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Zweihundert Kilometer

30. September 2009

Es tut mir leid, dass ich am letzten Sonntag nur so kurz zu Besuch war. Aber es war alles so ungewohnt, so anders, fühlte sich irgendwie so furchtbar falsch an, dich so zu sehen. Nicht zu Hause in deiner Küche zu sitzen, bei koffeinfreiem Kaffee und Käsekuchen. Kein lautes Ticken der Wanduhr, keine Stoffblumen auf der Fensterbank, kein selbstgemachtes Apfelkompott, keine Prilblumen über der Spüle.

Der Rollstuhl, in dem Du gesessen hast, war viel zu schmal. Nicht einmal Fußstützen hatte er. Meine Tante sagt, der richtige Rollstuhl sei schon ausgemessen und bestellt. Er soll nächste Woche geliefert werden. Sie sagt, Du bekommst dann auch Unterricht im Rollstuhlfahren. Sie kümmert sich darum.

Ich sehe dich da sitzen, weinend. Der Schlaganfall hätte nicht passieren dürfen, sagst du. Und die beiden Oberschenkelhalsbrüche. Und dass der Opa gestorben ist. Ich sitze da, knete meine Hände und nehme dich stumm in den Arm. Weil ich vor dir nicht weinen will, drücke ich dich, vorsichtig, und sage dir, wie lieb ich dich habe. Und in mir brodelt eine grenzenlose ohnmächtige Wut, weil ich nichts tun kann.

Du bist jetzt 89 Jahre alt. Du hast zwei Weltkriege erlebt, zwei Kinder geboren, alle Deine Geschwister leben nicht mehr, bis auf eine Schwester – mit der Du seit Jahren nicht mehr redest. Ich habe den Grund vergessen, es war etwas, was ich völlig unsinnig fand; irgendeine Nichtigkeit, die dich aber immens geärgert hat. Vor elf Jahren ist der Opa gestorben. Seitdem ist alles anders. Was habt ihr euch gestritten! Wenn man der Familie glauben darf, habt ihr euch 51 Jahre lang nur gestritten, wie die Kesselflicker. Und dann war er plötzlich nicht mehr da. Damals haben wir alle geglaubt, du würdest nie mehr aufhören zu weinen. Dann kamen die Vorwürfe an deine Kinder, weil der Opa in einem anonymen Urnengrab liegt. Du hast das nicht gewollt, sagst du, und: das hätte der Opa so nicht haben wollen. Dieser Streit ist mittlerweile zum Dauerbrenner geworden. Als ob das im Nachhinein noch etwas ändern würde. Aber die Schuldfrage war in unserer Familie ja immer schon ein sehr beliebtes Thema.

Weißt du noch, wie wir gemeinsam die erste Banküberweisung deines Lebens ausgefüllt haben? Wie aufgeregt du warst? Und wie ich, sehr zu Deiner Irritation, schallend gelacht habe, als du mir zwei Jahre später etwas über Festgeldkonten erzählt hast? Mein Omi und Festgeldkonten, wer hätte das gedacht? Das hat Dich trotzdem nicht davon abgehalten, eine beachtliche Summe Bargeld unter deiner Besteckschublade zu verstecken, denn man wisse ja nie, was mal passieren könne… Meine Tante sagt, Du seist gerade im Bad gewesen, als der Schlaganfall kam. Du hast Dich daraufhin mit deiner Gehhilfe durch die ganze Wohnung bis zum Telefon gehangelt und bei ihr angerufen. Als wir Dich im Krankenhaus zum ersten Mal besucht haben, sahst Du aus wie das blühende Leben. Und wir waren alle so optimistisch, dass du wieder auf die Beine kommst. Bis auf meine Tante. Sie hat zwei Tage nach Deiner Einlieferung ins Krankenhaus bereits die Zählerstände in deiner Wohnung genommen. Als dann die Reha-Maßnahme von der Krankenkasse abgelehnt wurde, hatte sie keine 24 Stunden später einen Heimplatz für Dich organisiert.

Weißt du noch, früher? Ich habe stundenlang deine Küche unter Wasser gesetzt und mit deinen Kochtöpfen gespielt. Opa hat grummelnd und murmelnd hinter seiner Zeitung gesessen, und du hast mit dem Radio um die Wette gesungen. Einmal stand plötzlich ein Rehkitz vor dem Fenster. Und du hast mir erklärt, wieso man wilde Tiere nicht einfach anfassen darf. Du wusstest immer, ob es mir gut ging oder nicht – auch wenn wir wochenlang nicht miteinander telefoniert hatten. Seit vielen Jahren wohnten wir immer weit voneinander entfernt. Im Moment sind es 200 Kilometer. Ich wünschte, es wären nur 3 Seitenstraßen.

