Body Integrity Identity Disorder
Manchmal hört man Dinge, die einen nicht mehr loslassen.
Gestern berichtete eine Bekannte von ihrer Freundin, mit der sie seit vielen Jahren sehr eng befreundet ist. In einer Fernsehreportage entdeckte sie vor einiger Zeit diese Freundin, und sie berichtete dort über ihren sehnlichsten Wunsch: sie möchte gerne querschnittsgelähmt sein. Das hatte sie vorher noch nie jemandem erzählt.
Diese verstörende Sehnsucht ist für gesunde Menschen nicht nachvollziehbar. wir mögen alle noch so unvernünftig sein, keiner von uns käme wohl auf die Idee, sich freiwillig so ein Leid zuzufügen.
Ich habe mich vage daran erinnert, dass es auch Menschen gibt, die alles daran setzen, sich ein Körperteil amputieren zu lassen, weil sonst ihr eigenes Körperbild nicht stimmt. Das ist für diese Menschen kein Spleen, sondern eine Notwendigkeit, die ihr gesamtes Leben dominiert. Meines Wissens ist es verboten, solche “Wunsch-Amputationen” vorzunehmen, so dass diese Menschen bei nicht mehr auszuhaltendem Leidensdruck irgendwann selbst Hand anlegen.
Die Ursachen für diese Erkrankung sind bislang nicht bekannt. Auch gibt es für diese Menschen keine Therapie,die ihnen wirklich helfen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen, die so etwas hören, das auch erst einmal gar nicht ernstnehmen.
Und so relativieren sich die Dinge. Mal wieder.


Eine vergleichbare Reportage habe auch ich gesehen. Vielleicht war es sogar exakt dieselbe.
Was mir dabei in Erinnerung geblieben ist, war die Aussage der Wunsch-Querschnittsgelähmten, dass ihr persönliches Empfinden ihrem Körper gegenüber erst dadurch perfekt wäre, wenn sie ihre Beine nicht mehr spüren würde.
Das ist in der Tat wirklich schwer nachzuvollziehen, aber vergleichbare Gefühle hat bestimmt ein jeder. Hier und da ein paar Kilo weniger, oder die Nase etwas kleiner. Verzerrtes Ästhetik-Bewusstsein oder so (auf einer wirklich extremen Ebene).
StGB § 109: “…sich verstümmelt, um der Wehrpflicht zu entziehen… ” =1 Jahr Knast.
Dürfte aus der Zeit der 24 Monatspflicht sein.
Und nun alle: Supa- Gutti, da- ha- hanke, denn
jetzt werden komplette Familienmitglieder “amputiert”, geht doch!
Ich weiß ja, dass du es gerne schräg magst, aber deinen Kommentar finde ich an dieser Stelle dann doch ziemlich daneben.
Vor zwei Monaten (oder drei? Oder so?) gabs dazu einen interessanten Bericht in der “Psychologie Heute”. Wenn du den gern hättest, gib Bescheid, ich scann ihn dir jederzeit.
Liebe Grüße!
Sehr gerne! Habe dir eben schon eine DM geschickt.
Schön, dich hier zu lesen!
Ich bin das krasse Gegenteil. Durch die Tatsache, dass ich sehr viel Sport treibe, wäre für mich ein Autounfall mit anschließender Querschnittlähmung der absolute Supergau.
Es ist immer schwer so eine extreme Situation zu beurteilen, wenn man diese nicht selbst erlebt, aber einen Wunsch danach ist mir ein absolutes Rätsel.
Ich habe diese Reportage (im WDR) auch gesehen und sie hat mich sehr verstört zurückgelassen.
Das Schlimmste ist wirklich, dass es derzeit kaum eine Chance auf Heilung gibt und die Angehörigen darüber schier verzweifeln, weil es für uns “Gesunde” so unbegreiflich ist.
Und ja, das relativiert ALLES.
Jupp wie Frau SSL auf WDR gesehen und fasziniert wie auch fassungslos verfolgt, wie diese Menschen ticken.
Ich kann das auch absolut nicht nachvollziehen, aber vielleicht ist es (sehr hinkender Vergleich, ich weiss) vergleichbar mit Menschen, die im falschen Körper geboren wurden und eine Geschlechtsumwandlung anstreben. Also das Bestreben, dies zu korrigieren.
