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Nineteen forever

31. Januar 2010

Es gibt Menschen, die für sich wissen, dass dieses Leben nicht das einzige und letzte ist. Ich hingegen weiß es nicht, ich vermute es nicht einmal. Ich kann es lediglich hoffen. Ich hoffe es so wie ich schon viele Dinge in meinem Leben gehofft habe, inbrünstig und mit jeder Faser meiner Selbst, nur um dann am Ende des Tages ernüchtert feststellen zu müssen, dass die Hoffnung eine ebensolche geblieben ist und sich nach ihrer Nichterfüllung dann ganz stikum durch eine Nebentür verdünnisierte.

Also verdrängt man derartige Gedanken, es gibt ja auch gar keinen konkreten Anlass, wir sind jung und gesund, die Sonne scheint, die Autobahn ist frei, die Musik ist toll, wir haben viel zu tun, in unseren Herzen werden wir ohnehin ewig 19 bleiben. Wir könnten theoretisch immer noch Lebenspläne über den Haufen schmeissen, einen Neuanfang wagen, uns entdecken lassen, um fünf Mindestminuten der Berühmtheit für uns zu reklamieren. Unsere Energie beleuchtet ganze Häuserblocks und vertreibt alle Schatten aus den Hauseingängen. Immer schön in Bewegung bleiben.

Was aber, wenn wir zur Ruhe kommen, vielleicht wenn wir nachts im Bett liegen, neben uns atmet der geliebte Mensch im regelmäßigen Rhythmus des tief Schlafenden? Wenn wir den Tag Revue passieren lassen, und an die denken, denen es nicht so geht wie uns? Was aber, wenn plötzlich der Tod um die Ecke schaut, der dieses Mal wieder nur einen Nachbarn, einen Bekannten, eine öffentliche Person oder einen Kunden ereilt hat? Oder wenn wir einfach nur unter der weichen, warmen Decke liegen und die Hand austrecken und uns vorstellen, dass diese Stelle kühl und leer bliebe?

Ist das eine Übung unserer Seele für den Ernstfall? Eine vorübergehende Verwirrung der Neurotransmitter? Unerzogene Hormone ohne Sinn und Verstand? Warum weinen wir, wenn in Büchern solche Dinge beschrieben werden? Warum rührt uns bestimmte Musik an, Filmszenen oder Schlußsequenzen irgendwelcher Serien? Ist das Bestandteil des Älterwerdens? Kann man das Damitumgehen lernen oder ist das etwas, das immer so bleiben und vielleicht sogar schlimmer wird? Wir sind dazu erzogen worden, eine gewisse Scheu an den Tag zu legen, über so etwas spricht man nicht. Früher wussten wir auf Anhieb, wieso Liebe wehtun kann. Solche Gründe allerdings waren in unserem Repertoire nicht vorgesehen.

Wir machen das für uns aus, vorzugsweise nachts, alleine und leise. Dabei wissen wir eigentlich, dass wir nicht alleine sind. Dass dieses Innehalten und Angst haben “dazu gehört”, auch wenn man keine Begründung dafür in Worte fassen könnte. Aber darüber spricht man nicht.

26 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 31. Januar 2010 12:51

    Ganz böse ist übrigens, wenn man gerade ahnungslos von Rüdiger hierhergeschlendert kommt, das Piano noch im Hintergrund klimpert und man dann Deine nachdenklichen Zeilen hier liest! Gänsehaut pur und ein paar Tränen sind auch gekullert. Aber darüber spricht man nicht.

  2. 31. Januar 2010 14:27

    wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod tabuisiert. Das führt aber immer dazu, dass uns der Tod dann doch immer wieder aus den Fugen reißt. Dabei ist er etwas natürliches und gehört zum Leben dazu.

    Ich weiß nicht, wer es sagte, aber ich finde den Spruch sehr schön:
    “Betrauert nicht meinen Tod, feiert lieber mein Leben.”

  3. 31. Januar 2010 14:31

    Notiz an mich selbst: Mich von m²-Blog fernhalten, wenn ich gerade gute Laune habe – das zieht einen viel zu oft runter. Im Ernst, großartig geschrieben und nur zu wahr.

  4. 31. Januar 2010 14:59

    Putzig, wie manche Menschlein versuchen, durch Überaktivität und alles mitnehmen was geht, sich und den Tod zu überlisten. Funktioniert nur nicht, der Tod arbeitet so gründlich und gewissenhaft, dass er einen prima Steuerprüfer abgeben könnte (gut, vielleicht nicht in Hessen, aber das ist eine andere Geschichte).

