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Warum Sie mich eventuell blöd finden könnten – und ich Sie!

8. April 2014

Hätte mir vor 24 Stunden jemand gesagt, dass Peaches Geldof der Grund für meinen nächsten Blogbeitrag sein würde – ich hätte vermutlich etwas sparsam geguckt. Ich weiß mit Ach und Krach, wer Peaches Geldof war, habe mal ein paar Fotos von ihr und ihren Kindern gesehen und habe auch sonst keinerlei Affinität zu ihr. Als sich gestern Abend dann die Nachricht ihres Todes im Netz verbreitete, war ich dennoch sehr betroffen. Da stirbt eine junge Frau mit 25 Jahren und hinterlässt unter anderem zwei sehr kleine Kinder. Vermutlich ist es genau diese Parallele zum eigenen Leben, die eine solche Nachricht plötzlich persönlich werden lässt. Eltern wissen, dass die Sorgen spätestens bei der Geburt der Kinder beginnen, nie wieder aufhören, sondern lediglich in Bezug auf Inhalt und Intensität variieren und bisweilen ziemlich absurde Züge annehmen. Und wenn man selbst Mutter von zwei Kleinkindern ist, liest man so eine Meldung wohl einfach etwas anders und emotionaler.

Und es ist wieder wie es immer in solchen Fällen ist, die öffentlich geführte Diskussion beginnt und nimmt ihren offenbar unvermeidlichen Lauf. Nachdem zunächst mehr oder weniger große Betroffenheit geäußert wird, beginnen schon kurze Zeit später die Spekulationen. Bleiben wir mal bei Peaches Geldof, einfach weil es gerade ein so aktuelles Beispiel ist. Innerhalb kürzester Zeit weiß auch der letzte Bewohner von Hintertupfingen im Internet, dass Geldors Mutter im Jahre 2000 an einer Überdosis Drogen gestorben ist. Und hat Peaches Geldorf nicht auch selbst Drogen genommen? Google hilft gewohnt routiniert weiter und fördert schnell zutage, dass die junge Frau in 2008 deswegen sogar einmal reanimiert werden musste. Da waren also doch sicher Drogen im Spiel. Und überhaupt, war sie nicht bei Scientology? Wer weiß, was da im Hintergrund gelaufen ist. Auditings und so, kennt man ja. Aha. Bis zu diesem Punkt kann man noch hingehen und es bei einer leichten Genervtheit belassen, irgend etwas über klugscheißende Menschen mit unerträglichem Halbwissen in den nicht vorhandenen Bart murmeln und für sich wieder einmal feststellen, dass viele Menschen offenbar nicht glücklich sind, wenn sie ihre Zeit nicht mit öffentlich geäußerten Spekulationen und Meinungen verbringen.

Aber dann. Dann kommen sie, die weißen Wanderer der öffentlichen Meinung und beginnen unerbittlich damit, die Meinungslandschaft mit ihrem Spott, ihrer Häme und ihrer Verachtung zu verpesten. Ist Peaches Geldof es nicht selber schuld? Wozu soll man Mitleid mit einem Menschen haben, der sich selbst sein Leben mit Drogen ruiniert hat? Und was soll diese widerliche öffentliche Betroffenheit über den Tod eines Menschen, nur weil er prominent war? Sterben nicht tagtäglich auf der Welt unzählige junge Mütter unter viel tragischeren, garantiert unverschuldeten Umständen? Über die redet natürlich wieder keiner. In China ist ein Sack Reis umgefallen. Und in Afrika verhungern wieder die Kinder.

Als Teil der Meinungslandschaft muss man so etwas aushalten, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber deshalb muss man es noch lange nicht gutheißen. Und deshalb muss ich heute einfach mal etwas zurückpesten. Ich weiß nicht, ob diese verächtliche Art lediglich eine Haltung ist, eine Attitüde, von der einige meinen, dass sie ihnen so gut steht wie die neue Sonnenbrille für die nächste Sommersaison. Oder ob diese nach meinem Empfinden hartherzige Einstellung tatsächlich aus einem Mangel von Empathie resultiert. Ohne mich an Spekulationen beteiligen zu wollen: Fragen Sie doch einfach mal Angehörige von Drogenabhängigen, wie das so ist. Oder fragen sie doch mal einen Drogenabhängigen selbst, wie es eigentlich alles so weit gekommen ist. Dieses Internet ertrinkt geradezu in Foren, Blogs und Erfahrungsberichten, egal zu welchem Thema. Lesen Sie doch mal, wie das so ist, wenn man auf der Suche nach etwas ist, es aber nicht finden kann. Wenn man keine innere Ruhe findet. Oder wenn man einfach nur Scheiße baut.

