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Plädoyer für Grobmotoriker

31. Dezember 2009

(Eigentlich wollte ich erst ein Plädoyer für Anderssehende verfassen. Aber der Optiker meines Vertrauens, den ich regelmäßig mit Geldzuwendungen gegen Ware beglücke, versichert mir, dass alle Werte von Brille und Kontaktlinsen stimmen. Wenn Sie das dann bei der Lektüre freundlicherweise berücksichtigen wollen, bittedanke.).

Ich weiß, dass ich ich nicht alleine bin. Da draußen sind viele von meiner Sorte. Wir haben keine Lobby, niemanden, der unsere Interessen nachhaltig vertritt, in der Öffentlichkeit um Aufklärung bemüht ist und für Verständnis wirbt.

Unsere Dunkelziffer ist hoch. Wenn wir zum Arzt gehen müssen, denken wir uns logisch klingende Geschichten aus, damit wir nicht ausgelacht werden. Den Fehler, die Wahrheit zu sagen, begehen wir, wenn überhaupt, nur ein einziges Mal. Ein Beispiel: Bei der letzten Fußball-WM waren wir bei einem spannenden Spiel mit dem Auto in einer großen Stadt zu Besuch, in der nach Spielende ein Autokorso stattfand. Natürlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen und so fuchtelten wir mit unzähligen anderen Menschen mit unseren Armen durch heruntergekurbelte Autofenster und freuten uns des Lebens. Die Fußgänger liefen zwischen den Autos umher und klatschten ab. Ich war fröhlich, die Sonne schien, ich machte mit. Im Moment des Abklatschens fuhr das Auto, in dem ich saß, an, und mein linker Arm teilte meinem Gehirn mit, dass er jetzt bitte gerne sofort abfallen würde. Ich konnte mir ohne Hilfe keinen Pullover mehr anziehen, den Arm kaum noch bewegen, nichts mehr heben oder tragen – und ich ging damit sechs Monate lang nicht zum Arzt. Als es nicht mehr ging, suchte ich dann doch noch einen Orthopäden auf. Man war dort sehr nett und wollte wissen, was passiert sei. Das Gelächter hat man wahrscheinlich bis auf die Straße gehört.

Unser Alltag ist gefahrenreich. Türrahmen sind unsere Feinde. Wir stoßen uns an ihnen mit dem kleinen Zeh, dem Ellbogen oder auch dem Kopf (während wir uns die Haare föhnen und aufgrund des tollen langen Föhnkabels schon mal im Eckschrank gegenüber die Creme suchen wollen, um dann mit dem Kopf gegen den Türrahmen zu stoßen, nur dass zwischen Kopf und Tür auch noch der heiße Föhn ist, in Ohrhöhe.. Sie verstehen?). Wir bleiben im Vorübergehen mit dem kleinen Finger in der Aussparung der Türzarge für das Türschloss hängen. Wir stoßen uns das Knie an Schreibtischcontainern, unsere Hüften und Oberschenkel an Möbelecken, wir übersehen Treppenstufen. Wir spießen uns beim Einräumen der Spülmaschine selber auf, weil wir das Gemüsemesser übersehen haben. Uns fällt beim Hangeln nach der Keksdose auf dem Küchenschrank der danebenliegende, volle Karton mit den Austauschwasserkartuschen auf den Kopf. Wir stolpern über Schuhe, Haustiere, Kabel, Taschen und Teppichkanten.

