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Von Postregalen, unmelodischen Schülerbands und alten Zeiten

11. Juli 2010

Du hast dich nach all den Jahren wirklich kaum verändert. Als ich die Türe öffne, schlägt mir sofort dein typischer Geruch entgegen. Linoleum, Kreide, Muff und Papier. Ich bin gekommen, um mich von dir zu verabschieden. Eigentlich liegen mir Verabschiedungen ja nicht so, in Begrüßungen bin ich viel besser. Außerdem war ich damals heilfroh, als unsere Wege sich endlich trennten. Aber jetzt wollen sie dich abreißen, und heute ist der letzte Tag, an dem deine Türen sich noch einmal öffnen.

Einer meiner schlimmsten Albträume  spielt sich in diesem Gebäude ab. Ich träume, dass ich mitten im Leben stehend auf einmal feststelle, dass ich meine Matheklausuren für das Abitur nicht geschrieben habe. Leider war ich drei Jahre lange nicht mehr im Unterricht und sitze in einer Prüfung, die ich gar nicht bestehen kann. Der Umstand, diesen Traum mit unzähligen anderen Menschen zu teilen, tröstet mich in dem Moment allerdings nicht wirklich. Mein Gehrin sammelt fleißig Bildmaterial für die nächsten 25 Jahre. Mindestens.

In der Aula probt eine Schülerband nicht erkennbare Lieder. Vor der Türe werden bunt bedruckte T-Shirts mit deinem Logo als Aufdruck verkauft. Ich schlendere unbeeindruckt am Kuchenzimmer vorbei, wo noch wenig los ist. Im Innenhof werden ein Grill und Sonnenschirme aufgebaut, aus Boxen schallen Hits der 80iger. Auf den Treppenstufen vor der Aula stand morgens immer der unbeliebte Direktor und kontrollierte, wer zu spät kam. Ich weiß nicht, ob ihm eigentlich jemals  aufgefallen ist, dass das Gebäude zwei Eingänge hat.

Ich habe mich hier nie besonders wohlgefühlt und verbiete meinem Innenleben daher vehement, im Nachhinein in alberne Verklärtheit zu versinken. Schuhsohlen quietschen über Fußböden, und ich erkenne zum Glück niemanden um mich herum. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese spießigen, alten Männer und Frauen, die mit mir hier durch die Gänge laufen, mal neben mir gesessen haben sollen. Misantrophie als Schutzhaltung.

Da vorne kommt der Anbau, in dem die Oberstufe saß. Wer es in diesen Teil des Gebäudes geschafft hatte, war der König der Welt. In einer Ecke der überdachten Zuwegung standen immer die Raucher. Mir ist plötzlich nach kitschiger Abschiedszigarette zumute, genau da vorne rechts, aber die Türe ist verschlossen. Ich kann uns hören und sehen, wie wir lautstark und täglich die Welt besiegten. Aber der ehemalige Mittelpunkt des Universums wurde einfach durch eine Glastüre versperrt.

Die ehemaligen Klassenräume sind auch abgeschlossen. Vermutlich hatte jemand Angst, wir könnten Tische und Stühle mit nach Hause nehmen. Unser Ruf eilt uns wahrscheinlich immer noch  voraus. Also laufe ich langsam zurück, über lange Flure, und ich ignoriere die, die mir entgegenkommen und in meinem Gesicht neugierig nach Wiedererkennungsmerkmalen suchen.

Vor dem Lehrerzimmer hängt noch das alte Postregal, und ich erkenne einige der Namen wieder, die dort stehen. Das angrenzende Lehrerzimmer ist heute geöffnet, und es fühlt sich sehr seltsam an, diesen Raum zum ersten Mal überhaupt zu betreten. Und dann sehe ich hinten in der Ecke meinen alten Deutsch- und Englischlehrer stehen, den ich furchtbar fand, der mir aber die Liebe zur Sprache in mein Herz gepflanzt hat. Gut sieht er aus, alt ist er geworden. Er wird von ehemaligen Schülern belagert und bemerkt mich nicht. In mir verschieben sich abrupt die Emotionen. Ich nehme dieses letzte Bild einfach mit und verlasse schnell und leise diesen Raum und das Gebäude.

Es war gut so.