Ist der Tod eines Menschen weniger schlimm oder beklagenswert, wenn er ihn selbst verschuldet hat? Und ganz unabhängig von Person oder Todesursache: versetzen Sie sich mal in die Situation der Angehörigen. Stellen Sie sich einfach mal kurz vor, Ihr Partner ist tot, Ihre Mutter, Ihr eigenes Kind, die beste Freundin, ein Mensch, den sie geliebt haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich schreibe Ihnen nicht vor, was Sie zu tun, zu lassen und zu sagen haben. Ich verleihe nur meinem Unbehagen Ausdruck, das mich bei derartigen Dingen regelmäßig überkommt. Vermutlich finden Sie mich blöd. Aber ich kann Sie beruhigen: das beruht in diesem Fall auf absoluter Gegenseitigkeit.

In diesem Sinne,
Ihre Frau Quadratmeter

10 Tage sind genug

28. März 2014

Ich mache es kurz: ich habe keine Lust mehr. Mein Leben ist seit 10 Tagen unnötig umständlich, kompliziert und nervig. Nun könnte ich natürlich hingehen und aus Sturheit, Angst vor Häme oder anderen albernen Motiven bis zum 20. April standhaft bleiben. Ich könnte auch schummeln und so tun als ob ich offline bin. Aber dazu habe ich keine Lust und es ist mir auch zu albern. Deshalb lese ich jetzt 560 Mails, während ich Spotify anschmeiße, bitte um eine Zusammenfassung der vergangenen eineinhalb Wochen auf Twitter und muss außerdem dringend einige Online-Bestellungen tätigen.

Erwähnte ich schon, dass ich das Buch immer noch nicht… Na gut, lassen wir das.

Internetfasten – Tag 5 bis 9

26. März 2014

In meinem Umfeld machen sich erste Ausfallerscheinungen bemerkbar. Ich bin jetzt ziemlich lästig und koste Zeit, weil man mich anrufen muss, wenn es etwas zu bereden gibt. Nur P. findet das alles sehr lustig und steht nun alle naslang vor unserer Tür. Eine Nachbarin kommt auf einen Kaffee vorbei und erzählt mir, sie habe schon mehrmals so geweint, weil sie mich über Threema nicht mehr erreichen kann. Ob ich das wirklich bis Ende April durchziehen müsse. Während sie sich beklagt, ist sie sehr damit beschäftigt, auf ihrem iPhone Nachrichten auszutauschen.

Ich telefoniere jetzt deutlich mehr und finde es lustig, wie viele Menschen anrufen, aber keine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Zwar kann ich die Nummern der Anrufer sehen, da ich aber nie Nummern und Namen in unserem Festnetztelefon gespeichert habe, habe ich keine Ahnung, um wen es sich handelt. Dabei hatte ich früher mal um die 40 Telefonnummern im Kopf, aber das ist lange her.

Mit dem Hund würde ich gerne ein Dummy-Training beginnen. Er rüpelt momentan entsetzlich vor sich hin und muss auch kopfmäßig mehr beschäftigt werden. Dazu hätte ich aber gerne ein paar Tipps und Erfahrungsberichte anderer Hundebesitzer. Vermutlich werde ich damit also bis Ende April warten und dann online recherchieren. Und da liegt auch die Krux meines Experimentes: ich weiß, dass es zeitlich befristet ist und dass ich bestimmte Dinge deshalb einfach nur verschieben muss, um sie unaufwändig und kostengünstig zu erledigen.

Die KfZ-Versicherung hat eine Rechnung geschickt, deren Höhe mich verwunderte, so dass ich dort anrief. Man hatte mir gemailt und um eine Angabe zum Versicherungsnehmer gebeten. Nachdem ich nicht reagiert habe, hat man den Beitrag erhöht. Ich solle die fehlende Angabe nachträglich mailen, dann wird die Rechnung korrigiert. Auf meine Frage, ob das auch schriftlich geht, weil ich bis Ende April kein Internet habe, reagiert meine Gesprächspartnerin deutlich fassungslos, verkneift sich aber einen Kommentar dazu. Nach dem Telefonat will ich einen Brief schreiben, stelle aber fest, dass der Drucker zu wenig Tinte hat und somit kein brauchbares Ergebnis liefert. Das Ende vom Lied: ich schreibe den Brief per Hand.

