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Im Dschungel nichts Neues

24. Oktober 2010

Liebe Bewerberinnen , liebe Bewerber,

ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit Ihnen verbracht, habe Ihre Unterlagen gesichtet, mit Ihnen telefoniert und einige von Ihnen im persönlichen Gespräch kennengelernt. Sie alle haben meinen beruflichen Alltag bereichert, wenn auch vielleicht nicht immer in der von Ihnen vorgesehen Art und Weise.

Die meisten von Ihnen haben sich per eMail beworben und Ihre Unterlagen eingescannt in unterschiedlichen Formaten beigefügt. Insbesondere bei den als doc-Dateien beigefügten Anschreiben hätte so für uns die Möglichkeit bestanden, Ihre Schreibfehler zu korrigieren, was ich ausgesprochen fürsorglich von Ihnen fand. Neun Schreibfehler auf einer einzigen Seite sind auch wirklich gar kein Problem, wenn man sich um eine Sekretariatsstelle bewirbt und von sich selbst behauptet, man sei perfekt für die ausgeschriebene Stelle geeignet.

Das Sortieren der einzelnen Unterlagen hat teilweise den Charakter einer Schnitzeljagd. Mal werden die gleichen Zeugnisse in schwarz-weiss und zusätzlich in Farbe eingescannt, mal fehlen einzelne Zeugnisse ganz oder aber die entscheidene Seite wurde versehentlich nicht mit eingescannt.

Ihre Motivation, sich bei uns zu bewerben, ist schier grenzenlos. Sie geben, scheinbar ohne erkennbaren Anlass, freiwillig und frohen Herzens langjährige Berufslaufbahnen auf, um in einer Ihnen völlig neuen Branche ein neues Berufsleben zu beginnen. Und Sie haben sich exzellent auf ein Gespräch in unserem Hause vorbereitet, ja, man könnte sogar fast sagen, Sie kennen unser Unternehmen besser als wir selbst. Bis vor kurzem wusste ich gar nicht, dass wir auch im pharmazeutischen Bereich, im Automobilzubehör und in der Verlagsbranche tätig sind.

Sie überzeugen uns argumentativ so sehr, dass wir in große Entscheidungsnöte geraten, wen wir einstellen sollen und daher mittlerweile auf der Suche nach größeren Büroräumen sind, um Sie alle bei uns beherbergen zu können. Das beginnt schon bei der Begrüßung mit einem fröhlichen: “Guten Tag, mein Name ist Sabine Mustermann und ich bin sterilisiert.” Tasse Kaffee dazu?

Sie sind überzeugt davon, sich mit Ihren Fähigkeiten perfekt in unser Unternehmen einbringen zu können. Sie haben sich bei uns beworben, weil Sie Herausforderungen lieben. Vor meinem inneren Auge ensteht ein Dschungel voller wild entschlossener Menschen, die sich mit vorgerecktem Kinn und einer Machete ihren Weg zu neuen Herausforderungen freikämpfen. Verstohlen schiele ich dabei noch mal auf unsere Stellenausschreibung, die sich eigentlich eher unaufgeregt und konservativ liest, während vor mir Amazonen und Lendenschurzträger wild von Liane zu Liane über den Besprechungstisch schwingen.

Sie wicklen mich gekonnt um Ihren kleinen Finger, indem Sie in jedem 2. Satz meinen Namen einbauen. “Wissen Sie, Frau Quadratmeter, ich sehe das so… In meinem Berufsleben kommen erst Sie, Frau Quadratmeter, dann kommt sehr, sehr lange nichts… (bedeutungsschwangere Kunstpause).. und dann, Frau Quadratmeter, dann kommt erst irgendwann der Rest!” Sie wollen meine linke Hand sein. Sie sehen mir tief in die Augen und sagen mir, dass sie den aktuellen Job niemals kündigen würden, wenn Ihr geliebter Chef nicht nach 15 Jahren das Unternehmen verlassen hätte. Ich schiele noch mal heimlich auf unsere Stellenausschreibung und nehme mir vor, das Wort “Team” eventuell doch etwas größer und fett drucken zu lassen, vielleicht in rot, das müsste man eigentlich auch im Dschungel ganz gut sehen können.

