Erbsenzähler, Therapeuten und Wasserflecken
Notartermine sind irgendwie immer etwas Besonderes. Verkäufer sind hin- und hergerissen zwischen der Freude über den anstehenden Verkauf und der Frage, ob sie ihre Immobilie wirklich verkaufen sollen. Käufer sind meistens etwas aufgeregt, weil sie sich mit der Unterschrift des Vertrages an eine Immobilie und oft auch an eine finanzielle Verpflichtung der unwiderruflichen Art binden. Beide Parteien sind immer sehr gut angezogen. Sofern erlaubt, wird vorher noch kräftig geraucht. Und danach sowieso.
Wenn man Glück hat, ist der Notar pünktlich. Und wenn man noch mehr Glück hat, liest er den Vertrag sogar so vor, dass man zumindest Satzteile im Mitlese-Exemplar des Vertrages zuordnen kann. Und der Makler? Der sitzt freundlich daneben und freut sich. Dass er erfolgreich einen Abschluss vermittelt hat. Dass der Käufer seine Traumimmobilie gefunden hat. Oder dass der Verkäufer nachts wieder ruhig schlafen kann, weil ihn seine Bank nicht mehr piesackt. Je nachdem wie die Verhandlungen vorher gelaufen sind, zappelt der Makler innerlich auch etwas vor sich hin, ob Punkt X oder Paragraph Y tatsächlich noch einmal während der Beurkundung angesprochen werden. Und manchmal ist er auch einfach nur dankbar, dass die lange Betreuung eines Kunden, die sich im Extremfall durchaus auch mal über mehrere Jahre erstrecken kann, ein Ende findet. Denn irgendwann helfen auch der Dienstleistungsgedanke und alles Engagement nicht mehr weiter, man mag und kann einfach nicht mehr.
Wir gehen im Einzelfall auch zu zweit zu Beurkundungen, damit junge und noch unerfahrene Mitarbeiter nicht ganz alleine im Termin sitzen und Blut und Wasser schwitzen. Was eigentlich fast immer unnötig ist, denn 95% der Termine sind geradezu langweilig, und bei den restlichen 5% geht ohnehin immer der jeweilige Chef mit. Sehr schön fand ich bei einer Beurkundung, die ich als moralische Unterstützung begleitete, folgenden Dialog:
Der Käufer ist sichtlich nervös und auch etwas blass um die Nase. Sagt die Maklerin mitfühlend: “Gell, Sie sind nervös?” Der Kunde lächelt entschuldigend: “Das ist meine allererste Beurkundung.” Daraufhin strahlt sie ihn an und sagt: “Machen Sie sich nichts draus. Das ist auch für mich das allererste Mal, und ich bin genau so aufgeregt wie Sie!” Ich gebe zu, ich wusste spontan nicht, ob ich lachen oder in die Tischkante beißen sollte. Sie hat jedenfalls damals damit begonnen, mein Herz zu erobern – und das tut sie bis heute!
Manche Termine sind aber auch einfach nur speziell. Wenn Oberstudienräte kurz vor der Unterschrift die auf Karopapier geschriebene Checkliste auspacken, weil irgendwo noch ein Haken fehlt. Wenn Käufer im letzten Moment über Kaufpreise verhandeln möchten. Wenn Notare Witze über zusammengequetschte Autos in Doppelparkern machen, was Kunden dann um ein Haar dazu bringt, doch nicht zu unterschreiben. Wenn Fachanwälte für Arbeitsrecht dem Notar erklären wollen, wie ein Makler- und Bauträgervertrag funktioniert. Wenn Verkäufer auf einmal anfangen zu heulen. Oder noch schöner: kurz vor der Unterschrift noch mal kurz den Raum verlassen, um dringend zu telefonieren.
Aber meine absoluten Lieblingstermine sind die, bei denen eine der beiden Seiten ihre gute Kinderstube vergisst, weil sie sich und ihre Animositäten gegen den Vertragspartner einfach nicht im Griff hat.
Es beginnt bereits bei der Begrüßung. Der Verkäufer sitzt schon mit mir am großen Tisch, der Notar mitsamt Akte ist noch nicht in Sicht, die Käuferin kommt zu spät. Der Verkäufer ist erbost, er hat schließlich noch andere, sehr wichtige Dinge zu erledigen. Und überhaupt! Erst braucht die ewig mit ihrer Entscheidung, dann verhandelt sie unverschämt und umfangreich über den Kaufpreis – und nun ist sie auch noch unpünktlich!
“Frau Quadratmeter, sagen Sie doch mal selbst, der Preis ist doch un-ver-schämt. Wir hätten bestimmt deut-lich mehr erzielen können!”
Meine kleine innere Stimmer seufzt ganz leise und etwas gequält. Der Verkäufer hatte uns gefragt, ob er zu diesem Preis verkaufen soll. Wir hatten ihm davon abgeraten, weil der angebotene Kaufpreis tatsächlich nicht besonders hoch war. Er will die Immobilie aber “vom Hals haben”. Nun denn.
“Ja, das mag sein. Aber Sie hatten dem Gebot ja zugestimmt, um die Immobilie schnell zu kapitalisieren.”