Nach über einer Woche hätte ich gedacht, dass ich plötzlich total kreativ werde und wieder zu schreiben anfange. Oder den Haushalt auf Knien mit der Zahnbürste auf Hochglanz bringe. Oder viel mehr arbeite. Oder ganz viele Bücher lese. Oder große, physikalisch bedeutsame Löcher in die Luft starre. Oder mehr schlafe. Aber nichts davon ist bisher passiert. Ich war immer der Meinung, dass ich unendlich viel Zeit im Internet verbrenne und dass sich diese neu gewonnene Zeit irgendwie bemerkbar macht, aber alles ist wie vorher. Auch meine Annahme, dass ich nun mehr fernsehen würde, hat sich bisher nicht bestätigt. Vermutlich verbrate ich die ganze Zusatzzeit tatsächlich am Telefon.

Ich habe das Buch übrigens immer noch nicht gekauft, was mich sehr nervt, weil ich es wirklich gerne lesen würde. Vielleicht schaffe ich es am Samstag mal in die große Stadt. Da kann ich dann direkt noch das eine oder andere kaufen, was ich sonst schon längst online bestellt hätte.

Internetfasten – Tag 3 und 4

21. März 2014

Tag 3

Laut Küchenkalender hat P. heute Geburtstag. Wir waren mal sowas wie befreundet oder zumindest auf dem Weg dorthin, his dass sich die Angelegenheit irgendwie zerfaserte. Ich hatte durch den beruflichen Wiedereinstieg plötzlich nur noch wenig Zeit, P. umgab sich mit Menschen, die mir persönlich nicht so liegen. Wie das halt manchmal so ist. Normalerweise würde ich ihr einfach eine Nachricht schicken, garniert mit ein paar Smileys, aber das geht ja nun nicht. Also greife ich zum Telefonhörer, aber sie ist nicht zu Hause, und es nervt mich, dass ich es später erneut versuchen muss. Zwei Stunden später habe ich eine Karte geschrieben und ein Blümchen gekauft, um es P. vor die Tür zu stellen, sozusagen eine physisch gewordene Textnachricht. Genau in diesem Moment kommt sie nach Hause, wir reden kurz und nett und ich frage mich später, warum ich mich manchmal so furchtbar kompliziert anstelle.

Nachdem D. für mich meinen Blogtext publiziert hat, erreichen mich über Umwege zwei, drei Grüße, ansonsten bekomme ich von einer möglichen Resonanz nichts mit, und D. erzählt mir auch nichts. Das nervt mich kolossal und noch mehr nervt es mich, dass mich das so nervt. Ich finde mich also wieder mal ziemlich albern und mache mit dem Hund einen langen Spaziergang, auf dem ich einen weiteren Geburtstagsanruf erledige.

Als ich später noch zum Dönerladen fahre, sehe ich dort ein Paar stehen, das offenbar auf seine Bestellung wartet. Beide sprechen kein Wort miteinander und sind voll und ganz mit ihrem jeweiligen Smartphone beschäftigt. Für einen Sekundenbruchteil fühle ich mich unendlich überlegen, einen weiteren Sekundenbruchteil später schäme ich mich dafür. Denn ich stehe nur hier, weil ich die Liefer-App auf dem iPhone nicht benutzen konnte, um beim Chinesen zu bestellen. Als die beiden bezahlen, lächele ich sie zum Ausgleich ganz besonders freundlich an. Vermutlich fanden sie mich etwas seltsam.

Tag 4

Ich war heute kurz in der Buchhandlung. Und was soll ich sagen, ich hatte den Zettel mit dem halben Buchtitel nicht dabei. Der Name der Autorin war mir ebenfalls entfallen, und so verlasse ich unverrichteter Dinge das Geschäft und kaufe für den Hund ein paar Kauknochen, die ich online deutlich günstiger hätte bestellen können. Dieses Internet ist einfach ungeheuer praktisch, vor allem dann, wenn man so dezentral wohnt wie wir. Ich sollte vielleicht nach den vier Wochen mal ausrechnen, wie viel Zeit und Geld mich dieses Experiment gekostet hat.

Zuhause erwartet mich eine Postkarte von Frau P. Liebe Frau P, falls du das liest: Küsse an den Babykerl. Leider kann ich dir nicht antworten, weil kein Absender auf der Karte stand.