Vielleicht ist es aber auch Ausdruck eines sehr ernsten psychischen Problems, so wie sich Menschen auch selbst verletzen.
In jedem Fall hätte ich Probleme, mit der Freundin wie vorher Zeit zu verbringen. Dieser Wunsch schockiert zu sehr.
Aktuell informiert sie sich über das Thema erst mal. Ihre Freundin weiss wohl noch gar nicht, dass sie die Reportage gesehen hat und davon weiß.
BIID wird wohl auch mit dem Phänomen Transexualität verglichen. Für mich sind solche Dinge einfach nicht fassbar.
Ich glaube, dass uns dieser Wunsch so schockiert, liegt vor allem daran, dass wir in manchen Bereichen immer noch einen sehr festgefahrenen Begriff haben, was “normal” ist und was nicht. In Bezug auf manches, wie etwa Homosexualität, hat sich das zum Glück ein wenig, wenn auch noch nicht genug, geändert. Bei anderem noch gar nicht. Vor hundert Jahren hätte man es als wahnsinnig empfunden, sich Piercings stechen zu lassen. Vielleicht werden wir Selbstverstümmelungen in weiteren hundert als ganz natürlich erachten. Ich halte den Vergleich mit Geschlechtsumwandelungen da gar nicht so weit hergeholt. “Normal” ist eben immer relativ.
Letztendlich ist es eine Krankheit. Nicht gaga, sondern eine ganz “normale” psychische Krankheit wie Depressionen, nur etwas seltener.
Viele meinen sich ja auch in Depressionen reinversetzen zu können, nur weil sie ab und zu mal grundlos traurig sind, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.
Man kann sich eben nur in die Dinge reinversetzen, denen eine eigene Erfahrung zugrunde liegt, mit der man einen Zustand “simulieren” kann. Und diese Simulation fehlt in dem Fall vollständig.
Ich habe davon das erste Mal in einer CSI-Folge gehört und dachte noch “jetzt tragen die aber dick auf…”, dann las ich es in einer Zeitschrift.
Es ist doch erstaunlich welche Irrungen unsere Gehirnwindungen zulassen.
Unvorstellbar finde ich auch das Leid, das Menschen mit dieser Erkrankung allein dadurch erfahren, dass kaum jemand Verständnis für sie aufbringen kann .
Wie schrecklich muß es sein, jeden Morgen wieder mit einem Körperteil aufzustehen, das man an sich einfach nicht ertragen kann und dann auch noch zu wissen, ich kann mich damit niemanden anvertrauen, ohne auf Unverständnis zu stoßen.
Ja, so relativiert sich vieles.
Einige Menschen mit schwerer Depression wünschen sich auch eine Behinderung, die ihr Leiden sichtbar machen würde. Körperliche Leiden sind immer noch gesellschaftlich akzeptierter als seelische Leiden.
Sowas macht einem Angst. Ich habe zuvor schonmal von sowas gehört und der Gedanke ist gleichzeitig befremdlich und beklemmend.
Besonders wichtig finde ich das Fazit, das du daraus ziehst. Das verlieren wir oft so schnell aus den Augen, wenn wir selbst unsere winzigen Wehwehchen hochstilisieren.
Im Bereich der psychischen und psychosomatischen Störungen gibt es viele Phänomene die schockieren und verwirren können. Egal ob Trichotillomanie, körperdysmorphe Störungen, Psychosen oder Essstörungen, das schlimmste ist bei allem immer der Leidensdruck des Patienten, ebenso wie die Hilflosigkeit und teilweise auch Resignation der Familien.
Auch wenn diese Störung besonders bizarr erscheint, ist sie doch ähnlich wie andere Körperbildstörungen. Manchmal spielt auch ein gewisser Versorgungswunsch eine zusätzliche Rolle im Sinne eines sekundären Krankheitsgewinns.
Ich finde es gut, dass solche Störungen nicht nur im dunklen Kämmerlein und hinter vorgehaltener Hand existieren, sondern immer mehr einen Weg in die Öffentlichkeit finden. So selten wie man denkt sind sie nämlich nicht.