Even if you cannot hear my voice
Du gehst durch die Straßen deiner Stadt, ganz langsam. Der Himmel ist ganz klar, es weht ein leichter Wind und wenn du den Kopf in den Nacken legst, siehst du die Konturen der Dächer wie Scherenschnitte vor einem leichten Blau.
Deine Augen sind eine Kamera, und in deinem Kopf entsteht ein Film, der eigentlich aus einer Aneinanderreihung unzähliger Momentaufnahmen besteht. Dazu spielt in deinem Inneren ein Song deiner Wahl, alle anderen Geräusche sind ausgeblendet. Gleichzeitig schreibst du wie besessen. Und du weißt ganz genau, dass alle Bilder und alle Worte schon lange im Nebel verschwunden sein werden, bevor du eine Chance hast, sie auch nur ansatzweise zu fixieren. Also lässt du einfach los und lässt es passieren.
Du siehst die Menschen, die dir entgegenkommen und an denen du vorbei läufst, siehst richtig hin, kein oberflächlicher Blick, der im Moment des Streifens schon vergessen hat, was er wahrnimmt. Du siehst die, die alleine durch die Bahnhofshalle laufen, mit einem neutralen Gesichtsausdruck, und in ihren Augen siehst du manchmal, dass sie traurig sind, müde oder unsicher. Du siehst in Gesichter, die leer sind und die darum nicht einmal wissen. Du siehst ein Paar, er redet eifrig und überzeugt, sie ist überhaupt nicht anwesend. Du siehst die verkrüppelte alte Frau, die kaum laufen kann. Du siehst alles, was du zu sehen bereit bist.
Du spürst das alles, als ob es dein eigenes, kleines Leben wäre. Am liebsten würdest du lachen und weinen und deine innere Musik laut singen, um das, was du siehst, ausdrücken zu können. Gleichzeitig atmest du ganz vorsichtig, damit du nicht auffällst. Und du weißt, dass du das alles niemals wirst in passende Worte fassen können, egal wie oft du es bis an dein Lebensende versuchen wirst.
Manche Menschen siehst du an und hast das Bedürfnis, Ihnen so etwas wie einen mentalen, aufmunternden Händedruck zu geben. Du schließt für einen Sekundenbruchteil die Augen und versuchst ihnen etwas zu geben. Wenn man dich fragen würde, was du da tust und nach welchen Kriterien dir diese Menschen in der Menge auffallen, könntest du auch das nicht beantworten. Und manche Menschen sehen dich an, als ob du sie innerlich angerempelt hättest, es ist ein kurzer Augenblick, und er ist unheimlich, für sie und auch für dich.
Und während du das alles siehst, hast du das Gefühl wie ein Gefäß zu sein, das bis zum Bersten mit Leben gefüllt ist. Es ist eine Essenz, die deine Seele in Worte und Bilder fassen will, aber nicht kann. Wenn so Sterben wäre, ewig durch die Straßen deiner Stadt zu gehen, stehen zu bleiben, zu sehen, dieses unbeschreibliche Gefühl dabei in dir zu spüren, mit deiner eigenen Melodie, dann ist Sterben etwas, was vollkommen in Ordnung wäre. Genau hier und jetzt.
Und wenn du dann später wieder zu Hause bist, in deiner vertrauten Umgebung, dann schließt du die Augen, die Musik in dir spielt und spielt und spielt, und das Gefühl ist sofort wieder da. Das große Ganze und du nur ganz klein mittendrin. Und du weißt genau, dass es nicht nur richtig so ist, sondern dass es das ist, was das Leben erträglich macht.
Und du weißt auch, dass das alles nur dir gehört, zwangsweise. Denn wenn du den Mund öffnest, um das alles zu erklären, wirst du wie jemand klingen, der trinkt, irgendwelche Drogen genommen hat oder einfach nicht alle Latten am Zaun hat.
Aber einen Versuch war es wert.


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