Ist das eine Frucht?
Schon als sie aus dem Auto steigt weiß ich, dass wir keine Freunde werden.
Der Himmel ist blau, die Sonne scheint vor sich hin, und wir parken direkt vor dem Haus, das besichtigt werden soll. Sie ist mit ihrer Tochter gekommen, die bei uns auch das Exposé angefordert und einen Besichtigungstermin vereinbart hat.
Sie taxiert mich von oben bis unten, was ich freundlich ignoriere. Manchmal fangen Termine etwas verhalten an, entspannen sich im Laufe der ersten dreißig Minuten aber meistens automatisch. Aber irgendwas muß ich wohl falsch gemacht haben, denn ich habe keine Chance gegen diesen kleinen Giftmeter auf zwei Beinen. Wir haben das Haus noch nicht einmal betreten, da kommt schon der erste negative Kommentar. Keine Sonne im Garten, sie war nämlich schon mal da und hat sich das genau angesehen. Als ich ihr die Flurkarte zeige, um ihr die Sonnenausrichtung zu erläutern, will sie mir weismachen, dass die Sonne – in ihrer Welt – im Norden aufgeht. Natürlich tut sie das. Und wir haben für das Exposéfoto einfach ein Ufo mit Sonnenlichtimitationsscheinwerfern über dem Haus drapiert, damit der Garten auf dem Foto so schön sonnig aussieht.
Wir arbeiten uns langsam durch das Erdgeschoss. Die Tochter sagt nicht viel, ihre Mutter hängt dafür ständig an meinem Unterarm. Die Küche wird mit einem mißbilligendem Schnauben durchquert, der Essbereich ist schlecht geschnitten, und im Wohnzimmer kann man alles rausreißen. Sie will direkt in den ersten Stock, die Tochter will in den Garten. Als ich die Terrassentür öffne, sehe ich auf der davor liegenden Fußmatte eine unappetitiche Hinterassenschaft der Nachbarskatze. “Oh”, sagt die Tochter und blüht plötzlich auf, “ist das eine Frucht?” Ich bin ewas verwirrt, gucke noch mal hin, ob ich mich vielleicht vertan habe, und schon ist sie mittenrein getreten. Die Eigentümerin windet sich etwas, weil ihr das unangenehm ist, die Tochter verfällt zurück in ihre Lethargie, und ihre Mutter schnalzt mit der Zunge. Das sind übrigens die Momente, wo ich mir gerne vorstelle, etwas vollkommen Ungeheuerliches zu tun.
Stattdessen begeben wir uns im Gänsemarsch in den Garten. Die Mutter rennt auf einmal unkontrolliert Richtung Garage, dicht gefolgt von der mittlerweile etwas alarmiert dreinschauenden Eigentümerin. Ich nutze die Gunst des Augenblicks und versuche, mit der Tochter ins Gespräch zu kommen. Sie ist eine verhuschte, blasse Endvierzigerin mit Gesundheitsschuhen und 70iger-Jahre-Brillengestell. Die Sorte Mensch, die man gerne wachrütteln und 25 Jahre im eigenen Lebenslauf zurück katapultieren würde, damit sie es noch einmal von vorne versuchen. Der Garten gefällt ihr, sie stellt viele technische Fragen zur Immobilie. Es ist ein nettes Gespräch, und wir stellen schnell fest, dass das Haus für sie leider nicht in Frage kommt.
Vor der Garage treffen wir wieder den Giftmeter, die Eigentümerin verschwindet erleichtert im Hausinneren. “Also”, sagt sie zu ihrer Tochter, “das kannst du to-tal vergessen hier. Das kannst du alles nur abreißen. Hier steckst du mindestens 200.000 rein. Min-des-tens!” Ich sage nichts und lächele leicht süßlich. Sie rammt mir ihren Zeigefinger in den Unterarm und sagt: “Oder? Oder? Ich kenne mich nämlich aus.”
Und dann habe ich keine Lust mehr. “Ach, tatsächlich? Haben Sie beruflich mit Immobilien zu tun?” “Nein, nein”, sagt sie nur. “Sondern?” “Ich habe eine Wohnung gekauft”, triumphiert sie. “Das qualifiziert Sie natürlich absolut, die Sanierungskosten eines Hauses einzuschätzen, das Sie noch nicht einmal komplett besichtigt haben.”
Pause. Es ist mir egal. Ich habe keine Lust mehr. Das passiert mir selten, aber der Tag war mies, und das Letzte was ich jetzt noch brauche, ist eine weitere halbe Stunde mit dieser verschrumpelten Frau Langstrumpf.
Die Tochter will nicht zu Ende besichtigen, das Haus käme nicht in Frage. Wir vereinbaren, dass ich mich bei ihr melde, wenn wir ihr eine Alternative anbieten können. Mittenrein platzt dann der Giftmeter: “Also, ich will weiter gucken. Wenn wir schon mal da sind…” “Das ist hier aber keine Museumsbesichtigung, bei der Sie 10 Euro bezahlt haben und deshalb Anspruch auf alle Schloßzimmer haben.”