    Deswegen kommen solche Gedanken nur nachts in der Stille nach vorne, weil sie sih tagsüber gegen all das Getöse nicht durchsetzen können und nur spezielle Situationen wie Beerdigungen und all das was diesen vorausgeht diese Omerta der Vergänglichkeit durchbrechen können. Auf jeden Fall findet sich aber in einer Trauergesellschaft mindestens einer, der schnell wieder zur Tagesordnung überleiten möchte.

    Jetzt könnte man fragen, welchen Sinn denn solche Gedanken haben könnten und dabei noch an dieses Zitat von ääähhh …Dingsbums denken, der sinngemäß sagte “Was geht mich der Tod an? Wenn der kommt, bin ich weg”. Sofern es denn einen Sinn gibt, könnte es in meinen Augen der sein, dass man diese relativierenden Gedankengänge dazu nutzt, dankbar und hocherfreut über beispielsweise dieses schlafende atmende Wesen neben einem zu sein, dass einem womöglich auch noch im Schlaf liebhat. Die Verlustängste kommen sowieso immer wieder mal hoch, die werden auch nicht kleiner, wenn man sich intensiv damit auseinandersetzt. so etwas lässt sich nicht proben, da gibt es nur die Uraufführung, durch die man muss … später natürlich … viiiiel später …

  5. 31. Januar 2010 16:37

    Sich in den merkwürdigsten Momenten mit dem Tod zu beschäftigen, sich über mögliche Verlustängste seiner Lieben einen Kopf zu machen ist sehr irritierend. IMHO ist es ein Zeichen dessen, dass man altert oder zusehends reift. Am jungen dichten Fell perlt sehr viel ab, je länger wir es tragen umso lichter wird es an manchen Stellen, da perlt nichts mehr, sondern kommt auch mal durch. Die ersten Male ist das dann ungewohnt, hat doch der Pelz früher gut funktioniert. Man gewöhnt sich dran und lernt damit zu leben, dass äußere Einflüsse zunehmend solche Stimmungen beeinflussen können, wo man selbst früher einfach drüber hinweg ging. Du bist jedenfalls nicht allein: http://is.gd/7pY9D

    • Anne Permalink
      31. Januar 2010 17:59

      “Am jungen dichten Fell perlt sehr viel ab” – dem möchte ich widersprechen. Bei meiner 12jährigen kam fast ein Jahr lang dieses Thema immer wieder hoch, warum, habe ich nie genau herausgefunden, einen konkreten Anlass gab es meines Wissens nicht. Ich empfand nur, dass sie sehr unmittelbar an ihren Gedanken und ihrer Vorstellungskraft litt. Einen “echten” Trost habe ich bieten können, außer dazusein und Ruhe auszustrahlen. Schwer. “Zeichen dessen, dass man altert oder zusehends reift” – vom naiven Kind zur Pubertierenden?

    • 31. Januar 2010 18:25

      Die beste Tochter von allen hatte diese Phase im Alter von ca. 11 ebenfalls. Das ist eine Phase in der Entwicklung, wenn ich mich an die Gespräche mit anderen Eltern erinnere. Unser Hund starb kurz zuvor und so kam sie zum ersten Mal in Kontakt mit “etwas-zu-verlieren-was-man-liebt”. Sie reflektierte auf uns und wir waren anfangs ziemlich hilflos. Ob das mit der einsetzenden Pubertät zusammenhing weiß ich nicht, die beste Tochter von allen erfuhr etwas neues … schreckliches, Verlust auf ewig, das Fell bekam eine lichte Stelle.

  6. 31. Januar 2010 18:57

    ja das sind unschöne Momente, und die Angst befällt mich auch immer häufiger. Habe aber beobachtet, dass alte Menschen es dann meist inzwischen gelernt haben, damit umzugehen. Bleibt einfach zu hoffen, dass wir lange genug überleben um weise zu werden ?

  7. 31. Januar 2010 22:10

    Ein Grund, das Älterwerden nicht nur als negativ zu empfinden. Immer nur verdrängen ist blind. Und wer will das sein?

  8. 31. Januar 2010 22:13

    Je älter wir werden, desto mehr machen wir uns Gedanken über unser Leben und vielleicht den Tod. Mit 19 haben wir uns noch Gedanken gemacht, auf welche Party wir nächstes Wochenende gehen. Jetzt machen wir uns Gedanken, wie du sie dir vielleicht gemacht hast. Was passiert mit unseren Eltern, die jetzt ein Alter erreicht haben, wo man schon mal eher ans sterben denken kann…..

  9. 1. Februar 2010 01:53

    Uuaa, ein bisschen Gänsehaut gerade im Angesicht dieser wahren Worte! Aber manchmal erwische ich mich auch dabei, dass ich viele Sachen viel zu lange vor mir herschiebe, weil ich ja “ewig lebe”…

  10. 1. Februar 2010 09:27

    Was, wenn diese Gedanken zum Alltag gehören?