“Ich weiß, Sie hätten lieber nach einem anderen Käufer gesucht. Ich muss das hier heute nicht unterschreiben, wissen Sie?”
“Nein, müssen Sie nicht. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie das dann bitte vor der Beurkundung bekanntgeben würden.”
Der Verkäufer kichert etwas albern: “Ach, vielleicht lasse ich den Notar erst mal alles vorlesen und sage dann erst nein.”
Bevor wir diese Unterhaltung fortsetzen können, betreten die Käuferin und ihr Lebensgefährte den Raum. Sie hatte noch einen wichtigen Termin, der sich leider verschoben habe, es tue ihr leid etc. Ich mache Verkäufer und Käuferin miteinander bekannt. Der Verkäufer sitzt auf seinem Stuhl, schüttelt der Dame lustlos die Hand, steht nicht auf und sieht ihr nicht einmal ins Gesicht. Sie ist etwas irritiert, und ich werfe das erste beruhigende Lächeln des Tages in die Runde.
Dann rauscht der Notar zur Tür herein. Er nuschelt alle Anwesenden freundlich an und schmeißt erst mal das eigens für ihn bereitgestellte, volle Wasserglas um. Hektische Aktivitäten sind die Folge, die Käuferin macht einen zaghaften Witz, der Verkäufer guckt finster. Und genau unter dem Stuhl des Notars befindet sich jetzt ein großer Wasserfleck.
Dann geht es endlich los. Ich habe mich neben den Verkäufer gesetzt. So habe ich für den Notfall seinen Arm in Reichweite und die Käuferin mitsamt Anhang im Blick. Der Notar guckt die Parteien an, wirft mir einen kurzen Blick zu – und legt los. Für die nächsten 15 Minuten folgen alle (bis auf den Notar) meinem Kugelschreiber, der dezent auf dem Mitlese-Exemplar darauf hinweist, an welcher Stelle des Vertrages wir uns gerade befinden.
Nachdem der Vertrag vorgelesen worden ist, möchte die Käuferin ergänzend im Vertrag noch diverse Einbauschränke aufgeführt wissen. Und die Gardinen. Es wird lang und breit über den Wert der Gegenstände diskutiert. Man muss wissen, dass das, je nach Summe, nicht unerheblich ist, da man auf diesen Teil des Kaufpreises keine Grunderwerbsteuer zahlen muss. Da kommen schnell ein paar hundert Euro zusammen. Man muss aber auch wissen, dass diese Immobilie umfassend renovierungsbedürftig ist und die erwähnten Gegenstände sich daher in einem dementsprechend desolaten Zustand befinden. Der schließlich im Vertrag festgesetzte Wert ist meines Erachtens nicht angemessen, da zu hoch, was ich auch kundtue. Denn immerhin kann es sein, dass das Finanzamt das prüft. Das Risiko liegt hier ausschließlich bei der Käuferin, die ich vor Ärger und Schaden bewahren möchte. Ihr ist das egal. Immerhin, sagt sie, spare sie so fast 500 Euro. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan und sinke ermattet zurück in meinen Stuhl. Daraufhin beugt sich der Verkäufer zu mir und flüstert mir ein deutlich vernehmbares “Totale Erbsenzähler, sag’ ich doch!!!” zu. Ich sage nichts, lege dem Verkäufer nur beschwichtigend und schwer meine Hand auf den Arm und trete den Notar telepathisch in den Allerwertesten, damit er die eingetretene Peinlichkeitsschweigeminute beendet, indem er bitte, bitte endlich weiterliest. Der Notar räuspert sich kurz und reagiert dann wunschgemäß.
Endlich unterschreiben alle den Vertrag. Selbstverständlich werden danach keine Glückwünsche ausgetauscht. Die Käuferin besteht darauf, dass der Verkäufer den Raum verlässt, wenn die Grundschulden bestellt werden, da es ihn nichts angehe, wie hoch sie finanziere. Der ist aber eh schon halb zur Tür hinaus, weil er ohnehin “einen sehr wichtigen Anschlusstermin” hat.
Ich gehe mit ihm hinaus und will auf die Käuferin warten. Kaum schließt sich die Türe hinter uns, ist der Verkäufer wie ausgewechselt. Ich gratuliere ihm, er kugelt mir beim Händeschütteln vor lauter Elan fast den Arm aus und umarmt mich, weil wir das ja alles so gut gemacht haben. Dann kündigt er noch Blumen und Alkohol für das gesamte Team an, verliert zwei unsachliche Sätze über die Käuferin und sprintet in den Aufzug.
Als die Käuferin fertig ist und ebenfalls den Raum verlassen hat, gratuliere ich auch ihr, und sie freut sich sichtlich. Wieso der Verkäufer denn so komisch gewesen sei. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie das nicht persönlich nehmen solle, der Verkäufer sei mit dem erzielten Kaufpreis nicht ganz glücklich gewesen. Daraufhin schaltet sich der Lebensgefährte ein: “Der hat ganz andere Probleme. ich bin Therapeut, ich hab’ einen Blick für solche Typen.”