Die sehe ich nie wieder. Hoffentlich.


Du tust mir Leid. Aber dafür hast du deinen Frust prima entladen
Gefällt mir, wär gern dabei gewesen und hätte mich über dein 1:0 gefreut
Sie haben schon einen seltsamen Beruf… Aber so langsam meine ich zu verstehen: Sie bloggen, um den Wahnsinn des Alltags besser zu verkraften. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was anderes zu tun? Schafe züchten, Rosengarten anlegen? Kneipe aufmachen? Webseiten entwerfen?
Danke für diese Geschichte!
Auja, Herr Eselhund, Schafe züchten wär toll
Manche Menschen sind halt mit nichts zufrieden …
Manche Menschen haben es wohl zu ihrem Hobby gemacht, andere am Rest der Menschheit zweifeln zu lassen… *kopfschüttel*
Sehr gut gekontert, Frau Q!
dummheit, ignoranz qualifizieren in dieser gesellschaft leider zum überleben, auch auf kosten scheinbar der tochter … ich wünsche dir für den heutigen freitag eine bessere klientel!
…wie hälst Du das bloß aus? *kopfschüttel*
Deine Antwort hat mir auf jeden Fall ein dickes Grinsen ins Gesicht gezaubert
Ich wünsche Dir einen schönen Freitag,
Katja
Jaaaa, endlich jemand, die sich auch mal traut dem König Kunde Contra zu geben!
In meinem Beruf habe ich gefühlterweise auch nur mit absoluten Vollpfosten zu tun. Aber ich darf ja auch nix sagen (bin manchmal selber einer). *indieTischkantebeiß*
Ich tue so etwas fast nie und ich bin auch nicht besonders stolz darauf. Zwar ist in dem Fall die Genugtuung da, zumal die Dame sich wirklich ausgesprochen schlecht benommen hat. Faktisch ist es aber nun eine Kundin weniger, die es auch noch geschafft hat, mir meine Selbstbeherrschung zu klauen.
Aber dafür wunderbar göttlich die Selbstbeherrschung verloren!
Gut gekontert
Irgendwo muss auch mal Schluss sein mit “König Kunde”, das ist kein Freibrief zum Danebenbenehmen.
Makler greifen halt zu allen Tricks. Ein Ufo mit Sonnenlichtimitationsscheinwerfern ist da noch harmlos *gg*
*Kopf hoch*
Kann ich mir das UFO mal ausleihen?
Umher Fliegende Osrambrine?
an allem herumnörgeln, aber den Leuten in der Schrank gucken wollen … *kopfschuettel* …Museumsbesichtigung… ein toller Konter. #kudos
Bei solchen süffisanten Geschichten frage ich meine Kollegen regelmäßig, wie gut sie fremdes Blut wegwischen können… Im Notfall nicht warten bis Kettensägen im Angebot sind!!!! Da kann man sich eigentlich immer wieder nur wünschen, daß diese Art Menschen sich nicht fortpflanzen….
“Ist das eine Frucht?” – über die Frage allein könnte ich mich schon ständig zerfetzen…
Kunde hin, Kunde her – in diesem Falle kein wirklicher Verlust. Natürlich bringen es solche Leute oft auch noch fertig, die ganze Geschichte dann andersherum zu erzählen..
Aber sollen sie nur…! Pah!
“Oh, Kasimir, ist das eine Frucht, die Du mir da hingelegt hast?” *g*
Ärger Dich nicht über Dich. Es ist gut für das allgemeine Wohlbefinden, nicht alles un djeden so hinzunehmen. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.
Ich hab sehr gelacht.
So eine Kotzkanne!
Aber “Giftmeter” gefällt mir auch!
Ich hab’s beruflich leider auch oft mit so giftigen, ihre blöden Finger in andere Leute piekende alten, verschrumpelten Weibern zu tun.
Blieb tapfer!
Kotzkanne ist ein sehr schönes Wort!!
manche haben es nicht anders verdient – gut gekontert!
Solche Deppen laufen einem leider viel zu oft über den Weg …
Da möchte man die Frucht doch glatt jemandem an den kopf schmeissen.
Aber gut reagiert!
Gruß
Fulano
Auch wenn Sie jetzt sagen eine Kundin weniger und auch noch entflohene Selbstbeherrschung, gut gemacht, sehr gut. Manche brauchen einen Dämpfer und diese “Dame” hatte den wohl dringend nötig!
Ach, aber ohne solche Erlebnisse würdest du vielleicht nicht so lebendig-realitätsnah-unterhaltsam schreiben, und das wäre wirklich schade.
Erheiterte Frühlingsgrüße
Patricia (Finn)
Finn im neuen Gewand?