Aber, liebe Bewerberinnen und Bewerber, Sie wissen ganz genau, was Sie wollen. Ihnen ist die Bedeutung, in einem vertriebsorientierten Unternehmen tätig zu sein, selbstverständlich bewußt. Bei Ihrer Bewerbung auf eine unserer Vertriebsstellen erläutern Sie sehr dezidiert, dass Sie zwar auch mal nach 17 Uhr Termine wahrnehmen können, dafür dann aber am nächsten Tag ganz sicher nicht vor 11 Uhr im Büro sein können. Und am Wochenende brauchen Sie Zeit für sich und den Partner und das Pferd. Sie sagen das so klar und unmißverständlich, dass es mir sehr unangenehm ist, dass es bei uns regelmäßige Arbeitszeiten gibt. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch ganz ausdrücklich noch einmal bei Ihnen allen entschuldigen.

Ihre Körpersprache veranlasst mich dazu, mir bisweilen etwas Sorgen um sie zu machen. Sie krümmen sich aalähnlich auf Ihrem Stuhl zusammen, wenn wir Sie nach Ihren Gehaltsvorstellungen befragen, nachdem Sie uns erst wenige Minuten vorher überzeugend dargelegt haben, dass Sie bei Kunden ein wahres Verhandlungsgenie sind, das immer die geforderten Konditionen durchsetzt.

Oder aber sie hauen energisch mit der Faust auf den Tisch, verschränken die Arme vor Ihrer Brust, runzeln die Stirn und schieben den Kopf in bester Franz Josef Strauß-Manier zwischen den Schultern nach vorne, um nachhaltig Ihren Standpunkt zu vertreten. Die Vorstellung, jetzt ein Kunde zu sein, schiebe ich schnell wieder in eine der hinteren Gehirnwindungen.

Sie zerpiddeln Ihre Finger, Ihre Haarspitzen, Schalfransen oder unsere vor Ihnen liegende Unternehmensbroschüre innerhalb von 20 Minuten in ihre Einzelteile. Und Sie, liebe Bewerberinnen, legen den Kopf schräg und fangen bezaubernd an zu kichern, wenn unsere Fragen mal etwas machetenlastiger werden.

Und wenn wir Sie anrufen, um Sie zu einem Gespräch einzuladen, erklären Sie uns, dass sie nur kommen möchten, wenn wir Ihnen den Job schon jetzt fest zusagen können. Denn sie haben weder Lust noch Zeit, sinnlos durch die Gegend zu fahren.

Liebe Bewerberinnen, liebe Bewerber, bitte bleiben Sie so zielstrebig und eloquent, wie ich Sie bisher kennenlernen durfte. Ich bin sicher, wir werden gemeinsam noch viele schöne Stunden an den Lianen über dem großen Besprechungstisch verbringen.

Herzlichst,  Ihre Frau Quadratmeter

17 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 24. Oktober 2010 10:59

    Cool! Gibt es das? Also Firmen, die einen ganz bestimmt fest einstellen, wenn man nur zum Bewerbungsgespräch kommt?
    Wenn ja hätte ich gern die Anschriften.

  2. 24. Oktober 2010 11:23

    Waren denn wenigstens auch ein paar handschriftliche Bewerbungen dabei? Geschrieben auf Karo-Papier, mit Eselsohren und Kaffeeflecken? Und vorgestellt wird sich natürlich nur im dreckigen T-Shirt und ohne jegliche Kenntnisse zum Unternehmen ;-)

  3. 24. Oktober 2010 12:13

    Genau hier schlägt das Handwerk in Kunst um, wenn die Auswahlkriterien nur richtig kombiniert werden. Im Immobilienbereich, in Pharma und Packpapier zählen Schwindelfreiheit, ein abgeschlossenes Studium der Systematischen Musikwissenschaft sowie verhandlungssicheres Baskisch zu den Unerlässlichkeiten. Da sich auf derartige Stellenprofile generell nur unmusikalische Turnverweigerer bewerben, die nicht unfallfrei auf einen Stuhl steigen können, aber außer etwas Schulfinnisch keinerlei Fremdsprachen beherrschen, konzentriert sich die Menge der verfügbaren Qualitäten schnell aufs Wesentliche. Und das wollen wir doch alle.