Die Nachrichten und ich (das wird ein Dauerbrenner) sind einander noch nicht wirklich näher gekommen. Ich kann und will nicht zu vorgegebenen Uhrzeiten Nachrichten sehen oder hören. Und ich möchte mir aussuchen, von wem ich mir zeitgleich das Weltgeschehen erklären lasse und wie die Resonanz darauf ist. So bleibt es reine Glückssache, ob und was ich mitbekomme. Am Wochenende will ich erst mal nachlesen – falls ich dafür Zeit und Ruhe finde.

Seitdem die Online-Kommunikationskanäle weggefallen sind, ist es ruhig geworden. Ich weiß nicht, was meine Lieben aktuell alle so treiben und mir fehlt das Geplänkel zwischendurch. Besonders arg finde ich, dass ich tagsüber nicht mit D. kommunizieren kann. Telefonieren geht nur in Ausnahmefällen, so dass wir immer Threema und Mails genutzt haben. Nun sammele ich in meinem Kopf den ganzen Tag über, was ich ihm abends alles erzählen will und vergesse davon dann wieder drei Viertel. Ich kann ihm nicht mal eben einen Schnappschuss der Kinder mailen. Und auch so profane Dinge wie Sprudelwasser werden plötzlich zum Thema. Wo vorher eine kurze Nachricht gereicht hätte, dass wir kein Wasser mehr haben, kann ich nun zwischen “Hoffentlich kommt er nicht so spät nach Hause.”, “Ich fahre mit zwei Kleinkindern Wasser kaufen.” und “Wie lange hat die Tankstelle am Kreisverkehr eigentlich abends auf?” wählen.

Gestern Abend haben wir mal wieder über das Thema Autokauf gesprochen und festgestellt, dass wir da nun langsam aktiv werden müssen. Wäre dieses Experiment nicht zeitlich befristet, müssten wir mühsam alle Händler in der Umgebung abfahren, könnten nicht online Vor- und Nachteile einzelner Modelle und Baujahre recherchieren und würden vermutlich nicht nur unendlich viel Zeit, sondern auch Geld versenken. Also vertagen wir das Thema auf Ende April.

Internetfasten – Tag 1 und 2

19. März 2014

Bevor sich jemand amüsiert, dass ich bereits rückfällig geworden bin: ich bin es nicht. Ich habe nach langer Diskussion mit D. lediglich beschlossen, mein Tagebuch, das ich für die Zeit bis zum 20. April führen werde, von ihm online stellen zu lassen. Zum einen staut sich dann nicht so ein Textwust an, den dann später ohnehin keiner liest. Zum anderen finde ich es authentischer, die Entwicklung fast zeitecht zu dokumentieren. D. wird also meine offline verfassten Texte für mich publizieren und wenn ihr Glück habt, guckt er auch nach freizuschaltenden Kommentaren. (Und für alle, die kein WordPress nutzen und das daher evt. nicht wissen: der Tweet in meinem Account, dass ich etwas gebloggt habe, ist eine automatische Voreinstellung.) Wer alles zum Thema nachlesen will, kann als Suchbegriff hier im Blog einfach “Internetfasten” eingeben.

Tag 1

Vor ein paar Stunden habe ich angekündigt, dass ich bis einschließlich 20. April offline gehe. Die Resonanz ist beachtlich, teilweise aber auch befremdlich. Ich fühle mich wahlweise wie ein Forscher, der alleine zu einer Nordpolexpedition aufbricht; wie ein Todkranker, der Zuspruch braucht; wie ein Mensch, der gerade seinen 200. Geburtstag feiert oder jemand, der kurz vor dem Nobelpreis steht. Einige Online-Menschen fragen mich noch schnell nach meiner Adresse und/oder Telefonnummer. Ich bin gespannt, wer sich tatsächlich melden wird.

Ich habe vorhin im Dorfsupermarkt den Flyer vom neuen Friseur mitgenommen, damit ich die Telefonnummer habe. Das letzte Telefonbuch habe ich vor etwa 10 Jahren besessen und schon damals nicht benutzt.

Mittlerweile ist es 22:00 Uhr und ich bin offline. Um 19:56h habe ich noch schnell bei Amazon eine Buchbestellung getätigt und im Turbomodus ein letztes Mal Mails, Foren und alle Social Media-Accounts gecheckt. Die Tagesschau um 20:00 Uhr habe ich verpasst und dann festgestellt, dass das heute journal um 21:45h und nicht um 21:00 Uhr kommt. Ich brauche eine Fernsehzeitschrift.