Normalerweise geben wir ja nach der Beurkundung die Schlüssel der jeweiligen Immobilie wieder zurück, weil die Parteien untereinander ihre Telefonnummern austauschen und alles Weitere direkt miteinander besprechen. Das habe ich dieses Mal dann aber lieber gelassen.


Nette Geschichte.
Aber ich geb mal ein “b” aus. Für die Überschrift
Viele Grüße!
Huch. Danke
Ich glaube, dein Job wäre nichts für mich…
hahaha! für mich wäre das auch nix, aber super geschrieben!
Herrlich geschrieben, ich kann das alles gut nachvollziehen. Arbeite selber in der Hausverwaltungs- und Immobilienfirma (ich selbst in der Hausverwaltung) und bekomme solche Geschichten aus der Immobilienabteilung tagtäglich mit. Gerade weil hier auf Sylt die Preise natürlich auch alle Dimensionen sprengen. Für 30 qm in guter Lage zahlt man schon um die 200.000 €.
Ja, die Preise bei euch sind nicht zu verachten. Wenn du im Verwaltungsbereich tätig bist, kannst du garantiert auch tolle Geschichten erzählen
Bestimmt
Aber Eigentumsverwaltung ist schon ein scheiß Job
Schöne Geschichte
Aber zu Maklern habe ich inzwischen ein gespaltetes Verhältnis. Ich finde die Gesetze und Richtlinien für Makler schlecht.
Ich hatte schon 2 mal solche Typen, die alles falsch gemacht haben, unpünktlich waren oder nichts weiter getan haben als mir ne Telefonnummer zu geben. Dann aber zum Termin keine Zeit hatten.
Beispiel: Meine letzte Wohnung. Makler angerufen, Termin ausgemacht. Zum Termin war ich und der Eigentümer da. Der Makler nicht, ohne Absage. Also mit dem Eigentümer die Wohnung angeschaut, Mitvertrag besprochen usw. DANN kamm die Maklerin, schwafelte was von ihrer Tochter die unbedingt noch Ponyreiten gehen musste. Hat gemerkt das alles geklärt ist und ist wieder abgedampft. Später kam eine Rechnung von über 2000€.
Mein Anwalt riet mir damals in der 1. Instanz das ganze zu zahlen, da aufgrund der Gesetzeslage die Aussichten schlecht sind.
Das wurmt mich heute noch! *grml*
Ja, solche Makler gibt es auch.
Vielleicht solltest du mal ein Buch über diese ganzen netten und lustigen Geschichten schreiben…
du musst ja Nerven wie Drahtseile haben *gg*
Unser Notartermin im März 2009 war ganz anders …
die Verkäuferin hat sich an den Namen des Notars erinnert und ihn immer wieder nach einem Familienfall vor 30 Jahren angesprochen, er konnte sich – oh wunder – nicht erinnern … aber sie hat ihm (und uns) ungelogen 20 Minuten davon erzählt.
Sie hat sich gefreut die Wohnung los zu sein und wir hatten auch davor und danach mit ihr Kontakt der immer super nett ablief.
Toll das mit der Grunderwerbssteuer hätten wir mal wissen müssen bei ner kompletten Couch, 2 großen Schränken, einer Einbauküche und einem Einbauschrank sowie Sitzbank und Tisch auf der Logia, und eine riesengroßen verspiegelten super-breiten Hängeschrank im Badezimmer … *grummel* Kann man das nachträglich noch rausholen?
Es gab dann auch für jeden ne große Pulle Sekt von der netten Maklerin, und der Notar hat immer vorgelesen und dann kurz erklärt was es auf Deutsch heißt, total gut und so!
Finde ich etwas traurig deine Story, kann aber auch an der Musik liegen die i gerade hör (Portishead – Roads)
Wer zurzeit Verkauft der hat sich das sicher nicht selber ausgesucht.
Nicht nur. Menschen verkaufen, weil sie etwas erben, in eine andere Stadt ziehen, die alte Wohnung wegen Nachwuchs zu klein wird oder das Haus zu groß, nachdem der Nachwuchs flügge geworden ist. Sie verkaufen, weil sie das Geld für eine Selbständigkeit verwenden möchten oder für das Studium der Kinder. Oder weil sie wissen, dass die Immobilie sie bald aufgrund anstehender Renovierungen viel Geld kosten könnte. Manchmal verkaufen sie auch, weil sie sich mit Nachbarn nicht mehr verstehen, weil sie Mieter haben, die nicht ausziehen wollen, weil sie eine noch schönere Immobilie gefunden haben. Es gibt so viele unterschiedliche Gründe, Scheidung oder Geldsorgen sind nicht immer der Grund.
Ich empfehle dir als Kontrast jetzt die Muppets!
Hach, toll geschrieben. Ich hatte das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen. Bewundere Deine Gelassenheit im Umgang mit solchen Mitmenschen. Weiß nicht, ob ich das so gut könnte.
Ganz ehrlich? Du hast keine Wahl. Und irgendwann ist man auch realtiv unbeeindruckt, weil es immer wieder die gleichen Szenen in diversen Variationen sind.