Die kleine, dicke Frau mit dem schwarzen Pappkarton
Im Dezember war es also soweit: der letzte Bürotag. Zwar lassen die beiden Bauchbewohnerinnen sich noch etwas Zeit mit ihrer endgültigen Ankunft, haben aber jetzt schon die Eigenart, sich ausgesprochen platzeinnehmend zu benehmen.
Da sitzt man dann also da, an seinem Schreibtisch und räumt viele Jahre aus Schränken und Schubladen von A nach B. Alte Grußkarten, ungeliebte Vorgänge, Fachliteratur, Zahnbürste, streng vertrauliche Excel-Tabellen, ein vergessener Schokoladen-Osterhase, der Füller, der nie richtig schrieb, alte Kalender, der Bullshit-Buzzer – alles findet seinen neuen Platz und wird verteilt oder entsorgt. Und dann passen 9 Jahre plötzlich ganz bequem in einen schwarzen Pappkarton.
Ich habe keine Ahnung, wie ich mich von meinem Team verabschieden soll, ich war immer schon besser in Begrüßungen als im Abschied nehmen. Ich flüchte mich in Flapsigkeiten und dumme Kommentare und bin froh, dass gar nicht alle da sind. Wir sehen uns ohnehin noch, wir telefonieren, wir mailen, es ist ja gar kein richtiger Abschied, wir gehen ja alle noch zusammen essen. Bla.
In der Hauptniederlassung gebe ich dann das Auto ab, Mobiltelefon, Alarmanlagenschlüssel, das nie benutzte Diktiergerät, den Schlüssel zu meinem Giftschrank mit den vertraulichen Unterlagen. Dann kommt mein Chef um die Ecke. Ein Mensch, der mir immer sehr imponiert hat, vor dem ich großen Respekt habe und den ich öfter gerne mal mit Wonne an die Wand geklatscht hätte (der Fairness halber sei angemerkt: er mich auch!). Und dann steht er vor mir, völlig rat- und fassungslos, was in so einer Situation zu sagen wäre und nimmt mich in den Arm, knutscht mich einmal links und einmal rechts und hinterlässt mich sprachlos. Kurze Zeit später stehe ich dann vor dem Bürogebäude – eine kleine, dicke Frau mit einem schwarzen Pappkarton, die auf ein Taxi wartet.
Zu Hause angekommen stelle ich den schwarzen Pappkarton in eine Ecke und konzentriere mich auf den anstehenden Weihnachtsbesuch. Es fühlt sich an wie ein paar dringend benötigte Urlaubstage, die ich nun endlich nehmen kann. Zwischendurch rufen meine beiden Nachfolger mal an, weil sie eine Frage haben, das Büro schickt die eine oder andere Mail, ich rege mich auf, dass man man mich nicht in Rue lassen kann – eigentlich ist alles wie immer.
Dann ist Weihnachten, und ich bekomme eine ziemlich unfreundliche Quittung für den Stress der letzten Wochen. Es folgen 14 Tage Bettruhe, fernsehlos, fast bewegungsunfähig und unendlich gelangweilt. Ich spiele Angry Birds inkl. Seasons Edition, lese einen schrecklichen dreiteiligen Roman, schicke SMS an alle Menschen, die so dumm waren, mir jemals ihre Mobilnummer zu geben, melde bei Twitter meinen 2. Wohnsitz an, beobachte die Wanderdünen auf meiner Bauchoberfläche, kaufe alle Online-Shops leer und leide ziemlich angeödet vor mich hin. Silvester plätschert ereignislos vorbei, zur Feier des Tages stehe ich eine Stunde vor Mittermacht auf und quäle mich auf das Sofa. Um Mitternacht gibt es für mich Apfelsaft statt Schaumwein und selbstverständlich keine Zigarette.
Irgendwann im Januar kann ich mich endlich wieder bewegen, aufstehen, das Haus verlassen, um einzukaufen oder bis zum Briefkasten an der Straßenecke zu watscheln – was für eine Reizüberflutung!
Und plötzlich ist er da, der neue Alltag aus der Zwischenwelt. Ich wache früh auf, obwohl ich ausschlafen könnte. Ich sitze frühmorgens am Frühstückstisch, dusche, ziehe mich an – und dann sitze ich da. Gucke aus dem Fenster, was in der Straße so los ist, lerne alle Briefträger, Müllmänner und Paketboten kennen. Zwischendurch fällt mir ein, dass ich jetzt (fast) alles tun und lassen kann, was ich will. Ich entscheide mich für das Aussortieren von Büroklamotten, einen Treppentratsch mit der Nachbarin. Dinge, auf die ich mich einigermaßen konzentrieren müsste, funktionieren überhaupt nicht. Ich versuche, meine Freunde anzurufen, aber die haben tagsüber alle keine Zeit. Ich rufe ein paar Mal im Büro an. Dort freut man sich, mich zu hören, aber alle sind unterwegs, müssen weg, haben ein wichtiges Projekt auf dem Tisch. Und Fragen? Nö, läuft alles super. Ja, wenn was ist, ruf’ ich dich an. Pass auf dich auf und komm’ mal auf einen Kaffee vorbei, wenn du in der Gegend bist. Ich muss jetzt zum Kunden.
Ich habe verlernt, Zeit zu haben. Ich könnte den schwarzen Pappkarton mal ausräumen. Aber irgendwie habe ich dazu überhaupt keine Lust.


Das ging mir auch mal so, vor tausend Jahren. Und das
Gefühl, plötzlich nicht mehr dazu zu gehören, weil alle so ein
wichtiges, anstrengendes und stressiges Leben haben und man sich
ausgeschlossen fühlt, kenne ich auch. Von 100 auf 0 an einem Tag.
Die Langeweile wird sich aber schnell geben. Und du wirst mit
deiner Zeit kaum noch rumkommen und erleben, wie wichtig,
anstrengend und stressig es ist, mit zwei kleinen Kunden
konfrontiert zu sein, wie du nie wichtigere, anstrengendere und
stressigere Kunden hattest. Aber das ist etwas, das nur dir gehört
und es wird wunderbar sein. Schwarze Pappkartons müssen in den
Keller. Jetzt ist was anderes wichtig. Alles Liebe für
Euch!
“Ich habe verlernt, Zeit zu haben”. Was für ein toller Satz. Ohnehin – was für ein toller Blogeintrag! Alles Gute und Liebe für die letzen Wochen. Und erst recht für das neue Leben!
Viel Erfolg bei der weiteren mentalen Ankunft. Genieße die Wanderdünenzeit (*g*) in Vorfreude auf all das, was kommen mag
Sag mal, wie weit wohnst Du weg von mir?
Erreichbar für einen Kaffee?
Dat haste jetzt davon: Ich rufe Dich an!!
So plötzlich mit sich und seiner Zeit nichts so richtig anfangen zu können … ein doofes Ding das. Sonst schließe ich mich asinuscanus an.
Ick bin berührt, aber das kennste ja nicht anders
Ein wirklich toller Beitrag und ich wünsche euch für die letzten Wochen alles gute.