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Montage sind eigentlich gar nicht so schlimm

3. November 2010

Schon in der Schulzeit ist es ein bekanntes Phänomen: man will morgens einfach nicht aufstehen. Da draußen ist es wahlweise zu nass, zu kalt, zu dunkel, in jedem Fall aber zu doof. Und nichts ist verlockender, als sich unter der Bettdecke noch mal zusammenzukringeln und noch etwas zu schlafen, um dann später im Schlafanzug nutellabrotessend voller Häme an die ganzen armen Schweine zu denken, die draußen ihren Alltag bestreiten müssen.

Im Studium verliert die Angelegenheit dann leider etwas ihren Reiz, weil es schlichtweg keinen interessiert, ob du im Seminar auftauchst oder nicht.  Das Nutellabrot schmeckt immer noch gut, aber die fiese kleine Stimme in deinem Kopf erinnert dich an Hausarbeiten, Klausuren und notwendige Scheine, um das Semester erfolgreich zu bestehen. Im Berufsleben ist es dann endgültig vorbei, und schweren Herzens kettest du dich an dein Hamsterrad, das je nach Modell vergoldet, angerostet oder mit Swarovskikristallen versehen ist, was du aber ohnehin alles nicht wirklich wahrnimmst, weil du den ganzen Tag mit Treten beschäftigt bist.

Und dann sagt der Arzt eines Tages: “Frau Quadratmeter, aus Gründen bleiben Sie jetzt erst einmal bis auf Weiteres zu Hause.” Über diese vollkommen unerwartete Wendung der Ereignisse bin ich zunächst so verdattert, dass seine restlichen Sätze an mir vorbeirauschen. Irgendwas mit Schonung, hinlegen, Sofa und Mittagsschlaf, gesund essen, mal einen Spaziergang machen, wenn das geht. Ich bin im Himmel! Nach so vielen Jahren findet Weihnachten schon im Oktober statt, ich darf offiziell zu Hause bleiben, um nichts zu tun. Einfach nichts. Und ich soll mich keinesfalls aufregen. Milde und debil-selig lächelnd verlasse ich die Praxis und fahre im strahlenden Sonnenschein nach Hause. Dass das alles Gründe hat, was mir widerfährt, ignoriere ich gewohnt gekonnt. Das kann ja alles nicht so tragisch sein, nach drei Tagen bin ich wieder fit und dann geht der Heimaturlaub richtig los!

Die ersten Tage läuft das Büro Amok . Verhandlungen scheitern, ich bekomme Mails, deren Inhalt an Idiotie und/oder Brisanz kaum zu überbieten ist, und ich hasse mein Telefon. Gar nichts können die da ohne mich, alles bricht zusammen, jetzt sollen sie mal sehen. An Ruhe ist nicht zu denken. Nee, was bin ich froh, dass ich da erst mal raus bin, jetzt merkt man erst mal, wie bescheuert das da alles ist. Von dem ganzen Theater bin ich todmüde, an Ruhe ist nicht zu denken, und ich fühle mich überhaupt nicht mehr so sonnig, wie ich mir das eigentlich vorgestellt habe.

Eine Woche später. Das Büro hat aufgegeben. Irgendwann wurden alle Fragen gefragt, alle Zuständigkeiten umverteilt – und in meinem Hamsterrad laufen jetzt andere. Ich liege zu Hause und stelle gleich mehrere Dinge auf einmal fest:

  1. Das Fernsehprogramm ist eine Vollkatastrophe.
  2. Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Damit sind Bücher- und DVD-Stapel der Staubhexe ausgeliefert.
  3. Liegend surfen funktioniert nur sehr eingeschränkt, da ich anatomisch bedingt langsam zu den Alpen mutiere. Damit fallen auch alle Daddelspiele flach.
  4. Außerdem ist das Internet viel zu klein.
  5. Ich beginne damit, mich mit Gegenständen zu unterhalten, Mails an verschollene Bekannte zu schreiben und jeden Anruf zu bejubeln.
  6. Ich stelle fest, dass alle meine Freunde entweder im Hamsterrad stecken oder mehrere hundert Kilometer weit weg wohnen.
  7. Ich suche im Internet nach Bastelideen, verwerfe die Idee dann aber wieder (siehe auch Punkt 3)
  8. Ich habe Lust auf Fensterputzen und Bügeln.

Eine weitere Woche später. Egal, was man euch in Möbelhäusern erzählt: es gibt kein Sofa und keine Matratze auf dieser Welt, die für Dauerbeliegung konzipiert worden sind.

  1. Ich kenne alle Tapetenmacken an Wänden und Decke in Wohn- und Schlafzimmer.
  2. Ich ertappe mich dabei, dass ich erzähle beim Bäcker an der Ecke gewesen zu sein und es darzustellen, als ob ich den Jakobsweg gejoggt bin.
  3. Jeder Arzttermin wird zum Highlight.
  4. Schlafanzüge sind gar nicht so schlecht.
  5. Ich rufe im Büro an, “nur um mal zu hören, wie es so läuft.”
  6. Ich rufe freiwillig den Kollegen an, den ich 7 Jahre lang gemieden habe wie der Teufel das Weihwasser, weil so viel Blödheit unter meiner Würde ist.
  7. Ich stelle fest, dass man sich selbst entsetzlich auf den Wecker gehen kann.
  8. Ich vermisse die stundenlangen Themenschleifentelefonate mit meiner Mutter, die gemeinerweise in Urlaub ist.
  9. Ich bin Sudoku-abhängig.
  10. ICH WILL WIEDER ARBEITEN!

Oder um es in Kurzform zu sagen: Montage sind eigentlich gar nicht so schlimm.

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6 Kommentare leave one →
  1. 3. November 2010 19:44

    Kannst Du stricken? :mrgreen:

  2. Dr. Borstel Permalink
    3. November 2010 21:06

    Dein Arzt sagt “aus Gründen”? Ist er bei Twitter?

  3. 4. November 2010 16:23

    Tse!

    Themenschleifentelefonat gewünscht? Ruf! Mich! An! :mrgreen:

  4. 4. November 2010 19:30

    Hm … kann man Abhilfe schaffen? Ich kann gut Karten schreiben. ;-)
    Am Stricken bin ich schon mehr als einmal dem Wahnsinn anheim gefallen. Ich hatte dieses “ich-darf-zuhause-bleiben-und-nichts-tun”-Problem beim zweiten Fraggle. Gott, was hab ich es gehasst, dass auch noch alle aufgepasst haben. Man war das langweilig …

  5. Guinan Permalink
    5. November 2010 18:20

    Ich empfehle die baldige Anschaffung eines Stillkissens. Damit wird das Sofa wieder bequemer – und das Surfen klappt auch besser.

  6. 10. November 2010 16:45

    Was für eine wunderbare Beschreibung :-)
    Hat es denn wenigstens geholfen, das Ausruhen???

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