    Wenn man sich über (fast) nichts mehr vorbehaltlos freuen kann, weil man immer auch die Möglichkeit in Betracht zieht, daß diese Freude ja vielleicht nicht lange anhält, weil gleich / morgen / bald etwas Schlimmes passieren könnte?

    Wenn der geliebte Mensch beruflich eine etwas längere Tour fahren muß und sich jedes Mal vor dem inneren Auge Unfälle ereignen und man bei Schritten im Haus sofort WEISS, jetzt kommen sie um Bescheid zu sagen, daß etwas Schreckliches passiert ist?

    Wenn man Pläne für das nächste Wochenende /den nächsten Urlaub /die nächsten Jahre macht und dabei NIE vergißt, beschwörend zu denken (zu denken, denn sowas sagt man nicht) : “Vorausgesetzt, es passiert nichts, vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen…”

    Wenn der größte Wunsch aus drei Worten besteht: “Keine bösen Überraschungen…”?

    Ich glaube, ich wäre manchmal froh, ein paar dieser Gedanken nur in ruhigen Nächten zu haben…

    • 1. Februar 2010 10:51

      Puhhh, da bin ich zuwenig Psychologe – nämlich gar nicht – um kompetente Antwort geben zu können. Eines ist mir dabei aber klar: Diese Angstgefühle verringern deutlich die Lebensqualität, obwohl sie im Durchschnitt der allermeisten Leben sich in den allermeisten Fällen im Nachhinein als unbegründet erweisen werden, was man z.B. dadurch überprüfen kann, indem man sich alle angstbesetzten Situationen der letzen Monate aufschreibt und dahinter schreibt, was tatsächlich passiert ist.

      Grundsätzlich möchte ich aber fast dazu raten, sich deswegen jemanden zur Seite zu ziehen, der mit sowas sein Geld verdient und sich entsprechend auskennt. Meist stecken hinter solchen Gedanken noch ganz andere als die primär erkennbaren Ängste und Dein Leben sollte doch so wichtig sein, als dass Du dir ständig nicht die Hälfte der Freude von allem nehmen lassen solltest.

      Dies ist aber nur ein unerbetener Ratschlag eines Nichtprofis …

    • 1. Februar 2010 12:18

      Nein, nein, lordfoltermord, vielleicht unerbeten, aber nicht unwillkommen… :-)

      Und du hast natürlich Recht, das ist eine sehr belastende Situation, momentan bin ich auch dran, mir deswegen Hilfe zu holen. Kein sehr leichter Schritt, den ich auch schon viel zu lange vor mir her schiebe…

  11. 1. Februar 2010 13:55

    Vielleicht fällt es Dir ja leichter, diesen Schritt zu gehen, wenn Du Dir immer wieder klar machst, dass am Ende sehr wahrscheinlich ein freudvolleres Leben steht und du kein Katastrophen-Abo abgeschlossen hast.
    Viel Kraft wünsche ich Dir dabei!

    • 1. Februar 2010 14:01

      Ich danke dir sehr dafür…. Vielleicht werde ich darüber irgendwann berichten können…

  12. 1. Februar 2010 15:09

    So ist das Leben eben, jeder von uns wird irgendwann früher oder später mit dem Tod konfrontiert bis er einen selbst ereilt. Deshalb müssen wir dankbar sein für jeden Tag den wir leben dürfen. Ob es auf der anderen Seite noch was gibt oder nicht wird sich zeigen, nur wenn es nix mehr gibt ist es schade das ich dann nicht mehr sagen kann “Hab ich doch die ganze Zeit geahnt” ! ;-) Aber die Hoffnung “stirbt” bekanntlich zuletzt! Und mach dir nicht zu viele Gedanken, könnte dich runter ziehen

  13. 1. Februar 2010 17:07

    Mich erwischen solche Gedanken auch häufiger mal und ich habe nicht nur nachts oft die Vergänglichkeit vor Augen. Mittlerweile kann ich dem aber durchaus auch etwas Positives abringen:
    Solche Gedanken sorgen bei mir dafür, dass ich mich immer wieder mal darauf besinne, was mir denn in meinem Leben tatsächlich wichtig ist und worauf es ankommt. In den letzten Jahren habe ich dadurch eine Menge an Gelassenheit gewonnen, Dingen – Kleinigkeiten – gegenüber, die mich ansonsten geärgert, aufgeregt, genervt haben und die ich jetzt mit einem Schulterzucken abtun kann.