Tag 2

Was für eine Schnapsidee! Heute morgen um sechs saß ich beim ersten Kaffee in der Küche und habe mich gefragt, warum ich sowas Bescheuertes tue. Und warum ich, wenn ich das schon tue, es auch noch so groß verkünden muss. Ohne Nachrichten, da kann ich direkt von der Gaszentralheizung auf ein schönes Lagerfeuer mitten im Wohnzimmer umsteigen.

Die 07 Uhr-Nachrichten im Radio werden von den Kindern vollständig übertönt. Ich versuche es um 08:00 Uhr noch einmal. Überhaupt, in diesem Haushalt befinden sich viel zu wenig Uhren, irgendwie weiß ich nie, wie spät es ist. Meine Armbanduhr habe ich verlegt und finde mich heute insgesamt sehr, sehr blöd.

Auf dem Weg ins Büro höre ich Radio, so gut man mit einer abgeknickten Autoantenne Radio hören kann. Irgendein sehr knackender und rauschender Sender überträgt eine Frauenstimme, die aus einem Buch vorliest. Ich höre ihr 20 Minuten lang verzückt zu und hoffe inständig, dass irgendwer am Ende sagen wird, was da von wem vorgelesen wurde. Ich habe Glück und notiere mir auf dem Büroparkplatz angekommen sofort den Namen der Autorin und den Teil des Buchtitels, den ich verstehen konnte. Normalerweise häte ich das schnell gegoogelt und dann das Buch online bestellt. Stattdessen werde ich in den nächsten Tagen ins Städtchen fahren und dort die Buchhandlung am Marktplatz aufsuchen.

Im Büro weiß niemand von meiner Internetfasterei. Beruflich kann ich nicht auf Mails und Internet verzichten, finde das aber auch nicht relevant für mein Experiment, weil ich mich ausschließlich mit Dingen beschäftige, die nichts mit mir persönlich zu tun haben und die über weite Strecken nicht gerade faszinierend sind. Nur mein Chef weiß Bescheid und fragt freundlich, ob ich schon ein Telex installiert habe. Witzig!

Habe mir heute bereits zahlreiche Threema-Nachrichten an D. verkniffen und werde ihn vermutlich zu Boden reden, sobald er nach Hause kommt. Nachrichtentechnisch bin ich schon jetzt vollkommen raus. Vielleicht hat Putin sich mittlerweile dazu entschieden, in Polen einzumarschieren oder Obama hat den Kreml bombardiert, keine Ahnung. Irgendwer wird mich schon anrufen, falls es wirklich wichtig ist. Für Kinderlose: Menschen mit kleinen Kindern können nicht mal eben so Nachrichten im Radio höen, zwei Dreijährige übertönen notfalls auch einen Düsenjäger. Und der Fernseher wird in Anwesenheit der Kinder nur für die Sendung mit der Maus benutzt.

Ich will’s nur mal wissen

18. März 2014

Ich stamme ja aus einer Generation, die noch gänzlich ohne Internet groß geworden ist. Meine Eltern weigerten sich sogar standhaft, einen Kabelanschluss oder eine Satellitenschüssel in Erwägung zu ziehen, so dass Pausenhof und Telefon unerlässliche Kommunikationswege für mich waren. MTV gab es damals bei einem einzigen Klassenkameraden, der auf der Beliebtheitsskala daraufhin kometenhaft nach oben schoss.

Mittlerweile bin ich von zu Hause ausgezogen und seit vielen Jahren im Internet daheim. Ende der 90iger Jahre verschuldete ich mich noch mit astronomisch hohen Telefonrechnungen, bevor endlich die ersten Flatrates auf den Markt kamen. Damals habe ich fleißig gechattet, ebay machte noch richtig Spaß, Amazon begann damit, sich mehr und mehr auszubreiten und ich tummelte mich in diversen Foren.

15 Jahre später habe ich einen Twitter-Account, ein Blog, bin bei Facebook, Instagram, in diversen Foren, kaufe sehr viele Dinge online, lese Nachrichten fast ausschließlich am PC oder auf dem Smartphone und maile vor mich hin. Threema spült mir regelmäßig Nachrichten und Fotos meiner Freunde auf das Smartphone und manchmal ruft mich sogar mal jemand auf meiner Mobilfunknummer an. Das Festnetztelefon existiert eigentlich nur für zwei Familienmitglieder und wird ansonsten fast nie benutzt.