Wenn wir unser vermeintlich sicheres Heim verlassen, wird es noch viel schlimmer. Wir stolpern über nicht vorhandene Hindernisse auf Bürgersteigen und knicken auf völlig ebenerdigen betonierten Flächen um, wir laufen gegen verschlossene Glastüren, uns entgegenkommende Passanten, wir stolpern über Einkaufskörbe und nicht eingeräumte Warenpaletten. Wir überfahren unsere Zehen mit dem eigenen Einkaufswagen. Wir stolpern auch an Bordsteinkanten, vorzugsweise mit dem Autoschlüssel in der Hand, um dann elfengleich am eigenen Auto an der Beifahrerseite am Lack entlang hinabzugleiten, begleitet von einem sehr hässlichen metallischen Geräusch. Wir rammen uns Autotüren in die Schulter, Kofferraumdeckel auf unsere Köpfe, klemmen uns Finger ein, reißen uns Fingernägel bei der Montage neuer Scheibenwischer ein und stolpern bei der Waschanlage über den Staubsaugerschlauch. Wir stolpern im Büroflur über unsere eigenen Füße und segeln seitlich in die Metall-Türzarge, so das wir aufgrund der Rippenprellung mehrere Wochen lang nicht wissen, wie wir atmen oder liegen sollen. Wir treten mit traumtänzerischer Sicherheit mit dem nackten Fuß in die einzige Scherbe, die auf 5 Kilometern Strandlänge zu finden ist. Quallen gehen natürlich auch. An unseren Beinen sind nicht nur Narben heißer Ofentüren, sondern auch von Verletzungen, die bis auf den Schienbeinknochen gingen und ein Jahr lang nicht heilen wollten, weil wir mal eine Metalltreppe hochgefallen sind.

Wir werden ausgelacht. Das ist das Maximum an Aufmerksamkeit, das wir erhaschen können. Partner, Familienmitglieder, Kollegen, Kunden und Freunde verlieren in unserer Anwesenheit bisweilen vollkommen die Contenance und erzählen von unseren Malheurs gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Wir sind auf uns selbst gestellt. Auf unser Jaulen, Jammern, Stöhnen und Schreien reagiert unsere Umwelt nicht. Wir ernten maximal ein Augenrollen, ein “Na, was ist dir jetzt schon wieder vor die Beine gesprungen?” oder ein wortloses Kopfschütteln. Ich will nicht wissen, wie viele unerklärliche Todesfälle und schwere Unfälle so nie zufriedenstellend und zutreffend aufgeklärt werden konnten.

Das lag mir schon lange auf der Seele. Wenn Sie also noch keine Vorsätze für 2010 haben sollten, nehmen Sie doch einfach diesen hier: Haben Sie ein Herz für Grobmotoriker!

In diesem Sinne,

Ihre Frau Quadratmeter

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33 Kommentare leave one →
  1. 31. Dezember 2009 17:12

    Du hättest noch einen Absatz über italienische Fußballspieler einfügen können, die in Strafräumen gerne mal über allzu sperrige Luft stolpern. ;-)

  2. 31. Dezember 2009 17:17

    Das ein oder andere Mal habe ich mich wiedergefunden in Ihrem Bericht :lol:

    kommen Sie gut ins Neue Jahr.

  3. 31. Dezember 2009 17:54

    Liebe Frau QM,

    wirklich. Wir sind es. Ehrlich. Langsam wird es unheimlich: Wir beide sind bei der Geburt getrennte Zwillinge.

    Ich musste SO lachen, weil ich mir IMMER mit dem eigenen Einkaufswagen in die Quere komme und auch sonst habe 90% der grobmotorischen Schnitzer Deiner Aufzählung selbst angestellt.

    Einschließlich im Café aufstehen, am Nebenstuhl hängen bleiben und laut polternd gen Toilette verschwindend. So Sachen.

    Ganz liebe Grüße
    SSL

    • 31. Dezember 2009 17:58

      Ich habe mal in einem Baumarkt die halbe Gartenmöbelabteilung verwüstet, weil man die Möbel auf diesen Holzplatten aufgebaut hatte, mit denen begabte Hobbyheimwerker in ihren Mietwohnungen die Balkonbeläge aufpeppen.. Jedenfalls hatte ich die Kante übersehen… Du hättest in das Szenario perfekt reingepasst, wahrscheinlich hätte man uns hysterisch lachend direkt im Doppelpack abtransportiert :mrgreen:

      • 31. Dezember 2009 18:04

        Ich hab ja mal bei *Fress*napf* oben im Regal nach dem Futter gegriffen und war ein bisschen zu klein und hab nur ein bisschen am Karton gezogen…

        Oder neulich stand da plötzlich so eine Aktionsfläche beim R*ewe. Mit Weihnachtsleckereien. Hat ein bisschen gedauert, die Zimtsterne wieder zu stapeln.

