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Ein Ratgeber gegen Ratgeber

12. Januar 2011

Sie wittern besondere Lebensumstände wie Geier das Aas und ziehen erst vermeintlich dezent ihre Kreise am Himmel, um sich dann gnadenlos auf dich zu stürzen Erst spürst du nur, wie ihre Schatten deine Sonne verdunkeln, dann vibriert die Luft, und schon sitzen sie neben dir in Wartezimmern, an Büroschreibtsichen, auf dem heimischen Sofa, stehen mit dir in Warteschlangen und an U-Bahn-Stationen oder kriechen durch den Telefonhörer in dein Ohr: die  ungefragten Ratgeber. Ratgeber lassen sich in mehrere Kategorien unterteilen, wobei auch eine Kombination der einzelnen Kategorien möglich ist:

1. Die Plumpen

Sie sind vom Schicksal mit einem geistigen Klumpfuß gestraft, dabei möchten sie doch so gerne einfach nur dein Kumpel und Teil deiner aktuellen Lebenssituation sein.  Sie eröffnen Gespräche freundlich-defensiv mit einem lächelnden “Du musst dir bestimmt viel Blödsinn anhören, das war bei uns damas auch so”, um dann nur zwei Sätze später zu erzählen, dass sie in der Schwangerschaft ihr Baby im 7. Monat verloren haben oder aber von der Zimmernachbarin im Krankenhaus zu berichten, die ihr Kind am Tag der Entbindung verlor, weil sich die Nabelschnur 3x um den Hals gewickelt hatte. Im schlimmsten aller Fälle versuchen sie dann auch noch, dich beruhigend zu betätscheln.

Abhilfe: Todesblick und Positionswechsel.

 

2. Die Oberschlauen

Eine ganz besonders unangenehme Spezies – sie haben alles schon einmal gesehen oder erlebt, ihnen kann man nichts vormachen, sie kennen sich aus und lassen sich schon lange nichts mehr vormachen. Sie haben Er-fah-rungs-werte! “Ich kann Ihnen sagen, als dann der Arzt kam, habe ich dem erst mal ganz gehörig den Marsch geblasen! So ein arroganter Kerl. Der meint, er sei was besseres, nur weil er einen weißen Kittel trägt?! Nicht! mit! mir!”

Ihre Erfahrungen können 40 Jahre her sein, es kann sein, dass damals der Mond noch nicht bereist wurde und dass es noch keine Telefone gab – volkommen egal. Sie kennen sich aus. “Ich habe das alles durchexerziert, so sehr kann sich das nicht verändert haben seit damals, dieser neumodische Quatsch, man muss ja nicht alles mitmachen!”

Abhilfe: Unbekannte ignorieren und sich woanders hinsetzen, notfalls einen debilen Gesichtsausdruck aufsetzen und einen Speichelfaden aus dem Mundwinkel hängen lassen. Familienmitglieder reden lassen, keinesfalls widersprechen, neue Studien als Beleg anbringen oder gar die Erfahrungen befreundeter Menschen erwähnen! Eine Zuwiderhandlung verkürzt lediglich die Ihnen für Ihr Leben zugeteilte Freizeit um mindestens weitere 3 Stunden.

 

3. Die Schwarzmaler

Das Leben ist schlecht, ungerecht, zu kurz, gemein, hinterhältig und sehr, sehr gefährlich. An jeder Ecke lauern Gefahren, gegen die jede biblische Katastrophe ein wonniger Sonntagsspaziergang  ist. Die Schwarzmaler begnügen sich nicht mit allgemein gehaltenen Horrorgeschichten, sie stimmen sich ganz auf deine individuelle Situation ein. Wenn du nur ein Bein hast, werden sie mindestens drei Menschen kennen, die danach auch noch ihr 2. Bein und den Arm gleich mit dazu verloren haben. Wenn die Gewebeprobe bei dir ohne Befund war, werden sie sich erkundigen, in welchem Krankenhaus du warst, um dir eifrig zu erzählen, wie genau dein Arzt bei einem anderen Patienten eine fatale Fehldiagnose gestellt hat, die wenige Wochen später zum Tode führte. Sie blühen auf bei jeder noch so kleinsten Komplikation. Ein Pickel ist ein Tumor, eine Rücksprache beim Chef die Kündigung, die Überstunden des Partners eine Affäre.

Abhilfe: Penetranter Optimismus und ein unerschütterliches Lächeln vertreiben diese finsteren Gestalten wie die Sonne den Vampir.

 

4. Die Zwitschernden

Wie kleine Singvögel lassen sie sich bei dir nieder, gerne auch zu mehreren, merken garantiert nicht, dass sie gerade sehr ungelegen kommen, finden alles “so wahnsinnig aufregend” und zwitschern deine Ohren zu blutigen Gebilden. Sie haben eigentlich keine Ahnung von irgendwas, möchten aber doch so gerne auch etwas zum Thema sagen, auch wenn es noch so unsinnig ist. Sie stellen Fragen, die an Naivität kaum zu überbieten sind und kichern dabei ununterbrochen. Sie sind völlig harmlos, immer weiblich und einfach nur dumm, sehen aber ausgesprochen lieb dabei aus.