Das Pflegeheim, in dem Du nun bist, wurde ganz neu gebaut. Gegenüber ist ein Kinderspielplatz. In der Nachbarschaft wohnen viele Studenten und junge Familien. Von Deinem Fenster aus kannst du das ganze Tal überblicken, jedes Hausdach hat seine eigene Geschichte. Deine alte Schule ist ganz in der Nähe. Ob man von deinem Fenster aus auch die Treppe sehen kann, die dein Vater nach dem Krieg gebaut hat? Aber Du sitzt nicht am Fenster. Du willst auch nicht auf der sonnigen Terrasse mit dem Vogelhäuschen sitzen. In die Caféteria willst Du auch nicht, weil Du die alten Menschen dort so trostlos findest. Meine Tante sagt, die älteste Heimbewohnerin ist 103 Jahre alt. Der Innenhof ist neu gepflastert; die wenigen Bäume, die dort stehen, wirken vollkommen deplatziert. Die Sonne lässt Dich wie eine weinende Porzellanpuppe aussehen.

Meine Tante will mir nun Dein Zimmer zeigen. Ich komme mir vor wie in der Sommerfrische, nur das Publikum will nicht so recht ins Bild passen. Auch über den Abreisetermin mag ich nicht nachdenken. Und so schiebe ich dich im Rollstuhl zum Aufzugl und mache dabei kindische Brummgeräusche, um dich zum Lachen zu bringen. Zweites Obergeschoss, rechts ab, Zimmer 209. Die Räder quietschen auf dem Linoleum. Dann sind wir in Deinem Zimmer. 25 m² in Eiche rustikal. Und die Frau im Nebenbett reagiert nicht auf unser Hallo. Meine Tante zeigt mir den Schrank, jedes Handtuch, jedes Namensschild in Deiner Kleidung. Die Bilder darf man nicht selbst aufhängen, da sind extra so Schienen an der Decke mit Nylonfäden dran. Das macht der Hausmeister in der nächsten Woche. Der Fernseher hat keine Fernbedienung. Im Hintergrund dudelt völlig unpassend supermarktähnliche Musik aus rappelnden Lautsprechern, die ich nirgendwo entdecken kann. Du sitzt mittendrin, schweigsam und blass. Am liebsten würde ich dich einfach einpacken und mit nach Hause nehmen. Mein Kopf erklärt meinem Bauch, warum das nicht geht. Dem Bauch ist das alles egal. Der Kopf sagt dem Bauch, wie egoistisch das ist. Sie wäre in einer fremden Stadt, noch einsamer, wer soll sich denn den ganzen Tag um sie kümmern? Der Bauch verschränkt die Arme und wütet. Die beiden reden nicht mehr miteinander.

Eine fröhliche Schwester betritt das Zimmer. Gleich ist Essenszeit. Meine Tante raunt mir ins Ohr, sie habe verfügt, dass die Oma zu jeder Mahlzeit nach unten gefahren wird. Verfügt. Mein linkes Augenlid beginnt zu zucken. Meine Tante und die Schwester schieben mich sanft auf den Flur, ich soll warten, weil die Omi noch auf die Toilette muss. Ich stehe vor der Türe und warte. Neben mir steht mein unablässig redender Onkel. Seine Worte plätschern an mir vorbei. Plötzlich krallt er sich an meinem linken Arm fest. Zwei geistig verwirrte Damen nähern sich uns mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Ihre Gesichter sind so weiß wie ihre Blusen, und sie erzählen mir etwas ungeheuer Wichtiges, was ich nicht verstehe. Ich strahle zurück, ihre Hände untersuchen meine Handtasche mitsamt Inhalt. Verschwörerisch legen sie einen Finger auf die Lippen. Ich blinzele verschwörerisch zurück. Dann huschen sie davon, und ich befreie meinen Arm aus dem Klammergriff meines Onkels.

Als wir uns dann unten im Speisesaal von dir verabschieden, weinst du jämmerlich. Ich verspreche dir, dass ich dich anrufe und in zwei Wochen ja schon wieder da bin, um dich zu besuchen. Wir winken einander zu, immer kleiner und verschwommener wird dein Bild. Meine kleine Omi, winkend in ihrem viel zu kleinen Rollstuhl.

Meine Tante will unbedingt mit mir in deine Wohnung. Du musst dich kümmern, wir wollen nichts haben. Die Sachen müssen raus aus der Wohnung. Der Mietvertrag läuft doch noch bis zum Jahresende? Ja, aber wir müssen doch noch renovieren, weil wir doch die Wohnung von der Oma übernehmen. Ach. Der Teppich muss raus, da kommt überall Linoleum rein. Wer zahlt eigentlich die Miete in der Zeit? Ein erstaunter Blick: die Oma. Soso. Nimm dir, was du haben willst. Ich will nichts. Meine Tante öffnet die Schränke. Was ist mit dem Pelzmantel? Brauchst du eine Nähmaschine? Die Küche kann drin bleiben, aber der Rest kann weg. Vielleicht die Caritas? Frag Mama, ob sie die Waschmaschine haben will. Und die Uhr, Omi will, dass du die Uhr bekommst.

Als ich mich in mein Auto setze, habe ich Omis Wohnungsschlüssel und eine ungeheure Wut im Bauch. Manchmal sind 200 Kilometer einfach zu kurz für einen Rückweg.

Ein Kommentar Eins hinterlassen →
  1. 1. Oktober 2009 23:53

    es gibt ereignisse im leben, die passieren einfach. glücklich schätzen können sich diejenigen, die daran teilhaben dürfen, wenn auch nur lesenderweise, wenn auch (nur) bei traurigen geschichten.

    danke fürs teilen…

    fotozelle

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