Glasfront
Schon als wir den Termin abgestimmt haben, wusste ich, dass es keine entspannte Kaffeeklatschrunde wird.
Als wir uns damals kennengelernt haben, waren sie frisch verheiratet und freuten sich auf das erste, gemeinsame Wunschkind. Mehr Platz musste her, ein neues Haus war schon gefunden und die alte Wohnung sollte verkauft werden. Voller Elan sind sie nach dem Verkauf umgezogen. “Wenn wir fertig sind, kommen Sie auf jeden Fall auf eine Tasse Kaffee vorbei.” Sie haben nie angerufen. Zufriedene Kunden tun das selten.
Lange Zeit danach kommt dann doch ein Anruf. Ob ich mir das Haus bitte einmal ansehen könne. Das Kind ist krank. Unheilbar. Und dann reden wir nicht über Zimmer, über Himmelsausrichtungen, Heizsysteme und Deckenhöhen. Wir reden über das Leben. Alpträume, Einsamkeit und Ängste. Ich erfahre alles über diese seltene Erkrankung, durch die die Lebenserwartung zwischen 2 und 40 Jahre betragen kann. Ich frage nach, und ich habe den Eindruck, dass sie darüber froh ist. Das Medium Telefon schafft die richtige Mixtur aus Nähe und Distanz.
Das Haus ist schön. Durch die große Glasfront sieht man den Garten mit einer großen, roten Plastikrutsche, einer Schaukel und jeder Menge Spielzeug. Der Rasen ist nicht gemäht, die Einfahrt voller Moos. Das Haus wirkt von aussen auf eine sehr sympathische Art etwas vernachlässigt. Als sie mir die Tür öffnet, legt sie den Finger auf die Lippen. Wir müssen leise sein, weil das Kind schläft. Es hat einen Schub und muss eventuell ins Krankenhaus.
Auf Zehenspitzen schleichen wir flüsternd durch die Räume. Hier fehlt der Teppichboden, da hängen die Vorhänge schief. Wilde Verkabelungen und Spinnweben in den Ecken. “Sie sehen ja, was hier los ist.” Ja, das sehe ich. An den Augenringen, den hängenden Schultern und den müden Augen. Zwischendurch hat sie Tränen in den Augen. Wenn sie sich jetzt gleich noch mal entschuldigt, “wie es hier aussieht”, weiss ich nicht, was ich tue, denke ich und sage ihr, dass sie sich vollkommen unnötig Gedanken um den Zustand macht.
Nach der Begehung bietet sie mir einen Kaffee an. Als wir da sitzen und reden, macht das Babyphone Geräusche und sie hastet ins Kinderzimmer. Als sie wiederkommt, hat sie das verschwitzte Kind auf dem Arm. Und dann sitzen sie beide vor mir, und wir reden darüber, wie es damals war. Sie erzählt von der Diagnose und wie sie sich seitdem fühlt. Jeden Morgen hat sie Angst, das Kinderzimmer zu betreten. Und dann weint sie wieder.
Ich würde sie jetzt gerne in den Arm nehmen. Aber sie hat das Kind im Arm. Und sie ist kein Mensch, der gerne ungefragt angefasst wird. Ich will nicht, dass sie noch mehr weint. Während ich unbeholfen ein Taschentuch für sie suche, klingelt das Telefon. Es ist der Kinderarzt, und es geht um Blutwerte.
Nach dem Telefonat steht sie auf, ihr ganzer Körper strafft sich und sie sagt “Wir müssen jetzt ins Krankenhaus, ich rufe Sie in den nächsten Tagen an.”
Auf dem ganzen Weg ins Büro frage ich mich: wieso?


Auch hier wäre es interessant wie es weitergeht…wollten Sie das Haus aus Geld und Kraftmangel wegen des Kindes verkaufen?…
Das muss ein herber Rückschlag sein …
Das Haus wird verkauft, ja. Und ich habe gelernt, wie klein Rollstühle sein können, mit Blumenmuster drauf, was das Ganze noch herber macht.
Das glaube ich wohl, solch ein Schicksal habe ich bisher noch nicht in meinem Umfeld gehabt…