nicht mitgespielt, habe aber bei fast jedem Tweet, der da in meiner Timeline auftauchte, spontan gedacht, ach ja, stimmt, so war das damals. Hach!

  4. 22. Januar 2011 22:15

    die #früher-Aktion auf Twitter hat mir persönlich einen wunderbaren Abend beschert. Habe Dinge aus meiner Erinnerung gekramt, von der ich nicht wusste, dass sie noch da sind.

    Alles Gute für dich und das Baby.

  5. 23. Januar 2011 14:33

    Ich als flachsinniger Wortspül-Twitterer habe erst einwenig gebraucht bevor ich dieses #frueher-Ding wirklich verstanden habe. Aber als ich es hatte, saß ich vor meinen Bildschirmen und wurde in meine Kindheit geflasht – ein großartiges Gefühl, für das man sich einfach viel zuwenig Zeit nimmt…

    Ich danke dir dafür @meterhochzwei und wünsche dir und deinen Schwangerschaftshormonen und was da noch so kommt ;) Alles Gute!

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  1. Weil es nix anderes gibt | Wer hat an der Uhr gedreht?

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