Abhilfe: Wenn du gerade ein Aufmerksamkeitsdefizit hast und rhetorisch einigermaßen geschickt bist, kannst du diese Kategorie ganz wunderbar zu deiner Jüngerschaft umfunktionieren, die gebannt an deinen Lippen hängt und jede Information wie ein Schwamm aufsaugt. Einige von ihnen besitzen sogar die intellektuelle Fähigkeit, mit dem von dir vermittelten Wissen in eine andere Kategorie zu wechseln. Genieße es und lass’ dich dich von anderen Ratgeber-Geplagten nicht erwischen!

 

5. Die Bösartigen

Sie sind die Könige unter den Ratgebern – sie vereinen großes Wissen und bodenlose Boshaftigkeit perfekt miteinander  und tarnen sich als vernunftbegabte, sympathische Zeitgenossen, mit denen man sich gut unterhalten und austauschen kann. Nachdem sie eine Vertrauensbasis geschaffen haben, malträtieren sie ihr Opfer mit fundierten Schrecklichkeiten und setzen zusätzlich Seitenhiebe ein: “Da musst du jetzt durch. Ich hoffe, du hast dir das alles gut überlegt. Jetzt ist es ohnehin zu spät.” Die einseitig hochgezogene Augenbraue ist häufig bei ihnen anzutreffen und in ihrer Gegenwart sinkt die Raumtemperatur im Laufe des Gespräches um 5-10 Grad.

Abhilfe: Weglaufen! Termine,  eine Überschwemmung oder einen Hausbrand vortäuschen, das Telefonkabel ziehen. Am sichersten wäre eine völlig neue Identität.

 

 

 

13 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Snow_One Permalink
    12. Januar 2011 14:38

    Du bloggst ja richtig grandios. Kompliment!

  2. 12. Januar 2011 14:49

    Großartig!

    Und die Moral-Relativisten liebe ich auch: ‘Ja, das ist sicher schlimm, ABER anderen geht es viel schlechter als dir… Uuuund in Afrika sterben Babies.’

  3. 12. Januar 2011 21:27

    Ach Frau quadratmeter, sie waren viel zu lange weg. :)

  4. 13. Januar 2011 12:21

    Es fehlen die Oberbefehlshaber: Du MUSST dies tun, du
    darfst auf KEINEN FALL jenes tun. Mit oder ohne Begründung ist
    dabei völlig wurscht. Waaaahhhhh. Die machen mich ganz
    agressiv.

    • 17. Januar 2011 18:05

      Richtig, davon habe ich einige in der Verwandschaft meiner Frau. Da fangen ratschläge auch grundsätzlich mit den Worten “Du musst” :-(
      Gruß
      Fulano

  5. 14. Januar 2011 15:50

    Untergruppe der Oberschlauen sind die “Ich hab’s ja gesagt”-Beleidigten.

    Ich glaube, hinter dem Artikel steckt momentan akuter Leidensdruck, stimmt’s? :-)

  6. 17. Januar 2011 18:06

    Wunderschön zusammengefasst. Hoffe Du hast letztlich die richtigen Ratschläge angenommen und die anderen ignoriert.
    Gruß
    Fulano

  7. 17. Januar 2011 19:25

    Seit ich einmal hörte “Ratschläge sind auch Schläge” hörte, habe ich das verinnerlicht. Und ungefragt anderen etwas aufzudrücken, finde ich ohnehin so unangebracht wie ebenfalls ungefragt fremde Babies anzufassen oder Schwangeren die Hand auf den Bauch zu legen (neulich zu lesen, das letzteres wirklich passiert, hat mich schockiert, und ich hielt mich für nervenstark).

    Well written!

  8. 21. Januar 2011 10:28

    Wunderbar formuliert! Das macht echt Spaß zu Lesen!
    Drei Sorten würde ich gerne noch zufügen:

    1) Der Manipulator (eng verwand mit den Bösartigen).
    Zuerst versuchen er sich beliebt zu machen (“Du kennst dich natürlich 1000 mal besser damit aus.” “Du machst das ja wunderbar….”) und dann wird ganz unauffällig etwas eingestreut, wie “Dass ‘das-und-das’ also das beste wäre, brauch ich dich also gar nicht zu sagen”. Eigentlich will der Manipulator nur sagen: “Dass ‘das-und-das’ FÜR MICH das best wäre”. Er ist aber zu schlau um ehrlich zu sein.

    2) Der Aufrichtige
    Ratschläge sollte man nicht pauschal verteufeln. Wenn jemand (Freund, Kollege) sich die Mühe gibt dich zu erzählen, wie bestimmtes Handeln bei anderen ankommt, muss er oft selbst auch etwas überwinden. Wenn dazu ein guter Tipp kommt, was man verbessern könnte, ist das echt Gold wert.

    3) Der einarmige Berater ;-)
    http://quatschtronauten.wordpress.com/2010/08/02/der-einarmige-berater/

    • 21. Januar 2011 14:06

      Ja, der Manipulator reiht sich perfekt in den Reigen ein. Und der Aufrichtige ist ein ganz armes Schwein, er ist vom Aussterben bedroht und so selten, dass er oft nicht erkannt wird.

      Über den einarmigen Banditen, pardon, Manipulator musste ich sehr schmunzeln – wie bei allem, was ich bei dir auf dem Blog so vorfinde :)

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