(Alle Fotos: fotozelle)

14 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 11. Juli 2010 23:03

    So komisch sich so ein Abschied vermutlich anfühlt – schön, das es dich mal wieder zum bloggen bringt! ;-)

    Bei mir geht der Albtraum übrigens anders: ich habe zwar das Abitur völlig regulär bestanden und auch ein Studium erfolgreich abgeschlossen, aber irgendwann stellt man fest, das es in der Grundschule irgendwelche Formfehler gab. Und dann muss ich als erwachsener Mensch die Schulbank zusammen mit den ganz kleinen in der ersten Klasse drücken. Da fällt mir ein: Wenn es dieses Jahr rauskommt, könnte ich mir eine Bank mit dem Goldneffen teilen.

  2. 12. Juli 2010 18:08

    Oh, die Variante mit der Grundschule kannte ich noch nicht. Der Goldneffe würde sich wahrscheinlich sehr freuen ;-)

  3. 13. Juli 2010 17:55

    Oh, der Goldneffe wäre höchst begeistert!
    Lesen und schreiben kann er ja ohnehin schon fast so gut wie ich und zu zweit würden wir uns dann vielleicht nicht gar so sehr langweilen…

  4. 13. Juli 2010 22:20

    Ich habe auch jahrelang von schrecklichen Mathematikstunden albgeträumt. :-)
    Was die Verklärtheit angeht, bin ich ganz Deiner Meinung. Ich habe mich bisher erfolgreich jedem Klassentreffen verweigert. Die echten Freunde von damals habe ich auch heute noch. Und das ist gut so.

  5. 16. Juli 2010 07:56

    Schön, dass du wieder schreibst… :)

  6. 16. Juli 2010 15:42

    Das hast Du wirklich sehr schön geschrieben. Achja, zeig mir einen, der sich nur positiv an seine Schulzeit erinnert.
    Ich sehe erst wieder eine Schule von innen, wenn ein etwaiges Leibesfrüchtchen eingeschult wird. Und lasst es Euch gesagt sein: Ich bin immer noch der Lehrerschreck! :mrgreen:

  7. 17. Juli 2010 16:10

    Schön, mal wieder was von Frau MC² zu lesen, ohne danach gleich nach dem Favstern suchen zu müssen. ;-)

  8. 18. Juli 2010 17:41

    Ich hatte mal vor einigen Jahren einen Autogenes-Training-Kurs besucht, der in einem meiner früheren Schulzimmer stattfand. Da liegend, auf grauem Siffteppich, mit den beknackten Neonröhren über mir und den Gedanken an damals, als mich der Lehrer vor der ganzen Klasse bloßstellte … muss ich etwas über den Erfolg dieses Kurses sagen? …

    Bin sowieso eher der Typ für progressive Muskelrelaxation …

  9. 21. Juli 2010 14:31

    Ein zwiespältiger Abschied. Klingt wie ein Täter, der noch einmal zum Tatort zurückkehrt ;-) Oder wohl eher das Opfer.

    Aber verabschiedet man sich nicht nur von etwas, was immernoch da ist (außer in Albträumen, die ich in ähnlicher Form übrigens auch habe)?

    Sehr gern in Deine persönlichen Gedanken mit abgeglitten…

  10. 21. Juli 2010 19:03

    Ich wäre da wahrscheinlich nicht hingefahren, wenn nicht der Abriß zur Diskussion stünde. Wieder einmal habe ich festgestellt, dass ich eine Zeitreise nur in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit unternehmen würde. Olle Kamellen liegen mir nicht so ;)

  11. 28. Juli 2010 10:58

    Oh, ich kann dich sehr, sehr gut verstehen….nostalgisch verklärte Gefühle in Bezug auf die Schule verbiete ich mir auch. Dafür habe ich da dann doch zu sehr gelitten…

    Aber es ist ja zum Glück vorbei… ;-)

    Schön, dass du wieder bloggst! :-)

    • 28. Juli 2010 17:02

      Klingt vielleicht doof, aber so langsam denke ich wieder oft daran, ob ich dieses oder jenes nicht bloggen könnte. Ich denke, nach dem Urlaub geht es im September wieder weiter :-)

    • 28. Juli 2010 18:31

      Nöö, klingt gar nicht doof. Ich freu mich dann mal auf September :-)

      Schönen Urlaub!

    • 28. Juli 2010 19:59

      Oh ja bitte! Das nenne ich doch mal eine erfreuliche Nachricht! :-)

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