Wenn es morgens noch ruhig im Haus ist, trinke ich eine Tasse Kaffee und mache meine erste virtuelle Runde durch mein selbst zusammengestelltes Viertel. Wenn auf der Welt etwas unheimlich Wichtiges geschieht, bekomme ich eine Popup-Meldung. Wenn wichtige Menschen mir eine Mail senden, ertönt ein bestimmtes Signal. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, lese ich meine Timeline nach oder gucke mir Youtube-Videos an, ich lese Nachrichten, gucke eine Reportage, vielleicht chatte ich auch mit einer anderen armen Seele, die ebenfalls nicht schlafen kann.

Und nun will ich mal wissen, wie es ohne ist. Das ist nicht besonders originell, weil das schon viele andere Menschen vor mir getan haben, es gibt dazu auch schon schlaue Texte und Bücher, aber das ist mir egal. Ich will selber und am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn ich mich zurück in die angebliche kommunikative Steinzeit begebe. Ich will wissen, ob ich darbe und vielleicht sogar schummele. Besondere Erwartungen an das Experiment habe ich keine. Vielleicht wird es ganz entspannt und erholsam, vielleicht finde ich es aber auch total bescheuert.

Ich klinke mich also für einen befristeten Zeitraum mal komplett aus. Ab heute, Punkt 20:00 Uhr gehe ich bis einschließlich 20. April 2014 offline. Ich werde keine Mails lesen, keine PNs, DMs, Chatnachrichten, Timelines, Chroniken, Nachrichten, Fotos, Forumsbeiträge. Nichts. Ich werde die mir wichtigen Menschen informieren, dass ich in diesem Zeitraum nur telefonisch, persönlich oder postalisch zu erreichen bin.

Wir lesen uns dann ab dem 21. April 2014 wieder.

Schwachköpfe

16. März 2014

Dieser Text gärt schon seit Wochen in mir, und es könnte sein, dass das der Sachlichkeit nicht gerade dienlich sein wird. Auch will mir dieses Mal so gar keine passende Anrede einfallen, um in launiger Briefform ein paar deutliche Worte zu verlieren. Es geht um Schwachköpfe. Um besonders schwachbegabte Schwachköpfe, um genau zu sein. Noch konkreter: es geht um besonders schwachbegabte Schwachköpfe, die am Steuer ihres Fahrzeuges sitzen und während der Fahrt ihr Mobiltelefon benutzen. Ihr seid gemeingefährliche Irre!

Wenn ihr in Schlangenlinien auf der Autobahn unterwegs seid, um auf eurem Mobiltelefon herumzutippen, möchte ich euch furchtbar gerne von der Fahrbahn rammen, an den Ohren aus dem Auto zerren und euch kopfüber in den nächsten Graben tunken. Vorher wüsste ich aber noch gerne, was es da so Wichtiges zu tippen gab. War es ein “Bitte bring Milch mit” oder eher ein “Ich bin noch unterwegs”? Vielleicht hat die Freundin auch gerade ein nettes Foto geschickt? Oder ihr musstet nur mal schnell Facebook oder eure Timeline bei Twitter checken?

Wenn ihr vor mir mit Tempo 20 telefonierend über die Straße schleicht, möchte ich euch gerne etwas vor die Motorhaube werfen, um zu testen, ob ihr überhaupt noch etwas von dem wahrnehmt, was um euch herum passiert. Natürlich habt ihr nur eine Hand am Steuer und bestimmt seid ihr felsenfest davon überzeugt, dass ihr alles bestens im Griff habt. Einen Scheiß habt ihr! Hinter euch staut sich zunehmend der Verkehr, und man kann nur hoffen, dass vor euch nicht plötzlich ein Kind oder ein Hund auf die Straße rennen.

Ihr seid verantwortungslose Idioten, denen man allesamt das Telefon in den Arsch und den Kopf in die nächste Mülltonne stecken sollte. Dass euch nichts passiert, ist eine Kombination aus Glück und Umsichtigkeit der anderen Verkehrsteilnehmer. Und ich will gar nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer der Unfälle ist, die durch die Benutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt verursacht werden.

Sucht euch doch bitte irgendwo einen abgelegenen Betonpfeiler, gegen den ihr dann fahren könnt. Gerne auch mehrfach. Und bevor euch dann die Lichter ausgehen, zieht vor eurem inneren Auge hoffentlich jede sinnlose SMS und jeder schwachmatische Facebook-Post vorbei, den ihr unbedingt während der Fahrt lesen musstet.

Sollte ich jemals in der Nähe sein, wenn einer von euch in einen Unfall verwickelt ist, verspreche ich euch, dass ich euch windelweich schlage.

Ihr seid total bescheuerte Arschlöcher!

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