      • 31. Dezember 2009 18:08

        War es Dosenfutter? ^^

      • 31. Dezember 2009 18:09

        Selbstverständlich.

  4. 31. Dezember 2009 17:58

    Ich hab mich so schrecklich oft erkannt in diesem Beitrag…. Schon mal Kaffee mit Schwung neben die Tasse gegossen? Das befreit einen allerdings für immer von jeglichen Tätigkeiten dieser Art. ;) Alles Gute für 2010!

  5. 31. Dezember 2009 17:59

    Wäre die Gattin so veranlagt, ich würde sie in Watte packen. :) Die Liste ist beeindruckend und abgesehen vom Spaßfaktor für andere, man selbst hat die wenigste Freude. Ich hoffe liebe Frau quadratmeter, die Gelegenheiten sich Schaden zuzufügen werden im Jahr 2010 weniger werden. ;)

  6. 31. Dezember 2009 22:32

    Danke, Danke für dieses Plädoyer!!!

  7. Eule Permalink
    1. Januar 2010 07:25

    ..die Härte sind ja immer die ganzen blauen Flecken, von denen ich dann nicht mal mehr die Ursache weiß…bedenklich… Ein tolles neues Jahr wünsch ich!

  8. 1. Januar 2010 15:44

    loooooool

  9. 1. Januar 2010 18:51

    Danke für dieses Plädoyer. (Mehr kann ich grad nicht schreiben, ich muss den Bluterguss bejammern, der sich aus der gestrigen Begegnung meines rechten Oberschenkels mit einer Glastischecke ergeben hat. Ohne Alkohol.)

  10. 1. Januar 2010 20:16

    ja, für einen Grobmotoriker wurde ich auch 18 Jahre lang gehalten, bis dann gnädigst jemand feststellte, dass mir zu 100% das Räumliche Sehen fehlt. Frau Quadratmeter, Sie sprechen mir wieder einmal aus der tiefsten, verwundeten, beleidigten Seele. Doch jetzt muss ich weiterstolpern…

  11. 1. Januar 2010 23:02

    Ohja schön. Danke für dieses Plädoyer.

    Es hat auch für große Erheiterung gesorgt, also ich mir bei der heimischen Pediküre den Arm gebrochen habe. Muß einem erstmal jemand nachmachen.

    Woher der fette blaue Fleck auf meinem Oberschenkel kommt… ich weiss es nicht und liebe Frau SSL, die Sache mit dem Katzenfutter, die haben sie sich bei mir abgeschaut, das war jetzt nicht soooo einfallsreich :-D

    Wollen wir eine Selbsthilfegruppe gründen? Die anonymen Trottel oder so?! *gacker*

  12. 1. Januar 2010 23:02

    Ohja schön. Danke für dieses Plädoyer.

    Es hat auch für große Erheiterung gesorgt, also ich mir bei der heimischen Pediküre den Arm gebrochen habe. Muß einem erstmal jemand nachmachen.

    Woher der fette blaue Fleck auf meinem Oberschenkel kommt… ich weiss es nicht und liebe Frau SSL, die Sache mit dem Katzenfutter, die haben sie sich bei mir abgeschaut, das war jetzt nicht soooo einfallsreich :-D

    Wollen wir eine Selbsthilfegruppe gründen? Die anonymen Trottel oder so?! *gacker*

  13. 2. Januar 2010 14:32

    Hiermit oute ich mich auch als Grobmotoriker. Ich nehm jede verdammte Tür mit der Schulter mit, habe auch sowohl das von SSL und soulsilence geschafft. Solche Dinge wie Tee einschütten darf ich Zuhause nicht mehr übernehmen. Meine Arme zieren Narben, bei deren Entstehung ich gegen heiße Backbleche gekommen bin. Eine große an meinem Unterschenkel habe ich daher, als ich auf einem Stein saß (in den Bergen Pause gemacht) und vom Stein gefallen bin (er war nicht klein oder uneben), so dass ich mit meinem Bein gegen den nächsten Stein geknallt bin… etc.