  4. 24. Oktober 2010 12:56

    Kann man selbiges auch ereignisorientiertes Handeln handeln nennen? :D

  5. 24. Oktober 2010 13:14

    Sind natürlich alles Gründe dafür, dass es am Arbeitsmarkt so aussieht, wie es aussieht, Frau Quadratmeter. Und haben Sie sich doch nicht so wegen der paar Rechts-Schreib-Fähler :)

  6. 24. Oktober 2010 18:47

    Interessant ;)

    Ich selber habe mich noch nie eingeschleimt. Diese “Ich passe perfekt zu Ihnen”-Tour konnte ich noch nie nachvollziehen. Zum einen, weil ich ziemlich ehrlich gestrickt bin, zum anderen, weil ich mir auch generell schwer was aus den Fingern saugen kann.

    Ich habe in meinen Bewerbungen immer den Beruf als solches zum Hauptthema gemacht. Klar interessiert mich auch die Firma, bei der ich mich bewerbe. Und wenn ich sehe, dass da unter anderem genau die Themen behandelt werden, die ich vorher selber schon praktiziere, erwähne ich dies natürlich auch. Aber ansonsten waren sich alle Bewerbungen ziemlich ähnlich. Und ich hatte Erfolg :)

  7. 24. Oktober 2010 20:17

    Welcome back! Ich habe Ihre spitzzüngigen Beiträge (so wie diesen hier) sehr vermisst. Jetzt kann ich Sie ja auch wieder in die Blogroll aufnehmen…

  8. 25. Oktober 2010 14:42

    Echt jeheeeetzt, bei euch gibt es regelmäßige Arbeitszeiten? Ich bin empört… ;-)

  9. 26. Oktober 2010 11:40

    Selten so gelacht. Her.vor.ra.gend.

    Vielleicht war etwas “hervorragendes” auch der Grund, mal gleich klarzustellen, man sei sterilisiert?? Damit der Chef sich keine Sorgen machen muss… :mrgreen:

  10. 26. Oktober 2010 16:32

    Hoffentlich schaffe ich es noch rechtzeitig vor dem Vorstellungsgespräch, mich sterilisieren zu lassen… Vielen Dank für diesen heißen Tipp! :D

  11. 27. Oktober 2010 20:49

    Wäre es eigentlich schon als sexuelle Belästigung zu deuten, wenn eine potentielle zukünftige Sekretärin mir beim Vorstellungsgespräch mitteilt, dass sie sterilisiert sei? Oder würde es erst als sexuelle Belästigung gelten, wenn ich darauf antworten würde: “Das wäre nicht nötig gewesen. Ich bin nämlich auch bereits sterilisiert?”

    • 27. Oktober 2010 20:56

      Ich finde es gerade sehr schade, dass ich nicht männlich bin. Sonst hätte ich das aufopferungsvoll beim nächsten Mal für Sie ausprobiert.

  12. 27. Oktober 2010 20:54

    Muhahaha. Großartig!

  13. 28. Oktober 2010 17:43

    Ach wie schön…:) Dann müsste ich mich ja sofort bei dir Bewerben..:)

  14. 30. Oktober 2010 13:52

    Bei Bewerbungen auf eine Schwangerschaftsvertretung kannst du auch nicht viel erwarten. ;-)

    Ne, im Ernst, gut beobachtet (Ähm… Adresse? Nur für den Fall der Fälle. Häuser fand ich schon immer sehr schön)

    • 3. November 2010 13:14

      Es geht nicht um meine Vertretung/Nachfolge. Aus diesen Gesprächen habe ich mich, bis auf eine Ausnahme, schön rausgehalten. Und das Gespräch war sehr nett, leider hat der Bewerber dann aber am Tag der Unterschrift abgesagt. Das sei ihm alles doch zu zeitintensiv…

  15. 3. November 2010 00:14

    Einerseits so, wie beschrieben, aber:
    Bei Globalisierung und dem Locken echter Fachkräfte sollte der Rang von »Schland« als Europameister der unbezahlten Überstunden nicht zementiert werden. Die sind doch nicht blöd.
    Die Zeiten, da sprachlich bestens orientierte Russen hier mit Zeichnergehalt als Archi. oder Ing. schufteten, die sind vorbei.
    Empfehle für Deine Ausschreibung: Sibirien abklopfen. Deutsch oft erste Fremdsprache, da braucht es dann kein hiesiegett Schantall mehr…. 8-)

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