  14. 1. Februar 2010 18:35

    Das ist wirklich wunderschön geschrieben… Selbst, wenn man sich gezwungenermaßen viel damit beschäftigt und auch in einem gewissen Rahmen darauf einstellt, dieses bestimmte Gefühl schaut doch noch ab und an vorbei…

  15. 1. Februar 2010 19:42

    Punktgenau und schmerzlich schön beschrieben. Wie gut kenne ich dieses Gefühl. Wir lernen damit zu leben – und doch nicht. Wir leben darum immer “Trotzdem” und “Deswegen”.
    Ich schreibe gerade ein ganzes Buch darüber und komme der Sache dennoch nicht näher.
    Aber ohne genau dieses Gefühl wären großartige Momente nicht so großartig…

  16. 1. Februar 2010 22:16

    Ich freue mich sehr über diese vielen, teilweise sehr persönlichen Kommentare. Ich war nicht sicher, ob ich diesen Text online stellen soll. Bei Dingen, die einem besonders am Herzen liegen, hat man bisweilen etwas die Sorge, dass sie falsch verstanden werden könnten, nicht “heil” beim Gegenüber ankommen oder gar verpuffen.

    Magrat, so eine ähnliche Phase hatte ich auch mal, das ist nun schon einige Jahre her. Ich habe das dann alleine und recht fix in den Griff bekommen, weiss aber bis heute nicht so recht, wo das eigentlich hergekommen ist. Es verschwand so plötzlich und schnell wie es erschienen war. Ich denke aber auch, dass es überhaupt nicht gut ist, wenn das deinen Alltag (mit)bestimmt, dann solltest du der Ursache auf den Grund gehen. Nimm’ als Grund doch einfach die weibliche Neugierde ;)

    Katja, genau das sollte die Quintessenz sein. Ruedigers Bild vom lichter werdenden Fell hat mir gut gefallen. Wobei ich festgestellt habe, dass diese Gedanken (Gottseidank) nicht kontinuierlich vorhanden sind, sondern in Schüben erfolgen. Zum Thema Alter kann ich sagen, dass ich mit 10 Jahren eines Nachts am Fenster stand, mit einem unbeschreiblichen Blick in einen südlichen Sternenhimmel, und auf einmal realisiert habe, dass meine Eltern eines Tages sterben werden. Das mag pathetisch klingen, aber diesen Augenblick und wie er sich anfühlte werde ich niemals vergessen.

    Man muss solche Dinge nicht überdramatisieren. Es ist einfach schön, sie mal aussprechen zu können und dann festzustellen, dass es anderen Menschen ganz genau so geht.

    Ich habe an anderer Stelle mal geschrieben, dass es zu viele Menschen gibt, die nur atmen statt zu leben. Und das muss ja nun wirklich nicht sein! ;)

  17. 2. Februar 2010 08:27

    Solche Gedanken kenne ich auch nur zu gut und sie überfallen mich tatsächlich meist dann, wenn ich alleine bin oder gerade etwas passiert ist, das mich einigermaßen stark mitnimmt und beschäftigt. Diese Gedanken können einen richtig nach unten ziehen und es ist schwer, dann wieder hochzukommen und an Schönes zu denken. Oftmals hilft dann nur noch ein neuer Tag.

    Es ist beruhigend zu lesen, dass es offenbar auch anderen so geht und dass es nichts Ungewöhnliches ist. Man neigt ja immer wieder dazu zu denken, dass es nur einem alleine so gerade nicht so gut geht und alle anderen sind fröhlich. Dass auch andere diese Gedanken haben und es nur nicht so zeigen, weil man eben darüber nicht spricht und sich auch nichts anmerken lassen will, das vergisst man gerne.

  18. 2. Februar 2010 09:53

    Sich mit dem Tod zu beschäftigen, ersetzt die Angst es zu tun. Meist passiert das bei mir in guten Lebensphasen, nicht aus einer Depression heraus, da dafür dann Raum vorhanden ist. Und um mich wieder zu synchronisieren, wo ich eigentlich stehe.
    Du hast das aus Deiner Sicht sehr schön in Worte umgesetzt, denn das Schwerste -aber auch Wichtige- ist, diese “Konfrontation” mit sich selbst zu formulieren.

  19. 2. Februar 2010 14:44

    Wenn es ein Leben danach gibt, wieso erinnere ich mich nicht an das letzte? Doof.

  20. 3. Februar 2010 17:21

    Schön, dass mal einer ausspricht, was mich des nächtens auch so umtreibt. Und dann denke ich immer: Bin ich die einzige die so denkt. Nein, offenbar nicht.
    Schön geschrieben und danke. Vielleicht traue ich mich ja auch mal, so etwas zu schreiben …denn wenn es erstmal da draußen ist, dann ist es manchmal gar nicht mehr so schlimm.

  21. 5. Februar 2010 13:32

    redet man darüber nich mit der/dem lebensgefährtIn? warum liegt man denn sonst zusammen unter der decke?^^

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