    • 2. Januar 2010 14:34

      Oh. Unter diesem Aspekt finde ich deinen Gravater mutig bis leichtsinnig ;)
      Heiße Backbleche und Bügeleisen sind aber auch etwas sehr Gemeines. Kerzen übrigens auch.

    • 2. Januar 2010 16:46

      Ich nicht :-D . Beim Klettern habe ich mir bis auf blutige Extremitäten noch nichts geholt. Man beachte aber, dass ich im Oktober beim Abstieg vom Brückler so mit der Handkante gegen den Fels gestoßen bin (ich hab ihn nicht gesehen, er war nur 150m groß *gg*), dass eine alt Schramme auf dem Handrücken durch den Druck wieder aufgerissen ist…

      Feindseligen Kontakt mit Bügeleisen hatte ich _noch_ nicht. Aber mit den Kerzen gibts bei mir Zustimmung :-/

    • 2. Januar 2010 16:51

      Ich sag’s ja: wir sind viele.. Ein möglichst flecken- und schrammenfreies 2010 wünsche ich ;)

  14. 3. Januar 2010 01:00

    Vielleicht gilt ja Grobmotorik bald als Krankheit. Dann bist Du wenigstens nie mehr schuld ;-)
    Gruß
    Fulano

  15. 4. Januar 2010 15:19

    Ach Frau Quadratmeter… *seufz*

    Bleibst du auch immer mit dem Ärmel an der Türklinke hängen, machst dann noch ein paar Schritte und es zerreißt dich fast?

    Als ich den Artikel das erste Mal gelesen hab, hatte ich einen Lachkrampf. Unmittelbar gefolgt von einem Heulkrampf (bin ich jetzt manisch-depressiv?).

    Seitdem nehme ich mir vor, den Artikel meinem lieben Mann zum Lesen zu geben… (Seine typische Frage an mich: “Fügst du dir wieder Schmerzen zu?”)
    :-D

  16. 4. Januar 2010 19:29

    nicht wirklich, meine Eltern wussten das wohl all die Jahre, haben aber nicht für nötig erachtet, es mir mitzuteilen. Habe mich wohl nicht deppert genug angestellt, so dass sie dachten, es macht bei mir keinen Unterschied. Dass ich im Sport NIE auch nur einen Ball fangen oder werfen konnte, schob man mangelnder Körpergröße zu. Scheine das insgesamt ganz gut kompensiert zu haben, zumindest kann ich mit 0%ziemlich viele Dinge, die andere mit noch 70% schon längst nicht mehr können. Amüsiere mich dann immer schrecklich, wenn z.B. mal jemand was am Auge und einen Verband hat o.ä., und sich dann nicht mehr aus dem Haus traut..

  17. 5. Januar 2010 23:36

    Ehrlich gesagt muss ich ja zugeben, dass ich gerade vor mich am Hinkichern bin (und nur nicht laut loslache, weil man mich sonst f+r bescheuert hält). Aber im gleichen Augenblick denke ich an Sonntag, als ich mich bei der Schneeballschlacht so elegant hingelegt habe, dass selbst mein Bruder zunächst fragte, ob es mir gut gehe (die zwei blauen Flecke tun mittlerweile nicht mehr weh), und an gestern, als ich volle Kanne mit meinem linken Schienbein den Fuß meines Klappbettes mitgenommen habe und nun eine Platzwunde mein Schienbein ziert…

  18. 29. Januar 2010 18:18

    Äh, schreiben Sie etwa über mich, liebe Frau qm? Das ist 1 zu 1 umsetzbar. Der typische Kommentar meines Männe, sobald ich aufschreie: “Hast Du Dir schoooon wiiieder weh getan? Lass das doch Mal.”
    Das letzte suizidale Attentat auf mich selbst: Beim Barfuß-Staubsaugen mit Schmackes gegen die runde und doch eher weiche Couchecke getreten. Das Ergebnis: Zeh rechtwinklig abgeknickt (auch gebrochen), das Haus zusammen geschrien und drei Monate kaum Auftreten können.

    • 29. Januar 2010 18:26

      Oh, aua!!! Willkommen hier, der Blog ist gepolstert und hat nur abgerundete Ecken, versprochen ;)

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